Die Orgeltemperaturen von Gottfried Silbermann bezeichnen die Stimmungsart, die Silbermann für seine Orgeln benutzte. Diese „Temperaturen“ waren zu seinen Lebzeiten umstritten und veranlassten bis heute unterschiedliche Deutungen und Rekonstruktionsvarianten. Silbermanns Temperaturen sind charakteristische Beispiele für die historische Entwicklung von der Mitteltönigkeit zu „wohltemperierten Stimmungen“.

Schriftliche Quellen Der historische Stellenwert und die bleibende Wertschätzung der Orgeln Gottfried Silbermanns äußern sich unter anderem im Interesse an der Temperatur dieser Instrumente. Von Silbermann selbst sind keine Aussagen zu seiner Orgeltemperierung überliefert. Zeitgenössische Urteile sind widersprüchlich. Johann Kuhnau beklagte in einem Brief an Johann Mattheson, dass sich Silbermann und andere Orgelbauer zur „Neidhardtischen exacten Temperatur nicht verstehen wollen“.Johann Mattheson: Critica musica. Bd. 2. Hamburg 1725, S. 235, Johann Friedrich Agricola schrieb in seinen Anmerkungen zu Musica mechanica organoedi von Jakob Adlung (Berlin 1768), dass „ächte Orgelkenner“ an Silbermanns Orgeln „die allzueigensinnige Temperatur“ tadelten, was wahrscheinlich der Meinung seines Lehrers Johann Sebastian Bach entsprach.Jakob Adlung: Musica mechanica organoedi. Bd. 2. Berlin 1768, S. 212, . Adlung äußerte in seiner Anleitung zu der musikalischen Gelahrtheit (Erfurt 1758) seine Meinung über Silbermanns Temperatur: „… er wollte durchaus die gleichschwebende bey seinen Werken nicht dulten. Er war nicht der Art, wie die erfurtischen, welche die Vorschrift von denen, so den Contract zu besorgen haben, annehmen müssen, da allezeit die gleichschwebende ausdrücklich anbefohlen …“.Jakob Adlung: Anleitung zu der musikalischen Gelahrtheit. Erfurt 1758, S. 318, .

Dagegen bezeichneten namhafte Musiker in ihren Gutachten über die Silbermann-Orgeln in der Dresdner Frauenkirche und der Zittauer Johanniskirche die Temperatur als „passable und in allen Accorden annehmlich zu gebrauchen“.Stadtarchiv Dresden, Sign. D XXXIV 28a, Bl. 4; Pfarramtsarchiv Zittau Einzeldokument bei der Akte Sign. Abt. I, Fach 1, Nr. 16. In: Kristian Wegscheider: Orgeltemperatur – ein Beitrag zum Problem der Rekonstruktion historischer Stimmungsarten bei Orgelrestaurierungen. Kultur- und Forschungsstätte Michaelstein, Michaelstein bei Blankenburg/Harz 1988, ISBN 978-3-89512-064-0, S. 71. Weiheschriften über die Silbermann-Orgeln in Reinhardtsgrimma und Ponitz lobten ausdrücklich die wolfsfreie Temperatur.Bibliothèque Municipale de Strasbourg, Sign. A 12 183, 11. Dresden, 1731, S. 7; Christian-Weise-Bibliothek Zittau, Sign. Hist. 848, S. 3.

Somit entsprach die Temperatur der genannten Orgeln den landläufigen Maßstäben, nach denen die pythagoreische Großterz als Toleranzgrenze galt, während im Umkreis Bachs die gleichstufige Temperatur angestrebt wurde.Vgl. Friedrich Wilhelm Marpurg: Versuch über die musikalische Temperatur. Breslau 1776, S. 213, . Letztere war auch durch die Einführung der Kammertonstimmung in der Kirchenmusik einiger Musikzentren unter Verwendung transponierter Chortonorgeln erforderlich geworden. Silbermann umging diese Praxis mit dem Bau einiger Orgeln in Kammertonstimmung, u. a. in der Residenzstadt Dresden.

In polemischer Form setzte sich Georg Andreas Sorge mit Silbermanns Orgeltemperatur auseinander.Georg Andreas Sorge: Gespräch zwischen einem Musico theoretico und einem Studioso musices von der Prätorianischen, Printzischen, Werckmeisterischen, Neidhardtischen und Silbermannischen Temperatur. Lobenstein 1748, . Seine Darstellung hat zwei Teile, die inhaltlich teilweise differieren: 1. die Beschreibung der angeblich angetroffenen Temperatur zweier Silbermann-Orgeln und 2. die mathematische Idealisierung. Die Beschreibung enthält Fehler und Widersprüche. Sorges Ermittlungen stützten sich allein auf die geschätzte Größe der Wolfsintervalle und sind somit unzuverlässig, was er selbst einräumte. Die daraus abgeleiteten Berechnungen sind somit hinfällig.

