Mit dem Begriff Deglobalisierung (auch Entglobalisierung, also dem Gegenbegriff zu Globalisierung) wird einerseits eine nicht nur kurzfristige oder zyklische, sondern strukturelle Entwicklung hin zu geringerer internationaler Verflechtung der Handelsströme sowie zu einer Abnahme der Direktinvestitionen im Ausland beschrieben. Andererseits bezeichnet der Begriff den wirtschaftspolitischen Kurs von Staaten, Staatenbündnissen oder auch Regionen, die sich vom Projekt einer weiteren Weltmarktintegration distanzieren oder zurückziehen. Letzteres kann aus konservativ-isolationistischen Motiven erfolgen wie etwa unter der Regierung Donald Trumps, dessen Politik einige Nachahmer fand („Trumpismus“), oder im Falle des Brexit. Der Rückzug wird aber auch als aktive ökosozialistische oder ökoregionale Strategie in Verbindung mit einer Dezentralisierung und Regionalisierung der Güterproduktion proklamiert. Ein anderes Ziel ist die Reduzierung von internationalen Abhängigkeiten und politischer Erpressbarkeit in Bezug auf Rohstoffe, Energie und andere Vorlieferungen bis hin zu einer Autarkie-Politik.
Ursachen und Motive Nach dem Denkansatz von Walden Bello wird Globalisierung nicht als unumkehrbarer Prozess verstanden. Schon in der Vergangenheit zeigten sich – wie zwischen 1914 und 1915 – kurzfristige Unterbrechungen der Globalisierung, die als Deglobalisierung bezeichnet worden sind. Doch wurde die Tatsache, dass das Niveau des Welthandels vor dem Ersten Weltkrieg infolge der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre und des Zweiten Weltkrieges erst in den 1970er Jahren wieder überschritten wurde, bisher nicht als Ausdruck einer Deglobalisierung angesehen, da es seit den 1990er Jahren zu einer weit stärkeren Globalisierungswelle kam. Deren Kritiker merken jedoch an, dass alle großen Globalisierungswellen bisher zu Krisen, zu Deglobalisierungstendenzen und in den Protektionismus geführt haben.Bernhard Hoekmann: Introduction zu The Global Trade Slowdown: A New Normal? VoxEU.org E-Book, European University Institute, Florenz 2015, S. 3 ff.
Im Fokus der Befürworter der Deglobalisierung steht die Kritik an internationalen Organisationen wie der WTO, der UN oder der EU, die generell als zu schwach oder deren Regeln über den freien Warenverkehr als nachteilig für die jeweils eigene Nation oder Region empfunden werden. Damit verbunden ist oft eine allgemeine Kritik am neoliberalen Modell der Dominanz der Regulation durch den Markt.Zusammenfassend Peter Mattmann-Allamand 2021. Gemeinsam ist sowohl ideologischen als auch realpolitisch-pragmatischen Begründungen einer Deglobalisierungspolitik der Hinweis auf die massive Funktionsdefizite, Risiken und Krisenanfälligkeit der „Hyperglobalisierung“Dani Rodrik: The Globalization Paradox. W. W. Norton, New York 2011. seit den 1990er Jahren, als deren Folge die Weltfinanzkrise ab 2008 betrachtet wird. Umgekehrt tragen Krisen wie die COVID-19-Pandemie mit ihren Lockdowns, der ContainerkriseContainerkrise - Auswirkungen auf große Welthandelsregionen auf tca-logistics.de, 20. Juli 2021 und der Chipkrise oder der Russisch-Ukrainische Krieg mit den daraufhin verhängten Handelssanktionen zur Störung internationaler Handelsbeziehungen und zur Abschreibungen von Direktinvestitionen im Ausland bei. Sie zwingen zulieferintensive Industrien und internationale Investoren zur Minimierung ihrer im Ausland eingegangenen Risiken und ihrer Abhängigkeit von internationalen Zulieferungen. Hinzu kommen zunehmende Befürchtungen vor der unberechtigten Aneignung von immateriellen Property rights durch die Verlagerung der Produktion ins Ausland oder vor den Folgen des Terrorismus, die zu weltweit steigenden Sicherheitskosten führen.
