Lucien Bianchi (* 10. November 1934 in Mailand, Italien; † 30. März 1969 in Le Mans, Frankreich) war ein belgischer Autorennfahrer. Er gewann das 24-Stunden-Rennen von Le Mans und war für seine Vielseitigkeit im Motorsport bekannt. Sein jüngerer Bruder Mauro Bianchi und dessen Enkel Jules Bianchi waren ebenfalls Automobilrennfahrer.

Jugend und Herkunft Bianchi wurde als Sohn eines Alfa-Romeo-Mechanikers in Norditalien geboren. Doch zog die Familie mit dem Jugendlichen um 1950 nach Belgien, wo der Vater für den recht bekannten Amateur-Rennfahrer Johnny Claes arbeitete.

Rallyes und Sportwagenrennen Sowohl sein jüngerer Bruder Mauro als auch Lucien waren bald im Motorsport engagiert. So startete der Ältere ab 1951/52 an der Seite von Claes bei der Alpine Rallye und anderen Prüfungen. Bei der Tour de France für Sportwagen schnitt er Ende der 1950er-Jahre bemerkenswert ab. Zusammen mit Olivier Gendebien gewann er auf einem Ferrari 250 GT Berlinetta LWB die GT-Klasse dieses Rennens von 1957 bis 1959 dreimal. In den beiden anschließenden Jahren gewann er das renommierte Sportwagenrennen von Paris, das über 1000 km ging und an dem auch aktive oder ehemalige Formel-1-Piloten teilnahmen.

Sporadische Einsätze in der Formel 1 (1960–1965) mini|links|hochkant=1.3|Lucien Bianchi Im Cooper T86B beim Großen Preis der Niederlande 1968 Mit einem vierten Platz in der Formel 2 auf dem Flugplatzkurs von Zeltweg 1959 empfahl er sich für die höhere Rennwagenklasse. Während der Formel-1-Saison 1960 startete er erstmals mit einem veralteten Cooper T 51, mit dem er den sechsten Platz bei seinem ersten Rennen auf seiner Heimstrecke belegte. 1962 fuhr er zunächst mit einem Emeryson, den die Ecurie Nationale Belge einsetzte. Nach der Nichtqualifikation durch einen zu schwachen Motor setzte das Team bald einen Lotus ein, der bessere Chancen erhoffen ließ. Aber auch mit diesem Wagen war Bianchi kein Glück beschieden; er musste erneut mit technischen Problemen aufgeben. Ein Wechsel zum UDT-Laystall-Racing-Team brachte ebenfalls keine Besserung. In der Formel 1 blieben von 1963 bis 1965 größere Erfolge aus, da er nur sporadisch mit wechselnden Teams und Fahrzeugen (17 Rennen in neun Jahren unter anderem auf Lola, B.R.M.) an einzelnen Rennen teilnahm. Seine Erfolgserlebnisse holte sich Bianchi in allen anderen Motorsportklassen, egal ob es Tourenwagen, Sportwagen oder Rallyefahrzeuge waren.

Siege in Le Mans und weitere Erfolge (1962–1968) Bianchis größter Erfolg war der Sieg beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans 1968 mit einem Ford GT40, den er zusammen mit Pedro Rodríguez steuerte. Es war sein 13. „Anlauf“ auf dieses Rennen. 1963 war er zum Beispiel gemeinsam mit Phil Hill auf einer Spezialversion des Aston Martin DB4 GT an den Start gegangen, der zwar extrem schnell, aber sehr defektanfällig war. Gleich danach ist der Gewinn des schwierigen 12-Stunden-Rennens von Sebring zu nennen, das er bereits sechs Jahre zuvor mit Joakim Bonnier auf einem Ferrari Testa Rossa für sich entschieden hatte. 1964 gewann er erneut die Tour de France, diesmal auf einem Ferrari 250 GTO.

