Adolf Ritter Liebermann von Wahlendorf (geboren als Adolph Liebermann am 13. November 1829 in Berlin; gestorben am 30. Januar 1893 in Berlin) war ein deutscher Unternehmer, Mäzen und Kunstsammler. Er war zeitweise Teilhaber des Textilunternehmens seiner Familie, später im Immobiliengeschäft und an der Börse aktiv. Seine Kunstsammlungen umfassten europäisches Kunsthandwerk seit dem Mittelalter und Gemälde überwiegend aus dem 19. Jahrhundert. Nach seinem Tod ließen die Erben seinen Kunstbesitz versteigern.

Leben Adolf Liebermann kam 1829 in Berlin zur Welt. Die Schreibweise des Vornamens war zunächst Adolph und wurde später in Adolf geändert. Sein Vater Josef Liebermann begründete in Berlin ein Unternehmen zur Herstellung von Kattun-Stoffen und schuf damit den Grundstock für das Familienvermögen. Aus dessen Ehe mit Marianne (Miriam) Callenbach gingen insgesamt zehn Kinder hervor. Beide Eltern entstammten jüdischen Familien. Nach der schulischen Ausbildung war Adolf Liebermann zunächst im elterlichen Unternehmen Liebermann & Comp. tätig. In der Kattunfabrik trug er die Verantwortung für den Druck der Stoffe, deren Farbgebung und Gestaltung.Regina Scheer: „Wir sind die Liebermanns“, die Geschichte einer Familie, S. 175. Noch vor dem Tod des Vaters wurde er Teilhaber des Unternehmens.Regina Scheer: „Wir sind die Liebermanns“, die Geschichte einer Familie, S. 175. 1858 heiratete er Rina Strauss (1838–1880), Tochter des Frankfurter Bankiers Hermann Strauss und seiner Frau Lotte, geborene Heß. Die Autorin Marina Sandig ging davon aus, dass die Ehe von Liebermanns Vater arrangiert wurde, um engere Wirtschaftsbeziehungen nach Frankfurt zu erhalten.Marina Sandig: Die Liebermanns: ein biographisches Zeit- und Kulturbild der preußisch-jüdischen Familie und Verwandtschaft von Max Liebermann, S. 156. Aus der Ehe von Adolf und Rina Liebermann entstammen vier Kinder: Der 1859 geborene Sohn Arthur Martin starb bereits im Alter von sechs Jahren. Der zweite Sohn Paul (1861–1929) wurde später Richter. Der dritte Sohn Willy (1863–1939) wurde Chemiker und verfasste eine nach seinem Tod veröffentlichte Biografie.Marina Sandig: Die Liebermanns: ein biographisches Zeit- und Kulturbild der preußisch-jüdischen Familie und Verwandtschaft von Max Liebermann, S. 162. Der jüngste Sohn Fritz Adolf (1865–1936) wurde Mediziner.Marina Sandig: Die Liebermanns: ein biographisches Zeit- und Kulturbild der preußisch-jüdischen Familie und Verwandtschaft von Max Liebermann, S. 163. Zu Adolf Liebermanns Neffen gehörten der AEG-Gründer Emil Rathenau und der Maler Max Liebermann. Das künstlerische Talent von Max Liebermann erkannte der Onkel früh. Er nahm Einfluss auf seinen Bruder Louis, um dessen Sohn Max Liebermann ein Kunststudium in Weimar zu ermöglichen.Marina Sandig: Die Liebermanns: ein biographisches Zeit- und Kulturbild der preußisch-jüdischen Familie und Verwandtschaft von Max Liebermann, S. 156. Adolf Liebermann erwarb zudem ein Frühwerk seines Neffen für seine Sammlung, die in ihrer Qualität und Quantität großen Eindruck auf Max Liebermann hinterließ und ihn möglicherweise später zum Aufbau einer eigenen Kunstsammlung anregte.Angelika Wesenberg: Max Liebermann, Jahrhundertwende, S. 334. mini|Grabmal Adolf Ritter Liebermann von Wahlendorf auf dem Jüdischen Friedhof Schönhauser Allee Adolf Liebermann schied nach Differenzen mit seinen Brüdern Benjamin und Louis aus dem elterlichen Familienunternehmen aus und ließ sich seine Anteile von den Brüdern auszahlen.Regina Scheer: „Wir sind die Liebermanns“, die Geschichte einer Familie, S. 175 und 196. Danach betätigte er sich im Immobiliengeschäft und spekulierte an der Börse.Regina Scheer: „Wir sind die Liebermanns“, die Geschichte einer Familie, S. 218. Er wohnte mit seiner Familie in Berlin zunächst an der Ecke Unter den Linden/WilhelmstraßeWilly Ritter Liebermann von Wahlendorf: Erinnerungen eines deutschen Juden 1863–1936, S. 9., um 1870 in der Bellevuestraße Nr. 15.Marina Sandig: Die Liebermanns: ein biographisches Zeit- und Kulturbild der preußisch-jüdischen Familie und Verwandtschaft von Max Liebermann, S. 157. Von 1870 bis 1872 ließ Liebermann für sich und seine Familie in der Tiergartenstraße Nr. 16 eine repräsentative Villa nach Plänen des Architekten Christian Heidecke errichten.Marina Sandig: Die Liebermanns: ein biographisches Zeit- und Kulturbild der preußisch-jüdischen Familie und Verwandtschaft von Max Liebermann, S. 159. Die Baukosten wurden auf 500.000 Mark beziffert.Regina Scheer: „Wir sind die Liebermanns“, die Geschichte einer Familie, S. 199. Zur Besonderheit des Hauses gehörte eine zwei Stockwerke hohe Gemäldegalerie, in der sich Teile der umfangreichen Kunstsammlung befanden. Zugleich diente der Raum bei den großen Festen im Haus als Tanzsaal.Willy Ritter Liebermann von Wahlendorf: Erinnerungen eines deutschen Juden 1863–1936, S. 13. Zu den Gästen der Liebermanns gehörten der Physiker Hermann von Helmholtz, die Ärzte Bernhard von Langenbeck, Robert Wilms, Ludwig Traube und Ernst von Leyden, der Violinist Joseph Joachim, die Bildhauer Reinhold Begas, Karl Begas und Louis Sussmann-Hellborn, Museumsdirektor Wilhelm von Bode, die Maler Adolph Menzel, Ludwig Knaus und Albert Hertel, die Opernsängerin Désirée Artôt de Padilla und der Sänger Albert Niemann sowie der Kunstsammler Richard von Kaufmann.Willy Ritter Liebermann von Wahlendorf: Erinnerungen eines deutschen Juden 1863–1936, S. 13. Zur Besichtigung der Gemäldegalerie kamen auch der Kronprinz Friedrich WilhelmMarina Sandig: Die Liebermanns: ein biographisches Zeit- und Kulturbild der preußisch-jüdischen Familie und Verwandtschaft von Max Liebermann, S. 159. und seine Frau VictoriaWilly Ritter Liebermann von Wahlendorf: Erinnerungen eines deutschen Juden 1863–1936, S. 27. in Liebermanns Villa.

