mini|Chantal Jaquet, 2026

Chantal Jaquet (geb. 1956) ist eine französische Philosophin. Sie ist Professorin für Philosophie an der Université Paris 1 Panthéon-Sorbonne.

Leben Chantal Jaquet stammt aus Tincave, einem Bergweiler in Savoyen, und wuchs in einer sehr armen Familie auf. Ihre Mutter war Hausfrau, ihr Vater arbeitete nacheinander als Hirte, Bergmann und schließlich als Gemeindebediensteter. Im Vergleich zu ihrem sozialen Umfeld hat sie einen außergewöhnlichen Werdegang hinter sich. Als Stipendiatin am Collège d’enseignement général (deutsch: Allgemeinbildendes Kolleg) in Bozel bestand sie im Alter von 15 Jahren als Beste die Aufnahmeprüfung für die École normale d'institutrices de Savoie. Obwohl sie eigentlich Lehrerin werden sollte, durfte sie ihr Studium in den Vorbereitungsklassen als bezahlte Lehramtsstudentin fortsetzen, da sie im Abitur im Fach Literatur die Note „sehr gut“ erzielt hatte.

Sie wurde an der École normale supérieure in Fontenay-aux-Roses zugelassen und legte anschließend die Agrégation in Philosophie ab. Nach ihrer Abordnung an das Pariser Rektorat unterrichtete sie als Agrégée (Studienrätin) nacheinander an den Gymnasien in Flers (im Departement Orne) und Draguignan (im Departement Var) sowie in den Pariser Vororten Étampes und Athis-Mons.

Parallel zu ihrer Lehrtätigkeit schrieb sie unter der Betreuung von Jean-Marie Beyssade ihre Doktorarbeit mit dem Titel „Sub specie aeternitatis: Eine Untersuchung der Begriffe Zeit, Dauer und Ewigkeit bei Spinoza“. Sie verteidigte ihre Dissertation 1994 und erhielt die Bewertung „mit großem Lob sowie einstimmigen Glückwünschen der Prüfungskommission“, was der deutschen Auszeichnung Summa cum laude („mit höchstem Lob“) entspricht. Im folgenden Jahr wurde sie zur Dozentin an der Universität Paris 1 Panthéon-Sorbonne gewählt. Anschließend erwarb sie die Habilitation zum Thema „Ausdrucksformen der Handlungsmacht“ und wurde zur Professorin an der Universität Paris 1 Panthéon-Sorbonne ernannt.

Forschungsarbeiten Jaquet forscht u. a. zu Spinoza, der Geschichte der modernen Philosophie, der Sozialphilosophie und der Philosophie des Körpers. Von 2018 bis 2021 leitete sie das Zentrum für die Geschichte der modernen Philosophien an der Sorbonne. Sie gründete die Zeitschrift „Philonsorbonne“, das Organ des Doktorandenkollegs für Philosophie, das sie von 2006 bis 2016 leitete. Außerdem leitet sie die Reihe „Die Alten und die Modernen: Philosophische Studien“ (französisch: Les Anciens et les Modernes: études de philosophie) im Verlag Classiques Garnier.

Jaquet wird wie Annie Ernaux, Didier Eribon und Édouard Louis zur écriture sociologique zugerechnet, jener Bewegung, welche die sozialen Schichtung zum literarischen Motiv erhebt und zu deren filmischem Pendant Xavier Dolan zählt.

In ihrem Buch Zwischen den Klassen schreibt Jaquet die Thesen Pierre Bourdieus fort und deutet den Begriff des Klassenaufsteigers um, den sie als transclasse (Klassenübergänger) bezeichnet: Durch die Fähigkeit des Wechsels von einem Milieu in ein anderes entstehen die Fähigkeiten zur Vermittlung zwischen den Klassen, zum Sprechen verschiedener Soziolekte (hier: schichtspezifische Gruppensprachen) und zum nuancierteren Denken. In einem Gespräch mit Jean-Marie Durand, das im September 2021 als Taschenbuch unter dem Titel „Nur im Vorübergehen“ (französisch: Juste en passant) erschienen ist, spricht sie über ihre von Armut geprägte, schmerzvolle Kindheit und ihren eigenen Weg aus der Unterschicht.

Chantal Jaquets Forschungen konzentrieren sich auf die Ausdrucksformen der Handlungsmacht. Zunächst befasste sie sich mit Spinoza und der Kraft des Geistes, ewig zu sein und die Dinge sub specie æternitatis („unter dem Blick der Ewigkeit“) zu begreifen. Ausgehend von der Erläuterung dieses Ausdrucks hinterfragt Chantal Jaquet die Beziehungen zwischen Ewigkeit und Dauer bei Spinoza, die blinde Flecken des Systems bleiben, und versucht, ihre rationale Verknüpfung innerhalb der Existenz zu durchdenken.

