mini|Yahyā ibn Chālid schenkt einem Mann, der ihm ein Gedicht vorgetragen hat, 16.000 Dinar für seine Hochzeit. Illustriertes Manuskript des persischen Geschichtswerks Tārīḫ-i alfī, das 1594 am Mogulhof erstellt wurde. Yahyā ibn Chālid al-Barmakī ( gest. am 29. November 805 bei ar-Raqqa) war das prominenteste Mitglied der Barmakiden-Familie. Er wirkte zunächst als Erzieher und Lehrer des abbasidischen Kalifen Hārūn ar-Raschīd und diente ihm von seinem Herrschaftsantritt im Jahre 786 bis zum Jahr 803 als Wesir mit zeitweise nahezu unbeschränkten Vollmachten. Der noch junge Kalif hatte so großen Respekt vor ihm, dass er ihn stets als „Vater“ ansprach.Ibn Ḫallikān: Wafayāt al-aʿyān wa-anbāʾ abnāʾ az-zamān. Band VI, S. 221. Auch Yahyās Söhne al-Fadl und Dschaʿfar nahmen im Reich hohe politische Ämter wahr. Im Jahre 803 fiel jedoch die ganze Barmakiden-Familie plötzlich in Ungnade, und Yahyā wurde bis zu seinem Tod inhaftiert.

Jenseits des politischen Geschehens war Yahyā ibn Chālid ein bedeutender Förderer von Medizin, Astronomie, Literatur und Musik. Außerdem versammelte er um sich einen Kreis von Gelehrten unterschiedlicher religiöser Richtungen, die in seinem Haus Kalām-Diskussionen abhielten. Einige Gelehrten betrachteten ihn auch als den eigentlichen Initiator der gräko-arabischen Übersetzungsbewegung. Darüber hinaus werden viele Aphorismen von ihm überliefert. Des Weiteren war Yahyā ibn Chālid sehr bekannt für seine Freigebigkeit.Yāqūt al-Ḥamawī: Muʿǧam al-udabāʾ. 1993, S. 2809. Der Kalif al-Ma'mūn soll ihn und seine Söhne wegen ihrer Fähigkeit, Eloquenz, Großzügig- und Tapferkeit sehr gepriesen haben. Lucien Bouvat meinte, dass mit der Machtübernahme Yahyās die brillanteste Periode des arabischen Kalifats begonnen habe. Mit ihm und seinen Söhnen habe die arabische Zivilisation ihren Höhepunkt erreicht und der Kalifenhof den größten Glanz besessen.Bouvat: Les Barmécides d'après les historiens arabes et persans. 1912, S. 42.

Familiärer Hintergrund Yahyās Großvater Barmak war der Vorsteher des buddhistischen Klosters Naubahār in Balch gewesen.Wassili Wladimirowitsch Bartold: Barmakiden in Enzyklopaedie des Islam Bd. I, S. 691–693. Hier S. 691. Digitalisat Sein Sohn Chālid gelangte während der abbasidischen Revolution zu einer Führungsposition. Als Abū Muslim al-Chorāsānī seinen Feldherrn Qahtaba ibn Schabīb at-Tā'ī nach Westen schickte, um gegen Yazīd ibn ʿUmar Ibn Hubaira al-Fazārī, den irakischen Statthalter von Marwān ibn Muhammad, zu kämpfen, befand sich Chālid in seiner Begleitung. Zwischen 749 und 753 war er in der neuen abbasidischen Regierung für die finanzielle Verwaltung der Grundsteuer und der Armee verantwortlich und hatte damit einen der mächtigsten Posten im Reich.Ibn Ḫallikān: Wafayāt al-aʿyān wa-anbāʾ abnāʾ az-zamān. Band VI, S. 219 f. Die Barmakiden hatten zu Yahyās Zeit noch große Ländereien in Tocharistan. Yahyā selbst besaß ein vermögendes Dorf namens Rāwan östlich von Balch.Yāqūt ar-Rūmī: Kitāb Muʿǧam al-buldān. Ed. F. Wüstenfeld. Brockhaus, Leipzig, 1868. Band II, S. 742. (In MENAdoc).

Politische Laufbahn Als Prinzenerzieher unter al-Mansūr Yahyā begann seine politische Karriere als Assistent seines Vaters, als dieser für sieben Jahre Statthalter von Tabaristan und Raiy war. Während sich Chālid in Tabaristān aufhielt, setzte er seinen Sohn Yahyā als Stellvertreter in Raiy ein. Als al-Mansūr seinen Sohn al-Mahdī als Statthalter nach Raiy schickte, stellte sich Yahyā in seinen Dienst und leistete ihm Gesellschaft. Im Jahre 766 gebar al-Mahdīs Frau al-Chaizurān ihren Sohn, den späteren Kalifen Harūn ar-Raschīd. Yahyās Sohn al-Fadl war nur ein Jahr älter. Al-Chaizurān gab al-Fadl die Brust, und Hārūn wurde von Yahyās Frau Zubaida bint al-Munīr gestillt. Auf diese Weise entstand zwischen beiden Familien eine Milchverwandtschaft.al-Ǧahšiyārī: Kitāb al-Wuzarāʾ wa-l-kuttāb. 1938, S. 203. Yahyā wurde auch zum wichtigsten Erzieher von Hārūn.Bouvat: Les Barmécides d'après les historiens arabes et persans. 1912, S. 41.

