miniatur|Russische Gebietsansprüche (gelb) und tatsächlich kontrollierte Gebiete (rot schraffiert) Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine wurde die südukrainische Stadt Cherson Anfang März 2022 von den russischen Streitkräften beinahe kampflos eingenommen; fortan stand Cherson unter russischer Besatzung. Angesichts einer ukrainischen Gegenoffensive ab Sommer 2022 zogen sich die Russen Anfang November aus der Gegend um Cherson zurück, zerstörten dabei einen Großteil der kritischen Infrastruktur. Am 11. November wurde die Stadt durch ukrainische Truppen unter Jubel der Bevölkerung befreit. In den folgenden Tagen kamen Anzeichen russischer Menschenrechtsverbrechen zum Vorschein. miniatur|Von den Russen verwendete Flagge des jetzigen “Oblasts Cherson” miniatur|Von den Russen verwendetes Wappen des jetzigen “Oblasts Cherson”

Chronik Einnahme von Cherson In den ersten Tagen des russischen Überfalls auf die Ukraine 2022 war das Umland der Stadt, hier insbesondere die Antoniwkabrücke über den Dnipro, Schauplatz schwerer Gefechte zwischen ukrainischen Verteidigern und russischen Truppen, die von der Krim aus nach Norden vorstießen. Die Ukraine berichtete am 27. Februar, Russland habe Teile der Stadt eingenommen. Die Nowaja gaseta berichtete am 28. Februar, der Bürgermeister habe die Bevölkerung vor einer möglichen „Evakuierung“ gewarnt, die von russischen Soldaten in ukrainischen Uniformen vorgenommen werden könne und die nicht befolgt werden solle., Nowaja gaseta, 28. Februar 2022 Am Morgen des 2. März meldete das russische Militär, die Stadt Cherson vollständig unter Kontrolle gebracht zu haben. Wenig später wurde dies von den örtlichen Behörden bestätigt. Offensichtlich hatte es keine Armeeeinheiten in der Stadt gegeben und war die Stadt selber außer von wenigen Freiwilligen überhaupt nicht verteidigt worden.

Das schnelle Vorrücken der russischen Truppen im Süden der Ukraine gelang nach Angaben des Historikers, Militärexperten und österreichischen Offiziers Markus Reisner hingegen aufgrund von Verrat bzw. weil den russischen Streitkräften die Brücken über die Landenge von Perekop (nördlich der Krim) und die zur Stadt Cherson führenden Brücken über den Dnepr „übergeben worden sind“.

Verweigerung der Zusammenarbeit mit den Besatzern mini|Russische Besatzung der Oblast Cherson in ihrer maximalen Ausdehnung im März 2022 Von Beginn an wurde von Russland die Verteilung humanitärer Hilfe vor laufenden Kameras inszeniert.Кажется, Россия пытается взять под контроль власть в оккупированных городах Украины. Несколько тревожных новостей 17-го дня войны Meduza, 12. März 2022 (russisch). Trotzdem gingen unbewaffnete Ukrainer stattdessen auf die Straßen, um gegen die Besatzer zu demonstrieren, wie sich auch die mangelnde Bereitschaft lokaler Behörden zeigte, mit den Besatzern zu kooperieren. Die Demonstrationen fanden während mindestens zweier Wochen praktisch täglich statt. Am 6. März 2022 verlieh der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj Cherson den Titel „Heldenstadt“. Am 12. März wurde gemeldet, dass es in mehreren Städten in dem von Russland besetzten Territoriums Versuche gegeben habe, „prorussische“ Aktionen zu organisieren. In Cherson veröffentlichten Mitglieder des Regionalrats einen Appell und eine Erklärung, dass die Region Cherson ein integraler Bestandteil der Ukraine sei. Andere Szenarien wie angebliche Referenden würden weder von den Einwohnern der Region noch von den Abgeordneten des Regionalrats oder von den rechtmäßig gewählten Mitgliedern der lokalen Regierung unterstützt. (Appell der Abgeordneten des Regionalrats von Cherson), 12. März 2022 Bei den Okkupationstruppen wurden die russischen Streitkräfte in der Stadt rasch durch die direkt Wladimir Putin unterstellte Nationalgarde, eine Einheit für Spezialaufgaben und Repression, ersetzt.In Cherson zeigt sich die Brutalität des Regimes, Tages-Anzeiger, 15. März 2022, S. 1 Die Armee bildete stattdessen einen Blockadering um die Stadt. Die Nationalgarde, darunter ehemalige Berkut-Beamte,Wie Cherson von der Ukraine abgespalten werden soll, Tages-Anzeiger, 15. März 2022, S. 4. fahndeten nach Personen, die in der Armee waren, oder nach in sozialen Netzwerken aktiven Personen., Nowaja gaseta, 26. März 2022.