Während der jährliche durchschnittliche Zuwachs des Welthandels von ca. 1970 bis zur Finanzkrise weitaus größer war als der Zuwachs des weltweiten Sozialprodukts, zeitweise sogar mehr als doppelt so groß, flachte diese Tendenz im Laufe der 2000er Jahre ab. Mit anderen Worten ist die Elastizität des Welthandels in Bezug auf das Weltsozialprodukt (quantifiziert als Verhältnis des Handelszuwachses bezogen auf den Zuwachs des Sozialprodukts) seit 2000 gesunken. So ist nicht eindeutig, was Ursache und Folge ist: Folgt auf die Deglobalisierung ein wirtschaftlicher Schrumpfungsprozess oder ist dieser Prozess Ausdruck einer Erschöpfung der Wachstumspotenziale durch überdehntes Outsourcing und extreme internationale Arbeitsteilung? In der vertikalen Überspezialisierung der Entwicklungs- und Schwellenländer wie vor allem Chinas wird ein Risikopotenzial und eine strukturelle Ursache der Verlangsamung oder des Auslaufens der Globalisierungswelle gesehen.Cristina Constantinescu, Aaditya Mattoo, Michele Rut: The global trade slowdown, in: Hoekmann 2015, S. 33 ff.
Diese Effekte könnten sich u. a. aus dem transaktionskostentheoretischen Modell des Unternehmens ergeben,Ronald H. Coase,: The Nature of the Firm, in: Economica, Band 4, Nr. 16, 1937, S. 386–405. dem zufolge es Grenzen des Outsourcing und damit auch der Globalisierung gibt: Determiniert wird der Globalisierungsgrad einer Branche vor allem durch die Höhe der Transaktionskosten. Niedrige Transaktionskosten führen tendenziell zu globalisierten Märkten, hohe Transaktionskosten zu segmentierten Märkten oder zur Rücknahme des Outsourcing.Matthias Busse: Transaktionskosten und Wettbewerbspolitik. Hamburg Institute of International Economics, HWWA Discussion Paper No. 116, 2001. Die trotz Handelserleichterungen und Binnenmärkten (EU, NAFTA, Mercosur) steigenden Transaktionskosten im internationalen Handel ergeben sich u. a. aus Qualitätskontroll-, Zertifizierungs- oder Sicherheitskosten (im Fall von Pandemien oder zur Vorbeugung gegen Terrorismus im grenzüberschreitenden Verkehr durch Anschaffung von Geräten und Schutzmitteln, Verarbeitung zusätzlicher Informationen, Personal usw.). Das drückt die Produktivität der Unternehmen, während nebenbei das Gut „öffentliche Sicherheit“ produziert wird, für das jedoch bis auf Ausnahmen niemand – auch nicht der Konsument – zahlt.Tilman Brück, Dieter Schumacher: Die wirtschaftlichen Folgen des internationalen Terrorismus. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 54 (2004), H. 3/4, S. 41–46. Auch wird deutlich, dass die Klimakrise zu weltweit steigenden Transportkosten (siehe z. B. Slow steaming) führen wird, was zur Forderung auf den Verzicht des Imports fossiler Brennstoffe und anderer Rohstoffe und Agrarprodukte und zu nationalen Autarkiebestrebungen führt.
Aus entwicklungspolitischer Sicht und als Folge der Russisch-Ukrainischen Krieges erhält auch das Thema der Ernährungssouveränität erstmals seit den Autarkietendenzen der 1930er Jahre wieder globale Relevanz. Schließlich zeigt der russisch-ukrainische Krieg die Risiken auf, die entstehen, wenn Schlüsselunternehmen oder -industrien in ausländischer Hand sind. So halten ausländische Investoren fast 55 Prozent der deutschen DAX-Aktien und etwa zwei Drittel der Dividenden fließen ins Ausland – mit steigender Tendenz. auf ey.com, 26. Juni 2019
Hinzu kommen verteilungs- und sozialpolitische Begründungen der Notwendigkeit einer Deglobalisierung. Es gelte das durch die neoliberale Revolution verschärfte internationale Wohlstandsgefälle und die weltweit steigende Differenz zwischen Kapitaleinkommen und Arbeitseinkommen zu verringern.
