Polygenismus ist eine Theorie über den Ursprung der Menschheit, der zufolge verschiedene menschliche Rassen verschiedene, voneinander unabhängige Ursprünge haben. Diese Sichtweise ist dem Monogenismus entgegengesetzt, der einen einzigen Ursprung der Menschheit postuliert. Moderne wissenschaftliche Sichtweisen bevorzugen ein monogenisches Modell. Polygenismus wurde früher benutzt, um rassische Ungleichheit zu rechtfertigen.

In der Anthropologie wurde lange Zeit ein multiregionaler Ursprung des modernen Menschen favorisiert, der dem historischen Polygenismus teilweise entsprochen hat, auch wenn dieser Begriff selbst dafür nicht oft verwendet wurde. Dies gilt heute durch Varianten der Out-of-Africa-Theorie inhaltlich als überholt, auch wenn über die verschiedenen zeitlichen Wellen der Migration aus Afrika heraus, verschiedene Rückmigrationen einzelner Populationen und den genetischen Beitrag von Frühmenschen früherer Migrationswellen nach wie vor debattiert wird.Huw S. Groucutt, Michael D. Petraglia, Geoff Bailey, Eleanor M.L. Scerri, Ash Parton, Laine Clark-Balzan, Richard P. Jennings, Laura Lewis, James Blinkhorn, Nick A. Drake, Paul S. Breeze, Robyn H. Inglis, Maud H. Devès, Matthew Meredith-Williams, Nicole Boivin, Mark G. Thomas, Aylwyn Scallyg (2015): Rethinking the dispersal of Homo sapiens out of Africa. Evolutionary Anthropology 24(4): 149–164. doi:10.1002/evan.21455Eleanor M. L. Scerri, Lounès Chikhi, Mark G. Thomas (2019): Beyond multiregional and simple out-of-Africa models of human evolution. Nature Ecology and Evolution 3: 1370–1372. doi:10.1038/s41559-019-0992-1Ryan J. Rabett (2018): The success of failed Homo sapiens dispersals out of Africa and into Asia. Nature Ecology and Evolution 2: 212–219. doi:10.1038/s41559-017-0436-8

Ursprünge

In vielen Mündlichen Überlieferungstraditionen spielt Polygenese in den Schöpfungsgeschichten eine Rolle. In der Mythologie des Pygmäen-Volks der Bambuti im Kongo wird erzählt, dass der Hauptgott, Khonvoum, drei Rassen von Menschen aus drei Arten von Tonerde erschaffen habe: eine schwarze Rasse aus schwarzer, eine weiße Rasse aus weißer und die Bambuti selbst aus roter.Douglas Thomas: Khonvoum in: Douglas Thomas and Temilola Alanamu (editors): African Religions. Beliefs and Practices through History. ABC-Clio, Santa Barbara/Denver 2019. ISBN 978-1-61069-751-4. In einigen Kulturen hat Polygenismus in der Erschaffungserzählung eine ätiologische Funktion. Diese Erzählungen bieten eine Erklärung dafür, warum andere Menschengruppen existieren, die nicht mit dem Stamm verbunden sind. Außerdem wird unterschieden zwischen der Erschaffung fremder Menschengruppen und der derjenigen ethnischen Gruppe, zu der der Schöpfungsmythos gehört, was dazu dient, die Einheit von Stamm oder Ethnie zu stärken.

Ein Beispiel findet sich im Schöpfungsmythos der Asmat, eines Stammes von Jägern und Sammlern, der an der Südwestküste Neuguineas ansässig ist. Der Schöpfungsmythos behauptet, dass die Asmat entstanden als eine Gottheit hölzerne Statuen in einem zeremoniellen Haus schnitzte und begann eine Trommel zu schlagen. Aus den Statuen wurden lebendige Menschen, die zu tanzen begannen. Einige Zeit später versuchte ein großes Krokodil das zeremonielle Haus anzugreifen, das jedoch von der Gottheit besiegt wurde. Das Krokodil wurde in einige Stücke geschnitten, welche in verschiedene Richtungen geworfen wurden. Jedes dieser Stücke wurde zu einem der fremden Stämmen, die den Asmat bekannt sind.

In der frühen klassischen und mittelalterlichen Geografie trat das Konzept des Polygenismus zutage, indem die Möglichkeit vorgeschlagen wurde, dass es womöglich Bewohner der Antipoden geben könnte (Antichthones). Diese Bewohner wurden aufgrund der geografischen Extreme verschiedenen Ursprünge zugedacht

Die Religion der Ainu behauptet, dass die Vorfahren der Ainu die Erde aus dem Himmel, aber getrennt von anderen Rassen erreichten.

