Ein Systemphilosoph wird im Allgemeinen ein Philosoph genannt, dessen Denken von ihm selbst in ein (mehr oder minder kohärentes) System gebracht wurde. Nicht zu den Systemphilosophen werden Philosophen und Denker gerichtet, deren Grundgedanken von ihren Anhängern erst nach ihrem Tod systematisiert wurden (z. B. bei Platon => Aristoteles; bei Marx und Engels => Franz Mehring, Karl Kautsky, Antonio Labriola und Georgi W. Plechanow usw.)Der Philosoph Karl Popper beschuldigt Hegel und Marx in seinem Werk Die offene Gesellschaft und ihre Feinde über den Totalitarismus, sie hätten sich der philosophischen Sünde des „Historizismus“ schuldig gemacht, weil sie sich zur Untermauerung ihrer politischen Philosophien darauf stützten (Alan Haworth: ‘The Open Society’ Revisited, Issue 38, Philosophy Now). und zu einer einheitlichen Lehre systematisiert wurden. Das Denkgebäude vieler Philosophen und Denker wurde von ihren Schülern oder Anhängern (auch späteren) erst später zusammengefasst.Die allerwenigsten jedoch wurden dadurch zu Systemphilosophen. - Über das Denken vieler alter Meister () der chinesischen Philosophie beispielsweise ist man erst aus späteren Zusammenstellungen informiert, darunter so namhafte wie das Lunyu (Gespräche des Konfuzius) oder das Zhuangzi – ohne dass Zhuang Zhou (Zhuangzi) oder Konfuzius (Kongzi) dadurch zu Systemphilosophen würden.
Geschichte Zum philosophischen System im Verhältnis zu seiner Historie wurde festgestellt:
Als einer der wohl bekanntesten Systemphilosophen gilt Immanuel Kant (1724–1804) mit seiner Kritik der reinen Vernunft, jedoch scheint es auch, „daß Kant sich selbst nicht in erster Linie als ein System-Philosoph verstand“Gottfried Gabriel, Christiane Schildknecht: Literarische Formen der Philosophie. 2016, S. 151. Kant behauptete gegen David Hume (1711–1776) die „Möglichkeit objektiver Erkenntnis, da Notwendigkeit und Allgemeinheit “a priori” im Denken liegen“.Die Philosophie von Immanuel Kant (Martin Grimsmann, Lutz Hansen, 2008)
In Auseinandersetzung mit den von Kant aufgeworfenen Problemen entstand eine Fülle sich abwechselnder Systementwürfe. Der „absolute“ (auch „deutsche“) Idealismus der Hauptvertreter (Hegel,Zu Hegel, vgl. karolinger.at: „G. W. F. Hegel (1770–1831), wirkmächtigster der Deutschen Idealisten, Systemphilosoph, gleichermaßen geistiger Wegbereiter des Marxismus wie des konservativen, rechtshegelianischen „konkreten Ordnungsdenkens“ (Carl Schmitt)“; derstandard.de: „Der berüchtigtste Systemphilosoph des Deutschen Idealismus spielte Billard und brachte seine Jenaer Haushälterin in gesegnete Umstände“ und last not least: Heiner Höfener (Hrsg.): Hegel-Spiele. Rogner & Bernhard, 1977 (Enthält: 1. F. L. Lindner: Der von Hegel’scher Philosophie durchdrungene Schuster-Geselle, oder Der absolute Stiefel / 2. O. F. Gruppe: Die Winde, oder Ganz absolute Konstruction der neuern Weltgeschichte durch Oberons Horn, gedichtet von Absolutulus von Hegelingen / 3. K. Rosenkranz: Das Centrum der Speculation. Jeweils mit Nachwort des Herausgebers.). Schelling, Fichte) „unterliegt als Systemphilosophie der Versuchung, allumfassende Ordnungs- und Sinnentwürfe zu konstruieren, ohne ein Korrektiv durch die für ihn nur zweitrangige Wirklichkeit anzuerkennen.“ Fichte, Schelling und Hegel wurden zu Hauptvertretern einer sehr ernstgetragenen Systemphilosophie gemacht.Peter Oesterreich: Spielarten der Selbsterfindung. Die Kunst des romantischen Philosophierens bei Fichte, F. Schlegel und Schelling. 2011, S. 1 Der Deutsche Idealismus stand mit der Dichtung der Weimarer Klassik und der Romantik in vielfältiger Verbindung und Wechselwirkung.