In Fortführung dieses Ansatzes wendete sie sich der Untersuchung der Kraft des Körpers zu, die ein Gegenstück zur Kraft des Geistes bildet, und erörterte in ihrem Buch "Die Einheit von Körper und Geist: Affekte, Handlungen, Leidenschaften bei Spinoza". Hierin vertrat sie die These vom psychophysischen Parallelismus, die Kommentatoren wie Martial Gueroult oder Gilles Deleuze Spinoza zu Unrecht zugeschrieben haben. Sie stützte sich dabei auf ein spinozistisches Modell und verband es mit einem phänomenologischen Ansatz, um eine eigenständige philosophische Reflexion über die technische, künstlerische, sowie ethische und sexuelle Kraft des Körpers zu entwickeln. Ihre Forschungen zur Kraft des Körpers führten sie dazu, sich mit dem Geruchssinn zu befassen und eine Philosophie zu entwickeln, die diesen oft vernachlässigten Sinn sowie eine olfaktorische Ästhetik zum Gegenstand hat.

Im Jahr 2021 veröffentlichte sie in der Internationalen Zeitschrift für Philosophie (französisch: Revue internationale de philosophie) den Artikel „Der Status der Subjekte bei Spinoza“. Darin untersuchte sie den Widerstand der Subjekte und analysierte zunächst die Hobbessche Konzeption des Subjekts. Anschließend erörterte sie die Frage, ob das Subjekt sein Recht auf Widerstand aufgeben müsse, und widmete sich den Begriffen „subditus“ und „subjectum“ sowie deren Verhältnis in Spinozas Philosophie. Ihre Analyse kam zu dem Ergebnis, dass der Status als Subjekt nicht die Aufgabe des Rechts auf Widerstand impliziert.

Sie prägte den Begriff der „Transklasse“, um Menschen zu bezeichnen, die von einem sozialen Milieu in ein anderes wechseln und dabei die Eigenschaft des Übergängers und Identitätsmerkmale ihrer Herkunft nicht ablegen, was einen Kontrast zum klassischen Verständnis des Aufsteigers darstellt, der den Prozess vermeintlich beende.

Öffentliche Anerkennung Jaquet war am 13. November 2022 Ehrengast der 26. Ausgabe des CitéPhilo-Festivals. Die Veranstaltung findet jährlich in der Region Hauts-de-France statt und soll die philosophische Reflexion im öffentlichen Raum fördern. Jaquet wurde 2023 von der Vereinigung „Femmes de Culture“ zu einer der „100 Frauen der Kultur“ des Jahres gekürt. Im Jahr 2026 war Jaquet als Gastrednerin beim Philosophia-Festival in Saint-Émilion eingeladen, das vom 29. bis 31. Mai stattfand. Das Philosophia-Festival zieht jedes Jahr ungefähr 5.000 Besucher an und hat sich zum Ziel gesetzt, Philosophie, Kunst und Wissenschaft einem breiten Publikum näherzubringen und Wissen für alle zugänglich zu machen.

Veröffentlichungen (Auswahl)

Autorenschaft

Französische Originalwerke Le Désir („Die Begierde“), Paris: Éditions Quintette, 1991; Neuauflage September 2003, ISBN 2-86850-123-0. Sub specie aeternitatis, étude des concepts de temps durée et éternité chez Spinoza („Sub specie aeternitatis: eine Untersuchung der Begriffe Zeit, Dauer und Ewigkeit bei Spinoza“), Paris: Kimé, 1997; Vorwort von Alexandre Matheron, ISBN 978-2-841-74071-0. Neuauflage, Classiques Garnier, 2015, ISBN 978-2-8124-3590-4. Spinoza ou la Prudence („Spinoza oder die Klugheit“), Paris: Éditions Quintette, 1997; Neuauflage 2004, ISBN 2-86850-133-8. Le Corps („Der Körper“), Paris: PUF, Philosopher, 2001, ISBN 978-2-13051-624-8. L’unité du corps et de l’esprit. Affects, actions et passions chez Spinoza („Die Einheit von Körper und Geist. Affekte, Handlungen und Leidenschaften bei Spinoza“), Paris: PUF, 2004; Neuauflage 2015, ISBN 978-2130542049. Les expressions de la puissance d’agir chez Spinoza („Die Ausdrucksformen der Handlungsmacht bei Spinoza“), Publications de la Sorbonne, 2005, ISBN 2-85944-537-4. Philosophie de l’odorat („Philosophie des Geruchssinns“), Paris: PUF, 2010, ISBN 978-2130579144. Bacon et la promotion des savoirs („Bacon und die Verbreitung von Wissen“), Paris: PUF, 2010, ISBN 978-2130568575. Les Transclasses ou la Non-Reproduction („Zwischen den Klassen: Über die Nicht-Reproduktion sozialer Macht“), Paris: PUF, 2014, ISBN 978 2-13-063182-8. Les liens corps esprit, regards croisés à partir de cas cliniques („Die Verbindung zwischen Körper und Geist – unterschiedliche Perspektiven anhand klinischer Fälle“); in Zusammenarbeit mit Pauline Neveu, Eric Pireyre, Fabrice de Sainte Maréville und Philippe Scialom, Paris: Dunod, 2014, ISBN 978-2-10-070588-7. Le Désir („Die Begierde“), Paris: Éditions du Retour, 2017; Neuauflage, ISBN 978-2-9557906-1-8. Spinoza à l'œuvre, composition des corps et force des idées („Spinoza am Werk, die Zusammensetzung der Körper und die Kraft der Ideen“), Éditions de la Sorbonne, 2017, ISBN 978-2-85944-984-1. Philosophie du kôdô : l'esthétique japonaise des fragrances („Die Philosophie des Kôdô: Die japanische Ästhetik der Düfte“), Paris: Vrin, 2018, ISBN 978-2-71162-851-3. Juste en passant („Nur im Vorübergehen“), mit Jean-Marie Durand, Paris: PUF, 2021, ISBN 2-13-082782-9.

