Coming Out Simulator 2014 ist ein Browserspiel aus dem Jahr 2014. Es handelt vom einige Jahre davor erfolgten, bisexuellen Coming-out der kanadischen trans Spieleentwicklerin Nicky Case gegenüber ihren Eltern. Da sie zu jener Zeit in Bezug auf sich selbst männliche Pronomen verwendete, trifft dies auch auf den Protagonisten zu. Er führt mehrere Gespräche mit seinem heimlichen Liebespartner beziehungsweise seinen Eltern. Während der Unterhaltungen müssen die Spieler zwischen je drei verschiedenen Antworten wählen, um auf Aussagen der Gesprächspartner zu reagieren. Das Spiel hat mehrere Verläufe sowie Ausgänge und erzählt damit die wahren Umstände unzuverlässig nach.

Der Titel entstand innerhalb eines Game Jam. Nach eigenen Angaben bezweckte Case mit dem Spiel sowohl eine künstlerische Weiterentwicklung als auch das Abschließen mit ihrer Vergangenheit. Deswegen enthalten die Handlung und Spielmechanik etliche, teils metaphorische Anspielungen auf ihre damalige Situation. Ein Beispiel ist das interaktive Dialogsystem, das Cases Gefühlslage symbolisiert. Für das Genre unüblich beeinflusst die Wahl der Spieler die Handlung kaum.

Das Spiel erschien im Selbstverlag und wurde erstmals im Juni 2014 auf itch.io veröffentlicht, im Februar 2015 bei Newgrounds. In letzterem Jahr war es beim Independent Games Festival für einen Hauptpreis nominiert. Coming Out Simulator 2014 erhielt positive Kritiken. Rezensenten lobten vor allem die nachvollziehbare Darstellung eines Coming-outs sowie die Offenheit der Entwicklerin bezüglich ihrer Erfahrungen hiermit. Der Titel stieß auch bei Spielern auf eine mehrheitlich positive Resonanz. Einige Fans übersetzten ihn in verschiedene Sprachen, während ein anderer Entwickler 2018 ein Remake des Spiels herausbrachte.

Coming Out Simulator 2014 wird seit Erscheinen regelmäßig in bildungs- und gesellschaftspolitischen sowie künstlerischen Kontexten betrachtet. Mehrere Forscher erörterten seine Einordnung innerhalb verschiedener Videospiel-Stilrichtungen, etwa dem Genre Serious Game. Andere Forschende konzentrierten sich stattdessen auf die potentielle Eignung des Titels als Lehrmaterial. Einige Bildungseinrichtungen und Wissenschaftler sprachen direkte Empfehlungen zur Verwendung von Coming Out Simulator 2014 im Unterricht aus. Zudem wurde in mehreren Studien der konkrete Lerneffekt des Spiels untersucht.

Spielprinzip alt=Eine gesichtslose, gezeichnete Person mit schwarzen, nach unten stehenden Haarspitzen sitzt in einem grauen Raum auf einem Stuhl. Vor ihr steht ein Tisch mit ihrem Laptop, dessen Kabel in einer Wandsteckdose steckt. In ihrer linken Hand hält sie einen dampfenden Kaffeebecher. Sie fragt den Spieler auf Englisch, wie das Spiel wohl enden wird, wobei das Gespräch in SMS-ähnlichen, schwarz-weißen Sprechblasen wiedergegeben wird.|mini|Case weist die Spieler in der Einleitung „persönlich“ in die Handlung ein.Im Spiel wird das bisexuelle Coming-out der Entwicklerin Nicky Case nacherzählt, wobei ein Durchgang ungefähr 20 Minuten dauert. Das Alter der Spielfigur wird nicht erwähnt, lässt sich jedoch anhand biografischen Daten in Cases Blog auf 16 bis 17 Jahre einschätzen. Die Handlung besteht aus Unterhaltungen von Case mit ihrem damaligen Partner Jack beziehungsweise ihren Eltern. Die Spieler müssen auf Aussagen der Gesprächspartner reagieren, indem sie von drei möglichen Antworten eine anklicken. Je nach Wahl erfolgen unterschiedliche Reaktionen der anderen, was den weiteren Handlungsverlauf jedoch kaum beeinflusst. In jeweils einer Szene vor und nach der Haupthandlung redet Case in einem Café direkt mit den Spielern. Sie erklärt am Anfang das Spielprinzip und präsentiert am Ende drei Szenarien über ihr Leben nach dem Coming-out.

