Das Kastell Mothana oder Motha, , ist ein lediglich durch Inschriften dokumentiertes römisches Kohortenkastell bei Imtan, einem Dorf im Gouvernement as-Suwaida im Süden Syriens. Der im Gegensatz zu vielen anderen Kastellplätzen im Hauran durch lokal aufgefundene Steindenkmäler, die Notitia dignitatum, einem spätrömischen Staatshandbuch und dem gegen 570 verfassten Brief der Archimandriten der Provinz Arabia relativ gut dokumentierte Garnisonsort konnte als archäologischer Befund mit dem zugehörigen Lagerdorf (Vicus) bisher nicht entdeckt werden.
Lage Der syrische Ort Imtan, der 1909 als Drusen-Dorf beschrieben wird,Howard Crosby Butler (Hrsg.): Syria. Publications of the Princeton University Archaeological Expeditions to Syria in 1904–5 and 1909 (Div. 2, Sect. A; 2), Princeton University 1909, S. 143. befindet sich in relativ flacher topographischer Lage auf über 1250 Höhenmetern südlich des Jebel el-Druze. In prähistorischer Zeit hinterließen die durch basaltischen Vulkanismus entstandene mächtigen Lavafelder im weiten Umfeld des Jebel eine ausgeprägte Basaltwüste, die sich durch den südsyrischen Hauran bis nach Jordanien hinzieht.Alison V. G. Betts: The prehistory of the basalt desert, Transjordan. An analysis. London University, Institute of Archaeology, London 1986, S. 15–16, Abb. 1.4. (Dissertation)Samuel Thomas Parker, Paul M. McDermott: A Military Building Inscription from Roman Arabia. In: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik 28 (1978), S. 61–66; hier: S. 61. Die syrisch-jordanischen Grenze verläuft mehrere Kilometer südlich. Das Wetter kann auf dem hochgelegenen Basaltplateau des Hauran empfindlich kalt werden.
Forschungsgeschichte mini|300px|Der erst im 20. Jahrhundert stark gewachsene Ort Imtan im Jahr 2008 Der Ort hatte bereits im 19. Jahrhundert nichts mehr von seinen antiken Bauten bewahrt. Offenbar sind diese schon vor langer Zeit in großem Umfang zerstört worden. Nur einige steinerne Dekorationselemente sind als Spolien an einigen Häusern verbaut worden. Dies könnte erklären, weshalb sich nur relativ wenige Reisende und Gelehrte in der Vergangenheit für dieses Dorf interessierten.Annie Sartre-Fauriat: Mothana-Imtan: un village de garnison en Arabie. In: Syria. Band 93, 2016, S. 67–81. Bekannt wurden der deutsche Diplomat und Orientalist Johann Gottfried Wetzstein (1815–1905), der 1858 als erster wichtige Inschriften aus Mothana erfasste und 1863 veröffentlichte.Johann Gottfried Wetzstein: Ausgewählte griechische und lateinische Inschriften, gesammelt auf den Reisen in den Trachonen und um das Haurângebirge. Königliche Akademie der Wissenschaften, Berlin 1864, S. 281–285. Ihm folgte 1861 der französische Althistoriker und Politiker William Henry Waddington (1826–1894), der ebenfalls Inschriften dokumentierte.William Henry Waddington: Inscriptions grecques et latines de la Syrie. Didot, Paris 1870, S. 480–481. In den Jahren 1899 und 1901 waren der französische Altorientalist René Dussaud (1868–1958) und der orientalische Sprachexperte Frédéric Macler (1869–1938) Expeditionen, um die südsyrische Safa-Region und den Jebel el-Druze methodisch zu erkunden.Henri Seyrig: René Dussaud (24 décembre 1868–17 mars 1958). In: Syria. Band 36, Heft 1/2 (1959), S. 1–7; hier: S. 2 (Digitalisat).René Dussaud, Frédéric Macler: Voyage archéologique au Ṣafâ et dans le Djebel ed-Drûz. Leroux, Paris 1901, S. 167–175. Nach ihnen folgte 1909 eine von mehreren Syrien-Expeditionen unter der Schirmherrschaft der amerikanischen Princeton University, die der Archäologe Howard Crosby Butler (1872–1922) leitete.Howard Crosby Butler, Enno Littmann: Syria. Publications of the Princeton University Archaeological Expeditions to Syria in 1904–5 and 1909. Brill, Leiden 1949, S. 143. Der französische Archäologe Maurice Dunand (1898–1987) besuchte 1929 Imtan. Zuletzt machte der deutsche Althistoriker Theodor Kissel in der Fachwelt von sich Reden, nachdem er im Herbst 1999 mit einem neuen wichtigen Inschriftenfund aus Imtan aufwarten konnte.Theodor Kissel: Der Meilenstein von Imtan. Ein bislang unpubliziertes Zeugnis der militärischen Infrastruktur am nördlichen Abschnitt des „limes Arabicus“, ein Vorbericht. In: Antike Welt 32, 2001, S. 481–489.