Als im Jahre 774 der Kalif al-Mansūr von Chālid eine Summe von drei Millionen Dirham forderte und ihm mit dem Tode drohte, wenn er sie nicht innerhalb von drei Tagen aufbrächte, war es Yahyā, der seinem Vater das Leben rettete, indem er das Geld bei einem Händler namens ʿUmāra ibn Hamza lieh.Bouvat: Les Barmécides d'après les historiens arabes et persans. 1912, S. 42.

Als Hārūns Bevollmächtigter unter al-Mahdī Nachdem al-Mahdī 775 den Thron bestiegen hatte, nahm Yahyā 779/80 er an einer Militärexpedition gegen das Byzantinische Reich teil, mit der der Kalif seinen Vater Chālid beauftragt hatte und an der auch Hārūn ar-Raschīd, der damals als Thronfolger eingesetzt war, teilnahm. Yahyā war bei dieser Expedition für die Ausgaben und die Verwaltung des Heeres zuständig, wobei Hārūn ihm unbeschränkte Vollmacht gab.aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. 1881, Band III, S. 497. Yahyās Vater Chālid starb auf dieser Expedition, doch konnte Yahyā seine politische Position festigen. Sie war auf die enge Beziehung zu Hārūn gestützt, den al-Mahdī als zweiten Thronfolger nach seinem Sohn Mūsā eingesetzt hatte.Kennedy: The Early Abbasid Caliphate. A Political History. 1981. S. 102.

Im selben Jahr ernannte al-Mahdī seinen Sohn Hārūn zum nominellen Statthalter über die westliche Hälfte des Reiches von al-Anbār bis nach Ifrīqiya und beauftragte Yahyā, die Regierung über diese Gebiete zu übernehmen. So hatte er bis zum Tod al-Mahdīs die Kontrolle über alle diese Provinzen mit ihren Kanzleien inne und fungierte als Hārūns Bevollmächtigter.aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. 1881, Band III, S. 545. – Engl. Übers. S. 4.

Die Konfrontation mit dem Kalifen al-Hādī Al-Mahdī' hatte schon 776 seinen älteren Sohn Mūsā al-Hādī als Thronfolger eingesetzt und 782 verfügt, dass Hārūn ar-Raschīd ihm auf den Thron folgen sollte. Kurz vor seinem Tode gab es Gerüchte, dass er die Thronfolgeregelung zugunsten Hārūn abändern wollte, womit Mūsā allerdings nicht einverstanden war. Als al-Mahdī im August 785 bei einem Jagdunfall am Fuße des Zagros-Gebirges starb, waren Hārūn und Yahyā bei ihm, während sich Mūsā hunderte Meilen entfernt in Gurgan befand.Kennedy: The Early Abbasid Caliphate. 1981, S. 106–108. Die Machtübergabe erfolgte aber friedlich. Yahyā gab seinem Schützling Hārūn den Rat, freiwillig zurückzutreten und seinem Bruder zu huldigen, worauf Mūsā unter dem Namen al-Hādī als Kalif anerkannt wurde. Der Kalif bestätigte Yahyā zunächst in seinem Amt als Tutor und Berater Hārūns sowie als Verwalter der westlichen Reichshälfte im Namen Hārūns.aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. 1881, Band III, S. 546. – Engl. Übers. S. 6.

Al-Mahdī hatte Hārūn ar-Raschīd als Nachfolger von al-Hādī designiert. Der neue Kalif wollte jedoch seinem eigenen Sohne Dschaʿfar die Thronfolge sichern und befahl, diesem als künftigem Nachfolger den Treueid zu leisten. Yazīd asch-Schaibānī, ʿAbd Al-Malik ibn Mālik, ʿAlī ibn ʿĪsā und einige andere Große des Reiches erkannten Dschaʿfar als Nachfolger an. Yahyā dagegen, der sich mit al-Chaizurān für Hārūn einsetzte, weigerte sich und lehnte es auch ab, 20.000 Dinar, die ihm al-Hādī für seinen Treueid anbot, anzunehmen. Er verwies darauf, dass Dschaʿfar noch zu jung für die Herrschaft sei und der Wille al-Mahdīs respektiert werden müsste.Bouvat: Les Barmécides d'après les historiens arabes et persans. 1912, S. 45.

