Der Sonderforschungsbereich 1288 „Praktiken des Vergleichens. Die Welt ordnen und verändern“ war ein seit 2017 an der Universität Bielefeld angesiedelter geisteswissenschaftlicher Sonderforschungsbereich (SFB) der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Der SFB 1288 hat sich mit Vergleichspraktiken in verschiedenen Kulturen und Epochen, von der Antike bis in die Gegenwart beschäftigt.
Im Zentrum der Forschung standen Fragen nach gesellschaftlichen Ursachen, Verfahren und Wirkungen des Vergleichens. Bezeichnend für die Forschungsprogrammatik des SFB 1288 war, dass Vergleichen als eine produktive Tätigkeit verstanden wird. Es seien die vergleichenden Akteure, die einen Vergleich ermöglichen oder verhindern, nicht die verglichenen Objekte selbst. Somit lässt sich die Forschungsperspektive des SFB 1288 als praxistheoretisch einordnen. Aufbauend auf einer Reihe von Fallstudien wurde untersucht, inwiefern die sich stetig verändernden Vergleichspraktiken als Katalysator für historischen Wandel fungieren, beziehungsweise diesen neu erklären und periodisieren können. Erklärtes Ziel der Forschenden war es, dadurch eine kontigenzsensible Theorie des historischen Wandels zu entwickeln.
Am SFB 1288 haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus vier Fakultäten der Universität Bielefeld geforscht: Mit der Beteiligung von Forschenden aus den Fächern Geschichte, Literaturwissenschaft, Rechtswissenschaft, Kunstgeschichte, Philosophie, Politikwissenschaft und Soziologie, war der SFB 1288 interdisziplinär aufgestellt. Darüber hinaus haben Kooperationen mit ausländischen Universitäten bestanden, unter anderem der Wesleyan University und der University of Notre Dame. Strukturell angegliedert war er an die Abteilung Geschichtswissenschaft der Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie.
Im November 2020 wurde die Laufzeit des SFB 1288 (1. Förderphase: Anfang 2017 bis Ende 2020) von der DFG um weitere vier Jahre verlängert (2. Förderphase: Anfang 2021 bis Ende 2024). In der 2. Förderphase stand die Historikerin Antje Flüchter dem Forschungsverbund als Sprecherin vor und wurde von Maximilian Benz (Germanistik) und Martin Petzke (Soziologie) vertreten. Bis Mai 2021 wurde dieses Amt von der Historikerin Angelika Epple ausgeübt. Eine dritte und letzte Förderphase des SFB 1288 wurde nicht von der DFG bewilligt. Im Rahmen der Abschlussfinanzierung wurden der Dialog und die Kommunikation über Vergleichspraktiken im Jahr 2025 fortgeführt, um die gewonnenen Erkenntnisse aus den ersten beiden Förderphasen sichtbar und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Ziele, Methoden und theoretische Einordnung Der SFB 1288 hat ein Forschungsprogramm formuliert, dessen Fragestellungen in den drei geplanten Förderphasen unterschiedliche Gewichtung erfahren. Langfristig bauen die Fragestellungen aufeinander auf, um die Entwicklung einer kontingenzsensiblen Theorie historischen Wandels zu erarbeiten.
In der ersten Förderphase 2017–2020 ging es primär um die Etablierung einer neuen Forschungsagenda, die den performativen Charakter von Vergleichspraktiken in den Mittelpunkt stellt. Die comparata und das tertium comparationis, die miteinander verglichenen Objekte und deren angenommene gemeinsame Eigenschaft, die den Ausgangspunkt für den Vergleich bildet, werden als kulturelle Konstruktionen verstanden. Die Vergleichbarkeit oder Unvergleichbarkeit von comparata begründet sich nicht mit deren tatsächlichen Eigenschaften, sondern den jeweiligen Interessen, aus denen Akteure Vergleiche anstellen.Antrag, 6 Da die angestellten Vergleiche gesellschaftliche Konsequenzen haben, werden bestimmte soziale Phänomene durch Praktiken des Vergleichens überhaupt erst konstituiert. Der SFB 1288 kann also neben der kritischen Vergleichsforschung, auch in der Praxistheorie situiert werden. Ein weiteres Ziel ist begriffliche Typologien zu entwickeln, um das Verhältnis des Vergleichens zu verwandten Praktiken wie Messen, Unterscheiden und Klassifizieren zu analysieren. Die Arbeit der Projektbereiche war in der ersten Förderphase darauf ausgerichtet, auf der Mikroebene des Sozialen zu forschen. Durch die Fallstudien einzelner Praktiken in konkreten Kontexten wurden sowohl verschiedene Modi des Vergleichens als auch der Wandel von Vergleichspraktiken herausgearbeitet.