Am 14. März 1873 wurde Liebermann durch den österreichischen Kaiser Franz Joseph I. „für seine Verdienste um die preußische Kunst“ in den erblichen Adelsstand erhoben und trug fortan den Namen Adolf Ritter Liebermann von Wahlendorf.Marina Sandig: Die Liebermanns: ein biographisches Zeit- und Kulturbild der preußisch-jüdischen Familie und Verwandtschaft von Max Liebermann, S. 158. Damit verbunden war die Verleihung des österreichischen Orden der Eisernen Krone III. Klasse.Eintrag im Österreichischen Staatsarchiv zur Verleihung des Ordens und der Adelsernennung. Vorausgegangen war 1870 Liebermanns Stiftung von mehreren Autographen von Wolfgang Amadeus Mozart, darunter das Manuskript der Jupiter-Sinfonie, an die Königliche Bibliothek zu Berlin.Jürgen Eichenauer, Birgit Grün: Johann Anton André (1775–1842) und der Mozart-Nachlass: ein Notenschatz in Offenbach am Main. Verlag und Datenbank der Geisteswissenschaften, Weimar 2006, ISBN 3-89739-509-6, S. 119. Hierfür erhielt er vom preußischen König Wilhelm I. als Auszeichnung den Roten Adlerorden IV. Klasse.Marina Sandig: Die Liebermanns: ein biographisches Zeit- und Kulturbild der preußisch-jüdischen Familie und Verwandtschaft von Max Liebermann, S. 158. Weiterhin waren enge Beziehungen nach Österreich bei der Adelsernennung hilfreich. So gehörte der in Wien lebende Ludwig von Oppenheimer, Großgrundbesitzer und Mitglied des österreichischen Herrenhauses, zu Liebermann Freunden.Willy Ritter Liebermann von Wahlendorf: Erinnerungen eines deutschen Juden 1863–1936, S. 26. Zudem hatte Liebermann ein Gut in Böhmen erworben, was sicher die folgende Audienz beim österreichischen Kaiser erleichterte.Willy Ritter Liebermann von Wahlendorf: Erinnerungen eines deutschen Juden 1863–1936, S. 26. Der Adelstitel durfte per Genehmigung vom 10. September 1873 auch in Deutschland geführt werden.Gothaisches genealogisches Taschenbuch der adeligen Häuser. Teil B, Perthes, Gotha 1921, S. 516.

