Die Liste von besonderen Vorfällen mit BND-Bezug zeigt Sachverhalte im Zusammenhang mit dem deutschen Bundesnachrichtendienst (BND), die ein tatsächliches oder behauptetes Fehlverhalten darstellen und öffentliche Aufmerksamkeit erhielten. Oft hatte diese persönliche Folgen für die Beteiligten wie Disziplinar- oder Strafverfahren, Entlassung, Entfernung aus dem Dienstverhältnis oder Rücktritt, wurden teilweise etwa durch Untersuchungsausschüsse aufgearbeitet und boten manchmal Anlass für Rechtsänderungen. Mit den Sachverhalten beschäftigten sich grundsätzlich die zuständigen Kontrollinstitutionen.

Inlandsaufklärung der politischen Parteien unter Globke und Adenauer Hans Globke, damals Chef des Bundeskanzleramtes, war Reinhard Gehlens unmittelbarer Draht zum ersten deutschen Bundeskanzler, Konrad AdenauerKlaus-Dietmar Henke: Geheime Dienste. Die politische Inlandsspionage der Organisation Gehlen 1946–1953. Christoph Links Verlag, Berlin 2018, S. 220. und bat Gehlen bereits Anfang 1951 um Berücksichtigung der innenpolitischen Lage. Gehlen setzte, von Adenauer ermuntert, so genannte Sonderverbindungen und V-Leute gegen Politiker der politischen Parteien SPD, FDP, aber auch der CDU, ein. Globke „lebte mit Gehlen in einer machtpolitischen Symbiose zu beiderseitigem Nutzen und zur Machtsicherung des Gründungskanzlers der Bundesrepublik Deutschland“, so der Historiker Klaus-Dietmar Henke.Klaus-Dietmar Henke: Auslandsnachrichtendienst in der Ära Adenauer. In: Aus Politik und Zeitgeschichte Nr. 18–19 (2014), S. 36.

Aufklärung der SPD-Spitze Im April 2022 wurde bekannt, dass Siegfried Ziegler, zunächst Mitarbeiter der Organisation Gehlen und dann des BND, zwischen 1953 und 1962 Interna des SPD-Parteivorstandes weitergab. Im Dezember 1953 traf er sich mit Reinhard Gehlen.Schmitz, Thorsten; Warmbrunn, Benedikt und Wittmann, Martin: Deutschlands Watergate - Wie Adenauer die SPD ausspionieren ließ. In: Süddeutsche Zeitung, 9. April 2022, abgerufen am 9. April 2022. Er warb Siegfried Ortloff, in der Bonner SPD-Zentrale „für die Abwehr kommunistischer Unterwanderung zuständig“, für diese Tätigkeit an. Die Informationen, die von Ortloff über Ziegler kamen, leitete Gehlen an Hans Globke weiter, der sie wiederum an Bundeskanzler Konrad Adenauer weitergab. Insgesamt kamen fast 500 Meldungen im Bundeskanzleramt an.Willi Winkler: Wie Adenauer die SPD ausspionieren ließ, Süddeutsche Zeitung vom 9. April 2022, S. 11–13. Bedeutung und Ausmaß des Sachverhalts wurden von Historikern und Journalisten unterschiedlich bewertet.Isabel Fannrich-Lautenschläger: Bespitzelung der SPD in den 50ern: BND forschte jahrelang Adenauers wichtigsten politischen Gegner aus, Deutschlandfunk, 9. April 2022; Klaus-Dietmar Henke: „Was in Bonn passiert ist, war ein Super-Watergate“. zeit.de vom 9. April 2022.Sven Felix Kellerhoff: Das „Super-Watergate“ von CDU und BND, das es nie gab, welt.de, 14. April 2022, abgerufen am 23. Mai 2022.

