seite=5|mini|Die gesamte Zürcher Bibel von 1531 aus dem Bestand der Zentralbibliothek Zürich (PDF). Aufgeschlagen: Titelblatt des ersten Teils

Die Zürcher Bibel von 1531, auch bezeichnet als Froschauer-Bibel von 1531, ist eine Übersetzung der Bibel aus der hebräischen, aramäischen und griechischen Sprache ins Deutsche, die 1531 in der Offizin von Christoph Froschauer in Zürich gedruckt wurde. Im gesamten Neuen Testament und in grossen Teilen des Alten Testaments handelt es sich um eine Bearbeitung der Übersetzung Martin Luthers. Die biblischen Prophetenbücher wurden von dem Kreis um Huldrych Zwingli unabhängig von der Lutherbibel, aber mit Benutzung der Wormser Propheten übersetzt. Die Neuübersetzung der poetischen Bücher, darunter der Psalmen, ist eine eigenständige Arbeit der Zürcher Gelehrten.

Die zweibändige Prachtausgabe in Folio trägt den Titel: Die gantze Bibel der vrsprünglichē Ebraischen und Griechischen waarheyt nach/ auffs aller treüwlichest verteütschet. Sie ist reich illustriert, teilweise mit Holzschnitten nach Zeichnungen Hans Holbeins des Jüngeren. Eine wahrscheinlich von Leo Jud verfasste Vorrede zeigt starke Beeinflussung durch Erasmus von Rotterdam. Aufwendig erarbeitete Beigaben wie ein Stichwortregister, Inhaltsangaben (Kapitelsummarien), Glossen und Parallelstellen erschliessen den Text.

Sprache der Zürcher Bibel Die Sprache der Zürcher Bibel kann nicht mit der Sprache Zwinglis gleichgesetzt werden. Der Zürcher Reformator wirkte, anders als Luther, mehr durch seine Predigten als durch seine gedruckten Schriften. Er predigte stets frei und hatte grossen Zulauf. Heinrich Bullinger zufolge sprach Zwingli im schlichten Volkston: «er redt gar Landtlich».Heinrich Bullinger: Reformationsgeschichte. Hrsg. von J. J. Hottinger und H. H. Vögeli. Band 1, Frauenfeld 1838, S. 306.Schweizerisches Idiotikon, Band III, Spalte 1306, Artikel landlich, Bedeutung 4: «nach Landes Art (auch im Gegensatz zur Stadt), landesüblich, volkstümlich, einfach»; landlich mit einem reden, «im schlichten Volkston» (Digitalisat). Walter Schenker schliesst daraus, dass es Zwingli wichtiger gewesen sei, «mit seiner Sprache möglichst alle sozialen Schichten in seiner Region zu erreichen als in möglichst allen deutschen Regionen verstanden zu werden».Walter Schenker: Die Sprache Huldrych Zwinglis im Kontrast zur Sprache Luthers. Berlin/New York 1977, S. 11.

Die ersten Neuen Testamente, die Froschauer in Zürich druckte, waren Bearbeitungen von Basler Nachdrucken der Lutherübersetzung und wiesen den altschweizerisch-mittelhochdeutschen Vokalismus auf; sie bewahrten die alten Langvokale ī/ȳ, ū und ǖ, was der damals in der Eidgenossenschaft üblichen Kanzleisprache entsprach.Walter Haas: Kurze Geschichte der deutschen Schriftsprache in der Schweiz. In: Hans Bickel, Robert Schläpfer (Hrsg.): Die viersprachige Schweiz (= Reihe Sprachlandschaft. Band 25). Sauerländer, Aarau/Frankfurt am Main/Salzburg 2000, S. 109–138, hier 115. Damit unterschieden sie sich deutlich von der Lutherbibel mit ihrer neuhochdeutschen Diphthongierung (ei/ey, au, äu/eu). Aber seit 1527 übernahm Froschauer für die Zürcher Bibeln diese neuhochdeutsche Diphthongierung. Möglicherweise wollte er über den alemannischen Raum hinaus einen grösseren Kundenkreis in Mitteldeutschland ansprechen.Hans Rudolf Lavater-Briner: Die Froschauer-Bibel von 1531. Zürich 2011, S. 75–77; Walter Haas: Etliche wörtly geenderet: Luthers Bibel und die Zürcher Bearbeitung. Heidelberg 2017, S. 174 und Anm. 13. Die neuhochdeutsche Monophthongierung wurde in der Zürcher Bibel hingegen nicht übernommen. Man liest deshalb in der Zürcher Bibel ie, ů, uͤ, wo die Lutherbibel ī, ū, ü/u hat. Ein Beispiel (): Luther 1522: yhr menner lieben bruder/ was sollen wyr thun? Zürich 1531: Ir menner lieben brueder/ was soellend wir thůn?

