mini|350px|Anastas Mikojan, Josef Stalin und Grigori Ordschonikidse in Tiflis, 1925

Die Georgische Affäre 1922 () war ein politischer Konflikt innerhalb der sowjetischen Führung über die Art und Weise, wie soziale und politische Transformationen in der Georgischen SSR erreicht werden sollten. In den Disput über Georgien, der kurz nach der gewaltsamen Sowjetisierung des Landes durch die Invasion der Roten Armee aufkam und Ende 1922 seinen Höhepunkt erreichte, waren einerseits georgische bolschewistische Führer, angeleitet von Philipp Macharadse und Budu Mdiwani, und andererseits ihre de facto Vorgesetzten aus der Russischen SFSR, insbesondere Josef Stalin und Grigori Ordschonikidse, involviert.

Der Inhalt dieses Streits war komplex und umfasste unter anderem den Wunsch der Georgier, ihre Autonomie gegenüber der Regierung in Moskau beizubehalten, sowie abweichende Interpretationen der bolschewistischen Nationalitätenpolitik, insbesondere denen in Bezug auf Georgien. Einer der Hauptstreitpunkte war die Moskauer Entscheidung, Georgien, Armenien und Aserbaidschan in der Transkaukasischen SFSR zu vereinigen. Dieser Schritt wurde von den georgischen Führern entschieden abgelehnt, da diese für ihre Republik einen Vollmitgliedsstatus innerhalb der Sowjetunion forderten.

Die Affäre war eine kritische Etappe im Machtkampf um den kranken Wladimir Lenin, um dessen Unterstützung sich die Georgier bemühten. Der Disput endete mit dem Sieg Stalins und Ordschonikidses und führte zum Sturz der moderaten kommunistischen Regierung in Georgien. Laut Historiker Jeremy Smith trug er außerdem zum endgültigen Bruch zwischen Lenin und Stalin bei und war zugleich Anregung zur Verfassung des Testaments Lenins.

Hintergrund Marxismus und die „Nationale Frage“ 1848 schrieb Karl Marx in seinem Manifest der Kommunistischen Partei: „Die Arbeiter haben kein Vaterland“. In den nachfolgenden Jahrzehnten beschäftigten sich marxistische Denker wie Rosa Luxemburg, Karl Kautsky, Otto Bauer, Wladimir Lenin und Josef Stalin mit der Frage, wie ein klassenbasiertes Weltbild mit der Existenz von Nationen und Nationalismus in Einklang gebracht werden kann, und kamen dabei zu teils völlig gegensätzlichen Schlussfolgerungen.

Diese Frage nahm in Folge des Sturzes der Regierung des Zaren Nikolaus II. und dessen Ersetzung durch die neue Sowjetregierung einen immer dringenderen politischen Charakter an.

Stalins Ansichten zur Nationalen Frage In seinen frühen Schuljahren in Georgien entwickelte Stalin (geboren als Iosseb Dschughaschwili) eine Verbindung zum aufkeimenden georgischen Nationalismus, teilweise als Gegenreaktion auf die kaiserliche Russifizierungspolitik in dem theologischen Seminar, an dem er eine orthodoxe Priesterschaft anstrebte.Stephen Kotkin: Stalin: Paradoxes of Power, Vol. 1: 1878–1928. Penguin Books, New York 2014. S. 32–35.

Bis 1904 hatte sich Stalin allerdings, beeinflusst durch marxistische Schriften, in Richtung einer Ablehnung des unabhängigen georgischen Nationalismus bewegt, wie auch in seinem Aufsatz Die sozialdemokratische Sicht zur nationalen Frage dargelegt.