1875 geriet Adolf Liebermann vorübergehend in finanzielle Schwierigkeiten. Er war gezwungen, seine Villa an seinen Bruder Benjamin zu verkaufen, blieb dort mit seiner Familie jedoch weiterhin wohnen.Regina Scheer: „Wir sind die Liebermanns“, die Geschichte einer Familie, S. 211. Zudem musste er sich von einem Großteil seiner Bildersammlung trennen, darunter das berühmte Eisenwalzwerk von Adolf Menzel.Barbara Schmidt-Burbach: „Mein Schloss am See“: Max Liebermann und seine Familie in seinem Sommerhaus am Wannsee, S. 59. Beim Verkauf dieses Bildes an die Berliner Nationalgalerie bewies er durchaus kaufmännisches Talent und erzielte einen Erlös von 30.000 Taler, obschon er wenige Monate zuvor nur 11.000 Taler für das Bild bezahlt hatte.Marina Sandig: Die Liebermanns: ein biographisches Zeit- und Kulturbild der preußisch-jüdischen Familie und Verwandtschaft von Max Liebermann, S. 159. Weitere Bilder ließ er 1876 in Paris versteigern.Marina Sandig: Die Liebermanns: ein biographisches Zeit- und Kulturbild der preußisch-jüdischen Familie und Verwandtschaft von Max Liebermann, S. 159. 1880 verstarb Liebermanns Frau Rina. Danach verließ er die Villa in der Tiergartenstraße, in die nun seine Schwester Fanny und deren Mann Ferdinand Reichenheim einzogen.Marina Sandig: Die Liebermanns: ein biographisches Zeit- und Kulturbild der preußisch-jüdischen Familie und Verwandtschaft von Max Liebermann, S. 159. Zudem trennte er sich von weiteren Teilen seiner Gemäldesammlung. Im Gegenzug spendete er einen größeren Geldbetrag an das Auerbachsche Waisenhaus.Marina Sandig: Die Liebermanns: ein biographisches Zeit- und Kulturbild der preußisch-jüdischen Familie und Verwandtschaft von Max Liebermann, S. 159. Adolf Liebermann wohnte als Witwer zunächst in einer Mietwohnung in der Leipziger Straße/Ecke Leipziger PlatzWilly Ritter Liebermann von Wahlendorf: Erinnerungen eines deutschen Juden 1863–1936, S. 33., seit 1888 war die Wilhelmstraße 67A/Ecke Behrenstraße seine Adresse. Zudem lebte er zeitweilig in Paris.Marina Sandig: Die Liebermanns: ein biographisches Zeit- und Kulturbild der preußisch-jüdischen Familie und Verwandtschaft von Max Liebermann, S. 159. Wie sich sein Sohn Wilhelm später erinnerte, waren alle Wohnungen des Vaters museal eingerichtet. Neben Gemälden und Skulpturen fanden sich jeweils alte Schränke und Truhen, Gobelins und andere Stoffe und reichlich Kunsthandwerk.Willy Ritter Liebermann von Wahlendorf: Erinnerungen eines deutschen Juden 1863–1936, S. 9. Mit seinen Söhnen unternahm Liebermann verschiedene Studienreisen, beispielsweise nach Wien.Marina Sandig: Die Liebermanns: ein biographisches Zeit- und Kulturbild der preußisch-jüdischen Familie und Verwandtschaft von Max Liebermann, S. 159. Er selbst gehörte zu den Besuchern der Pariser Weltausstellung 1889.Willy Ritter Liebermann von Wahlendorf: Erinnerungen eines deutschen Juden 1863–1936, S. 35.

Adolf Ritter Liebermann von Wahlendorf starb 1893 in Berlin. Er wurde auf dem Jüdischen Friedhof Schönhauser Allee bestattet. Das aufwendig gestaltete steinerne Grabmonument entsprach sowohl seiner gesellschaftlichen Stellung wie auch seinem künstlerischen Interesse: Auf einem hohen Postament steht ein auf Löwenpranken ruhender mächtiger Sarkophag, über den eine mit Bordüren und Fransen geschmückte Decke liegt. An den Ecken des Sockels liegen Kränze aus Eichenlaub, darüber bilden Quasten den Abschluss. Dazwischen stehen schildartige Inschrifttafeln, die mit Rosengirlanden verziert sind.Marina Sandig: Die Liebermanns: ein biographisches Zeit- und Kulturbild der preußisch-jüdischen Familie und Verwandtschaft von Max Liebermann, S. 161.

Die Kunstsammlungen mini|Sammlung Liebermann von Wahlendorf, Saal