Traditioneller Theologischer Monogenismus

Traditionell nahmen die meisten Juden, Christen und Muslime einen Monogenismus in der Form an, dass alle modernen Menschen schließlich von einem einzelnen Paar abstammten, das Adam und Eva genannt wird. In diesem Kontext beschreibt Polygenismus eine alternative Erklärung für den Ursprung der Menschheit, die mehr als zwei „erste Menschen“ umfasst. Begründet wurde das mit der großen Verschiedenheit der Völker und Rassen untereinander, den ungeheuren zu überwindenden Entfernungen, die Wanderungen unplausibel machen würden, und der Existenz angeblich tiefer stehender Menschen, die man mit Recht zu Sklaven machen könne. Der Polygenismus wurde aber jahrhundertelang von allen christlichen Konfessionen als Häresie verdammt.Kevin Burrell (2021): Slavery, the Hebrew Bible and the Development of Racial Theories in the Nineteenth Century. Religions 12: 742. doi:10.3390/rel12090742 Nach der Lehre der katholischen Kirche bis heute geht die menschliche Erbsünde direkt auf Adam zurück, wodurch der Monogenismus immer offizielle kirchliche Doktrin blieb. Für Papst Pius XII. war, in seiner Enzyklika Humani generis, bereits die Lehre, dass es nicht ein einzelnes erstes Menschenpaar, sondern schon am Anfang eine größere Gruppe von Menschen gegeben habe, eine Spielart des Polygenismus, die er verurteilte.James R. Hofmann (2020): Catholicism and Evolution: Polygenism and Original Sin. Sciencia et Fides 8 (2): 95-138. Auch die Mehrzahl der meist fundamental-protestantischen amerikanischen Kreationisten wie etwa George McCready Price lehnten, aus denselben Gründen, den Polygenismus ab.

Der Polygenismus argumentierte im Ursprung mit alternativen Auslegungen der Bibel. Später entwickelte sich vor allem in den USA auch eine einflussreiche polygenistische wissenschaftliche Schule der Anthropologie, bei der es aber von Anfang an im Kern nicht um reine Wissenschaft, sondern um die Rechtfertigung der Sklaverei von Schwarzen gingDavid N. Livingstone: Adam’s Ancestors: Race, Religion, and the Politics of Human Origins. Johns Hopkins University Press, Baltimore 2008. ISBN 978-0-8018-8813-7 (andere Apologeten der Sklaverei, die Monogenisten blieben, erklärten den Ursprung der zu versklavenden Schwarzen alternativ als eine Form der Degeneration aus ursprünglich weißen Vorfahren). Mit dem Aufkommen der Darwin’schen Evolutionstheorie verlor der Polygenismus als wissenschaftliche Theorie an Glaubwürdigkeit und wurde in der Form des 19. Jahrhunderts später kaum noch vertreten. Anhänger späterer Theorien einer multizentrischen Entstehung der modernen Menschen bezeichneten sich nicht mehr als Polygenisten und standen nicht in dessen Tradition.

Mit der Entwicklung des Evolutionsparagdigmas der Ursprünge des Menschen entspricht es der wissenschaftlichen Auffassung, dass zu keinem Zeitpunkt ein einziger „erster Mann“ und eine einzige „erste Frau“ existierten, welche die ersten Menschen waren und auf die alle Erblinien des modernen Menschen zurückgeführt werden könnten. Angenommen wird aber meist eine relativ kleine Population, von der alle modernen Menschen abstammen, die genetisch durch einen konstanten Genfluss nahezu homogen blieb. Deshalb kann diese Erklärung der menschlichen Ursprünge auch als Monogenismus klassifiziert werden. Alle modernen Menschen teilen denselben Ursprung aus einer einzigen Ahnenpopulation.

Wissenschaftlicher Polygenismus Wissenschaftlicher Polygenismus ist ein Satz von Hypothesen, die aus dem Einsatz der wissenschaftlichen Methode resultieren, um zu versuchen, die Unterschiede zwischen Eigenschaften der Menschen in verschiedenen Regionen zu erklären. Im Verlauf vieler Jahrhunderte wurden polygenistische Hypothesen zugunsten akkuraterer wissenschaftlicher Theorien verworfen.