Als eigenständige philosophische Position sträubt sich nach Rainer Schäfer beispielsweise Hölderlins poetisch-konkretistische Metaphysik „in ihrer Abkehr von der regelgeleiteten idealistischen Transzendentalphilosophie (Kant, Reinhold, Fichte, Schiller) und von der spinozistisch inspirierten Systemphilosophie, die letztlich rationalistischer Monismus ist (früher Schelling)“.meiner.de: Rainer Schäfer: Aus der Erstarrung: Hellas und Hesperien im >freien Gebrauch des Eigenen< beim späten Hölderlin. 2020. – Auch gegen spätere ontologische Vereinnahmungen (Heidegger), wobei Heidegger weder ein kohärentes Wahrheitssystem vertritt noch ein Systemphilosoph ist (Bründl, Jürgen; Schmitt, Alexander; Lindner, Konstantin: Zählt Wahrheit heute noch? 2022, S. 391)
Arthur Schopenhauer (1788–1860) war ein Systemphilosoph, der in der großen Tradition des klassischen deutschen Idealismus stand.
Nicht alle Systeme von Systemphilosophen oder vermeintlichen Systemphilosophen wurden als geglückt empfunden. Bettina von Arnim z. B. wetterte bereits „gegen die Systemphilosophen, gegen Rousseau und das „Pädagogenwesen“ […], gegen die Stimme des Volkes“ und vieles andere mehr.Barbara Becker-Cantarino (Hrsg.): Bettina von Arnim Handbuch. 2019, S. 403 Fritz Mauthner beispielsweise urteilt in seinem Wörterbuch der Philosophie über das Bedürfnis Haeckels, sich in die Reihe der Systemphilosophen zu stellen:
Bereits zuvor hat es Systemphilosophen gegeben, wie den Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716), dessen Gedanken von dem Aufklärer Christian Wolff in der Leibniz-Wolffschen Schule systematisiert wurden.
Den Aufklärern wiederum diente Isaac Newton „als Lichtgestalt, der als Vertreter der empiristischen Wissenschaft stilisiert und gegen die Systemphilosophen Descartes, Leibniz und Malebranche profiliert“ wurde. Eric Achermann (Hrsg.): Johann Christoph Gottsched (1700–1766): Philosophie, Poetik und Wissenschaft. 2014, S. 99 f.
Die sich im Wesentlichen an aristotelisch-neuplatonischem Denken orientierenden Vertreter der Mascha'iyya-SchuleZur Mashā'iyya-Schule, vgl. den Beitrag von M. Dinorshoev, in: History of Civilizations of Central Asia der UNESCO, S. 167–169. (Peripatetiker) in der islamischen Philosophie, wie al-Farabi (gest. 950), Ibn Sina (Avicenna; gest. 1037), Ibn Baddscha (Avempace; gest. 1138) und Ibn Ruschd (Averroes; gest. 1198), werden ebenfalls zu den Systemphilosophen gezählt.Richard Heinzmann, Peter Antes, Martin Thurner: Lexikon des Dialogs: Grundbegriffe aus Christentum und Islam. 2013 (Online-Teilansicht)
Das System des Krausismo nach dem deutschen Philosophen Karl Christian Friedrich Krause (1781–1832) fand im spanischen Sprachraum (insbesondere in Lateinamerika) Beachtung.Zum Einfluss des Krausismo, vgl. Stoetzer, Otto Carlos (1998): Karl Christian Friedrich Krause and his influence in the Hispanic world. ISBN 3-412-13597-6 und die Veröffentlichung der Friedrich-Ebert-Stiftung, El krausismo y su influencia en América Latina (1989).