Als Bewohner der Stadt am 21. März gegen die Besatzer demonstrierten, eröffneten diese auf mindestens einen Zivilisten das Feuer.

Ein lokaler Journalist hatte erzählt, dass bei der Einnahme der Stadt Lebensmittelläden bombardiert worden seien und die Russen einfach warten würden, bis die Ukrainer in der blockierten Stadt so hungrig seien, dass sie russische Hilfe annähmen, was dann propagandistisch ausgeschlachtet würde.

Schon vor dem 9. März sei eine Person bei einer Auflösung einer Demonstration ums Leben gekommen, während es für chronisch Kranke unmöglich gewesen sei, Medikamente zu bekommen. Wie in den andern besetzten Orten in der Ukraine wurden Geschäfte von den Besatzern geplündert, sogar die Störe im Teich eines Fischereiladens seien erschossen worden.

Jurij Kerpatenko, Chefdirigent von zwei Orchestern in Cherson, verweigerte den russischen Besatzern die Kooperation für ein Propagandakonzert, das für den 1. Oktober geplant wurde. Am 12. Oktober wurde bekannt, dass der Familienvater Kerpatenko im September oder Oktober in seinem Haus von russischen Soldaten erschossen worden war.

Verwaltung und Druckausübung auf die Bevölkerung Am 25. April lösten die Besatzer die Regionalverwaltung auf; anstelle des gewählten Bürgermeisters Ihor Kolychajew wurde von Russland ein neuer „Verwaltungsleiter“ eingesetzt, Wolodymyr Saldo. Sein Stellvertreter Kyrylo Stremoussow hatte sich als Corona-Verschwörungstheoretiker einen Namen gemacht. Die Militärverwaltung erklärte, im Mai den Rubel als Zahlungsmittel einzuführen. Da gesetzte russische Flaggen sofort entfernt wurden, mussten sie bewacht werden. Der Bürgermeister Ihor Kolychajew wurde Ende Juni verhaftet, nachdem er sich laut eigenen Angaben bis dahin für das Leben in der Stadt eingesetzt hatte, ohne zu kollaborieren; die Besatzer diktierten nächtliche Ausgangssperren, auch dass Autos und Lastwagen nur Medikamente und Lebensmittel transportieren durften, dafür konnte der öffentliche Verkehr wieder fahren. „Das waren keine Verhandlungen“, so verwahrt sich der Bürgermeister erstmals gegen „Gerüchte“ über eine Kollaboration. Von der verhassten Politik halte er sich fern. „Mich interessiert nur die Lebensfähigkeit unserer Stadt.“ Mitte März hatte er auch das Regionalparlament unterstützt und eine Brandrede gegen ein Referendum gehalten. Seine Verhaftung erfolgte unter der Beschuldigung, zum „Glauben an eine Rückkehr des Nazismus ermutigt“ zu haben.

Nahrungsmittel gab es nur gegen Vorlage eines Passes; wie schon seit März befürchtet, könnten die russischen Besatzer diese Passdaten für eine gefälschte und inszenierte Abstimmung verwenden.Вражеский тлен, Nowajagaseta.eu, 29. April 2022 In Cherson werde es kein Referendum geben, für einen Anschluss an Russland reiche ein Erlass Putins, so der stellvertretende Chef der Militärverwaltung.Крым Херсону не указ, Kommersant, 11. Mai 2022 (russisch) Für eine inszenierte Siegesfeier am 9. Mai wurden Figuranten von der Krim nach Cherson gebracht.Russland feierte den Tag des Sieges in den besetzten ukrainischen Städten., Meduza, 9. Mai 2022 Anstelle stillen Gedenkens wie in den Jahren zuvor sei eine Feier inszeniert worden, wie es sie in Cherson noch nie gegeben habe.

