mini|Plakat mit Porträt von Jina Amini bei einer Solidaritätsdemonstration in Melbourne am 29. September 2022 (Fotografie aus Urheberrechtsgründen unkenntlich gemacht)
Jina oder Zhina Mahsa Amini (, ; geboren am 21. September 1999 in Saqqez, Provinz Kurdistan; gestorben am 16. September 2022 in Teheran) war eine iranische Kurdin, die infolge ihres gewaltsamen Todes weltweit bekannt wurde. Sie war wegen eines angeblichen Verstoßes gegen das staatliche Hidschāb-Gesetz von der iranischen Sittenpolizei (Gascht-e Erschad) festgenommen, geschlagen und dabei tödlich verletzt worden. Die Nachricht davon löste die bisher schwersten und am längsten andauernden Proteste gegen das iranische Regime seit der Islamischen Revolution im Jahr 1979 aus.
Leben Jina Amini wurde am 21. September 1999 in der Großstadt Saqqez (Provinz Kurdistan) geboren.Dialika Neufeld, Omid Barin, Niloofar Gholami, Ana Mahmudi, Youhanna Najdi, Yalda Zarbakhch: Opfer des Mullah-Regimes: Wer war Jina Mahsa Amini? Spiegel Nr. 49, 2. Dezember 2022 (kostenpflichtig); englische Version: An Iranian Icon: Who Was Jina Mahsa Amini? Spiegel, 8. Dezember 2022 Sie war das zweite Kind kurdischer Eltern, gefolgt von ihrem jüngeren Bruder Kiarash (auch genannt Ashkan). Ihr älterer Bruder Armin starb, bevor er zehn Jahre alt wurde.Aida Ghajar: Exclusive: Family Confirm the Regime’s Claims About Mahsa Amini are Lies. auf: IranWire, 22. September 2022. Ihr Vorname Jina bedeutet „Leben“ und hat eine gemeinsame Wortwurzel mit den kurdischen Worten für „Frau“ (Jin) und „Leben“ (Jiyan). Daran knüpft die ursprünglich kurdische, dann gesamtiranische Demonstrationsparole Frau, Leben, Freiheit (kurdisch Jin, Jiyan, Azadî) an. Staatliche Behörden im Iran unterdrücken die Kurden und zwingen sie, ihren Kindern nichtkurdische Namen zu geben, um ihre ethnische Zugehörigkeit zu verdecken. Daher mussten Jinas Eltern in staatliche Dokumente den persischen Vornamen Mahsa eintragen lassen.Meral Çiçek: Jîna ‘Mahsa’ Amini Was Kurdish And That Matters. auf: Novaramedia, 4. Oktober 2022. Sie benutzte diesen Vornamen nie. Angehörige, Freunde und Bekannte nannten sie immer Jina. Erst in Interviews nach ihrem Tod verwendeten manche auch den inzwischen verbreiteten Vornamen Mahsa.
Ihre Eltern Amjad Amini, ein pensionierter Versicherungskaufmann, und seine Frau Mozhgan Eftekhari bewohnten ein eigenes Haus in Shahrak Daneshgah, einem Mittelklassebezirk von Saqqez. Ihr Großvater Rahman Aili gab Jina den kurdischen Kosenamen Shne („Brise“), da sie immer ruhig, sanft und friedlich gewesen sei. Als sie acht Jahre alt war, entfernten Ärzte einen gutartigen Tumor aus Jinas Gehirn. Laut ihren Angehörigen hatte sie seither keine Gesundheitsprobleme mehr. Als Schülerin sei sie beliebt und ein „lernhungriger Bücherwurm“ gewesen, habe den Großvater oft nach dem Islam gefragt und den Koran geehrt.
