Die Erwin Behr Möbelfabrik in Wendlingen bestand von 1912 bis 2007 und war für die Möbelbranche ein richtungsweisendes Unternehmen. Es brachte ab den 1930er Jahren nicht nur die Spanplatte nach der Erfindung von Max Himmelheber auf den Markt, sondern auch das Formholz, das bei der Möbelfertigung, aber auch im Flugzeugbau und später in der Automobilindustrie mit der Verkleidung von Autotüren und Armaturenbrettern mit Edelhölzern zum Einsatz kam. Behr stellte das Möbelgeschäft um das Jahr 2000 sukzessive ein und konzentrierte sich ausschließlich auf das Automobilgeschäft. 2007 endete das Unternehmen in einem Insolvenzverfahren. Mit dem Möbelhaus Behr Einrichtung GmbH in Wendlingen und dem Möbelhersteller behr international GmbH & Co. KG in Osnabrück sind noch zwei Nachfolgegesellschaften erfolgreich am Markt tätig.
Geschichte
Aufstieg mini|Erwin Behr, Gründer der Erwin Behr Möbelfabrik (1920)
Gründung der Erwin Behr Möbelwerke Erwin Behr (*14. Mai 1857, †11. Mai 1931) erlernte das Möbelgeschäft als Mitarbeiter und später auch Gesellschafter der Königl. Württ. Hofmöbelfabrik E. Epple & Ege in Stuttgart. Dort schied er 1910 wegen Streitigkeiten mit dem Mitgesellschafter Wilhelm Schildknecht aus und überließ diesem seine Geschäftsanteile zu einem guten Kaufpreis. Mit diesem gründete Erwin Behr 1912 im Alter von 55 Jahren in Wendlingen die Erwin Behr Möbelfabrik mit dem Ziel, Qualitätsmöbel in Serienproduktion zu erschwinglichen Preisen herzustellen. Funktionalität, Klarheit der Form sowie hochwertige Qualität sollten die wuchtigen Möbel der Gründerzeit und die Verspieltheit des Jugendstils ablösen.Erwin Behr jun.: Erwin Behr 1857 bis 1931, eine Ansprache seines Sohnes Erwin Behr vom 4. November 1987, Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg Wilhelm Schildknecht führte E. Epple & Ege allein weiter und nannte es in Württembergische Möbelfabriken Schildknecht & Cie. um. Auf dem Stuttgarter Möbelmarkt blieb er ein harter Konkurrent zu Behr.Emil Kühn: Der dreifache Weg in die Zukunft, Ansprache Dr. Ing. Emil Kühn zum 40-jährigen Betriebsjubiläum von Erwin Behr am 5. Juli 1952, Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg
Erwin Behr verwirklichte seine Ideen zu zeitgemäßen Möbeln für das 20. Jahrhundert in einer großzügig angelegten Möbelfabrik, die er auf der grünen Wiese in Wendlingen erstellte. Der Standort war auf dem Land nicht nur preiswert, sondern in Wendlingen gab es viele kleine Schreinerbetriebe, von denen sich Behr personelle Unterstützung erhoffte und bekam. Wichtig war auch der nahe Bahnanschluss in Oberboihingen. Schon im Gründungsjahr beschäftigte Erwin Behr 284 Arbeitnehmer. Fast alle Angestellte von Epple & Ege folgten ihm nach Wendlingen. Diese hohe Zahl an Beschäftigten, mit denen Erwin Behr begann, ergab sich weil er nicht nur Möbel herstellte, sondern auch in einem Einrichtungshaus mit 50 Ausstellungsräumen, das bei der Möbelfabrik entstand, an Privatkunden verkaufte.Margarete Kempter: Ansprache zu Erwin Behr am 15. November 1976, Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg mini|Postkarte mit der Fabrik von Erwin Behr in Wendlingen
Erster Weltkrieg Mit Beginn des Ersten Weltkriegs ging die Nachfrage nach Möbeln stark zurück. Erwin Behr glich dies aus, indem er die deutsche Wehrmacht mit Maschinengewehr-, Sanitäts-, Kartuschen-, Train- und Leiterwagen, sowie Kasten für Granaten, Maschinengewehrzubehör, aber auch mit Geschosskörben, Tornister, Patronen-, Revolver- und Kartentaschen, Zaumzeugen, Gewehrriemen und Sätteln belieferte. Die Umsätze mit der deutschen Wehrmacht machten während des Ersten Weltkriegs drei Viertel seiner Umsätze aus. König Wilhelm II von Württemberg verlieh drei leitenden Mitarbeitern von Behr das Wilhelmskreuz als Anerkennung für „treue und tatkräftige Arbeit zur Erhaltung der Schlagfertigkeit der württembergischen Armee“.Erwin Behr Möbelfabrik: Bericht zur Tätigkeit der Erwin Behr Möbelfabrik während des 1. Weltkriegs vom 3. Oktober 1939, Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg Die Belegschaft, einschließlich der Heimarbeiter und Kriegsgefangenen betrug bis zu 858 Lohn- und 36 Gehaltsempfänger.
