mini|alt=Gegenüberstellung von Canning und Castlereagh, die Gemälde sind unten beschrieben|Canning und Castlereagh Das Duell Castlereagh–Canning war ein mit Pistolen ausgetragenes Duell zwischen dem britischen Kriegsminister Viscount Castlereagh und Außenminister George Canning, das am 21. September 1809 bei Putney Heath stattfand. Gründe für das Duell waren die Rivalität beider Politiker und zahlreiche Unstimmigkeiten zwischen beiden über die Führung des Kriegs gegen das napoleonische Frankreich in den Jahren 1808 und 1809. Diese unterschiedlichen Meinungen führten im Frühjahr 1809 zu Cannings Forderung nach einer Neubesetzung im Kriegsministerium, verbunden mit einer Androhung seines eigenen Rücktritts. Premierminister Portland wollte weder Canning noch Castlereagh verlieren und zögerte eine Entscheidung lange hinaus; stattdessen wurde die Angelegenheit mit König Georg III. und anderen Kabinettsmitgliedern hinter dem Rücken Castlereaghs besprochen. Castlereagh, der von den Vorgängen lange ahnungslos blieb, erfuhr erst im Spätsommer 1809 von den Diskussionen und forderte einige Tage später Canning zum Duell.
Das Duell, bei dem Canning von Castlereagh am Bein verwundet wurde, führte zum endgültigen Kollaps der Regierung Portland und zum Aufstieg Spencer Percevals zum neuen Premierminister, während Castlereagh und Canning mehrere Jahre außerhalb jeder Regierungsverantwortung auf den Hinterbänken verbrachten.
Castlereaghs und Cannings Herkunft und Aufstieg mini|hochkant|alt=Das Bild zeigt William Pitt den Jüngeren zentral stehend. Hinter ihm ist ein Vorhang drapiert vor einer Wand. Pitt trägt einen schwarzen Anzug, seine rechte Hand ruht auf einem Stuhl, sein Gesicht ist im Vergleich zu früheren Porträts bereits deutlich gealtert|Politischer Förderer beider Duellanten: William Pitt der Jüngere (nach 1806)
Während Castlereagh einer adeligen Familie mit irisch-schottischen Wurzeln entstammte,John Bew: Castlereagh. A Life. Oxford University Press, Oxford 2012, S. 6. war George Canning der Sohn eines enterbten irischen Grundbesitzers und einer Schauspielerin. Seine ersten Lebensjahre hatte er in Armut verbracht, bevor er dank der Großzügigkeit eines Verwandten eine privilegierte Ausbildung in Eton und Oxford durchlief, wo er intellektuell brillierte und kraft seiner als herausragend bezeichneten Talente schnell als vielversprechender Politiker galt.Giles Hunt: The Duel: Castlereagh, Canning and Deadly Cabinet Rivalry. I.B. Tauris, London 2008, S. 18 f.Theo Barclay: George Canning. In: Iain Dale (Hrsg.): The Prime Ministers: Three Hundred Years of Political Leadership. Hodder & Stoughton, London 2022, S. 135. Ein gefeierter, scharfzüngiger Redner und unverhohlen ambitioniert, wurde er von seinen privilegierteren politischen Zeitgenossen mit einer Mischung aus Snobismus und Misstrauen aufgrund seiner bescheidenen Herkunft doch als Außenseiter betrachtet.John Campbell: Pistols at Dawn: Two Hundred Years of Political Rivalry from Pitt and Fox to Blair and Brown. Vintage Books, London 2009, S. 59 f. Dagegen wurde Castlereagh als archetypischer Vertreter einer privilegierten Gruppe von Insidern wahrgenommen, dem Rang und Würden ohne Anstrengung zufielen, obwohl er als langweiliger, schlechter Redner angesehen wurde.John Campbell: Pistols at Dawn: Two Hundred Years of Political Rivalry from Pitt and Fox to Blair and Brown. Vintage Books, London 2009, S. 58 f.
Beide begannen ihre politische Karriere als Anhänger der Whigs um Charles James Fox. Unter dem Eindruck der zunehmend blutiger verlaufenden Französischen Revolution wechselten beide ihre politische Orientierung und schlossen sich William Pitt dem Jüngeren an, der ihr politisches Talent schnell erkannte und sie protegierte.John Campbell: Pistols at Dawn: Two Hundred Years of Political Rivalry from Pitt and Fox to Blair and Brown. Vintage Books, London 2009, S. 59. Beinahe gleichaltrig, wurden beide schnell zu Rivalen um Beförderungen und Regierungsposten in Pitts Kabinett. Als dieser 1801 zurücktrat, folgten beide Pitts Beispiel und kehrten auf die Hinterbänke zurück.Giles Hunt: The Duel: Castlereagh, Canning and Deadly Cabinet Rivalry. I.B. Tauris, London 2008, S. 66. Pitt ermutigte viele seiner engeren politischen Weggefährten, der neuen Regierung unter dem neuen (von ihm selbst vorgeschlagenen) Premierminister Henry Addington beizutreten. Castlereagh folgte Pitts Rat und wurde Präsident des Kontrollamtes. Der rhetorisch gewandte Canning blieb dagegen auf den Hinterbänken, verspottete Addington und vertrat mit leidenschaftlichem Eifer Pitts Sache.Giles Hunt: The Duel: Castlereagh, Canning and Deadly Cabinet Rivalry. I.B. Tauris, London 2008, S. 65 ff. Damit verärgerte er Pitt, der Addington nicht nur selbst als Nachfolger vorgeschlagen hatte, sondern ihn als seinen temporären Platzhalter ansah und im Unterhaus auch unterstützte.Giles