Auf den Schulbeginn hin wurden Geldzahlungen für die Einschreibung an den nun russischen Schulen versprochen. Am 26. August hatte der Sprecher des ukrainischen Außenministeriums an die UNESCO appelliert, nachdem bekannt geworden war, dass Eltern gedroht worden war, ihnen ihre Kinder wegzunehmen, sollten sie diese nicht in die russischen Schulen bringen. Es hat laut der ukrainischen Lokalbehörde auch Fälle von Androhung von Geldstrafen oder der Beschlagnahme von Eigentum gegeben. Bewaffnete Soldaten würden die Sicherheit der Bildung in denjenigen Schulen sicherstellen, welche geöffnet wurden, während den Eltern, wie es in Russland, aber nicht in der Ukraine, üblich sei, das Betreten der Schule verboten würde.Парта боевых действий, Nowaja Gaseta. Europa, 31. August 2022

Ein Mann erklärte, das Haus 200 Tage nicht verlassen zu haben, um den Russen nicht zu begegnen.

Russisches Scheinreferendum Schon bis Ende April hatten die Besatzer mehrfach versucht, ein „Referendum“ zu inszenieren. Stattdessen kamen Menschen mit ukrainischen Fahnen. Die Besatzer versuchten, die besonders aktiven Demonstranten zu identifizieren, und auch aus diesem Grund waren es nach zwei Monaten immer weniger Menschen. Aber ein Referendum könne auch deshalb nur gefälscht werden, weil es in der Stadt bis Ende April kein einziges Plakat dafür gab. Später im Sommer war lange Zeit die Rede davon, dass Russland das Referendum am 11. September inszenieren würde, dem Datum der Wahlen in Russland, aber nach Mitte August schien wahrscheinlich, dass dies nicht zustande käme.„Die Leute werden verstehen, dass etwas nicht funktioniert“. Meduza, 18. August 2022 Seit Juli wurde auf den Werbetafeln der Stadt Propaganda betrieben, unter anderem seit Mitte Juli mit Bildern von Kindern, welche in Kiew aufgenommen worden waren und von der Propaganda missbraucht wurden.Eine ukrainische Frau fand ihr Foto mit Kindern in bestickten Hemden auf einer Plakatwand zur Unterstützung der Annexion von Cherson

Am 29. September 2022 unterzeichnete der russische Präsident Wladimir Putin ein Dekret, welches die russisch besetzten Gebiete Cherson, zu welchem auch die Stadt gehört, und Saporischschja als unabhängig erklärt. Nach diesem Zwischenschritt wurden die Gebiete, gemeinsam mit der Volksrepublik Lugansk und der Volksrepublik Donezk, am 30. September 2022 annektiert. Die russische Annexion der Süd- und Ostukraine wurde international nicht anerkannt.

Nach der Befreiung Chersons durch die ukrainischen Truppen wurde die von Russland behauptete angebliche Unterstützung für eine Annexion von den Menschen als Lügen gestraft, es herrsche vielmehr Erleichterung nach Monaten des Terrors.

Auswirkungen auf die Bevölkerung und Evakuierungen durch Russland Unter der Besatzung verließen bis Mai 2022 etwa die Hälfte der Bevölkerung die Stadt und ein Fünftel die ländliche Region. Die Verwaltung der Okkupanten erklärte, sie nehme „Firmen mit ungeklärten Besitzverhältnissen „temporär““ unter ihre Kontrolle. Anwohner berichteten von Massenentführungen, Folter, Raubüberfällen und Vergewaltigungen.„Auf Kamaz-Lastwagen wird Eigentum abtransportiert, sogar Mädchen im Alter von 11 Jahren werden vergewaltigt.“ Aussagen der Bewohner des besetzten Cherson, The Insider, 12. Mai 2022 Anfang Juli war von 600 Menschen die Rede, die in der Region in Gefängnisse geworfen und gefoltert wurden. Im Umland beschlagnahmten die Besatzer Farmen, verkauften das Getreide und zwangen die Arbeiter, für sie zu arbeiten, dazu kamen Geiselnahmen zur Erpressung von Lösegeld.Империя злака, Nowayagazeta.eu, 15. Mai 2022 Trotzdem wurden die ukrainischen Flaggen im Juni nicht weniger und es erschienen immer noch neue Inschriften und Graffiti in der Stadt, sowohl im Juni als auch im Juli. Auch Flugblätter gegen Okkupation und Kollaboration wurden im Juli immer noch gedruckt und in der Stadt angebracht, dies trotz der Gefahr, die im von Russland etablierten willkürlichen Gewalt- und Angstregime für eine Person ausging, die mit Flugblättern oder nur schon mit Leim erwischt würde. Als Grund für eine nochmals verschärfte „Bestrafung“ hatte auch nur schon das Tragen von Unterwäsche mit Simpsons-Abbildungen ausgereicht; ein Träger solcher Unterwäsche, so der Verdacht, sei ein „amerikanischer Agent“. Ab 20. Oktober galt russisches Kriegsrecht.