Weimarer Republik Schon 1921 verkaufte Behr seine Möbel auch in Ulm und in Ravensburg. Das Einrichtungshaus im Hindenburgbau in Stuttgart war in der Region führend für hochwertige Möbel. 1921 brachte Behr ein An- und Aufbau-Möbelproramm aus genormten Kasten- und Regalelementen nach Entwürfen des Wiener Architekten und Möbeldesigners Franz Schuster auf den Markt. In verschiedenen Breiten konnten Schränke und Regale nach individuellen Bedürfnissen zusammengestellt werden. Dieses Konzept behielt Behr über Jahrzehnte bei.Steffen Seischab: Modernes Wohnen und geistige Erneuerung. Die Wendlinger Möbelfabrik Erwin Behr und der Anthroposophische Gedanke. In: Schwäbische Heimat, Jahrgang 2021, Heft 3, Seite 69.
Erwin Behr jun. Sohn Erwin jun. sollte nach den Vorstellungen seines Vaters in der Geschäftsführung folgen. Er begann 1919 mit einer einjährigen Schreinerlehre und absolvierte anschließend eine zweijährige kaufmännische Lehre im väterlichen Betrieb. Dann ging er für fast 7 Jahre nach Südamerika. In Valparaiso in Chile gründete er mit Martin Springer, einem deutschen dort lebenden Architekten, im Februar 1926 ein Möbelgeschäft. 1929 kehrte Erwin Behr jun. nach Wendlingen zurück und arbeitete im väterlichen Betrieb als Prokurist. Nach dem Tod des Vaters 1931 kam er in die Geschäftsführung. Seine Beteiligung an der Gesellschaft in Valparaiso gab er 1935 auf. mini|Werbeplakat mit einem Lenkrad aus Behr-Formholz von 1937
Formholz Das Unternehmen baute seit dem Jahr 1932 Gehäuse aus Holz für Rundfunkempfänger. In Stahlformen wurden Furniere kreuzweise verleimt und verpresst. Das neue Produkt wurde Formholz genannt. Damit fand Behr Zugang zu der gerade entstehenden Radioindustrie. Das Formholz fand dann auch bei anderen Produkten wie bei Scharnieren für Möbeltüren und im Flugzeugbau Anwendung. Dank dieser Innovation konnte Behr die Weltwirtschaftskrise überstehen.Erwin Behr Möbelwerke: Firmenschrift vom Februar 1952, Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg 1937 feierte Behr mit 800 Mitarbeitern das 25-jährige Bestehen.Festschrift zum 25-jährigen Bestehen der Erwin Behr Möbelfabrik, Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg
Zweiter Weltkrieg Auch im Zweiten Weltkrieg war Behr durch Lieferungen an die Wehrmacht vollbeschäftigt. Unter anderem wurden für die Flugzeugbauer Ernst Heinkel und Messerschmitt AG Flugzeugnasen und Leitwerke aus Formholz hergestellt.
Nachkriegszeit Dass das Werk in Wendlingen keine Kriegsbeschädigungen erlitt und nahtlos bis Kriegsende arbeiten konnte, sowie der Rohstoff Holz unbegrenzt zur Verfügung stand, erleichterte den Start in die Nachkriegszeit. Ab 1949 stattete Behr die Automobile von Daimler, insbesondere das Armaturenbrett und die Türverkleidung, mit Holzformteilen aus. Aber auch im Möbelbereich war das Unternehmen wieder erfolgreich tätig.
Die Mangelwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg führte bei Behr zur Entwicklung der sogenannten Behr-Kunstspan-Platte nach der Erfindung von Max Himmelheber. Aus Spanholz wurden Regalbretter hergestellt, die im Gegensatz zu Massivholz wesentlich preiswerter hergestellt werden konnten. Außerdem hatte Spanholz die Eigenschaft, dass es sich nicht verzog. Behr ließ sich seine Spanplatte 1950 patentieren und vergab Lizenzen an über 50 Spanplattenfabriken weltweit, unter anderem in den USA, in Japan, Australien und in der Sowjetunion. Die Technik wurde unter dem Namen Behr-Himmelheber-Verfahren bekannt.