Nach ihrer Schulzeit wollte sie Biologie studieren und bewarb sich an mehreren Universitäten, blieb aber zuhause wohnen. Dort bereitete sie sich intensiv auf die Aufnahmeprüfung vor und las dazu viele Lehrbücher. Während der Wartefrist im Sommer 2022 schenkte ihr Vater ihr ein kleines Modegeschäft in einem Einkaufszentrum der Innenstadt. Obwohl sie schon länger einen Führerschein hatte, fuhren ihr Vater oder ihr Bruder sie täglich dorthin. Sie nannte ihr Geschäft „Beste Boutique“, zeigte regelmäßig mit Videos auf Instagram ihre Modekollektion und bewarb diese als „neue Stile in außergewöhnlicher Qualität“. Darunter waren Jeans, Blusen mit blumigen Halskragen, Schals, vorschriftsmäßige farbige Schleier und Kopftücher sowie glitzernde, bedruckte T-Shirts, die wegen der Kleidervorschriften im Iran nur verdeckt getragen werden konnten. Ihre Tante Aliya Aili war als 18-Jährige in den 1990er Jahren nach Norwegen gezogen und besuchte die Familie Amini erstmals wieder im Juli 2022 für fünf Wochen. Jina Amini zeigte ihr die Boutique und erklärte ihr wiederholt die Kleidervorschriften, kannte diese also genau. Laut ihren Verwandten bedeckte sie stets ihr Haar, selbst zuhause, wo es nicht nötig war. Sie sei nie unbegleitet irgendwo ausgegangen, sondern habe nach der Arbeit Verwandte besucht oder sei zuhause geblieben. Verwandte beschrieben sie als scheu, freundlich, hilfsbereit gegenüber Gästen, immer lächelnd, voller Begeisterung und Energie. Sie erstrebte ein unabhängiges Leben nach eigenen Entscheidungen und war wie viele Iranerinnen unglücklich über den staatlichen Hidschab-Zwang, aber keine politische Aktivistin. Neben Mode liebte sie Musik, Tanz, Reisen, Kunst und Literatur.
In einer Kurzbiografie für ihr Instagramkonto stellte sich Jina Amini als „kurdisches Mädchen“ vor und postete Porträtfotografien von sich mit Kopftuch und sorgfältigem Makeup. Viele ihrer Videos zeigen sie singend, tanzend und lachend. In einem Clip sang sie ein Lied der Sängerin Googoosh mit, deren Auftritte das iranische Regime 1979 verboten hatte und deren Songs für Iraner im Internet erst ab dem Jahr 2000 wieder zu hören waren. Ihrer Tante aus Norwegen sagte sie mehrfach, sie wolle nach Abschluss ihres Studiums den Iran verlassen. Ihre Mutter bestätigte das: Jina werde ganz sicher nicht im Iran heiraten, sondern eines Tages ins Ausland ziehen.
Für den Semesterbeginn am 23. September 2022 erhielt Jina Amini einen Studienplatz in der Großstadt Urmia, 220 Kilometer von Saqqez entfernt. Um sich einzuschreiben, reiste sie etwa zwei Wochen davor mit ihrer Mutter und ihrem Bruder dorthin. Sie sollte das Zimmer einer dort ansässigen Cousine beziehen und bei deren Familie leben. Ihr Vater und ihr Bruder wollten ihre Boutique in Saqqez für sie fortführen. Nach der Einschreibung reisten die drei weiter nach Tschalus am Kaspischen Meer, um dort den Rest der Ferien zu verbringen. Dann reiste die Familie weiter nach Teheran, um dort weitere Verwandte zu besuchen und die Stadt zu besichtigen. Am 13. September 2022 nachmittags waren Jina Amini, ihr Bruder und zwei Cousins in der Innenstadt unterwegs zur Tabiat-Brücke, einer Touristenattraktion Teherans. Auf einem der letzten Fotos von Jina, aufgenommen in der U-Bahn kurz vor ihrer Festnahme, trug sie einen langen schwarzweißen Umhang und ein schwarzes Kopftuch, aus dem nur ein paar Haarsträhnen hervorstanden.
Todesumstände Am 13. September 2022 zwischen 18:00 und 18:30 Uhr stiegen Jina Amini und ihre drei Begleiter an der U-Bahn-Station Shahid Haqqani nahe der Tabiat-Brücke aus der U-Bahn aus. Die Sittenpolizei hielt sie an, angeblich wegen „unislamischer Kleidung“. Nach Aussage eines Cousins versuchte Jina, ihre Festnahme zu vermeiden, wurde aber mit Gewalt in einen Polizeiwagen gedrängt. Die Polizei nahm nur sie mit zur zentralen Vozava-Polizeistation. Ihrem protestierenden Bruder sagte man, Jina werde eine „Erziehungs- und Orientierungs-Lektion“ erhalten und nach einer Stunde freigelassen.Fury in Iran as young woman dies following morality police arrest. BBC, 16. September 2022
Ihr Cousin Erfan Mortezaei bezeugte in einem Telefoninterview, sofort nach Bemerken der Gruppe habe die Polizei entschieden, dass Jinas Hidschab nicht korrekt gesessen habe. Ihr Bruder habe erklärt, sie seien Fremde in Teheran, und gebeten, sie nicht mitzunehmen. Daraufhin habe ein Polizist ihm Pfefferspray ins Gesicht gesprüht und seine Schwester in den Polizeibus gezwungen.Alistair Bunkali: Mahsa Amini was 'tortured and insulted' before death in police custody in Iran, her cousin says. Sky.com, 26. September 2022
Ihre Begleiter folgten dem Bus zur Polizeiwache und warteten dort zwei Stunden lang. Nach ihren Angaben hörten sie und andere beim Warten Schreie aus der Wache. Viele Frauen, die das Gebäude verließen, erklärten: „Die haben da drin jemanden umgebracht.“Tara Sepehri Far: Woman Dies in Custody of Iran’s ‘Morality Police’. Human Rights Watch, 16. September 2022 Nach anderen Angaben sagten sie: „Sie haben sie [Jina Amini] getötet.“
Später freigegebene Überwachungsvideos zeigen, wie Jina Amini mit anderen Frauen aus einem Polizeibus stieg und die Stufen zur Polizeiwache hinaufgeführt wurde. Dort saß sie eine Weile in einem Warteraum, stand dann auf, sprach eine Polizistin an und zeigte ihr ihren langen Umhang. Um 7:56 Uhr legte sie ihre Hände auf ihren Kopf, streckte sich kurz und brach dann zusammen.