Bei dem kuriosen London-Sydney-Marathonrennen lag er mit seinem Citroën in Führung, als er mit einem normalen Verkehrsteilnehmer kollidierte und ausscheiden musste. 1961 hatten er und Georges Harris mit dem Citroën DS 19 die legendäre Liège-Sofia-Liège-Rallye gewonnen, wobei sie vermeintlich stärkere Gegner wie den Austin Healey 3000, den Mercedes 220 SE oder den Porsche Carrera distanzieren konnten. Am 28. Juli 1963 gewann Bianchi das Solitude-Rennen auf einem Abarth 1000 GT in der entsprechenden Klasse.

Seine Experimentierfreude in Sachen Motorsport trieb ihn bis in die USA. Dort versuchte er sich wie einige andere Formel-1-Piloten 1967 bei den 500-Meilen von Indianapolis erfolglos, da er bereits im offiziellen Vortraining die Kurve 1 touchierte.

Erfolge in der Formel 1 und Tod Bianchi lebte in Brüssel, wo er eine Autowerkstatt betrieb, die sich auf die Abstimmung von Sportwagen spezialisiert hatte.

1968 unterschrieb er beim Cooper-B.R.M.-Team erstmals für eine komplette Saison. Ein dritter Platz beim Grand Prix von Monaco und ein sechster Rang in Spa versprachen mehr für die Zukunft, aber im Verlauf der Formel-1-Saison 1968 hielt ihn neben mäßigen Startplätzen meist der Defektteufel auf. Bianchi hatte als Rennfahrer zwar nicht den unbedingten Qualifikationsspeed, aber die notwendigen Steherqualitäten, um auch mit schwächerem Material bessere Platzierungen zu erreichen. Gerade diese Qualitäten wurden bei Sportwagenrennen geschätzt.

Im Frühjahr 1969 kam er mit seinem Alfa Romeo T33 ums Leben, als er beim Vortraining zum 24-Stunden-Rennen von Le Mans am Ende der Mulsanne-Geraden gegen einen Telegrafenmast prallte. Mit ihm starb einer der letzten Piloten, die sowohl mit Rallyefahrzeugen und Sportwagen als auch Monopostos erfolgreich waren.

Statistik Statistik in der Automobil-Weltmeisterschaft Gesamtübersicht Saison Team Chassis Motor Rennen Siege Zweiter Dritter Poles schn.Rennrunden Punkte WM-Pos.1960 Equipe Nationale Belge Cooper T51 Climax 2.5 L4 1 − − − − −124. Fred Tuck Cars Cooper T51 Climax 2.5 L4 2 − − − − −1961 Equipe Nationale Belge Lotus 18 Climax 1.5 L4 1 − − − − −−NC UDT Laystall Racing Team Lotus 18/21 Climax 1.5 L4 2 − − − − −1962 Equipe Nationale Belge Lotus 18/21 Climax 1.5 L4 1 − − − − −−NC Ecurie Nationale Belge ENB Maserati 1.5 L4 1 − − − − − 1963 Reg Parnell Racing Lola Mk4A Climax 1.5 V8 1 − − − − − − NC 1965 Scuderia Centro Sud BRM P57 BRM 1.5 V8 1 − − − − − − NC 1968 Cooper Car Company Cooper T86B BRM 3.0 V12 7 − − 1 − − 5 17 Gesamt 17 − − 1 − − 6

Einzelergebnisse Saison 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 121959 DNQ1960 6 DNF DNF1961 DNQ DNF DNF DNF1962 9 161963 DNF1965 121968 3 6 DNF DNF NC NC DNF