Das Forschungsprogramm der zweiten Förderphase knüpft inhaltlich an die erste Förderphase an, verlagert den Schwerpunkt allerdings auf die Mesoebene. Damit sind die gesellschaftlichen Auswirkungen von Vergleichspraktiken auf mittlerer Reichweite gemeint, die sich zum Beispiel anhand der Analyse von communities of practice und Praxisformationen untersuchen lassen. Als Praxisformationen werden solche Vergleichspraktiken verstanden, die sich wiederholen und mit anderen Praktiken zusammenwirken. Communities of practice sind dagegen als spezifische Netzwerke von Akteure definiert, die sich formen, um praktisches Wissen zu generieren und auszutauschen. Beide Begriffe dienen als Heuristik, um Vergleichspraktiken und den von ihnen angestoßenen historischen Wandel über einen längeren Zeitraum hinweg zu verfolgen. Dementsprechend stehen Fragen bezüglich Institutionalisierung, Stabilisierung, Verknüpfung und Musterbildung von Vergleichspraktiken im Vordergrund der Forschung, die zwischen 2021 und 2024 geleistet wird.
Aufbauend auf die Analyse der Mikro- und Mesoebene soll in der dritten Förderphase (Anfang 2025 bis Ende 2028) die Makroebene im Fokus der Forschung stehen, etwa Vergleichshorizonte und daraus hervorgehende Anpassungs- und/oder Distinktionsdynamiken sowie konkrete Zusammenhänge zwischen Vergleichspraktiken und der Genese und dem Wandel gesellschaftlicher Makrostrukturen. Eine dritte Förderphase wurde allerdings nicht von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) bewilligt.
Teilprojekte In der ersten Förderphase sowie in der zweiten Förderphase wurden 18 Teilprojekte sowie assoziierte Projekte von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert. Mit Ausnahme der zentralen Projekte (INF, Ö und Z) sind diese in die Projektbereiche A, B, C, D, E und F unterteilt. Drei der bewilligten Projekte der zweiten Förderphase sind Neuanträge, die restlichen sind Fortsetzungsanträge von Teilprojekten aus den Projektbereichen A, B und C der ersten Förderphase. In diesen Teilprojekten wurde danach gefragt, ob sich in Konflikt- oder Aushandlungssituationen beziehungsweise gesellschaftlichen Räumen der Reflexion unterschiedliche Praktiken des Vergleichens formen. Die Forschenden waren unter anderem daran interessiert, ob in Situationen der Konkurrenz die Differenzen zweier Vergleichsobjekte stärker gewichtet werden als in Situationen der wissenschaftlichen Beobachtung oder ästhetischen Beobachtung oder ästhetischen Reflexion bzw. der De- und Restabilisierung von Ordnungen in interkulturellen Kontaktzonen.Broschüre, 12
Zweite Förderphase (2021–2024)
Projektbereich D – Wissen erzeugen und stabilisieren In Projektbereich D stehen Experten, Reisende und Wissenschaftler, konstituiert als communities of practice, im Fokus der Forschung. Im Vordergrund steht dabei die Frage, wie durch das Vergleichen in verschiedenen Epochen Wissen erzeugt und stabilisiert wurde.
Projektbereich E – Grenzen des Vergleichens: Unvergleichbarkeitsbehauptungen und Grenzziehungen Der Projektbereich E geht zwei Hauptfragestellungen nach: 1. Wie entstehen Grenzen der Vergleichbarkeit? Worin liegen die Gründe für rhetorische und performative Behauptungen von Unvergleichbarkeit? 2. Wie entstehen Grenzen durch das Vergleichen? Wie werden z. B. gesellschaftliche Gruppen durch Vergleiche voneinander abgegrenzt werden.
Projektbereich F – Standardisieren und Globalisieren: Expansive Vergleichspraktiken Der Projektbereich F versucht zu verstehen, wie und in welchem Ausmaß Praktiken des Vergleichens zu Standardisierungs- und/oder Globalisierungsprozessen beitragen. Umgekehrt wird auch gefragt, ob dieselben Prozesse das Vergleichen formen und limitieren.
