Der Racket-Begriff der Kritischen Theorie wurde in den 1940er Jahren von Max Horkheimer geprägt und bezeichnet die Grundform politischer Herrschaft, die letztlich auf Gewalt beruht. Das Wort Racket stammt aus der US-amerikanischen Umgangssprache und galt ursprünglich Gruppen, die Schutzgeld erpressen, der Racketeer ist der Erpresser, das Racketeering die Erpressung. Horkheimer, Theodor W. Adorno und Otto Kirchheimer entwarfen im amerikanischen Exil ein Racket-Konzept als Erweiterung des marxistischen Klassenbegriffs und stellten es im Institut für Sozialforschung zur Diskussion. Eine Racket-Theorie wurde daraus nicht. Im 21. Jahrhundert gibt es Versuche, eine solche Theorie im Sinne der Frankfurter Schule zu (re)konstruieren.

Das Racket-Konzept der Kritischen Theorie

Mit der nationalsozialistischen Machtergreifung relativierte sich für Horkheimer und Adorno der Klassenkampfbegriff.Angaben dieses Kapitels beruhen, wenn nicht anders belegt, auf Kai Lindemann: Der Racketbegriff als Herrschaftskritik. In: Ulrich Ruschig/Hans-Ernst Schiller (Hrsg.), Staat und Politik bei Horkheimer und Adorno. Nomos, Baden-Baden 2014, ISBN 978-3-8487-1426-1, S. 104–128, hier S. 104–106. Adorno schrieb 1942, der Unterschied von Ausbeutern und Ausgebeuteten führe unter den Ausgebeuteten nicht zur Solidarität: Konformität sei ihnen rationaler. „Die Zugehörigkeit zur gleichen Klasse setzt längst nicht in Gleichheit der Interessen und der Aktionen sich um“.Theodor W. Adorno: Reflexionen zur Klassentheorie (1942). In: Adorno: Gesellschaftstheorie und Kulturkritik. Suhrkamp. Frankfurt am Main 1975, ISBN 978-3-518-00772-3, S. 7–25, hier S. 11. Daher entwarfen Horkheimer und Adorno sowie auch Kirchheimer Ende der 1930er Jahre in mehreren Schriften den Racket-Begriff als „herrschaftstheoretische Konkretisierung und Erweiterung“ des Klassenbegriffs und stellten ihn im exilierten Institut für Sozialforschung zur Diskussion. Nach Horkheimers Intention sollte die Geschichte der Rackets von der Antike bis zum Monopolkapitalismus aufgearbeitet und in einem „großen Abriss, einer Soziologie des Rackets, dargestellt werden“.Wolfgang Martynkewicz: Das Café der trunkenen Philosophen. Wie Hannah Arendt, Adorno und Co das Denken revolutionierten. Aufbau, Berlin 2022, S. 374 f. Zur ausformulierten Theoriebildung kam es, insbesondere wegen des Desinteresses bzw. des Widerstandes von Friedrich Pollock und Franz Neumann nicht.Kai Lindemann: Der Racketbegriff als Herrschaftskritik. In: Ulrich Ruschig/Hans-Ernst Schiller (Hrsg.), Staat und Politik bei Horkheimer und Adorno. Nomos, Baden-Baden 2014, ISBN 978-3-8487-1426-1, S. 104–128, hier S. 113–115. Trotzdem ist in Teilen der einschlägigen Literatur die Rede von der Theorie des RacketsEtwa bei Ulrich Bröckling: Gewaltdrohung und Schutzversprechen. Zur Theorie des Rackets. In: WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung, 15. Jahrgang, Heft 2, 2018, S. 139–152. oder der Racket-TheorieWie bei Michael Th. Greven: Zur Kontinuität der „Racket-Theorie“. In: Michael Th. Greven, Kritische Theorie und historische Politik. Theoriegeschichtliche Beiträge zur gegenwärtigen Gesellschaft. Leske und Budrich, Opladen 1994, ISBN 3-8100-1147-9, S. 157–181.. Anders als Adorno und Kirchheimer verstand Horkheimer Racket nicht allein als Element einer soziologischen Zeitdiagnose, sondern generalisierte es als elementares herrschaftssoziologisches Phänomen.Ulrich Bröckling: Gewaltdrohung und Schutzversprechen. Zur Theorie des Rackets. In: WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung, 15. Jahrgang, Heft 2, 2018, S. 139–152, hier S. 142.