Le-Mans-Ergebnisse Jahr Team Fahrzeug Teamkollege Platzierung Ausfallgrund 1956 Equipe Nationale Belge Ferrari 500 TR Alain de Changy Ausfall Lenkung 1957 Ecurie Francorchamps Ferrari 500TRC Georges Harris Rang 7 und Klassensieg 1958 Ecurie Francorchamps Ferrari 250TR Willy Mairesse Ausfall Unfall 1959 Equipe Nationale Belge Ferrari 250TR 58 Alain de Changy Ausfall Benzinpumpe 1960 Equipe Nationale Belge Ferrari 250 GT SWB Jean Blaton Ausfall Unfall 1961 Ecurie Francorchamps Ferrari 250 GT SWB Georges Berger Ausfall Kupplungsschaden 1962 Maserati France Maserati Tipo 151 Maurice Trintignant Ausfall Aufhängung 1963 Aston Martin Lagonda Ltd. Aston Martin DP215 Phil Hill Ausfall Getriebeschaden 1964 Equipe Nationale Belge Ferrari 250 GTO Jean Blaton Rang 5 und Klassensieg 1965 Maranello Concessionaires Ferrari 250LM Mike Salmon Ausfall Getriebeschaden 1966 Holman & Moody Ford GT40 Mk.II Mario Andretti Ausfall Zylinder überhitzt 1967 Holman & Moody Ford Mk.IV Mario Andretti Ausfall Unfall 1968 John Wyer Automotive Ford GT40 Pedro Rodríguez Gesamtsieg

Sebring-Ergebnisse Jahr Team Fahrzeug Teamkollege Platzierung Ausfallgrund 1962 Scuderia SSS Repubblica di Venezia Ferrari 250 TRI/61 Joakim Bonnier Gesamtsieg 1966 Autodelta SpA Alfa Romeo Giulia TZ2 Bernard Consten Ausfall Getriebeschaden 1969 Autodelta S.P.A. Alfa Romeo T33/3 Nino Vaccarella Ausfall Motor überhitzt

24-Stunden-von-Spa-Ergebnisse

Jahr Team Fahrzeug Teamkollege Platzierung Ausfallgrund 1964 Alfa Romeo Automobiles S.p.A. Alfa Romeo Giulia TI Super Fernand Masoero Rang 4 und Klassensieg 1966 Alfa Romeo Automobiles S.p.A. Alfa Romeo 1600 GTA Giancarlo Baghetti Ausfall Kolbenschaden

Einzelergebnisse in der Sportwagen-Weltmeisterschaft Saison Team Rennwagen 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 1957 Ecurie Francorchamps Ferrari 500TRC 7 1958 Ecurie Francorchamps Ferrari 250TR DNF 1959 Equipe Nationale Belge Ferrari 250 GTFerrari 250TR 14 DNF 1960 Jo SchlesserEquipe Nationale Belge Ferrari 250 GT 11 DNF 1961 Ecurie Francorchamps Porsche 356 13 DNF 1962 Scuderia SerenissimaMaserati FranceEcurie FrancorchampsEquipe Nationale Belge Ferrari 250TRIMaserati Tipo 151Abarth-Simca 1300 BialberoFerrari 250 GTO 1 DNF 10 5 1963 AbarthAston MartinMaserati FranceScuderia Serenissima Abarth-Simca 1300 BialberoAston Martin DP215Maserati Tipo 151Fiat-Abarth 1000 BerlinaFerrari 250 GTO DNF DNF 8 6 3 2 1964 David PiperAlpineEcurie Francorchamps Ferrari 250 GTOAlpine M63 2 15 DNF 4 5 9 1 5 1965 Ecurie FrancorchampsAutodeltaMaranello ConcessionairesAlpine Ferrari 250LMAlfa Romeo TZAlpine A210Alpine M65 DNF 7 DNF 7 1 1966 Ecurie FrancorchampsAutodeltaHolman & Moody Ferrari 365P2Alfa Romeo TZFord GT40 DNF DNF DNF 10 DNF 13 DNF 1967 Carroll Shelby InternationalMaranello ConcessionairesPorscheHolman & MoodyAutodelta Ford GT40Ferrari 412PPorsche 910Alfa Romeo T33 7 3 4 DNF DNF DNF 1968 AutodeltaAlfa Romeo DeutschlandJ. W. Automotive Alfa Romeo T33Ford GT40 6 DNF 3 7 1 1 1969 Autodelta Alfa Romeo T33 DNF

Literatur Lucien Bianchi: Mes Rallyes. Flammarion, Paris 1969.

Weblinks

Biographie (engl.) Biographie (frz.) Tour de France für Automobile Galerie der Le Mans-Sieger

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