mini|319x319px|Lage der vier Sprengungen

Am 26. September 2022 wurde mit vier Sprengungen ein Anschlag auf die Nord-Stream-Pipelines verübt. Dabei wurden beide Stränge von Nord Stream 1 und einer von zwei Strängen von Nord Stream 2 abschnittsweise zerstört. Die Nord-Stream-Pipelines liegen am Grund der Ostsee und dienten dem Transport von Erdgas von Russland nach Deutschland, waren aber zum Zeitpunkt des Anschlags nicht in Betrieb. In die Atmosphäre gelangte dennoch rund eine halbe Million Tonnen Methan.

Dänische, schwedische und deutsche Behörden nahmen Ermittlungen wegen Sabotage auf. Als Tatverdächtige gelten sieben Ukrainer, darunter vier professionelle Taucher, die von einer Segelyacht aus Sprengsätze an den Pipelines angebracht haben sollen. Nach seit 2022 andauernden Ermittlungen durch deutsche Strafverfolgungsbehörden wurden Haftbefehle gegen sie erlassen. Einer von ihnen wurde im August 2025 in Italien vollstreckt, ein weiterer Ende September 2025 in Polen. Ein polnisches Gericht entschied jedoch, den Tatverdächtigen nicht nach Deutschland zu überstellen, sondern freizulassen. Der in Italien festgenommene Tatverdächtige, Serhij K., wurde im November 2025 an Deutschland überstellt. Im Juni 2026 erhob die Bundesanwaltschaft Anklage gegen ihn vor dem Staatsschutzsenat des Hanseatischen Oberlandesgerichtes in Hamburg.

Entdeckung und Lage der Sprengungen mini|hochkant=1.15|Vorher-Nachher-Vergleich des ersten Lecks bei Bornholm durch Fotos des Satelliten Sentinel-2 (30. September 2022 und 3. Oktober 2022) mini|hochkant=1.15|Die Pipelineröhren bestehen aus meh­rere Zentimeter dickem Stahl und sind zusätz­lich mit einer Beton­ummantelung geschützt.

In der Nacht zum 26. September 2022 wurde zunächst ein unerwarteter Druckverlust in Strang A von Nord Stream 2 gemeldet. Am Abend des 26. September wurde dies auch in beiden Strängen von Nord Stream 1 registriert. Ursächlich für den Druckverlust waren vier Explosionen, die seismographisch aufgezeichnet worden waren. Die erste Explosion ließ um 02:03 Uhr den Strang A von Nord Stream 2, etwa südöstlich der dänischen Insel Bornholm, bersten. An drei weiteren Stellen wurden die Pipelines am selben Tag um 19:03 Uhr zwischen Bornholm und Öland gesprengt. Betroffen waren die beiden Stränge von Nord Stream 1 und erneut Strang A von Nord Stream 2; letzteres wurde erst am 29. September 2022 bemerkt. Somit blieb Strang B von Nord Stream 2 als einziger der vier Pipelines weiterhin intakt.

Die zerstörten Abschnitte lagen in 70 bis 80 Metern TiefeSiehe auch Meerestiefe der Ostsee und haben zueinander einen Abstand zwischen und . Eine der Nord-Stream-1-Röhren wurde auf einer Länge von 250 Metern zerstört, der betroffene Nord-Stream-2-Strang hat noch größere Schäden davongetragen. In einem Umkreis von etwa einem Kilometer Durchmesser schäumte über den Lücken tagelang Methangas an die Wasseroberfläche, wodurch sich die Wasseroberfläche nach oben wölbte. Dieser Effekt wurde in bis zu 500 Metern Horizontalentfernung von den vier Berststellen beobachtet, von denen sich jeweils zwei in den ausschließlichen Wirtschaftszonen (AWZ) Dänemarks beziehungsweise Schwedens knapp außerhalb der Hoheitsgewässer befinden.

Die seismologische Auswertung ergab später, dass das zum Druckabfall bei Nord Stream 2 passende Ereignis um 02:03 Uhr MESZ eine Stärke von 2,3 und die drei Ereignisse um 19:03 Uhr eine Stärke von jeweils 2,1 auf der Richterskala hatten. Die deutschen Sicherheitsbehörden vermuteten, dass dafür hochwirksame Sprengsätze mit einer Sprengwirkung von etwa 500 Kilogramm TNT eingesetzt worden seien.