Baugeschichte In seinem Geschichtswerk Res Gestae des um 395 verstorbenen Ammianus Marcellinus beschreibt dieser die spätantike Provinz Arabia.László Borhy: Terminologie spätrömischer Befestigungen bei Ammianus Marcellinus. In: Erika Juhász: Byzanz und das Abendland VI. Studia Byzantino-Occidentalia (= Antiquitas – Byzantium – Renascentia 38), ELTE Eötvös-József-Collegium, Budapest 2019, ISBN 978-615-5897-24-5, In: S. 13-66. Dort gebe es Ammianus betont mit seinen Aussagen ganz besonders, die Abhängigkeit des wirtschaftlichen Wohlstands von einem effektiven Grenzschutzsystem und zusätzliche rückwärtige Sicherungsmaßnahmen für die wichtigsten Großstädte.Ignacio Arce: Qasr Hallabat, Qasr Bshir and Deir el Kahf. Building techniques, architectural typology and change of use of three “Quadriburgia” from the “Limes Arabicus”. Interpretation and significance. In: Stefano Camporeale, Hélène Dessales, Antonio Pizzo (Hrsg.): Arqueología de la construcción II, Los procesos constructivos en el mundo romano: Italia y provincias orientales. (= Anejos de Archivo Español de Arqueología 57), Certosa di Pontignano, Siena, 13-15 de noviembre de 2008, Madrid/Mérida 2010, ISBN 978-84-00-09279-5, S. 455-481; hier: S. 459.
Militärische Infrastruktur Mothana kann auf eine vorrömische Vergangenheit zurückblicken, da hier zwei nabatäische Inschriften gefunden, die beweisen, dass der Ort bereits Ende des 1. Jahrhunderts besiedelt war. Die Befestigung des späteren Limes Arabicus begann mit der Annexion des Nabatäerreiches während der Regierungszeit des Kaisers Trajan (98–117) im Jahr 106 n. Chr.Hans-Peter Kuhnen: Wüstengrenze des Imperium Romanum – Die Schicksalsgrenze Roms im Orient von Augustus bis Heraclius. In: Hans-Peter Kuhnen (Hrsg.): Wüstengrenze des Imperium Romanum. Der römische Limes in Israel und Jordanien. Nünnerich-Asmus, Mainz 2018, ISBN 978-3-96176-010-7, S. 1–116; hier: S. 76. Die Lage Mothanas war zum damaligen Zeitpunkt aus verkehrstechnischen Gründen von Bedeutung. Während der römischen Herrschaft befand sich der Ort am östlichen Endpunkt einer wichtigen Inlandsroute, die in der Tabula Peutingeriana, einem mit Meilenangaben versehenen Straßenverzeichnis aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. verzeichnet ist. Über den Legionsstandort BostraLegionslager Bostra . erfolgte in den frühen 60er Jahren des 2. Jahrhunderts n. Chr. die militärische Erschließung des Haurans. Dazu entstand von dort aus eine 32 Kilometer lange, nach Südosten geführte Straße, die über Salkhad, dem antiken Tricomia, bis Mothana als caput viae geführt wurde. Der von Kissel 1999 entdeckte, fragmentierte Meilenstein (Miliarium) bezeugt diesen Ausbau unter dem Statthalter Publius Iulius Geminius Marcianus für das Jahr 162 n. Chr.:Theodor Kissel: Lokale Identität und imperiale Herrschaft. Römische Straßen in Arabien als Wegbereiter von Akkulturationsprozessen. In: Leonhard Schumacher, Oliver Stoll (Hrsg.): Sprache und Kultur in der kaiserzeitlichen Provinz Arabia. Althistorische Beiträge zur Erforschung von Akkulturationsphänomenen im römischen Nahen Osten (= Mainzer althistorische Studien 4), Scripta Mercaturae, St. Katharinen 2003, ISBN 978-3-89590-140-9, S. 12–69; hier: S. 53..