Wo immer die Übersetzer der Zürcher Bibel die Lutherbibel als Vorlage nutzten, übernahmen sie auch weitgehend deren Syntax. Werner Besch charakterisiert die Lutherbibel als Vorlesebuch: «Kleinere Aussage-Einheiten in Schritt-für-Schritt-Abfolge, das Verstehen additiv absichernd, denn ein Hörer kann ja nicht zurückblättern wie ein Leser.»Werner Besch: Deutscher Bibelwortschatz in der frühen Neuzeit: Auswahl – Abwahl – Veralten. Lang, Frankfurt am Main u. a. 2008, S. 19. In den biblischen Büchern, bei denen die Zürcher von der Lutherbibel unabhängig waren, bevorzugten sie den hypotaktischen Stil mit dem finiten Verb in Endstellung.Wilfried Kettler: Die Zürcher Bibel von 1531. Philologische Studien zu ihrer Übersetzungstechnik und den Beziehungen zu ihren Vorlagen. Bern u. a. 2001, S. 474.

Im Formensystem und Wortschatz zeigt die Zürcher Bibel gegenüber der Lutherbibel ihre «alemannische Selbständigkeit».Hans Rudolf Lavater-Briner: Die Froschauer-Bibel 1531. Zürich 2011, S. 82.

Bei der Flexion des Verbs werden in Froschauers Bibeln wie in der eidgenössischen KanzleispracheWalter Haas: Kurze Geschichte der deutschen Schriftsprache in der Schweiz. In: Hans Bickel, Robert Schläpfer (Hrsg.): Die viersprachige Schweiz (= Reihe Sprachlandschaft. Band 25). Sauerländer, Aarau/Frankfurt am Main/Salzburg 2000, S. 109–138, hier 117. Indikativ Plural und Konjunktiv Plural unterschieden:Walter Haas: Etliche wörtly geenderet: Luthers Bibel und die Zürcher Bearbeitung. Heidelberg 2017, S. 174. Indikativ: wir / yr / sy machend. Konjunktiv: wir / yr / sy machind.

Ein Beispiel für diesen Konjunktiv (): Luther 1522: Er steyge nu von dem creutze/ das wyr sehen vnd glewben. Zürich 1531: Er steyge nun von dem creütz/ das wir sehind vnd glaubind.

Häufig tauschten die Zürcher Übersetzer fremd wirkende lexikalische Ausdrücke der Lutherbibel aus; ein Beispiel ():Hans Rudolf Lavater-Briner: Die Froschauer-Bibel 1531. Zürich 2011, S. 80.

Luther 1522: Hat nicht eyn topffer macht/ auß eynem klumpen zumachen eyn faß? Zürich 1531: Hat nicht ein hafner macht/ auß einem leimklotzen zemachen ein geschirr?

Nach der Analyse von Walter Schenker sind fast die Hälfte dieser von den Zürcher Übersetzern in den Luthertext eingesetzten Lexeme nur regional verständlich. Die Lutherbibel strebe durch eine Öffnung des Ostmitteldeutschen zum Bairischen hin überregionale Verständlichkeit an, die Zürcher Bibel gerade nicht.Walter Schenker: Die Sprache Huldrych Zwinglis im Kontrast zur Sprache Luthers. Berlin/New York 1977, S. 83 f. Walter Haas zufolge ging es aber weniger darum, einen unverständlichen Luthertext überhaupt verständlich zu machen, als ihm «etwas von seiner Fremdheit [zu] nehmen und damit seine Akzeptanz [zu] erhöhen».Walter Haas: Etliche wörtly geenderet: Luthers Bibel und die Zürcher Bearbeitung. Heidelberg 2017, S. 176.

Gemeinschaftswerk oder «Zwinglibibel»? Die Wittenberger Bibelübersetzung ist als «Lutherbibel» bekannt. Sie wurde 1534 fertiggestellt, drei Jahre nach der Zürcher Bibel. Die Bezeichnung «Lutherbibel» lässt ausser Acht, wie viel Philipp Melanchthon mit seiner Kenntnis des Griechischen und Hebräischen hierzu beitrug. Melanchthon und die anderen Mitglieder des Wittenberger Übersetzerteams arbeiteten aber Luther zu, dem allerdings die Entscheidung über alle strittigen Punkte zustand. Insofern ist die Biblia Deudsch in der Tat Luthers Bibel.Traudel Himmighöfer: Die Zürcher Bibel bis zum Tode Zwinglis (1531). Mainz 1995, S. 428 f.

Zwingli hatte nicht den Anspruch, in vergleichbarer Weise wie Luther die Übersetzungsarbeit zu dominieren. Die Kollegialität stand im Vordergrund. Die in Zürich erarbeitete Bibel wurde deshalb nicht als «Zwinglibibel» bekannt, sondern als Zürcher Bibel oder (nach dem Drucker) Froschauer-Bibel. In der Forschung ist umstritten, wie gross Zwinglis Anteil an diesem Gemeinschaftswerk ist.