Pipeline Strang Lage des Lecks Zeitpunkt der Explosion Strang A , südöstlich von Bornholm, in der AWZ Dänemarks 26. September 2022,02:03 Uhr , nordöstlich von Bornholm, in der AWZ Schwedens 26. September 2022,19:03 Uhr Nord Stream 1 Strang A , nordöstlich von Bornholm, in der AWZ Schwedens Strang B , nordöstlich von Bornholm, in der AWZ Dänemarks

Geopolitischer Kontext Die Explosionen ereigneten sich in einer Zeit, in der die geo- und energiepolitische Situation zwischen Russland, Europa und den USA nach einer jahrelangen Zuspitzung äußerst angespannt war. 2014 annektierte Russland völkerrechtswidrig die ukrainische Halbinsel Krim und läutete damit den Krieg in der Ukraine ein, weshalb der Beschluss der damaligen deutschen Bundesregierung, ab 2015 Nord Stream 2 zu bauen, national und international umstritten war. Kritik kam von den europäischen Partnern, aber vor allem von den USA.

mini|hochkant=2|Zum Zeitpunkt des Anschlags hatte Gazprom die Erdgaslieferung beendet.

Zum Zeitpunkt der Explosionen waren beide Pipelines außer Betrieb. Einerseits hatte Bundeskanzler Olaf Scholz als Reaktion des russischen Überfalls auf die Ukraine im Februar 2022 keine Genehmigung für Nord Stream 2 erteilt, andererseits hatte das russische Staatsunternehmen Gazprom die Gaslieferungen über Nord Stream 1 während des Sommers 2022 immer weiter reduziert und im August vertragswidrig vollständig eingestellt. Der illegale Lieferstopp führte zu Milliardenforderungen deutscher Energiekonzerne gegen Gazprom; nach der Zerstörung durch die Explosionen berief sich Gazprom auf „höhere Gewalt“, um weiteren Forderungen zu entgehen. Angesichts der belasteten politischen Beziehungen zwischen Russland und der EU und des Ziels der baldigen Klimaneutralität wurde im öffentlichen Diskurs der Bundesrepublik Deutschland bereits vor dem Anschlag in Frage gestellt, ob die beiden Erdgaspipelines jemals wieder genutzt werden würden. Am Tag nach den Explosionen eröffneten Polen und Norwegen die Baltic Pipe, mit der norwegisches Erdgas über dänisches Territorium nach Polen gepumpt wird. Für die Versorgung Europas ist sie eine Alternative zu Nord Stream 1 und 2.

Die Regierungen Schwedens, Dänemarks, Polens, Deutschlands sowie die EU-Kommission gingen von vorsätzlich herbeigeführten Explosionen aus. Als Folge forderten etliche europäische Politiker, gemeinsam mit Partnern und Verbündeten in NATO und EU künftig die Vorsorge und den Schutz vor Sabotage für kritische Infrastruktur zu verstärken. Der Nordatlantikrat erklärte dazu:

Der russische Staatspräsident Wladimir Putin bezeichnete den Anschlag im Oktober 2022 als „internationalen Terrorismus“. Im Februar 2023 forderte Russland im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen eine unabhängige UN-Untersuchung des Vorfalls. Dabei berief sich Russland auf einen Blog des US-Journalisten Seymour Hersh, der eine amerikanisch-norwegische Urheberschaft nannte. Hershs Blog war wegen Ungereimtheiten und unbestätigter Quellenangaben umstritten. Der russische Resolutionsentwurf wurde nicht angenommen: Nur Russland, China und Brasilien stimmten dafür und die anderen zwölf Staaten enthielten sich.

Der polnische Ministerpräsident Donald Tusk äußerte am 7. Oktober 2025: „Das Problem mit Nord Stream 2 ist nicht, dass sie gesprengt wurde. Das Problem ist, dass sie gebaut wurde.“

Folgen der Sprengung Die Pipelines waren zum Zeitpunkt der Anschläge nicht in Betrieb, aber unter hohem Druck mit Erdgas gefüllt; im beschädigten Strang von Nord Stream 2 betrug der Druck zuvor 105 bar und sank kurz nach der Sprengung auf 7 bar. Durch die Lecks traten in den ersten Tagen große Mengen Methangas aus, später drang durch sie Wasser in die Pipelines ein.

Es bildete sich tagelang eine großräumige Methanwolke. Einer Schätzung des Integrated Carbon Observation System zufolge entsprach sie „den Methanemissionen eines ganzen Jahres in einer Stadt von der Größe von Paris oder einem Land wie Dänemark“. Der Leiter des International Methane Emissions Observatory (IMEO) des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) sagte: „Die Risse im Nord-Stream-Erdgaspipelinesystem unter der Ostsee haben zu der wahrscheinlich größten jemals aufgezeichneten Freisetzung von klimaschädlichem Methan geführt.“

Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt, das gemeinsam mit der Technischen Universität Braunschweig die einzige Flugmessdaten erhoben hatte, veröffentlichte Anfang 2025, dass zwischen 445.000 bis 485.000 Tonnen Methan freigesetzt worden seien. Das entspricht 0,1 Prozent der menschengemachten Methan-Emissionen für 2022.