Peter Vier gelangte zur „Erkenntnis, dass Sorges Angaben auf unzureichenden Hörergebnissen begründet sind. Alle daraus gefolgerten Berechnungen sind nicht beweiskräftig.“Peter Vier: Die Orgelstimmung Gottfried Silbermanns nach Georg Andreas Sorge. In: Ars Organi. Heft 1, 1986, S. 14–21 (online).

Gegen Sorges Rekonstruktionsversuch sprechen vor allem folgende Fakten: Die an Silbermann-Orgeln erkennbaren Originaltemperaturen weichen deutlich von der „Silbermann-Sorge-Temperatur“ ab. Diese Temperatur steht im Widerspruch zu überlieferten zeitgenössischen Aussagen über eine (spätere) wolfsfreie Silbermann-Temperatur. Die Quintabweichungen sind in Sorges Text zunächst uneinheitlich mit , und eines (pythagoreischen) Kommas angegeben, während sich sein idealisierendes Modell auf die -Komma Variante beschränkt. Die Anzahl der musikalisch brauchbaren Dreiklänge entspricht bei „Silbermann-Sorge“ der mitteltönigen Temperatur, bietet also ihr gegenüber keinen Vorteil. Die „Silbermann-Sorge-Temperatur“ konnte stimmtechnisch mit dem zeitüblichen Schwebungsabgleich bisher nicht exakt realisiert werden. Sorge bezog sich auf Hörbefunde an den Orgeln in Greiz und Schloss Burgk. Das Instrument in Greiz wurde jedoch 1741 durch den Organisten und Orgelbauer Johann Gottfried Donati erneuert und gestimmt, 1746 ausgebessert und erneut temperiert.Herbert Hüllemann: Die Tätigkeit des Orgelbauers Gottfried Silbermann im Reußenland. Merseburger, Leipzig 1937, S. 38; Staatsarchiv Greiz, Sign. A. Rep. C, Cap. II A e, Nr. 47 b. Wegen Donatis Kontakten zur Schlossherrschaft in Burgk sind auch entsprechende Arbeiten an der dortigen Orgel möglich. Es ist also nicht sicher, ob die beiden Orgel noch die ursprüngliche Temperatur besaßen. Nach Ernst Flade übten Zeitgenossen heftige Kritik an Sorge, tadelten seine Temperatur-Theorien sowie sein „ungesittetes Betragen, seinen unnennbaren Hochmut“. Johann Mattheson rügte, dass „jener Rebell sein sogenanntes System auf lauter Triebsand getürmet und recht ausgesuchte morastische Gründe erkieset.“ Friedrich Wilhelm Marpurg äußerte spöttisch: „Was für verstimmte Ohren muß der Herr Sorge haben?“Ernst Flade: Gottfried Silbermann, ein Beitrag zur Geschichte des deutschen Orgel- und Klavierbaus im Zeitalter Bachs. Kistner & Siegel, Leipzig 1953, S. 180 f. Auch Johann Sebastian Bach sprach sich gegen Sorge aus.Philipp Spitta: Johann Sebastian Bach. Bd. 2. Leipzig 1873/1880, S. 736 f. (online).

Trotz allem wurde Sorges Konstrukt über 250 Jahre unkritisch als „Silbermann-Stimmung“ verbreitet. Bereits Jakob Adlung stützte sich allein auf Sorge, wobei er betonte, dass er keine Silbermann-Orgel kenne.Jakob Adlung: Musica mechanica organoedi. Bd. 2. Berlin 1768, S. 55, . In neueren Schriften wird die „Silbermann-Sorge-Temperatur“ mehrfach zitiert, so von Wilhelm Dupont.Wilhelm Dupont: Geschichte der musikalischen Temperatur. Orgelbau-Fachverlag Rensch, Lauffen/Neckar, Nachdruck 1986 (Erstdruck: Nördlingen 1935), ISBN 3-921848-14-8, S. 93. Herbert Kelletat berief sich auf angeblich mitteltönig gestimmte Orgeln in Mitteldeutschland und bemühte fragwürdige Legenden über das Verhältnis Johann Sebastian Bachs zu Silbermann, um Bachs Einverständnis mit Sorges „Silbermann-Stimmung“ glaubhaft zu machen. Seine rechnerische Interpretation der von Dupont übernommenen „Temperaturwerte Silbermanns“ ist überdies fehlerhaft.Herbert Kelletat: Zur musikalischen Temperatur, I. Johann Sebastian Bach und seine Zeit. Merseburger, Berlin / Kassel 1981, ISBN 3-87537-156-9, S. 22 f. Hartmut Schütz errechnete Schwebungsfrequenzen für die Silbermann-Sorge-Temperatur, ohne das Konzept dieser Stimmungsart anzuzweifeln.Hartmut Schütz: „Nothwendiger Unterricht in der musikalischen Temperatur“ – Ein Abriß der Stimmungsarten vom 15. bis zum 18. Jahrhundert. Kultur- und Forschungsstätte Michaelstein, Michaelstein/Blankenburg 1988, S. 106 ff.