Im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert begannen viele Staaten aufgrund kolonialer Expansion, Entdeckung, Überseeerkundung und Ausdehnung von Handelswegen. Aufgrund der Begegnung mit verschiedenen Ethnien konnten viele Leute aufgrund der extremen ethnischen Unterschiede nicht glauben, dass sie dieselben Ahnen haben konnten wie andere Ethnien. Viele Entdecker und Wissenschaftler besuchten andere Staaten, um verschiedene Ethnien zu beobachten und studieren und ihre Ergebnisse niederzuschreiben. Später kehrten sie in ihre eigenen Staaten zurück, um Bücher und Journale über ihre Ergebnisse zu veröffentlichen und zu behaupten, die Beweise unterstützten Polygenismus.

18. Jahrhundert Zu den Polygenisten des 18. Jahrhunderts gehörte Voltaire. Voltaire schrieb in seinem 1734 erschienenen Buch Traité de métaphysique, dass „Weiße ... Neger ... die gelben Rassen … sind nicht Abkömmlinge desselben Mannes“. Voltaire brachte das Thema in seinem Essay über die Art und den Geist von Nationen und die hauptsächlichen Vorkommnisse in der Geschichte im Jahre 1756 auf, welches ein frühes Werk vergleichender Geschichte war. Er glaubt, jede Rasse hätte getrennte Ursprünge, weil sie so rassisch divers seien. Voltaire fand biblischen Monogenismus lachhaft, wie er sich ausdrückte: Es ist eine ernste Frage unter ihnen, ob die Afrikaner Nachkommen von Affen sind oder ob die Affen von ihnen abstammen. Unsere weisen Männer haben gesagt, dass der Menschen als das Ebenbild Gottes erschaffen wurde. Nun ist hier ein entzückendes Bild des Göttlichen Erschaffers: eine flache und schwarze Nase mit wenig bis fast überhaupt keiner Intelligenz. Eine Zeit wird zweifellos kommen, in der diese Tiere wissen werden, wie man Land gut kultiviert, wie sie ihre Häuser und Gärten verschönern können und sie die Pfade der Sterne können werden: Man braucht für alles Zeit Als er Kaukasier mit den mit dunklerer Haut verglich, behauptete Voltaire, dass sie verschiedene Spezies seien:Die Negerrasse ist eine Spezies von Menschen unterschieden von unserer, wie die Zucht von Spaniels die von Windhunden ist. Die Schleimhaut oder das Netzwerk, welches die Natur zwischen den Muskeln und der Haut ausbreitete, ist weiß in uns und schwarz oder kupferfarben in ihnen.Historiker schlugen vor, dass Voltaires Unterstützung für den Polygenismus geformt wurden durch seine finanziellen Vermögensanlagen in französischen Kolonialunternehmungen, inklusive der Französischen Ostindienkompanie.

Zu den allerfrühesten Vertretern des Polygenismus im 18. Jahrhundert, die ohne biblischen Bezug auf die Präadamiten argumentieren, gehört der britische Schiffsarzt John Atkins (1685–1757). Auf seinen Reisen auf britischen Kriegsschiffen nach Guinea fand er keine natürliche Erklärung, wie aus Ureltern mit weißer Hautfarbe schwarze Nachkommen entstanden sein könnten. Die damals gängige Theorie, es handele sich um direkte Wirkung der Sonnenstrahlen, schloss er aus, da Weiße, egal wie lange sie dort lebten, keine schwarze Hautfarbe entwickelten. Da er auch keine andere Erklärung fand, schloss er, Weiße und Schwarze müssten von unterschiedlichen Ureltern abstammen, nicht von denselben. Diese in seinem Handbuch The Navy-Surgeon entwickelte Hypothese griff er auch in seinem Reisebericht A voyage to Guinea, Brasil, and the West-Indies nochmals auf.Norris Saakwa-Mante: Western medicine and racial constitutions. Surgeon John Atkins’ theory of polygenism and sleepy distemper in the 1730s. In: Waltraud Ernst and Bernard Harris (editors): Race, Science and Medicine, 1700–1960. Routledge, London and New York 1999. ISBN 0-415-18152-6.

Charles White war ein Befürworter des Ko-Adamismus. Whites Account of the Regular Gradation in Man aus dem Jahre 1799 bot eine empirische Wissenschaft für den Polygenismus. White verteidigte die Theorie des Polygenismus durch Widerlegung von Georges-Louis Leclerc, Comte de Buffons, französischer Naturforscher, Unfruchtbarkeitsargument, der Theorie, dass nur innerhalb derselben Spezies gekreuzt werden kann – indem sie auf besondere Hybride hinwiesen, wie Füchse, Wölfe und Schakale, die getrennte Gruppen waren, die sich dennoch gekreuzt werden konnten.