Deutsche Übersetzungen

Zwischen den Klassen: Über die Nicht-Reproduktion sozialer Macht. Konstanz: Konstanz University Press, 2018, ISBN 978-3-8353-9104-8.

Leitung von Sammelwerken

Französische Originalwerke

Les trois erreurs de Bacon et de Descartes selon Spinoza („Die drei Irrtümer von Bacon und Descartes nach Spinoza“), Nr. 6 der Revue de l’Enseignement philosophique, Juli–August 1997. Tagungsband des Kolloquiums vom 22. März 1997 unter der Leitung von Chantal Jaquet. L'Héritage baconien au XVIIe et au XVIIIe siècles („Das Erbe Bacons im 17. und 18. Jahrhundert“), Paris: Kimé, 2000. Fortitude et servitude, Lectures de l’Éthique IV de Spinoza („Standhaftigkeit und Knechtschaft: Lesungen zu Spinozas Ethik IV“), in Zusammenarbeit mit Pascal Sévérac und Ariel Suhamy; Kimé, 2003. Les Pensées métaphysiques de Spinoza („Spinozas Metaphysische Gedanken“), unter der Leitung von Chantal Jaquet; Publications de la Sorbonne, 2004. Les significations du « corps » dans la philosophie classique („Die Bedeutungen des ‚Körpers‘ in der klassischen Philosophie“), unter der Leitung von Chantal Jaquet und Tamas Pavlovits; L’Harmattan, 2004. Spinoza, Philosophe de l’amour („Spinoza, Philosoph der Liebe“), unter der Leitung von Chantal Jaquet, Ariel Suhamy, und Pascal Sévérac; Presses de Saint-Étienne, 2005. Les Facultés de l’âme à l’âge classique („Die Seelenkräfte in der Antike“), unter der Leitung von Chantal Jaquet und Tamas Pavlovits; Publications de la Sorbonne, 2006. La Multitude libre. Nouvelles lectures du Traité politique de Spinoza („Die freie Menge. Neue Lesarten von Spinozas ‚Politischem Traktat‘“), unter der Leitung von Chantal Jaquet, Ariel Suhamy, und Pascal Sévérac; Éditions Amsterdam, 2008. La théorie spinoziste des rapports corps/esprit et ses usages actuels („Die spinozistische Theorie der Beziehungen zwischen Körper und Geist und ihre heutige Anwendung“); Paris, Hermann, 2009. Spinoza Transalpin („Spinoza Transalpin“), aktuelle Interpretationen in Italien unter der Leitung von Chantal Jaquet und Pierre-François Moreau; publications de la Sorbonne, 2012, ISBN 978-2-85944-691-8. L’art du portrait conceptuel: Deleuze et l’histoire de la philosophie („Die Kunst des konzeptuellen Porträts: Deleuze und die Geschichte der Philosophie“), unter der Leitung von Axel Cherniasky und Chantal Jaquet; Éditions Classiques Garnier, 2013, ISBN 978-2-8124-1055-0. L'art olfactif contemporain („Die zeitgenössische Duftkunst“), 23. und 24. Mai 2014; unter der Leitung von Chantal Jaquet, Paris: Éditions Classiques Garnier, 2015, ISBN 978-2-8124-3551-5. Spinoza Malebranche, à la croisée des interprétations („Spinoza und Malebranche – am Scheideweg der Interpretationen“), unter der Leitung von Raffaele Carbone, Chantal Jaquet, und Pierre-François Moreau; Éditions de l'ENS, 2018, ISBN 978-284788-978-9. La fabrique des transclasses („Die Fabrik der Transklassen“), Sammelwerk unter der Leitung von Gérard Bras und Chantal Jaquet; Paris: PUF, 2018, ISBN 978-2-13-081103-9.

Einzelnachweise

Kategorie:Philosoph (20. Jahrhundert)