Helmut K. H. Lange hielt ein außergewöhnliches Hörvermögen Sorges für möglich, seine Angaben für glaubhaft und widmete ihnen eine ausführliche Studie.Helmut K. H. Lange: Die Orgelstimmung Gottfried Silbermanns. In: Acta Organologica. Bd. 7, Berlin 1973, S. 154–188. Bernhard Billeter schränkte lediglich ein, dass Sorge „zwar ein begabter Mathematiker war, aber zum Schematisieren neigte und ohnehin die gleichschwebende Stimmung derjenigen von Silbermann vorzog.“Bernhard Billeter: Anweisung zum Stimmen von Tasteninstrumenten in verschiedenen Temperaturen (= Veröffentlichung der Gesellschaft der Orgelfreunde. Band 59). Merseburger, Kassel 1979, ISBN 978-3-87537-326-4, S. 28.

1959 veröffentlichte Arthur Eger Temperatur-Darstellungen, die sich auf Hörbefunde an den Silbermann-Orgeln im Freiberger Dom und in der Dorfkirche Ponitz bezogen.Arthur Eger: Stimmtonhöhe und Stimmungsart und ihre Probleme bei der Wiederherstellung alter wertvoller Orgeln mit einer Untersuchung der Temperatur Gottfried Silbermanns. ohne Ort, ohne Jahr [Freiberg 1959]. Entgegen seiner Annahme war die ursprüngliche Temperatur beider Orgeln nachweislich nicht erhalten. Das Ponitzer Instrument erhielt bereits 1828 „gleichschwebende“ Temperatur. Messungen anderer Autoren an der Freiberger Domorgel ergaben abweichende und unterschiedliche Ergebnisse.W. Lottermoser, E. Jenkner: Elektroakustische Messung der Stimmung der Silbermann-Orgel im Dom zu Freiberg. Bericht 1 der physikalischen Bundesanstalt zum Vorhaben Kathedrale Dresden. ohne Jahr (Typoskript Braunschweig 1968); Johannes Schubert, Gutachten vom 26. März 1980 (An Institut für Denkmalpflege Arbeitsstelle Dresden, Typoskript).

Rekonstruktion der Orgeltemperaturen Nach Frank-Harald Greß benutzte Gottfried Silbermann zwei unterschiedliche Temperaturen.Frank-Harald Greß: Die Orgeltemperaturen Gottfried Silbermanns (= Freiberger Studien zur Orgel. Band 12). Kamprad, Altenburg 2010, ISBN 978-3-930550-66-1. Der zeitgenössische Widerspruch zwischen kritischen und zustimmenden Urteilen über Silbermanns Orgeltemperatur erklärt sich aus diesen beiden unterschiedlichen Temperaturen sowie aus divergierenden Standpunkten: Konsequente Hinwendung zur Gleichstufigkeit gegenüber der Akzeptanz „wohltemperierter“ Stimmungsarten (mit tradiertem Grenzwert der pythagoreischen Großterz).

Anlässlich der Restaurierung der Freiberger Domorgel 1980/1982 führte Kristian Wegscheider Messungen an ausgerundeten Pfeifen von acht Prinzipalregistern durch. Durch Untersuchungen von Frank-Harald Greß in Zusammenarbeit mit Orgelbaumeister Wieland Rühle am relativ gut erhaltenen und restaurierten Pfeifenwerk einiger späterer Silbermann-Orgeln wurde eine zweite Silbermann-Temperatur nachgewiesen.

Silbermanns frühe Orgeltemperatur Die 1982 von Kristian Wegscheider an acht restaurierten Prinzipalregistern der Freiberger Domorgel ermittelten Cent-WerteHorst Jehmlich: Stellungnahme zum gegenwärtigen Stand der Diskussion über die Temperierung der Freiberger Domorgel. Typoskript vom 31. Oktober 1982, Blatt 5. ließen annähernd die ursprüngliche Temperatur erkennen:

Ton c cis d es e f fis g gis a b h Cent 0 84 195 303 388 499 584 698 785 892 1004 1084

Demnach stimmte Silbermann seine ersten sächsischen Orgeln annähernd mitteltönig. Das entsprach dem französisch-elsässischen Einfluss während seiner Lehr- und Wanderjahre. An der Orgel seines Bruders und Lehrmeisters Andreas Silbermann in Marmoutier ermittelte Peter Vier ebenfalls eine geringfügig modifizierte Mitteltönigkeit.Peter Vier: Zur Frage der Rekonstruktion historischer Stimmungen. In: Acta Organologica. Bd. 19. Berlin 1987, S. 232 f.

Rekonstruktion von Frank-Harald Greß