Publikationen
Bielefeld University Press Auf Initiative des Forschungsverbundes SFB 1288 wurde 2019 die Bielefeld University Press (BiUP)Bielefeld University Press gegründet. In Kooperation mit dem transcript Verlag dient die BiUP als Publikationsplattform für geisteswissenschaftliche Spitzenforschung.Verzeichnis der von Forschenden des SFB 1288 veröffentlichten Titel
Working Paper Der SFB 1288 hat eine Reihe von Working Papers herausgegeben, in denen, neben einigen Fallstudien, vor allem begriffliche und theoretische Grundlagen erarbeitet wurden.pub.uni-bielefeld.de
Wissenschaftskommunikation Über eine Reihe von Formaten hat der SFB 1288 seine Forschungsinhalte mit einer breiteren Öffentlichkeit kommuniziert und war auch in sozialen Netzwerken und Medien vertreten: Auf X, mit einem eigenen YouTube-Kanal, dem Podcast „Praktisch Theoretisch“, mit einem LinkedIn-Profil, einem Blog zu Vergleichspraktiken auf der geisteswissenschaftlichen Blog-Plattform de.hypotheses, mit der SFB 1288-Website und der dort integrierten News-Sparte sowie mit einem monatlichen Radioformat im Campusradio Hertz 87.9. Auf diesen unterschiedlichen Kanälen haben SFB 1288-Wissenschaftlerinnen und -Wissenschaftler ihre Forschungsprojekte erklärt und von ihrer Forschung zum Thema „Praktiken des Vergleichens“ berichtet. Halbjährlich – in einer Sommer- und einer Winterausgabe – ist der SFB 1288-Newsletter „SFB 1288-Rückblick“ erschienen,"SFB 1288-Rückblick" in dem weitere Einblicke in die Arbeit und die Aktivitäten im SFB 1288 „Praktiken des Vergleichens“ gegeben wurden. Neben der multimedialen Aufbereitung von Vorträgen und Tagungen, wurden u. a. Forschungsergebnisse durch Ausstellungen im musealen Raum präsentiert. In der Ausstellungsreihe "miteinander gegenüber", die in Kooperation mit der Kunsthalle Bielefeld entstanden ist, liegt der Fokus auf einem Werk aus der Sammlung der Kunsthalle, das in der Gegenüberstellung mit einer ausgewählten externen Arbeit zentrale Fragestellungen aufgegriffen hat. Im Zentrum standen dabei immer ein konzentrierter Vergleich der ausgewählten Werke. Begleitet wurde die Ausstellungsreihe von verschiedenen, gemeinsam organisierten Veranstaltungsformaten, z. B. Vorträgen, Podiumsdiskussionen oder (Kurz-)Führungen in der Kunsthalle Bielefeld. Seit Juli 2024 gab es darüber hinaus die SFB 1288-Audiothek "Unvergleichliches Hören", in der regelmäßig Audioformate wie Mitschnitte von Vorträgen und Konferenzen, (Podiums-)Diskussionen oder themenbezogene Interviews rund um Praktiken des Vergleichens und die Forschung zu Vergleichspraktiken veröffentlicht wurden. Bei allen Projekten und Kooperationen ging es aus wissenschaftskommunikativer Perspektive darum, geisteswissenschaftliche Prozesse, Arbeitsweisen und Recherche sichtbar(er), nachvollziehbar(er) und greifbar(er) zu machen, sodass geisteswissenschaftliche Forschung auf anderen Ebenen und in unterschiedlichen Zielgruppen divers(er) reflektiert werden kann.
Das für die Wissenschaftskommunikation verantwortliche Teilprojekt ÖTeilprojekt Ö (Making of: Communities of Practice. Geisteswissenschaften und Gesellschaften in Relation) hat sich dabei nicht nur als rein vermittelnde Instanz verstanden, sondern wollte mit seinen Aktivitäten eine Reflexion darüber anstoßen, wie geisteswissenschaftliche Inhalte in die Gesellschaft kommuniziert werden. Analog zum Forschungsprogramm des SFB 1288 hat sich daran die Frage angeschlossen, inwiefern Praktiken der Wissenschaftskommunikation und des Vergleichens das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft beeinflussen.