Horkheimer gebrauchte das Wort erstmals 1939/40 im damals unveröffentlichten Text Die Rackets und der GeistMax Horkheimer: Die Rackets und der Geist. In: Gesammelte Schriften (hrsg. von Alfred Schmidt und Gunzelin Schmid Noerr), Band 12, Frankfurt a. M. 1985, S. 287–291.. Diesen Text verfasste er, um den Begriff in das geschichtsphilosophische Konzept der Dialektik der Aufklärung zu integrieren. Dort taucht er mehrfach als theoretische Metapher auf und wird zudem synonym mit den Bezeichnungen Clique, Bande, Gruppe oder Gang verwendet.Kai Lindemann: Der Racketbegriff als Herrschaftskritik. In: Ulrich Ruschig/Hans-Ernst Schiller (Hrsg.), Staat und Politik bei Horkheimer und Adorno. Nomos, Baden-Baden 2014, ISBN 978-3-8487-1426-1, S. 104–128, hier S. 105.

Die Rackets und der Geist beginnt mit dem Satz: „Die Grundform der Herrschaft ist das Racket.“Max Horkheimer: Die Rackets und der Geist. In: Gesammelte Schriften (hrsg. von Alfred Schmidt und Gunzelin Schmid Noerr), Band 12, Frankfurt a. M. 1985, S. 287–291, hier S. 287. Während in der Urhorde diese Grundform der Herrschaft noch ausschließlich auf der „Abstufung der Stärke“ beruhe, sei die Hierarchie der Macht inzwischen von der Position in der „gesellschaftlichen Apparatur“ abhängig. Die Scheidung zwischen oben und unten, Herrschaft und Beherrschten, beruhe auf der Organisation jeder einzelnen Machtgruppe in sich selbst und gegen die, die weiter unten stehen. Im Folgenden gibt Horkheimer einen Hinweis auf die Entstehung des Staates: Max Horkheimer: Die Rackets und der Geist. In: Gesammelte Schriften (hrsg. von Alfred Schmidt und Gunzelin Schmid Noerr), Band 12, Frankfurt a. M. 1985, S. 287–291, hier S. 289. Das Racket habe bisher allen gesellschaftlichen Erscheinungen seinen Stempel aufgedrückt, als „Racket des Klerus, des Hofs, der Besitzenden, der Rasse, der Männer, der Erwachsenen, der Familie, der Polizei, des Verbrechens, und innerhalb dieser Medien selbst in Einzelrackets gegen den Rest der Sphäre.“Max Horkheimer: Die Rackets und der Geist. In: Gesammelte Schriften (hrsg. von Alfred Schmidt und Gunzelin Schmid Noerr), Band 12, Frankfurt a. M. 1985, S. 287–291, hier S. 291. Der Text endet mit der Aussage, dass in den Massen die Ahnung einer racketfreien Gesellschaft nie ganz erloschen sei.

In Zur Soziologie der Klassenverhältnisse (1943) beschreibt er, dass Gruppen von Menschen, die keinem Racket angehören oder einem Racket, das in der Konkurrenz des Monopolisierungsprozesses nicht erfolgreich ist, aus der Verteilung der „Beute“ ausgeschlossen werden. Er nennt dies „repressive Kollektivierung des Menschen.“ Was ein Mensch erreichen könne, sei einzig durch Nachahmung, als ein Glied von Organisationen möglich, also „durch Mimikry“.Max Horkheimer: Zur Soziologie der Klassenverhältnisse. In: Gesammelte Schriften (hrsg. von Alfred Schmidt und Gunzelin Schmid-Noerr), Band 12, Frankfurt a. M. 1985, S. 75–104, hier S. 91 f. Der Mensch, „sofern er keinem Racket angehörte, war draußen in einem radikalen Sinn, der Mensch als solcher war verloren.“Max Horkheimer: Zur Soziologie der Klassenverhältnisse. In: Gesammelte Schriften (hrsg. von Alfred Schmidt und Gunzelin Schmid-Noerr), Band 12, Frankfurt a. M. 1985, S. 75–104, hier S. 91.

Otto Kirchheimer schreibt dazu: „›Rackets‹ scheinen zu einem Stadium der Gesellschaft zu gehören, wo der Erfolg mehr vom Zugang zu Organisationen und zu technischen Mitteln aller Art abhängt als von besonderen Talenten.“Otto Kirchheimer: Zur Frage der Souveränität (1944). In: ders., Politik und Verfassung. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1964, S. 57–95, hier S. 80.