Stalin entwickelte seine Ansichten in seinem Flugblatt Marxismus und die nationale Frage aus dem Jahr 1913 weiter. Dieser Aufsatz beschreibt Nationalismus als eine wichtige und nicht zu unterschätzende Kraft, die historisch mit dem Aufstieg des Kapitalismus entstanden war und nach dem Sturz der zaristischen Autokratie in den russischen Grenzregionen (einschließlich Georgien) stark an Dynamik gewonnen hatte. Zwar beleuchtete er einerseits das Recht auf nationale Selbstbestimmung als legitime Antwort auf den Chauvinismus des Unterdrückers, unterstrich aber gleichzeitig die potenziell ausbeuterische Nutzung des Nationalismus als Mittel zur Spaltung der Arbeiterklasse, zur tatsächlichen Unterdrückung oder um an dem festzuhalten, was Stalin als veraltete kulturelle Totems ansah (hierfür zog er spöttisch „solche 'nationalen Besonderheiten' der Georgier wie die Blutrache!“ als Beispiel heran).

In demselben Aufsatz beschrieb Stalin spezifische Probleme im Bezug auf „kulturell-nationale“ Autonomie in der Kaukasusregion, einschließlich Georgiens. Er bezog sich auf die mögliche Organisation ethnisch definierter Institutionen sowohl innerhalb als auch außerhalb dieses Territoriums, wobei er teilweise einwandte, dass ein solches Projekt aufgrund der ethnischen Vielfalt der Region zum Scheitern verurteilt sei und dass es auch zu Machtübernahmen durch religiöse Anführer führen könnte, die Stalin als „reaktionär“ bezeichnete.

Bis 1917 wurde Stalin, auch durch seine ausführliche Auseinandersetzung mit diesem Thema, innerhalb der russischen Partei der Bolschewiki zum anerkannten Experten zur nationalen Frage und wurde zum Nationalitätenkommisar in der neuen Sowjetregierung befördert.Kotkin: Stalin: Paradoxes of Power, Vol. 1, S. 349

Diplomatischer Hintergrund Die Gründung der neuen Russischen SFSR 1917 sowie insbesondere das Ende des Polnisch-Sowjetischen Krieges im März 1921 waren Auslöser einer Flut diplomatischer Aktivitäten. Zunächst wurden die Beziehungen zwischen der Russischen SFSR und anderen Sozialistischen Sowjetrepubliken durch eine Reihe bilateraler Verträge geregelt. Diesen Zustand sah die oberste bolschewistische Führung über einen langen Zeitraum als unerwünscht und unhaltbar an.

Kurz nach dem zehnten Kongress der Bolschewikenpartei im März 1921 veröffentlichte Stalin Thesen, die seine Sicht auf die Nichttragfähigkeit bilateraler Verträge als langfristige Lösung noch einmal betonten. Dazu schrieb er: „Keine Sowjetrepublik kann sich separat vor wirtschaftlicher Erschöpfung und militärischer Niederlage durch den Weltimperialismus sicher fühlen. Daher hat die isolierte Existenz einzelner Sowjetrepubliken angesichts der Bedrohung ihrer Existenz durch die kapitalistischen Staaten keine feste Grundlage. […] Die von der eigenen und der fremden Bourgeoisie befreiten nationalen Sowjetrepubliken werden ihre Existenz nur verteidigen und die vereinten Kräfte des Imperialismus besiegen können, wenn sie sich zu einer engen politischen Union zusammenschließen.“Kotkin: Stalin: Paradoxes of Power, Vol. 1, S. 386

Die Bedingungen, unter denen verschiedene Sozialistische Sowjetrepubliken in eine größere Körperschaft mit der Russischen SFSR aufgenommen werden könnten, waren jedoch Gegenstand vieler Debatten.

