mini|Moltrasio-Kalk in der Breggia-Schlucht

Der Parco delle Gole della Breggia (Park der Breggia-Schluchten) ist ein kantonaler Naturpark im Tessin und der erste Geopark der Schweiz. Der Park liegt ganz im Süden des Kantons im Mendrisiotto, einige Kilometer nördlich von Chiasso am Fluss Breggia. Im tiefen Einschnitt ist sehr deutlich eine Abfolge von unterschiedlichen Gesteinen der letzten 200 Millionen Jahre zu sehen: von Kalken aus der älteren Jura-Zeit über Flysch der Kreide-Zeit bis zu jungem Schotter. Schutzobjekte des Parks sind aber auch die Fauna und Flora, die Landschaft und das historische Erbe. mini|hochkant|Informationstafel des Geoparks

Lage und Erschliessung { "type": "ExternalData", "service": "geoshape", "ids": "Q3895562", "properties":

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Der kleine Park mit einer Fläche von 65 Hektar liegt am südlichen Rand der Alpen. Die Breggia bildet am Ende des Muggiotals eine kleine Schlucht. Auf einer Strecke von etwa anderthalb Kilometern treten verschiedene Gesteinsschichten zu Tage. Auf der Ostseite der Schlucht liegen die Dörfer Morbio Inferiore () und Morbio Superiore (), auf der Westseite Castel San Pietro () und Balerna (). Der tiefste Punkt des Parks liegt etwa bei , der höchste bei . Die Westseite gehört zu den südlichen Ausläufern des Monte Generoso. Etwas westlich liegt der für seine Fossilien bekannte Monte San Giorgio.

Der Geopark gliedert sich in drei Abschnitte:

Den oberen Bereich bildet eine enge Schlucht, bewaldet und nur durch ein paar Wege erschlossen. Eine hohe Brücke, Stege und Treppen erschliessen das steile Gelände bei der Buzun da Diavul (Teufelsschlucht) im unteren Bereich. Etwas oberhalb liegt auf der Prato delle Streghe (Hexenwiese) ein Picknickplatz. Unterhalb des engen Einschnitts folgt ein etwas breiterer Talabschnitt mit einem ehemaligen Industriegelände – heute eine parkähnliche Landschaft. Im weiten Talboden bildete sich die Schwemmebene Molini mit weniger hohen Hängen. Danach windet sich die Breggia nochmals in einem engen Abschnitt zwischen den Hügeln von Balerna und Morbio Inferiore durch, bevor sie dann unterhalb der Parkgrenze in flaches Gelände austritt. Der Park endet im Norden an der Brücke, die Castel San Pietro mit Morbio Superiore über die Schlucht der Breggia verbindet. Die Brücke der alten Strasse liegt tief in der Schlucht und ist heute Bestandteil der Wanderwege im Geopark. Ein Wanderweg folgt dem Flusslauf – teilweise über hohe Brücken, Treppen und Stege an der Felswand verlaufend. Gelegentlich führen Waldwege die Hänge hoch aus der Schlucht hinaus. Ab der Parkmitte besteht eine asphaltierte Strasse, die die ehemaligen Berg- und Zementwerke erschloss und im unteren Bereich durch einen kleinen Tunnel geführt wird.

Ein rund anderthalb Kilometer langer Themenweg passiert über 20 Geostopps, an denen die geologischen Besonderheiten erläutert werden.

Im untersten Bereich ist die Breggia zu einem kleinen Teich gestaut. Unterhalb des Damms liegt die alte Mühle Mulino del Ghitello, in der sich ein kleines Besucherzentrum befindet.

Geologie Entstehung des Gesteins Im Laufe der Zeit hat der Fluss Breggia sich in die Schlucht eingegraben und dabei ein etwa 1,5 km langes geologisches Profil aus der Zeit des Erdmittelalters freigelegt. In der Geologie werden die letzten 4450 Mio. Jahre in Erdaltertum (Paläozoikum), Erdmittelalter (Mesozoikum) und Erdneuzeit (Känozoikum) aufgeteilt, die wiederum in Epochen zerlegt werden. Das Erdmittelalter umfasst den Zeitraum vor 251 bis 65,5 Mio. Jahren, der wiederum in Trias, Jura und Kreide gegliedert ist.

Im Erdmittelalter sah das Bild der Erde ganz anders aus als heute: In der Jurazeit (vor 199,6 – 145,5 Mio. Jahren) erstreckte sich der Tethys-Ozean zwischen dem Nordkontinent Laurasia und dem Südkontinent Gondwana, zu dem die Adriatische Platte, ein kleiner Kontinent, gehörte. Das Gestein im Parco delle Gole della Breggia hat sich in der Jura- und der Kreidezeit durch Ablagerungen am Rand des Kleinkontinents Adria gebildet.

mini|ohne|hochkant=2|Ablagerungen Sedimente am Rand des Kleinkontinents Adria Später, in der Erdneuzeit, entstanden die Alpen. Damals trafen der Kleinkontinent Adria und der Nordkontinent zusammen. Die ozeanische Platte dazwischen verschwand grösstenteils unter der Erdkruste, und die Ablagerungen auf dem Meeresboden – die Sedimentschichten – wurden in der Kontaktzone zusammengedrückt, aufgestellt und über den Nordkontinent geschoben.