Kenntnis von Adolf Eichmanns Aufenthaltsort Nach Recherchen des amerikanischen Professors Christopher Simpson informierte der BND im März 1958 die Central Intelligence Agency (CIA) über die Aufenthaltsorte zahlreicher gesuchter Kriegsverbrecher aus der Zeit des Nationalsozialismus, darunter Adolf Eichmann. Sein Deckname Clement, eine leicht abweichende Variante des Namens Ricardo Klement, unter dem Eichmann wirklich in Buenos Aires lebte, wurde gleichfalls übermittelt.Scott Shane: C.I.A. Knew Where Eichmann Was Hiding, Documents Show. In: The New York Times, 7. Juni 2006. Im Juni 2006 wurde bekannt, dass die Regierung Adenauer die CIA im März 1958 über den Aufenthaltsort Adolf Eichmanns informiert hatte. Dem US-amerikanischen Historiker Timothy Naftali zufolge sorgte sie aber durch Kontakte auf höchster Ebene gleichzeitig dafür, dass die CIA dieses Wissen nicht nutzte. Weder die deutsche Bundesregierung noch die CIA informierten Israel über die neuen Erkenntnisse.Timothy Naftali: New Information on Cold War CIA Stay-Behind Operations in Germany and on the Adolf Eichmann Case (PDF; 721 kB), Website der Federation of American Scientists, 6. Juni 2006, S. 4 ff.Scott Shane: C. I. A. Knew Where Eichmann Was Hiding, Documents Show. In: The New York Times, 7. Juni 2006.Jennifer Abramsohn: „Dies ist eine deutsche Geschichte“. Deutsche Welle, 10. Juni 2006 (Interview mit Naftali)Riedl/Kleine-Brockhoff: Geschichte: Unter Freunden. In: Die Zeit, 13. Juni 2006. Naftali vermutet, dass Adenauer so eine direkte Belastung von Hans Globke durch Eichmann verhindern wollte. Dem BND war Eichmanns Deckname und sein Aufenthalt in Argentinien schon sechs Jahre früher bekannt. Die deutsche Wissenschaftlerin Bettina Stangneth, die die freigegebenen Teile der BND-Akte Eichmanns auswertete, hat die Genauigkeit der Angabe nachgewiesen. Stangneth führt das auf die Existenz eines Informanten zurück, der Eichmanns Familie 1952 bei der Ausreise geholfen hatte.Bettina Stangneth: Eichmann vor Jerusalem. Das unbehelligte Leben eines Massenmörders. Zürich 2011. Das Simon Wiesenthal Center und zahlreiche andere Fahnder kannten ab 1954 die Schreibweise „Klemens“. Die Kenntnis über den Aufenthaltsort von Eichmann führte zunächst nicht zu Maßnahmen zu seiner Ergreifung. Wahrscheinlich gab es im Westen Bedenken, dass weitere Zusammenhänge aufgedeckt würden.

Im Nachlass Globkes fand sich Material, das belegt, dass die deutschen Prozessbeobachter und das Gerichtsverfahren in Jerusalem überwacht wurden. In einem Schreiben vom 16. März 1962 wandte sich der erste Präsident des BND, Reinhard Gehlen, unter dem Betreff „Beabsichtigte Namhaftmachung Staatssekretärs Globke als Zeuge in der Berufungsverhandlung gegen A. Eichmann“ an Globke, um ihm mitzuteilen, dass der Prozess den geplanten harmlosen Verlauf nehme: „Entsprechende Maßnahmen sind eingeleitet.“ Dank Gehlens Intervention werde, heißt es in dem Schreiben, „die israelische Verhandlungsleitung in der bisherigen Weise“ verfahren und „eine Ausweitung zu verhindern“ trachten. Sieben Tage später stellte Eichmanns Verteidiger Robert Servatius einen Antrag, Globke als Zeugen zu vernehmen, der vom Gericht abgelehnt wurde. Franz Josef Strauß äußerte: „Die Israelis haben extreme Hetze gegen uns verhindert.“Klaus Wiegrefe: Der Fluch der bösen Tat. Die Angst vor Adolf Eichmann, Der Spiegel, 11. April 2011; Willi Winkler: Holocaust-Prozess: Adolf Eichmann. Als Adenauer in Panik geriet. Süddeutsche Zeitung, 29. März 2011; Adolf Eichmann: Das letzte Geheimnis, Süddeutsche Zeitung, 19. April 2022.

Ausbildung libyscher Streitkräfte

Gegen Ende der 1970er Jahre soll der BND an der Ausbildung der Streitkräfte Libyens mitgewirkt haben.

Abhöreinrichtungen in Stammheim

Der BND installierte 1975 in Amtshilfe Abhöreinrichtungen in Zellen der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim.

Verbringung von NVA-Waffensystemen nach Israel

1991 war der BND an der verdeckten Lieferung von Waffensystemen der ehemaligen Nationalen Volksarmee der Deutschen Demokratischen Republik an Israel beteiligt. Israel wollte diese Systeme auswerten, da sie auch von mit Israel verfeindeten Staaten in der Region genutzt wurden.

Plutoniumtransport

Am 10. August 1994 veranlasste der BND den Transport von 360 Gramm Plutonium mit einer Boeing 737 der deutschen Lufthansa von Moskau nach München. Der Sachverhalt war Gegenstand des 1. Untersuchungsausschusses des 13. Deutschen Bundestags.