Bolschewistische Übernahme Georgiens Die Sowjetherrschaft in Georgien wurde durch die sowjetische Rote Armee während des Feldzuges im Februar und März 1921, welcher hauptsächlich von den beiden einflussreichen, in Georgien geborenen sowjetischen Beamten, Josef Stalin, damals noch Volkskommissar für Nationalitäten für die Russische SFSR, und Grigori Ordschonikidse, Leiter des Transkaukasischen Regionalkomitees der Russischen Kommunistischen Partei, etabliert. Vor der Invasion herrschten unter den Bolschewiki bereits Meinungsverschiedenheiten über das Schicksal Georgiens. Während Stalin und Ordschonikidse die sofortige Sowjetisierung des unabhängigen Georgiens, dessen damalige Regierung von Menschewiki dominiert war, forderten, bevorzugte Leo Trotzki „eine gewisse vorbereitende Arbeitsphase in Georgien, um den Aufstand zu entwickeln und ihm später zu Hilfe zu kommen“. Lenin war sich über den Ausgang des Feldzuges in Georgien unsicher; er befürchtete internationale Konsequenzen und eine mögliche Krise mit der kemalistischen Türkei. Am 14. Februar 1921 gab Lenin seine Zustimmung zu einer Intervention in Georgien, beschwerte sich später jedoch wiederholt über einen Mangel an präzisen und beständigen Informationen aus dem Kaukasusraum.Ronald Grigor Suny: The Making of the Georgian Nation. 2. Aufl., Indiana University Press, 1994, ISBN 0-253-20915-3, S. 210–212. Lenin war sich der weit verbreiteten Opposition gegen die neu errichtete Sowjetherrschaft wohl bewusst und befürwortete eine Politik der Versöhnung mit der georgischen Intelligenz und den Bauern, die dem militärisch aufgezwungenen Regime weiterhin feindlich gegenüberstanden. Vielen Kommunisten fiel es allerdings schwer, die während des Russischen Bürgerkriegs gegen ihre Opposition angewandten Methoden aufzugeben und sich an die flexiblere Politik anzupassen. Für Moderate wie Philipp Macharadse schien Lenins Ansatz ein angemessener Weg zu sein, um der Sowjetmacht eine breite Unterstützungsbasis zu sichern. Sie plädierten für Toleranz gegenüber der menschewistischen Opposition, mehr Demokratie innerhalb der Partei, eine schrittweise Landreform und vor allem für die Achtung nationaler Befindlichkeiten und der Souveränität Georgiens gegenüber Moskau. Kommunisten wie Ordschonikidse und Stalin verfolgten einen deutlich härteren Kurs: sie wollten politische Opposition komplett eliminieren und die Parteikontrolle über die neu sowjetisierten Republiken zentralisieren.Ami W. Knight: Beria: Stalin's First Lieutenant, Princeton University Press, 1993, ISBN 0-691-01093-5, S. 26–27

Schon bald brach ein Konflikt zwischen den gemäßigten und kompromisslosen Führern der georgischen Bolschewiki aus. Dem Streit ging Stalins Verbot der Bildung der nationalen Roten Armee Georgiens und die Unterordnung aller örtlichen Arbeiterorganisationen und Gewerkschaften unter die bolschewistischen Parteikomitees voraus. Unzufrieden mit der gemäßigten Behandlung der politischen Opposition durch die sowjetisch-georgische Regierung und ihrem Wunsch, die Souveränität gegenüber Moskau zu behalten, besuchte Stalin die georgische Hauptstadt Tiflis im frühen Juli 1921. Nach der Einberufung einer Arbeiterversammlung hielt Stalin eine Rede, in der er ein Programm skizzierte, das auf die Beseitigung des lokalen Nationalismus abzielte, wurde jedoch von der Menge ausgebuht und erhielt von seinen Kollegen feindseliges Schweigen.David Marshall Lang: A Modern History of Georgia, Weidenfeld and Nicolson, London 1962, S. 238. In den darauffolgenden Tagen setzte Stalin den Chef des georgischen Revolutionskomitees, Philipp Macharadse, wegen unzureichender Festigkeit ab und ersetzte ihn durch Budu Mdiwani, der den örtlichen Führern befahl, „die Hydra des Nationalismus zu zerschlagen“. Macharadses Unterstützer, darunter der georgische Tscheka-Chef Kote Tsintsadse und seine Stellvertreter, wurden ebenfalls entlassen und durch die skrupelloseren Offiziere Kvantaliani, Atarbekov und Lawrenti Beria ersetzt.

Konflikt um die Transkaukasische Föderation