Im Zuge der Gebirgsbildung wurden die Gesteinsschichten in diesem Gebiet nach Südwesten geneigt.

Gesteine mini|Profilschnitt Parco delle Gole della Breggia Das älteste Sediment des Parco delle Gole della Breggia ist der Moltrasio-Kalk. Dieser tritt im oberen Bereich des Parks bei der Brücke Punt da Canaa (zwischen Morbio Superiore und Castel San Pietro) zutage. Je weiter es von da aus talabwärts geht, desto jünger wird das Gestein, das von der Breggia freigelegt worden ist.

Moltrasio-Kalk Der Moltrasio-Kalk stammt aus der frühen Jurazeit (195 Mio. Jahre) und besteht aus winzigen Bruchstücken abgestorbener Kieselschwämme, einem vielzelligen Meerestier der Klasse Schwämme, dessen Partikel sich am Meeresboden angesammelt und zu Kalkstein verfestigt haben. Darauf lagerten sich Tonmineralien ab und bildeten eine dünne Schicht Mergel, eine Mischung aus sehr feinen Kalk- und Tonpartikeln. Über der Schicht Mergel entstand wieder eine Schicht aus Kalk, worauf wiederum eine Schicht Mergel folgte. Im Laufe der Zeit wiederholten sich die Kalk-Mergel-Abfolgen in regelmässigen Zyklen, sodass pro einer Million Jahre jeweils ein rund 20 Meter dickes Gesteinspaket entstand.

Ammonitico Rosso Lombardo mini|Ammonitico Rosso Lombardo

Weiter flussabwärts folgen auf den Moltrasio-Kalk die etwas jüngeren und rötlich gefärbten Kalkschichten des Ammonitico Rosso Lombardo. Seine rötliche Färbung erhielt das Gestein, das ebenfalls aus der frühen Jurazeit stammt, von eisenhaltigen Mineralien. Damals vertiefte sich das Meer lokal, sodass die Ablagerung fortan in tiefem, sauerstoffarmen Wasser stattfand. Das Wachstum des Ammonitico Rosso Lombardo wuchs enorm langsam: In acht Mio. Jahren (vor 190 – 182 Mio. Jahren) wuchsen die Schichten des Ammonitico Rosso Lombardo bloss 15 Meter an.

Dank dem Ammoniak – einer gasförmigen Verbindung – im Ammonitico Rosso Lombardo, ist diese Zone reich an Fossilien.

Rosso ad Aptici mini|Rosso ad Aptici|links Unterhalb vom Picknick-Platz Prato delle Streghe quert eine Holzbrücke – Punt dal Farügin – die Breggia. Von da aus führt der Weg nach unten zu einem Steg, der sich weiter entlang einer Felswand zieht. Das Gestein der Felswand, Rosso ad Aptici, besteht aus Radiolarit, der sich aus den Trümmern von Radiolarien, Einzeller mit Skelett aus Quarz oder Calcit, und dem Schlamm auf dem Meeresgrund zusammensetzt.

Maiolica-Kalk mini|Maiolica-Kalk Der aus der Kreidezeit stammende Maiolica-Kalk ist wesentlich jünger als der Moltrasio-Kalk aus der Jurazeit und besteht aus 70–92 % Calciumcarbonat.Informationstafeln «Geostop 13» im Park Parco delle Gole della Breggia (20. März 2022) Bei Calciumcarbonat handelt es sich um eine chemische Verbindung von Calcium, Kohlenstoff und Sauerstoff, die hauptsächlich in Form des Minerals Calcit erscheint. Calcit ist ein gesteinsbildendes Mineral. Es kommt zum Beispiel in den Schalen von Muscheln und Schnecken und in den Skeletten von Einzellern vor, die nach ihrem Absterben auf den Meeresboden sinken.Calciumcarbonat wird weltweit in grossen Mengen abgebaut, hauptsächlich für die Herstellung von Zement. So wurde auch der Maiolica-Kalk von 1963 bis 2003 abgebaut und im Zementwerk Saceba verarbeitet, dessen grosse Halle als industriegeschichtliches Denkmal im Parco delle Gole della Breggia an die wirtschaftliche Bedeutung des Gesteins erinnert.