Vor allem die Tatsache, dass die Globalisierung von den internationalen Finanzmärkten ausging, während sie gleichzeitig die nationalstaatliche Fähigkeit zur Regulierung dieser Märkte und damit tendenziell auch der Arbeitsbedingungen unterläuft, macht sie zur Zielscheibe demokratietheoretischer Einwände. Da Demokratie weiterhin auf der nationalstaatlichen Ebene verankert ist, führt diese relative Schwächung des Steuerungspotenzials der Nationalstaaten mittel- und längerfristig zum Bedeutungsverlust von Demokratie und erhöht die Politikverdrossenheit.Jochen Hippler: Failed States und Globalisierung. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 2005.
Sowohl imperiale Großstrukturen als auch Binnenmärkte wie die EU, die im Innern versucht, in jeder Hinsicht perfekte schrankenlose Märkte nachzubilden, leiden an solchen „Demokratiedefiziten“. Wolfgang Streeck konstatiert: „Empires are at a congenital risk of overextension, in territorial, economic, political, cultural, and other respects. The larger they get, the more it costs to keep them together, as centrifugal forces grow and the center needs to mobilize ever more resources to contain them.“Wolfgang Streeck: The EU after Ukraine in: American Affairs 6 (2022) 2. So gibt es seit langem Vorschläge, die Blockierungstendenzen solcher Großstrukturen, wie sie im Brexit oder im Umgang der EU mit Polen und Ungarn deutlich geworden sind, durch die teilweise Rücknahme supranationaler Integration und ihre Ersetzung durch kooperative Strukturen zu entschärfen. Amitai Etzionis Vorschlag zur Entblockierung der EU erinnert an de Gaulles „Europa der Vaterländer“.Amitai Etzioni: Reclaiming Patriotism. University of Virginia Press, Charlottesville 2019, 142 ff. Praktisch ist es wohl unmöglich, die EU-Verträge in großem Umfang zu revidieren, so dass das Demokratiedefizit der EU ebenfalls festgeschrieben wird. Eine Alternative zu solchen marktbasierten Großstrukturen wäre die Dominanz imperialer Mächte, die eine Ordnung an ihrer Peripherie zentral durchsetzen, wie dies schon Carl Schmitt vorschwebte und wie es die USA praktizieren. Dieses Modell scheint Wolfgang Streeck wahrscheinlicher als die Vision eines unabhängigen, nicht-imperialen, kooperativen Staatensystems in Europa.Wolfgang Streeck 2022.
Strategien und Erscheinungsformen der Deglobalisierung Um die entwicklungspolitischen Zielsetzungen zu erreichen, fordern viele Autoren eine Abkehr von den WTO-Regeln, um z. B. durch Kapitalverkehrskontrollen, Protektionismus für heimische Industrien und gezielte Subventionen eigenständige Wirtschaftskraft zu fördern. Als Beispiel wird oft auf die asiatischen Tigerstaaten hingewiesen, die dieser Strategie gefolgt seien und somit von Entwicklungsländern zu Industrieländern aufgestiegen sind. Sie lieferten Belege für eine erfolgreiche Deglobalisierungspolitik zum Aufbau einer international wettbewerbsfähigen Industrie. In den 1970er-Jahren baute das technologisch rückständige Südkorea mit selektivem Protektionismus eine Stahl- und Schiffbauindustrie auf. Die daraus hervorgegangenen Konzerne wie Hyundai gehören heute in ihren Bereichen zu den Weltmarktführern.Nach Corona kommt die Deglobalisierung in Böckler Impuls 2/2021
Dies ist allerdings mit erheblichen Kosten verbunden, deren Auswirkungen sich in verschiedenen Sektoren niederschlagen. So gehen angeblich im Zuge der Deglobalisierung die weltweite Produktion, die Beschäftigung, der Welthandel, die ausländischen Investitionen sowie die grenzüberschreitende Mobilität stark zurück. Doch schon aus statistischen Gründen drückt sich im Rückgang des Welthandels nicht unbedingt ein Rückgang der Wertschöpfung und des Wohlstands aus, da sich bei mehrfachem Transport von Gütern oder deren Komponenten über mehrere Grenzen hinweg die Handelsvolumina kumulieren, während die Güter selbst nicht wesentlich an Wert zulegen und außer in der global agierenden Logistikindustrie im Verhältnis zur Produktion in einem Land keine weitere lokale Wertschöpfung erfolgt.