Schiffs- und Flugverkehr Für die Schifffahrt stellte das an die Wasseroberfläche aufsteigende Methan eine Gefahr dar, weil es die Dichte des Wassers und damit den Auftrieb der Schiffe verringert und sich zudem hätte entzünden können. Am 26. September erließ die dänische Schifffahrtsbehörde daher drei Befahrensverbote (nautical warnings) im Umkreis von 5 Seemeilen um die Lecks. Außerdem wurde der Flugverkehr unterhalb von 1000 m Höhe eingestellt. Die nördlichen Verbotszonen wurden am 29. September auf einen gemeinsamen Bereich mit 7 Seemeilen Radius zusammengeführt.

Funktionsfähigkeit Da das in die Röhren eingedrungene Meerwasser deren Innenbeschichtung sehr schnell korrodieren lässt, wurde vermutet, dass die beschädigten Stränge nicht mehr verwendbar seien. Sehr wahrscheinlich wurden alle drei betroffenen Pipelinestränge irreparabel zerstört. Andere Einschätzungen hielten zu diesem Zeitpunkt eine Reparatur auch des inneren Korrosionsschutzes für möglich, jedoch zeitaufwändig. Russlands Energieminister behauptete am 5. Oktober 2022, dass die Pipeline Nord Stream 2 „nach vorläufiger Einschätzung in technisch geeignetem Zustand“ sei. Deren Reparatur und Inbetriebnahme sei aber schon aufgrund der gegen Russland verhängten Sanktionen infolge des Überfalls auf die Ukraine nicht möglich.Anschlag auf Ostsee-Pipeline: Erst bombardieren, dann reparieren? In: Wirtschaftswoche, 31. Dezember 2022. Laut einem Bericht der New York Times vom 26. Dezember 2022In Nord Stream Mystery, Baltic Seabed Provides a Nearly Ideal Crime Scene prüfte die Betreibergesellschaft Nord Stream AG Reparaturoptionen für Nord Stream 1. Die Kosten sollen mindestens 500 Millionen US-Dollar betragen.

Umweltschäden Umweltwissenschafter der Universität Aarhus schätzten mit Computermodellen Folgeschäden. Explosionsverletzungen bei Schweinswalen und Robben wurden auf 4 km vom Explosionsort an der Oberfläche und 20 km am Meeresboden geschätzt. Hörschäden bei Robben und Schweinswalen könnten in Entfernungen von bis zu 12 km bei Schweinswalen und etwa 1 km bei Robben aufgetreten sein. Eine Hörschädigung in Form einer Schwellenverschiebung wurde in einer Entfernung von 50 km für Schweinswale und 6 km für Robben geschätzt. Rund 250.000 Tonnen Sedimente dürften bis zu einer Tiefe von 30 Meter aufgewirbelt worden sein. In der Nähe der Explosionen sei eine historischen Deponie für chemische Kampfstoffe, darunter Senfgas und Arsenverbindungen aus dem Zweiten Weltkrieg, woraus sich eine besondere Gefährdung ergäbe. Weitere Belastung sei durch Schwermetalle und für Schutzanstriche von Schiffshüllen verwendete Tributylzinn (TBT) aufgetreten. Die durch die Explosion der Nord Stream 1 aufgewirbelte Sediment enthielten Schadstoffe, die 15 Tage lang in Tiefen zwischen 95 und 53 Metern den Sicherheitsgrenzwert überschritten. Bei der Nord Stream 2-Pipeline wurde der Grenzwert 34 Tage lang in Tiefen zwischen 78 und 42 Metern überschritten. Insgesamt hätten die Explosionen über einen Monat lang 11 Kubikkilometer Meerwasser kontaminierten.

Klimaerwärmung Anders als etwa bei der Havarie von Ölplattformen bestand laut Experten keine akute Gefahr für die Umwelt, weil das hauptsächlich ausströmende Methan ungiftig ist und sich zum Teil im Wasser löst, jedoch tragen die freiwerdenden Treibhausgase weiter zur Erderwärmung bei.

Ermittlungen

Nach dem Anschlag begannen die zuständigen schwedischen, dänischen und deutschen Ermittlungsbehörden wegen des Verdachts der vorsätzlichen Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion und verfassungsfeindlicher Sabotage bzw. schwerer Sabotage zu ermitteln.