mini|Die Alabama in ihrem Winterhafen, September 1909 Die Alabama-Expedition (offiziell Alabama-Expeditionen til Grønlands Nordøstkyst, „Alabama-Expedition an Grönlands Nordostküste“) war eine von 1909 bis 1912 dauernde dänische Expedition mit dem Schoner Alabama nach Nordostgrönland.
Sie folgte der tragisch verlaufenen Danmark-Expedition und hatte das Ziel, die Tagebücher und womöglich den Leichnam Ludvig Mylius-Erichsens zu finden. Die Alabama-Expedition nahm einen dramatischen Verlauf. Ihr Schiff ging im Eis verloren, und Ejnar Mikkelsen (1880–1971) blieb mit Iver Iversen (1884–1968) allein zurück. Unfähig, aus eigener Kraft in die Zivilisation zurückzukehren, mussten sie noch zweimal in der Arktis überwintern, bevor sie gerettet wurden.
Mikkelsens 1955 erschienener Reisebericht Farlig tomandsfærd ist die literarische Vorlage des Filmdramas Against the Ice aus dem Jahr 2022.
Vorgeschichte mini|hochkant|Ludvig Mylius-Erichsen Am Beginn des 20. Jahrhunderts war die Küste Grönlands fast vollständig bekannt und kartiert. Nur ein schwer zugänglicher Abschnitt der Nordostküste war von den europäischen und US-amerikanischen Entdeckern noch nicht erreicht worden. Er begann am nördlichsten von der Zweiten Deutschen Nordpolar-Expedition von 1869 bis 1870 erreichten Punkt nahe dem 77. Breitengrad und endete im Norden am Kap Wyckoff, bis zu dem der US-Amerikaner Robert Peary im Jahr 1900 von Westen kommend vorgedrungen war. Ungeklärt war auch, ob Peary Land, in dem Kap Wyckoff liegt, ein Teil Grönlands oder eine eigenständige, von Grönland durch den Pearykanal getrennte Insel ist. Diese Meeresstraße hatte Peary 1892 gemeinsam mit Eivind Astrup vom Navy Cliff an der Independence-Bucht (heute Independence Fjord) aus entdeckt.
Um die Kartierung der Küste abzuschließen und um seine Souveränität über Grönland zu untermauern, schickte Dänemark 1906 seine bis dahin größte wissenschaftliche Grönlandexpedition aus. Zur Danmark-Expedition, die nach dem Expeditionsschiff benannt ist, gehörte auch der junge Alfred Wegener als Meteorologe. Das Unternehmen nahm einen tragischen Verlauf. Der Expeditionsleiter Ludvig Mylius-Erichsen kam mit seinen zwei Begleitern Niels Peter Høeg-Hagen und Jørgen Brønlund ums Leben. Nur Brønlund wurde 1908 tot aufgefunden, dazu sein Tagebuch und Landaufnahmen sowie Kartenskizzen Høeg-Hagens. Mylius-Erichsen, Høeg-Hagen und ihre wichtigen Tagebücher blieben verschollen.
Die dänische Öffentlichkeit nahm großen Anteil am Schicksal der Danmark-Expedition. Als Ejnar Mikkelsen mit seinem Plan für eine schlanke Expedition zur Suche nach den Vermissten und ihren Tagebüchern an das Komitee der Danmark-Expedition unter Vorsitz von Georg Carl Amdrup herantrat, erhielt er daher dessen volle Unterstützung.
Expeditionsziel und -plan Das Hauptziel der Expedition war es, die Tagebücher und alle weiteren Aufzeichnungen von Mylius-Erichsen und Høeg-Hagen zu finden. Man vermutete sie am Danmark Fjord, entweder am Kap Kronborg oder am Kap Holbæk. Ein Nebenziel blieb das Auffinden der Leichname der beiden Forscher. Darüber hinaus waren in Ergänzung der Arbeiten der Danmark-Expedition meteorologische Beobachtungen und Landvermessungen vorgesehen.
Mikkelsens Plan sah vor, Kopenhagen Anfang Juni 1909 mit einem kleinen Motorschiff und sieben Mann Besatzung zu verlassen. Die Ladung sollte Proviant für 16 Monate, dazu Reserveproviant für ein weiteres Jahr sowie 45 Schlittenhunde umfassen. Der Plan sah vor, am nördlichsten vom Schiff zu erreichenden Punkt ein Proviantdepot einzurichten, das Schiff danach aber wieder nach Süden in einen sicheren Hafen zu steuern, um sicherzustellen, beim Eisaufbruch im folgenden Jahr wieder freizukommen. Noch im Herbst 1909 sollte das Proviantdepot nach Lambert Land verlegt werden.
Sobald es das Wetter im Frühjahr 1910 zuließe, würde eine fünfköpfige Gruppe aufbrechen und über Lambert Land auf das Inlandeis steigen, wo zwei Männer umkehren, die anderen aber mit Proviant für 100 Tage zum Danmark Fjord weiterreisen würden. Dessen Westküste sollte aufmerksam nach Dokumenten der Danmark-Expedition abgesucht werden. Würden die Tagebücher nicht gefunden, sollte über Nordostrundingen an der Küste Nordostgrönlands entlang zum Schiff zurückgekehrt werden, wobei weiter nach den Tagebüchern Ausschau zu halten sei. Im Fall einer erfolgreichen Suche nach den Dokumenten am Danmark Fjord könnte eine Reise in den Pearykanal unternommen werden, um zu prüfen, ob er Peary Land vollständig von Grönland trennt. Anschließend sollten die Männer zum Schiff zurückkehren und Grönland noch 1910 verlassen.