1956 brachte Behr ein neues An- und Aufbaumöbelprogramm unter dem Namen „BMZ“, eine Weiterentwicklung der Anbaumöbel der 1920er Jahre. BMZ stand für „Behr Möbel Zerlegbar“.
Der Behr-Konzern
Firmengruppe Behr war 1975 mit einem Umsatz von 80 Mio. DM und 1000 Beschäftigten eine bedeutende Unternehmensgruppe auf dem Möbelmarkt. Kernunternehmen der Behr-Gruppe war die Erwin Behr-Industrie GmbH & Co. KG als Besitzgesellschaft. Produktions- und Vertriebsgesellschaft war die Erwin Behr GmbH & Co. KG. Unter den Firmen Behr-Möbel-GmbH wurden die Einrichtungshäuser in Stuttgart im Hindenburgbau gegenüber dem Hauptbahnhof, in Wendlingen bei der Produktionsstätte, in Ulm und Ravensburg betrieben. In Frankfurt und Düsseldorf wurden zwei Einrichtungshäuser in einem Joint-Venture unter Interior Behr und Döhler GmbH unterhalten. In Möbelgeschäften wurden Behr-Studios eingerichtet, von denen es 44 in Städten in Deutschland, 15 in Frankreich, 8 in der Schweiz, je 4 in Belgien und den Niederlanden, 3 in Österreich und jeweils ein Studio in England und Italien gab. In diesen Studios wurden hochwertige Möbel angeboten, die überwiegend nicht in der eigenen Fabrik hergestellt wurden.
Aufgrund der steigenden Verkäufe konnten die Produktionskapazitäten erweitert werden. Am 2. Oktober 1978 erwarb Behr aus dem Konkurs der Körting Radio Werke GmbH, Grassau, das Möbelwerk Wallerstein bei Nördlingen mit 120 Arbeitnehmern, in dem Gehäuse für Radio- und Fernsehgeräte sowie Musiktruhen hergestellt wurden. Behr führte den Standort unter der Firma Behr Holzindustrie GmbH weiter. Erst später wurde es für Autozierteile insbesondere die Ausstattung der S-Klasse für Daimler genutzt. Bei Behr wuchs fortan der Automobilbereich schneller als der Möbelbereich. Neben Daimler wurden auch Audi und Porsche beliefert.Volker Grub: Insolvenzbericht zum Berichtstermin vom 18. Februar 2008 im Verfahren der Erwin Behr Automotive GmbH, Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg, Y 517
Familie Behr verliert ihre Mehrheit Behr bekam Wettbewerber, so die Firmen Interlübke aus Rheda-Wiedenbrück und Hülsta aus Stadtlohn, die ihre Möbel deutlich preisgünstiger und zum Teil in den Gefängnissen der DDR herstellen ließen und ihre Produkte als Schrankwand auf den Markt brachten.
Im Jahr 1979 wurde bei Behr ein Verlust von 6 Mio. DM ausgewiesen. Die Gesellschafter mussten Kapital nachschießen, wozu jedoch nicht alle Gesellschafter bereit oder in der Lage waren. Die Geschäftsführung vermittelte den Kontakt zu zwei syrischen Geschäftsleuten aus Damaskus, Rechtsanwalt Samir Sarkis und Michel Karkour, Vertreter von Daimler in Syrien. Beide übernahmen zum 1. September 1980 mit 51,2 % die Mehrheit der Geschäftsanteile der Behr-Industrie GmbH & Co. KG in Wendlingen. Anschließend waren die Familien Behr nicht mehr in der Geschäftsführung vertreten.Gesellschaftsvertrag der Behr-Industrie GmbH & Co. KG aus dem Jahr 1980, Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg
Behr gibt das Möbelgeschäft auf Am 19. Mai 1998 beschlossen die Gesellschafter, das Automobilgeschäft in der Behr Holzindustrie GmbH in Wallerstein zu konzentrieren, die in Erwin Behr Automotive GmbH umbenannt und deren Sitz von Wallerstein nach Wendlingen verlegt wurde. Die Gesellschafter sahen die Zukunft des Unternehmens nur noch als Zulieferer der Automobilindustrie.
Der unter Behr International GmbH geführte Möbelbereich beschäftigte noch 60 Arbeitnehmer und erzielte einen Umsatz von 16 Mio. DM. Er wurde am 1. Mai 2000 an die Kruse & Meinert AG in Kirchlengern veräußert. Diese gab die Produktion am Standort in Wendlingen alsbald auf und verlegte sie an ihren eigenen Firmensitz. Doch schon im September 2003 meldete Kruse & Meinert ein Insolvenzverfahren an, aus dem Dieter Neumann die Behr-International GmbH erwarb und bis heute unter diesem Namen weiterführt.