Scaglia mini|hochkant|Scaglia Rossa Nach dem eingestellten Zementwerk Saceba folgen auf den Maiolica-Kalk die jüngeren Schichten der Scaglia aus der mittleren Kreidezeit (vor etwa 120 bis 95 Mio. Jahren). Zu sehen sind Mergel und Mergelkalk.Informationstafeln «Geostop 17» im Park Parco delle Gole della Breggia (20. März 2022) Mergel setzt sich aus Kalk und Ton im Verhältnis eins zu zwei zusammen, wohingegen der Mergelkalk das umgekehrte Verhältnis aufweist, zwei Anteile Kalk pro Anteil Ton.

Die Scaglia ist ein weiches und zerbrechliches Gestein, dessen Name Schuppen bedeutet. Je nach Farbe des Gesteins wird es als Scaglia Bianca (weiss) oder als Scaglia Rossa (rot) bezeichnet. Die Scaglia Verigiata («vielfarbige Schuppen») bildet die älteste Schicht dieser Reihe. Auf sie folgt die Scaglia Bianca und darüber liegt die jüngste der Scaglia-Schichten, die Scaglia Rossa. Entstanden ist die Scaglia aus dem Schlamm, den die Flüsse vom Festland in die Randzone des Tethys-Ozeans befördert hatten.

Konglomerat von Pontegana Über den jüngsten Sedimenten aus der Kreidezeit liegt das Konglomerat von Pontegana. Konglomerat ist ein zementiertes Geröll. Es entsteht, indem das Geröll vom Fluss abtransportiert, geschliffen und schliesslich im Kies des Flussbetts abgelagert wird. Da wird es vom Kies einzementiert. Beim Konglomerat von Pontegana handelt es sich um einen Rest eines alten Deltas, welches einst die Region Balerma – Morbio Inferiore – Pontegana umfasste.

Geologische Besonderheiten

Verformte Kalk-Mergel-Schichten Südlich des Picknick-Platzes Prato delle Streghe liegt im Bett der Breggia ein gefaltetes Gestein, das sich vor etwa 170 Mio. Jahren verformt hatte.Informationstafeln «Geostop 8» im Park Parco delle Gole della Breggia (20. März 2022) Damals lagerten sich wechselweise Kalk- und Mergelschichten auf leicht geneigtem Meeresgrund ab. Mit der Zeit rutschten die oberen Schichten ein paar Meter ab und verformten dabei die Schichten darunter.

Jura-Kreide-Grenze Folgt man dem Weg entlang der Felswand weiter, hört das rote Gestein des Rosso ad Aptici aus der Jurazeit plötzlich auf. Auf das rote Gestein trifft der weisse Maiolica-Kalk, der einer jüngeren Epoche des Erdmittelalters – der Kreidezeit – entspringt. Die Schnittstelle der beiden Gesteinsarten markiert nicht nur eine scharfe materielle, sondern ebenso eine zeitliche Grenze: den Übergang von der Jura- in die Kreidezeit, der mit grossen geologischen Umbrüchen verbunden war.

Falte in der Scaglia Bianca Zwischen der alten Brücke Punt dalla Bira und einer modernen Brücke, die in den Tunnel führt, ist die Scaglia Bianca gefaltet.Informationstafeln «Geostop 16» im Park Parco delle Gole della Breggia (20. März 2022) Ihre Falte hat sie im Zuge der Alpenbildung erhalten, als die Sedimentschichten nicht nur gekippt, sondern ebenso deformiert wurden.

Diskordanz bei Mulino di Ghitello Am Ende des Parco delle Gole Breggia befindet sich eine Felswand, deren unterer Bereich aus aufrecht und schräggestellten Schichten der Scaglia Rossa besteht, die etwa 100 Mio. Jahre alt sind. Darüber liegt der verfestigte Schotter eines Murgangs, der mit seinen fünf Mio. Jahren eine wesentlich jüngere Schicht darstellt. Zwischen den beiden Schichten liegt also die Schnittstelle zweier Zeiten, die sehr weit auseinanderliegen. Bei einem solchen Phänomen spricht man von Diskordanz. Einst waren die aufgestellten Schichten der Scaglia Rossa einiges höher als heute und über einen langen Zeitraum hinweg der Erosion ausgesetzt, sodass Teile davon langsam aber stetig abgetragen wurden.

Fauna und Flora mini|Laghetto del Ghitello – auf dem Konglomerat-Hügel im Hintergrund das Dorf Morbio Inferiore Im Park wurden 542 Pflanzenarten aus 100 Familien nachgewiesen. 88 der Pflanzenarten sind in der Roten Liste der gefährdeter Arten aufgeführt. Erwähnenswert sind zum Beispiel der in der Schweiz seltene Taubenkropf, die Gelbe Sommerwurz oder das Alpenveilchen.

Das Gebiet besteht zu einem Grossteil aus Wald, auch wenn das Siedlungsgebiet vielerorts bis an den Park heranreicht. Vorherrschend sind Hopfenbuche, Eschen und Robinien.