Rezeption nach dem Zweiten Weltkrieg Die Intentionen des in der Dialektik der Aufklärung verwendeten Racket-Begriffs erschlossen sich erst in den 80er und 90er Jahren des 20. Jahrhunderts nach Systematisierung und Herausgabe der vielen nachgelassenen Schriften Max Horkheimers.Kai Lindemann: Zur Politik der Rackets. Zur Praxis der herrschenden Klassen. Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 2021, ISBN 978-3-89691-067-7, S. 7.

Laut Michael Th. Greven interpretierte Horkheimer die politische Wirksamkeit der verschiedensten Gesellschaften in seinen politischen Reflexionen bis zu seinem Lebensende vom Racket-Ansatz her.Michael Th. Greven: Zur Kontinuität der „Racket-Theorie“. Max Horkheimers politisches Denken nach 1945. In: ders., Kritische Theorie und historische Politik. Theoriegeschichtliche Beiträge zur gegenwärtigen Gesellschaft. Leske und Budrich, Opladen 1994, ISBN 978-3-8100-1147-3, S. 157–181, hier S. 158. Hauke Branding vermerkt dazu, dass sich Horkheimer nach seiner Rückkehr nach Deutschland zwar noch auf den Begriff bezog, jedoch nur in wenigen verstreuten Notizen, die zu seinen Lebzeiten nicht veröffentlicht wurden. Adorno habe den Begriff dagegen nicht mehr verwendet.Hauke Branding: Der Racket-Begriff der Kritischen Theorie. Versuch eines Problemaufrisses. In: Zeitschrift für kritische Theorie (ZkT), Heft 46–47 (2018), S. 37–60, hier S. 39.

Für Greven stellt der Racket-Begriff eine Untergliederung des Klassenbegriffs dar, jedenfalls dort, wo es historisch ausgebildete Klassengesellschaften gibt. Die Rackets seien darin jene untereinander in Konkurrenz um die „Beute“ stehenden Klassenfraktionen, Familien, Unternehmen oder Organisationen, „die alleine in ihrem gemeinsamen Klasseninteresse an der Aufrechterhaltung der Herrschaftsstruktur eine allgemeine Basis des Interesses besitzen.“Michael Th. Greven: Zur Kontinuität der „Racket-Theorie“. Max Horkheimers politisches Denken nach 1945. In: ders., Kritische Theorie und historische Politik. Theoriegeschichtliche Beiträge zur gegenwärtigen Gesellschaft. Leske und Budrich, Opladen 1994, ISBN 978-3-8100-1147-3, S. 157–181, hier S. 162. Ulrich Bröckling erkennt bei Horkheimer dagegen eine Abkehr vom Konzept des Klassenkampfes, die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft sei die von Rackets.Ulrich Bröckling: Gewaltdrohung und Schutzversprechen. Zur Theorie des Rackets. In: WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung, 15. Jahrgang, Heft 2, 2018, S. 139–152, hier S. 142.

Kai Lindemann bezeichnet C. Wright Mills’ elitesoziologisches Werk Die Machtelite von 1956 als „Standardwerk über die etablierten Rackets in den USA“ – auch wenn darin viel häufiger die Bezeichnung Cliquen verwendet würde.Kai Lindemann: Zur Politik der Rackets. Zur Praxis der herrschenden Klassen. Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 2021, ISBN 978-3-89691-067-7, S. 13.

Mit Brothers in Crime. Menschen im Zeitalter ihrer Überflüssigkeit. Über die Herkunft von Gruppen, Cliquen, Banden, Rackets und Gangs legte Wolfgang Pohrt 1997 im Auftrag des Hamburger Instituts für Sozialforschung eine Schrift zum Thema vor, die 2021 auch in der Werkausgabe erschien.Wolfgang Pohrt: Brothers in Crime. Menschen im Zeitalter ihrer Überflüssigkeit. Über die Herkunft von Gruppen, Cliquen, Banden, Rackets und Gangs (Werkausgabe Band 8.2), Berlin 2021, ISBN 978-3-89320-268-3. Darin nimmt Pohrt, laut Ulrich Bröckling, den polemischen Charakter des horkheim’schen Racket-Ansatzes auf, in dem der notorische Hang des Menschen, sich zu »Gruppen, Cliquen, Banden, Rackets und Gangs« zusammenzurotten und deren Anführern nachzulaufen, aus ihrer Erfahrung der eigenen Überflüssigkeit abgeleitet werde.Ulrich Bröckling: Gewaltdrohung und Schutzversprechen. Zur Theorie des Rackets. In: WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung, 15. Jahrgang, Heft 2, 2018 15.2, S. 139–152, hier S. 150.