Nach ihrem Kollaps kam ein Krankenwagen und brachte sie in das Kasra-Krankenhaus in Teheran. Laut ihrem Cousin brauchte der Krankenwagen 30 Minuten bis zur Polizeiwache und nochmals anderthalb Stunden bis zum Krankenhaus. Nach einem Krankenhausbericht erlitt Amini ein Schädel-Hirn-Trauma und war schon bei der Ankunft medizinisch tot. Sie lag noch zweieinhalb Tage lang im Koma, bis sie am 16. September 2022 offiziell für tot erklärt wurde.
Mehrere Zeugenberichte und Dokumente legen Gewalt als Todesursache nahe. Eine Mitgefangene beschrieb die Vorgänge im Polizeibus: Mehrere Frauen, auch Amini, hätten unterwegs gegen ihre Festnahme protestiert. Die Polizisten hätten sie mit Schlägen zum Schweigen zu bringen versucht. Amini habe sich danach sehr schlecht gefühlt. Dies hätten weitere Zeugen in der Polizeiwache bemerkt und die Polizisten vergeblich um Hilfe für sie gebeten. Weil sich niemand darum kümmerte, hätten sie geschrien, worauf die Polizisten sie mit Knüppeln und Pfefferspray angegriffen hätten. Amini sei dabei erneut geschlagen worden und habe dann das Bewusstsein verloren. Einige Beamte hätten sie wiederzubeleben versucht, andere hätten alle Handys der Häftlinge eingesammelt, damit sie den Vorgang nicht aufzeichnen konnten. Erst nach langem Warten sei ein Krankenwagen gekommen und habe Amini abtransportiert. Ihr Bruder Kiarash bestätigte, er habe Schreie von innen gehört und die Polizisten gefragt, was da vorgehe. Sie hätten nicht geantwortet, sondern die Angehörigen erneut mit Pfefferspray und Knüppeln angegriffen. Als der Krankenwagen kam, habe man sie belogen und behauptet, ein verletzter Beamter müsse ins Krankenhaus. Erst andere Häftlinge hätten ihm bestätigt, die abtransportierte Person sei seine Schwester. Das Kasra-Krankenhaus habe den Angehörigen dann gesagt, sie liege im Koma und werde vielleicht nie mehr aufwachen.
Ein im selben Polizeibus abtransportierter Mithäftling bestätigte die Proteste im Bus und die Schläge, die Jina Amini dort erhalten hatte. Sie sei zwar danach noch bei Bewusstsein, aber sehr desorientiert gewesen.Young Woman Dies While in Custody of the Hijab Police. Radio Zamaneh, 16. September 2022 Ein weiterer Mitgefangener berichtete der Familie, während der Busfahrt zur Polizeiwache habe man Jina gequält und beleidigt. Laut einem Zeugen teilte Jina ihm in der Polizeiwache mit, Polizisten hätten sie im Polizeibus auf den Kopf geschlagen. Ein Foto zeigt die bewusstlose Jina Amini im Krankenhausbett mit Blut in ihrem rechten Ohr. Bilder einer Computertomografie von ihrem Kopf, aufgenommen im Kasra-Krankenhaus nach ihrem Tod, zeigen laut Fachärzten einen Bruch der rechten Schädelseite, durch den Blut in die rechte Hirnhälfte laufen konnte. Ihre Eltern, die noch vor ihrem Tod ins Krankenhaus gekommen waren, und alle befragten Angehörigen sind daher überzeugt, dass sie gewaltsam getötet wurde.
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