Imp(erator) Cae[s(ar)] M(arcus) Aurelius Anto[ninus] Aug(ustus), pontif(ex) max(imus), tri[b(unicia)] [pot(estate)] XVI, co(n)s(ul) III, [et] Imp(erator) Caes(ar) L(ucius) Aureli[us Verus] Aug(ustus), trib(unicia) pot(estate) II, co(n)s(ul) [II, divi] Antonini fil(ii) divi [Hadriani] nepot(es) divi Traiani [Parth(ici) pro] nepot(es) [div]i Nerv[ae abnepot(es)] [st]raver[unt per P(ublium) Iul(ium) Geminium] Marc[ianum legatu]m pro [pr(aetore)] XXII κβʹ.
Der Althistoriker Oliver Stoll schrieb zu diesem Fund: „Der Meilenstein und andere Indizien geben Zeugnis für einen Ausbau der militärischen und provinzinternen Infrastruktur und eine intensivere Erschließung des Haurangebirges in den frühen sechziger Jahren des 2. Jahrhunderts n. Chr., das insgesamt noch eine der am wenigsten bekannten Perioden des limes Arabicus darstellt“.Oliver Stoll: „Entlassungsweihungen“ aus Bostra und die honesta missio. Epigraphische Reflexe eines römischen Heereszeremoniells. In: Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz, Band 49, 2002, S. 239.
Laut den Inschriften auf weiteren bekannten Miliaria, entstand während der Regierungszeit des Kaisers Septimius Severus (193–211) – und da wahrscheinlich in den Jahren 208/210 – eine neue Trasse von Mothana aus in Richtung Süden. Der schottische provinzialrömischen Archäologe David L. Kennedy nannte diese Straße nach der von ihm vorgeschlagenen severischen Gründungszeit und aus Unterscheidungsgründen zu anderen Straßen in der Levante Via Severiana.David L. Kennedy: The Roman Army in Jordan. Council for British Research in the Levant, Henry Ling, London 2004, ISBN 0-9539102-1-0, S. 72.Ignacio Arce: Qasr Hallabat, Qasr Bshir and Deir el Kahf. Building techniques, architectural typology and change of use of three “Quadriburgia” from the “Limes Arabicus”. Interpretation and significance. In: Stefano Camporeale, Hélène Dessales, Antonio Pizzo (Hrsg.): Arqueología de la construcción II, Los procesos constructivos en el mundo romano: Italia y provincias orientales. (= Anejos de Archivo Español de Arqueología 57), Certosa di Pontignano, Siena, 13-15 de noviembre de 2008, Madrid/Mérida 2010, ISBN 978-84-00-09279-5, S. 455–481; hier: S. 475. Die unmittelbar an der römischen Reichsgrenze verlaufende Straße mündete am bedeutenden Oasenkastell Qasr al-Azraq,David L. Kennedy, Derrick N. Riley: Rome’s Desert Frontiers from the Air. University of Texas Press, Austin 1990, ISBN 0-292-77045-6, S. 179.David L. Kennedy: Archaeological Explorations on the Roman Frontier in North-east Jordan: The Roman and Byzantine Military Installations and Road Network on the Ground and from the Air (= BAR International Series 134), British Archaeological Reports, Oxford 1982, ISBN 0-86054-165-7, S. 107. das den nordwestlichen Endpunkt des Wadi Sirhan, einen wichtigen Zugang ins Landesinnere von Arabien, deckte.Henry Innes MacAdam: Geography, Urbanisation and Settlement Patterns in the Roman Near East (Variorum collected studies series CS735), Routledge, Oxon, New York 2018, ISBN 978-1-138-74056-3, S. 59 und 62.Laila Nehmé: New dated inscriptions (Nabataean and pre-Islamic Arabic) from a site near al-Jawf, ancient Dumah, Saudi Arabia. In: Arabian Epigraphic Notes 3 Leiden Center for the Study of Ancient Arabia, 2017, S. 121‒164. Rund 15 Kilometer südlich von Mothana entfernt lag an der Via Severiana das Kastell Deir el-Kahf. Über eine Abzweigung der Via Severiana an diesem Kastell konnte elf Kilometer nordöstlich die vorgeschobene Garnison von Deir el-Qinn erreicht werden. Südlich von Deir el-Kahf sind bis Al-Azraq zwei strategisch günstig gelegene Straßentürme, darunter der Straßenturm Qasr el-Huweinit entlang der Trasse archäologisch erkannt worden. Auf der rund 55 Kilometer lange Trasse zwischen Deir el-Kahf und dem Qasr al-Azraq fällt das Land rund 500 Meter nach Süden hin ab.
Zeitliche Zuordnung