Teilnehmer mini|hochkant|Ejnar Mikkelsen Der einzige Expeditionsteilnehmer mit Arktiserfahrung war Ejnar Mikkelsen. Er hatte im Jahr 1900 an Georg Carl Amdrups Ostgrönland-Expedition und von 1901 bis 1902 an der US-amerikanischen Baldwin-Ziegler-Expedition nach Franz-Joseph-Land teilgenommen. Von 1906 bis 1908 hatte er gemeinsam mit Ernest de Koven Leffingwell (1875–1971) die Anglo-Amerikanischen Polarexpedition nach Alaska geleitet. Dabei hatte er im Winter 1907/08 allein mit dem Hundeschlitten und zu Fuß eine Strecke von 4000 km von Flaxman Island nach Valdez zurückgelegt.
Die weiteren Expeditionsteilnehmer waren Mikkelsens Stellvertreter Wilhelm Laub (1887–1945), Oberleutnant zur See der Königlich Dänischen Marine, Christian H. Jørgensen, Infanterie-Oberleutnant, Iver Iversen, Maschinist in der Königlich Dänischen Marine, die Steuerleute Hans P. Olsen und Georg Poulsen sowie der Zimmermann Karl Unger.
Vorbereitung Das Folketing bewilligte der Expedition auf Antrag des Ministerpräsidenten Jens Christian Christensen eine finanzielle Unterstützung von 25.000 dänischen Kronen unter der Bedingung, dass eine ebenso große Summe privat zur Verfügung gestellt würde. Das Geld kam früh im Jahr zusammen, sodass Mikkelsen in Norwegen den Schoner Alabama kaufen und in Kopenhagen für die Arktisfahrt umrüsten lassen konnte. Der Schiffsrumpf wurde zum Schutz gegen das Eis mit 2 Zoll dicken Eichenholzplatten verstärkt. Zusätzlich wurden Querbalken eingezogen. Außerdem wurde die Alabama mit einem Motor ausgestattet.
45 Schlittenhunde wurden in Westgrönland bestellt und auf die Färöer gebracht, wo sie von der Alabama aufgenommen werden sollten.
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1909 Die Expedition verließ Kopenhagen am 20. Juni 1909. Schon in Tórshavn auf den Färöern musste Mikkelsen seine Pläne radikal ändern. Von den Schlittenhunden, die hier übernommen werden sollten, waren 23 tot und die anderen so krank, dass sie erschossen werden mussten. Mikkelsen steuerte deshalb zunächst Ammassalik in Ostgrönland an, um neue Hunde zu kaufen. Anschließend fuhr die Alabama nach Island, um dem erkrankten Maschinisten H. Aagaard die Heimreise zu ermöglichen. Als Ersatz kam Iver Iversen vom Patrouillenschiff Islands Falk an Bord. Die Querung des Eisgürtels vor der grönländischen Küste stellte sich als problematisch dar. Erst am 25. August wurde die Insel Shannon erreicht. Zur großen Enttäuschung Mikkelsens war der weitere Weg nach Norden durch dichtes Packeis versperrt. Am 27. August ging das Schiff in einer heute Alabama Havn genannten Bucht nahe Kap Sussi an der Ostküste Shannons vor Anker, 160 km südlich der Basis der Danmark-Expedition in Danmarkshavn. Die Männer begannen das Schiff zu entladen und die Vorräte auf einem niedrigen Felsvorsprung zu verstauen. Regelmäßige meteorologische Messungen wurden aufgenommen, die ohne Unterbrechung bis zur Aufgabe des Winterquartiers am 31. Juli 1910 fortgesetzt wurden.
Mit der Schlittenreise nach Norden musste bis zur Bildung von tragfähigem Festeis entlang der Küste gewartet werden. Vom 16. bis 19. September unternahmen Mikkelsen, Jørgensen und Iversen eine Exkursion zur Südspitze Shannons, um zu jagen und ein für die Baldwin-Ziegler-Expedition 1901 angelegtes Depot zu inspizieren, das in relativ gutem Zustand vorgefunden wurde. Am 25. September brachen sie nach Lambert Land auf, um das letzte Lager von Mylius-Erichsen und seinen Kameraden zu suchen. Bis zum 2. Oktober wurden sie von Laub und Olsen begleitet. Am 11. Oktober erreichten sie das Haus der Danmark-Expedition in Danmarkshavn, wo sie sich ein paar Tage von den Strapazen erholten. Am 31. Oktober waren sie in Lambert Land und fanden Reste des Depots und den Leichnam von Brønlund, der von Johan Peter Koch im Frühjahr 1908 nicht beerdigt worden war. Sie zimmerten einen groben Sarg aus Kistenbrettern und bedeckten ihn mit großen Steinen. Der wichtigste Fund war Brønlunds Skizzenbuch, das Porträts seiner beiden Kameraden und eine Skizze des Danmark Fjords enthielt. Die Suche nach Mylius-Erichsen und Høeg-Hagen sowie nach ihren Tagebüchern verlief ergebnislos. Der Rückweg zur Alabama während der Polarnacht verlief dramatisch. Die meisten Hunde gingen verloren, und Jørgensen erfror sich die Füße. Am 17. Dezember erreichten sie Alabama Havn.
In der Zwischenzeit hatte Laub zwei Schlittenreisen zur Erkundung und Kartierung der Umgebung von Shannon unternommen. Die erste führte ihn vom 13. bis 23. Oktober gemeinsam mit Poulsen zur Halbinsel Haystack und zur Küste von Hochstetter Forland. Auf der zweiten, die er gemeinsam mit Unger unternahm, kartierte er vom 28. Oktober bis 11. November die Küste von Shannon.
1910 mini|hochkant|Mikkelsen und Iversen (9. April 1910)