Hārūn selbst war in dieser Situation bereit, auf die Thronfolge zu verzichten, doch riet ihm Yahyā dies nicht zu tun. Nach at-Tabarī wurden dem Kalifen Gerüchte zugetragen, dass er und sein Bruder eigentlich keine Differenzen hätten, sondern es allein Yahyā ibn Chālid sei, der einen schlechten Einfluss auf seinen Bruder ausübe. Diese Gerüchte brachten Mūsā al-Hādī gegen Yahyā ibn Chālid auf.aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. 1881, Band III, S. 572 f. – Engl. Übers. S. 47 f. Er drohte Yahyā mit Tötung und bezichtigte ihn des Unglaubens.aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. 1881, Band III, S. 573. – Engl. Übers. S. 49. Nachdem ihm Yahyā seine Loyalität zugesichert hatte, machte al-Hādī ihn kurzzeitig zu seinem Zechgenossen.aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. 1881, Band III, S. 573. – Engl. Übers. S. 48 f. Den Plänen des Kalifen, seinen Bruder Hārūn der Thronfolge zu berauben, verweigerte Yahyā jedoch seine Zustimmung.aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. 1881, Band III, S. 574. – Engl. Übers. S. 49 f. Der Kalif setzte ihn daraufhin unter Druck und drohte ihm mit dem Tod. Auch al-Chaizurān drängte Yahyā, in die Pläne al-Hādīs einzuwilligen, weil sie fürchtete, dass al-Hādī Hārūn umbringen könnte. Yahyā beharrte jedoch auf seiner Position, blieb bei Hārūn und wohnte bei ihm im Chuld-Palast in Baghdad.aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. 1881, Band III, S. 575 f. – Engl. Übers. S. 52. Als al-Hādī 786 erkrankte, fassten diejenigen, die al-Hādīs Sohn Dschaʿfar den Treueid geleistet hatten, den Plan, Yahya zu ermorden, gaben diesen Plan jedoch wieder auf, weil sie fürchteten, dass sie al-Hādī im Falle seiner Genesung bestrafen würde.aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. 1881, Band III, S. 578. – Engl. Übers. S. 55. Nach einem Bericht, den al-Yaʿqūbī zitiert, ließ al-Hādī jedoch Yahyā und Hārūn ar-Raschīd einsperren, und die beiden blieben in Haft, bis al-Hādī starb.Al-Yaʿqūbī: Taʾrīḫ. 1883, Band II, 490.

Als Mūsā al-Hādī in der Nacht zum 25. September 786 im Sterben lag,Bouvat: Les Barmécides d'après les historiens arabes et persans. 1912, S. 46. starb, sandte al-Chaizurān eine Nachricht an Yahyā, informierte ihn über al-Hādīs bevorstehenden Tod und forderte ihn auf, zu tun, was notwendig ist. Yahyā ibn Chālid rief daraufhin die Sekretäre in dem Haus seines Sohns Fadl zusammen. Sie verbrachten die ganze Nacht damit, Briefe von ar-Raschīd an die Provinzgouverneure zu schreiben, in denen sie diese über al-Hādīs bevorstehenden Tod informierten und in ihren Ämtern bestätigten.aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. 1881, Band III, S. 578. – Engl. Übers. S. 55 f. Nach einem anderen Bericht, den at-Tabarī zitiert, war es al-Chaizurān selbst, die ihren Sohn al-Hādī ermorden ließ, wobei sie nach seinem Tod eine Nachricht an Yahyā schickte und ihn aufforderte, zu handeln.aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. 1881, Band III, S. 571. – Engl. Übers. S. 45.

Als Wesir unter Hārūn ar-Raschīd Nachdem Hārūn ar-Raschīd im September 786 den Thron bestiegen hatte, ernannte er Yahyā ibn Chālid zum Wesir mit großen Vollmachten in allen Regierungsangelegenheiten. Nach einem Bericht, den al-Dschahschiyārī,al-Ǧaḥšiyārī: Kitāb al-Wuzarāʾ wa-l-kuttāb. 1938, S. 177. at-Tabarīaṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. 1881, Band III, S. 603f. – Engl. Übers. S. 98. und al-MasʿūdīAl-Masʿūdī: Murūǧ aḏ-ḏahab wa-maʿādin al-ǧauhar. 1871, Band VI, S. 288. mit fast identischen Worten überliefern, sagte er bei dieser Gelegenheit Yahyā ibn Chālid:

Machtbefugnisse Nach al-Dschahschiyārī war Yahyā der erste Wesir, der mit Befehlsgewalt ausgestattet wurde. Allerdings führte zunächst die Kalifenmutter al-Chaizurān die Oberaufsicht über die Regierung. Und Yahyā pflegte ihr die Angelegenheiten vorzulegen und ihren Rat einzuholen. Erst nach al-Chaizurāns Tod war Yahyā der eigentliche Staatschef, wobei er die Macht zeitweise mit seinen Söhnen Fadl und Dschaʿfar teilte.Bouvat: Les Barmécides d'après les historiens arabes et persans. 1912, S. 75 f. Allerdings sind die Angaben zu dem Zeitpunkt, an dem Yahyā vom Kalifen unbeschränkte Machtbefugnisse erhielt, widersprüchlich. Nach at-Tabarī geschah dies erst im Jahre 794, nachdem Yahyā einen Aufstand in Ifrīqiya durch Verhandlungen erfolgreich beendet hatte.aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. 1881, Band III, S. 631. – Engl. Übers. S. 143.