Zürcher «Prophezei»

Nach dem Vorbild des Collegium trilingue, das Erasmus in Leuven gegründet hatte, hatte Zwingli seit 1523 eine Einrichtung zum Studium der biblischen Sprachen geplant. Das Chorherrenstift am Grossmünster sollte nicht wie die Fraumünsterabtei aufgelöst, sondern in eine Bildungseinrichtung umgewandelt werden. Diese nahm am 19. Juni 1525 ihre Lehrtätigkeit auf. Da Zwingli das Auslegen der Bibel mit Bezug auf als «Prophezeien» bezeichnete, erhielt die Einrichtung den Namen Prophezey.Jan-Andrea Bernhard: Die Prophezei (1525–1532) – Ort der Übersetzung und Bildung. Zürich 2019, S. 95–99. Zunächst im Chor des Grossmünsters, später in der Michaelskapelle bzw. im Winter in der Chorherrenstube fanden täglich (ausser freitags und sonntags) öffentliche Bibellektionen statt.

Wilfried Kettler betont, dass die Zürcher Bibel von 1531 ein «Gemeinschaftswerk der Prophezei» gewesen sei, eine «Frucht» der fortlaufenden Bearbeitung der biblischen Bücher in dieser Einrichtung. In Zwinglis exegetischen Schriften erkennt er die Arbeitsgänge der Prophezei wieder: erst die Übersetzung einer hebräischen Formulierung ins Lateinische, dann der Blick in die Septuaginta, schliesslich die theologische Diskussion darüber.Wilfried Kettler: Die Zürcher Bibel von 1531. Philologische Studien zu ihrer Übersetzungstechnik und den Beziehungen zu ihren Vorlagen. Bern u. a. 2001, S. 99, 112. An der Zürcher Bibel von 1531 waren demnach alle acht Lehrkräfte beteiligt, die diesem Kreis lang oder kurz angehörten – ausser Zwingli und Jud der früh verstorbene Hebraist Jakob Ceporin, Konrad Pellikan, Kaspar Megander, Johann Jakob Ammann, Rudolf Collin und Oswald Myconius. Eine Zuordnung bestimmter biblischer Schriften an eine dieser Personen ist nur bei den Apokryphen möglich, die Leo Jud allein übersetzte.Wilfried Kettler: Die Zürcher Bibel von 1531. Philologische Studien zu ihrer Übersetzungstechnik und den Beziehungen zu ihren Vorlagen. Bern u. a. 2001, S. 467. Vgl. Walter Schenker: Die Sprache Huldrych Zwinglis im Kontrast zur Sprache Luthers. Berlin/New York 1977, S. 27: «Redaktionskollektiv der Prophezei». Walter Schenker nimmt an, dass Zwingli bei der Erstellung der Zürcher Bibel «die allgemeinen Anweisungen» gegeben habe und die Durchführung im exegetischen Bereich eine Gemeinschaftsarbeit der Prophezei gewesen sei, bei den regionalen Lexemalternativen zur Lutherbibel auch des Druckers.Walter Schenker: Die Sprache Huldrych Zwinglis im Kontrast zur Sprache Luthers. Berlin/New York 1977, S. 95.

Zwingli als Übersetzer Traudel Himmighöfer schätzt Zwinglis persönlichen Anteil an der Zürcher Bibel von 1531 sehr hoch ein. Zwingli verdanke zwar viel der gemeinsamen exegetischen Arbeit in der Prophezei. Er sei aber «selbst der Übersetzer und Glossator schon der ersten Zürcher Teileditionen gewesen»; seine teils philologisch, teils theologisch begründeten Übersetzungsentscheidungen seien «bis zur letzten zu seinen Lebzeiten erarbeiteten Bibelausgabe maßgeblich geblieben».Traudel Himmighöfer: Die Zürcher Bibel bis zum Tode Zwinglis (1531). Mainz 1995, S. 427. Da er letztverantwortlich für die Gestaltung des Werks gewesen sei, sei auch die Bezeichnung «Zwinglibibel» vertretbar.Traudel Himmighöfer: Die Zürcher Bibel bis zum Tode Zwinglis (1531). Mainz 1995, S. 428.

Himmighöfer verweist darauf, dass Übersetzungsentscheidungen und Glossen mit Zwinglis exegetischen Schriften übereinstimmen. Die Bücher, von denen man weiss, dass Zwingli sie besass und nutzte, sind auch die Arbeitsinstrumente, die für die Zürcher Bibeln bis 1531 herangezogen wurden: vor allem das Novum Testamentum omne des Erasmus mit dessen lateinischer Übersetzung und Anmerkungen (Annotationes), die Septuaginta und Johannes Reuchlins Einführung ins Hebräische (De rudimentis hebraicis).

hochkant|mini|Postumes Porträt Zwinglis (Hans Asper, nach 1531, Kunst Museum Winterthur – Beim Stadthaus)