Hunt: The Duel: Castlereagh, Canning and Deadly Cabinet Rivalry. I.B. Tauris, London 2008, S. 74. Bei Pitts Rückkehr in das Amt des Premierministers im Jahr 1804 behielt Castlereagh sein altes Amt und übernahm zusätzlich die Bürde des Führers des Unterhauses, um den gesundheitlich bereits geschwächten Pitt im Unterhaus zu entlasten. Dazu übernahm er bald noch das Kriegsministerium. Castlereagh, der sich als Kabinettsminister bereits einen Ruf als solider und kompetenter Administrator erworben hatte,Giles Hunt: The Duel: Castlereagh, Canning and Deadly Cabinet Rivalry. I.B. Tauris, London 2008, S. 81. stieg so zum unverzichtbaren Mann in der Regierung auf.John Campbell: Pistols at Dawn: Two Hundred Years of Political Rivalry from Pitt and Fox to Blair and Brown. Vintage Books, London 2009, S. 61. Der ambitionierte Canning musste sich demgegenüber mit einem unbedeutenden Amt außerhalb des Kabinetts abfinden und wurde auch bei nachfolgenden Vakanzen im Kabinett übergangen. Pitt versprach ihm nach einer Aussprache den nächsten offenen Kabinettsposten, starb jedoch im Januar 1806, woraufhin William Grenville und Charles James Fox die sogenannte Regierung aller Talente bildeten.Giles Hunt: The Duel: Castlereagh, Canning and Deadly Cabinet Rivalry. I.B. Tauris, London 2008, S. 80.John Campbell: Pistols at Dawn: Two Hundred Years of Political Rivalry from Pitt and Fox to Blair and Brown. Vintage Books, London 2009, S. 61 ff. Canning und Castlereagh beteiligten sich nicht an der Regierungsbildung; nach einer Übereinkunft mit den anderen jungen „Pittites“ (wie Spencer Perceval) ging die Gruppe gemeinschaftlich in die Opposition.John Bew: Castlereagh. A Life. Oxford University Press, Oxford 2012, S. 217.
Castlereagh und Canning in Portlands Kriegsregierung mini|hochkant|alt=Gemälde des Duke of Portland, der dem Stil der Zeit entsprechend eine gepuderte weiße Perücke sowie einen weinroten Samtanzug und weiße Strümpfe trägt. Er sitzt auf einem geschnitzten, verzierten Stuhl, sein Blick geht nach links, er sieht nachdenklich aus. Vor ihm ein Schreibtisch, auf dem sein linker Arm ruht, in der Hand hat er einige Unterlagen, auf dem Schreibtisch sind ebenfalls zahlreiche Unterlagen verteilt. Dahinter sind auf dem Schreibtisch verteilt auch einige Bücher sowie eine Skulptur. Seine rechte Hand stützt sein Kinn.|Der Duke of Portland im Jahr 1782
Nach dem Fall der kurzlebigen Regierung aller Talente berief König Georg III. im Frühjahr 1807 den betagten Herzog von Portland als neuen Premierminister.Giles Hunt: The Duel: Castlereagh, Canning and Deadly Cabinet Rivalry. I.B. Tauris, London 2008, S. 85 f.
Im neuen Kabinett erhielt Castlereagh sein vormaliges Amt, das Kriegsministerium. Canning wurde nach der Absage des Marquess of Wellesley das Außenministerium zugesprochen. Trotz der substantiellen Beförderung forderte Canning auch den Posten des Führers im Unterhaus ein, den Castlereagh innehatte. Castlereagh war bereit, dieses (als Belastung empfundene) Amt abzugeben, weigerte sich jedoch, es Canning zu überlassen. Als Kompromisslösung fiel die Aufgabe an Spencer Perceval.John Campbell: Pistols at Dawn: Two Hundred Years of Political Rivalry from Pitt and Fox to Blair and Brown. Vintage Books, London 2009, S. 64.
Wie schon in seiner ersten Amtszeit als Premier, als Charles James Fox die bestimmende Figur in der Regierung gewesen war, war Portland erneut eher eine Galionsfigur als der Kopf der Regierung.John Campbell: Pistols at Dawn: Two Hundred Years of Political Rivalry from Pitt and Fox to Blair and Brown. Vintage Books, London 2009, S. 63. In der Praxis erwies sich Portland als führungsschwach, träge und konfliktscheu. Den Kabinettssitzungen blieb er meist fern. Als Resultat von Portlands Schwäche war jedes Ressort sich selbst überlassen. Dadurch gab es im Kabinett keine höhere Autorität, die als Schiedsrichter Unstimmigkeiten zwischen den Ressorts beilegen konnte.Giles Hunt: The Duel: Castlereagh, Canning and Deadly Cabinet Rivalry. I.B. Tauris, London 2008, S. 91. f. Die vier führenden Köpfe im Kabinett waren Canning und Castlereagh, dazu Spencer Perceval in seiner Doppelfunktion als Schatzkanzler und Führer des Unterhauses sowie der Innenminister Lord Hawkesbury (der 1808 nach dem Tod seines Vaters den Titel Earl of Liverpool erbte, mit dem er bekannt wurde). Zum Kabinett gehörte auch der Onkel Castlereaghs, Lord Camden, als Lord President of the Council.Giles Hunt: The Duel: Castlereagh, Canning and Deadly Cabinet Rivalry. I.B. Tauris, London 2008, S. 89.
Konflikte um die Kriegsführung mini|hochkant|alt=Gemälde George Cannings, der den Betrachter des Bilds frontal ansieht. Er trägt einen dunklen Anzug, sein linker Ellenbogen ruht auf einem gepolsterten Beitisch. Sein Blick ist ernst, sein Haaransatz weicht bereits deutlich zurück.|George Canning, Porträt von Thomas Lawrence (um 1822)