Norbert Juretzko Der ehemalige BND-Mitarbeiter Norbert Juretzko war ab 2003 in eine Reihe von Gerichtsverfahren mit dem BND verwickelt. Aus der Sicht Juretzkos war der Auslöser hierfür die Kontroverse um Rübezahl. Ende der 1990er Jahre habe er eindeutige Beweise für eine angebliche Doppelagenten-Tätigkeit des früheren Ersten Direktors beim BND und Leiter der Beschaffungsabteilung beim BND, Volker Foertsch, gesammelt und dem damaligen Präsidenten des BND, Hansjörg Geiger, vorgelegt (mit der Beschuldigung – in etwa –, sowohl Agententätigkeiten in Zusammenarbeit mit russischen Geheimdiensten und mit deren Billigung koordiniert zu haben wie auch seine originäre Aufgabe, die geheimdienstliche Ost-Aufklärung, im Auftrag des BND durchgeführt zu haben). Angeblich auf Druck Bernd Schmidbauers, unter dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl Beauftragter für die Nachrichtendienste des Bundes, seien die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen gegen Foertsch Anfang 1998 niedergeschlagen worden. Tatsächlich wurde Foertsch rehabilitiert und trat 1999 in den Ruhestand.

Im Jahr 2002 wurde Juretzko wegen Aktenmanipulation und Erschleichung von Agentengeldern in Höhe von einer halben Million Deutsche Mark zu elf Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt. Juretzko schied nach 15 Dienstjahren aus dem BND aus, behielt aber seinen Anspruch auf Ruhegehalt. Nach Darstellung des Verurteilten handelte es sich bei dem Verfahren um eine vom BND gezielt initiierte Aktion, um den Kronzeugen der Kontroverse Rübezahl zu diskreditieren.

Juretzko machte seine Sicht der Dinge in dem Buch Bedingt dienstbereit (2004) publik, in dem weitere angebliche BND-Pannen zur Sprache kamen. Er verfasste das Werk zusammen mit dem freien Journalisten Wilhelm Dietl, der von 1982 bis 1992 selbst für den BND gearbeitet hatte. Das 2005 von der Staatsanwaltschaft Hannover gegen Juretzko angestrengte Verfahren wegen Unterschlagung von Dienstunterlagen deutete er als wenig stichhaltige Racheaktion des BND, denn er habe seit seinem Ausscheiden aus dem Dienst beim BND im Jahre 1999 keinen Zugriff mehr auf derlei Papiere gehabt; dem BND fiele das angebliche Verschwinden dieser Dienstunterlagen aber erst nach sechs Jahren auf.

Im Mai 2006 veröffentlichten Norbert Juretzko und Wilhelm Dietl ein zweites Buch über den BND. Unter dem Titel Im Visier wurden zahlreiche weitere angebliche Pannen und vermeintliche Peinlichkeiten aus dem Bereich des BND öffentlich gemacht. Monate vor dem Erscheinen dieses Buches erfolgte eine neue Anklage vor dem Landgericht Berlin, diesmal wegen Geheimnisverrates im Zusammenhang mit Bedingt dienstbereit: Juretzko habe durch die Nennung dienstinterner Kennzeichnungen das Risiko einer Enttarnung von BND-Mitarbeitern erhöht; ebenso habe er die Klarnamen von Agenten verraten. Dies erwies sich als eine Falschbehauptung der Anklage. Von den Vorwürfen wurde Juretzko im Juni 2006 nach einem fünf Wochen dauernden Prozess auf gemeinsamen Antrag der Staatsanwaltschaft und der Verteidigung vom Landgericht Berlin freigesprochen.

2006 führte der BND ein Zivilverfahren wegen der mutmaßlichen Unterschlagung von rund 200.000 Euro Agentengeldern. Dabei kam es Anfang Juni 2006 möglicherweise zu einer sicherheitlichen Panne: Um die Ansprüche des BND zu belegen, übergab der Auslandsnachrichtendienst dem Bundesverwaltungsgericht Leipzig Akten mit den ungeschwärzten Klarnamen einiger Quellen, die im Zuge der Operation Giraffe 1990 gewonnen worden waren. Dabei nahm der BND in Kauf, dem russischen Inlandsgeheimdienst FSB vielleicht diesem bisher sogar unbekannte BND-Operationen und Informanten zu enthüllen. Während Sicherheitsexperten von einem „katastrophalen Vorgang“ sprachen, rechtfertigte der BND sein außergewöhnliches Vorgehen mit einer „Güterabwägung“, indem dieser darauf hinwies, dass seitens des BND der operative Schaden geringer eingeschätzt werde als der Verlust des Geldes, denn man gehe seitens des BND davon aus, dass den BND-Zuträgern in ihrer russischen Heimat heute keine juristische Verfolgung mehr drohe.

Überwachung von Erich Schmidt-Eenboom und weiteren Journalisten