Zur Beschreibung der Bemühungen des Systemphilosophen Herbert Spencer (1820–1903) verwendet der britische Soziologe John Offer die Worte des Philosophen Whiteheadvgl. Whitehead As Existentialist (am Anfang seines Buches Process and Reality) (zur Spekulativen Philosophie):
Das philosophische System Wilhelm Wundts (1832–1920) fand in jüngerer Zeit im deutschen Sprachraum wieder Beachtung.vgl. Alfred Arnold: Wilhelm Wundt – Sein philosophisches System (in Teilansicht)
In seinem Werk Das Wesen der Philosophie zeigte Wilhelm Dilthey (siehe auch unter Lebensphilosophie) auf, warum angesichts der historischen und gesellschaftspolitischen Entwicklungen die Systemphilosophien überflüssig geworden sind.vgl. Michael Veit: Wilhelm Diltheys Interpretation der Philosophiegeschichte in seinem Werk Über das Wesen der Philosophie. GRIN Verlag, 2014, ISBN 9783656575344
In neuerer Zeit werden Namen wie Zhao Tingyang, Bruno Latourvgl. »I am, in effect, a philosopher – worst of all a philosopher with a system« (PHIL, S. 607), Lars Gertenbach, Henning Laux: Zur Aktualität von Bruno Latour in Google Books, Timothy Morton, Niklas Luhmann und Ervin László als Systemphilosophen bzw. im Zusammenhang mit einer Systemphilosophie genannt. Ein zeitgenössischer Systemphilosoph ist der Wissenschaftstheoretiker Dirk Hartmann, dessen Neues System der philosophischen Wissenschaften im Grundriss seit 2020 in mehreren Bänden erscheint.
Es gibt jedoch auch große Philosophen abseits der akademischen wie populären Philosophiegeschichte mit ihren „vorzugsweise ganzheitliche(n) Ideengebäude(n), die als geschlossene Systeme gelten sollen, während privates Denken und private Denker in aller Regel unberücksicht bleiben“ (Felix Philipp Ingold). Eine neuere Essaysammlung von Felix Philipp Ingold präsentiert von einer solcher Missachtung betroffene „Privatphilosophien der Moderne“: „‚selbstdenkende‘ Dichter, Künstler, Wissenschaftler, die keiner Schul- oder Systemphilosophie verpflichtet sind“.Verlagstext zu: morawa.at: Denken im Abseits. Privatphilosophien der Moderne (Ingold Felix Philipp)
Zum „abstrakten Diskurs der Ideologen und Systemphilosophen, der Sinnverwalter und Tugendwächter“ wurde von Matthias Bauer angemerkt:
Den teils umfangreichen Werken und Denkgebäuden verschiedener Systemphilosophen stehen die Aphoristiker mit ihren Gedanken entgegen, wie beispielsweise die der Sudelbücher von Georg Christoph Lichtenberg (1742–1799) oder der französischen Moralisten.
In der Lakonischen philosophischen Enzyklopädie wird diesbezüglich summiert:
Siehe auch Ein Nutzen von Philosophie ist nicht erwiesen, aber ein Schaden ist möglich Deutsche Philosophie (Systemphilosophie im 17. Jahrhundert)
Literatur Immanuel Kant: Von den verschiedenen Rassen der Menschen oder Alle Neger stinken. Ad Fontes Klassikerverlag. 2. A., 2015, ISBN 978-3-945924-16-7 Felix Philipp Ingold: Denken im Abseits: Privatphilosophien der Moderne. Ritter Verlag 2022, ISBN 978-3-85415-644-4 Gerald Hartung, Matthias Wunsch, Claudius Strube (Hrsg.): Von der Systemphilosophie zur systematischen Philosophie – Nicolai Hartmann. Berlin/Boston 2012 Wilfried Grießer: Das philosophische System im Verhältnis zu seiner Historie. Überlegungen zur Möglichkeit und Reichweite heutiger Systemphilosophie aus Anlass des 30-jährigen Bestehens der internationalen Gesellschaft „System der Philosophie“. (= Berichte aus der Philosophie). Düren, Shaker Verlag, 2020 ISBN 978-3-8440-7224-2
Weblinks Metzler Lexikon Philosophie: System System (Philosophie) „Das Ganze ist das Wahre“, wie der Systemphilosoph Hegel bereits 200 Jahre vor aller Digitalisierung wusste.
Einzelnachweise und Fußnoten
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