Handlung In der ersten Szene sitzt Nicky Case im Jahr 2014 in einem Café. Sie stellt sich kurz vor und erläutert, dass die Spieler gleich den Abend nacherleben werden, der Cases Leben „für immer veränderte“. Die 2010 spielende, aus Cases Sicht erzählte Handlung erhalte neben Sätzen, die sie, ihre Eltern und ihr Exfreund tatsächlich sagten, auch fiktive Aussagen, weil es in der realen Situation keine richtigen Antworten gegeben habe. Case rät den Spielern dennoch, genau auf ihre Wortwahl zu achten, da sich jede Figur an jede getätigte Aussage erinnere. alternativtext=Zwei gezeichnete, gesichtslose Männer liegen mit nackten Oberkörpern in ihren jeweiligen Betten und halten Smartphones in den Händen. Der linke Mann heißt Jack, liegt in einem pinken Zimmer und hat helles, nach oben stehendes Haar. Das Zimmer des rechten Mannes, bei dem es sich um die Person aus dem Café handelt, ist grau, seine Haare nach unten stehende, schwarze Spitzen. Sie führen ein durch weiß-blaue Sprechblasen dargestelltes Gespräch, in deren Verlauf Jack den anderen Mann fragt, warum er ihre Beziehung vor seinen Eltern verheimlicht.|mini|Im Spiel wird eine heimliche Jugendbeziehung der Entwicklerin behandelt. Nach einem Szenenwechsel fängt die eigentliche Spielhandlung an. Der Jugendliche Nicky liegt im Bett und schreibt seinem Freund Jack Textnachrichten. Sie reden über den Film Inception, den sie sich einige Stunden zuvor im Kino ansahen. Als Nicky vorschlägt, sich am nächsten Tag wieder zu treffen, fragt Jack plötzlich, warum er sich noch nicht geoutet hat. Nicky brauche keine Angst zu haben, da seine Eltern bestimmt positiv reagieren würden und ein Coming-out im liberalen Kanada kein Problem sei. Nicky erwidert, dass sich ihre Situationen nicht vergleichen ließen. Jacks Eltern seien „kiffende New Age-Hippies“, seine hingegen konservativ. Er willigt dennoch ein, sich beim Abendessen zu outen, als Jack ihm gesteht, die Kommunikation per Textnachrichten, die Nicky aus Angst vor Abhörungen durch die Eltern wählt, als verletzend zu empfinden.

Im Esszimmer wartet Nicky auf seine Eltern. Kurze Zeit später kommt seine Mutter, während sein Vater länger arbeiten muss. Je nach Wahl der Spieler kann Nicky seine Bisexualität unerwähnt lassen, seiner Mutter subtile Hinweise darauf geben oder versuchen, sich direkt zu outen. Gleich welcher Methode kommt sie stattdessen auf seine schlechten Zensuren in Chemie, Informatik und Mathe zu sprechen. Als Nicky erwähnt, zusammen mit Jack lernen zu werden, fordert die Mutter ihren Sohn auf, weniger Zeit mit diesem zu verbringen. Jack sei schwul und könne daher versuchen, ihn zu „rekrutieren“. Nicky soll stattdessen Nachhilfe bei der gleichaltrigen Claire nehmen und ihr Partner werden. Die Mutter gibt danach zu, Nickys Textnachrichten gelesen zu haben, während er auf sie gewartet hat. Sie weint und stellt ihm Fragen über seine Sexualität, unter anderem nach dem Sex mit Jack. Als er letztere beantwortet, erbricht sie sich und nimmt Nicky das Versprechen ab, seinem Vater nichts von seiner Bisexualität zu sagen. Dieser kommt kurz darauf nach Hause. alternativtext=Der junge, graue Mann sitzt mit verschränkten Armen an einem Esszimmertisch seinen im selben Stil (inklusive gleicher Haarfarbe) gezeichneten Eltern gegenüber. Die Mutter sitzt ebenfalls und hat lange Haare, der Vater steht neben ihr, trägt einen schwarzen Anzug mit Krawatte und hat einen bis zu den Ohren gehenden, rechteckigen Kurzhaarschnitt. Auf dem Tisch stehen mehrere Schüsseln mit verschiedenen Gerichten, darunter Reis, sowie mit Essen befüllte Teller vor Mutter und Sohn. An der Wand hängt eine Pendeluhr in Form einer schwarzen Katze. Ihr Bauch ist das Ziffernblatt, das kurz vor acht Uhr anzeigt. Über dem Bauch ist ihr Kopf zu sehen, unter dem Bauch das Pendel in Form eines Schwanzes. Im Sprechblasengespräch will sich der Sohn vor seinem Vater outen, was die Mutter zu verhindern versucht.|mini|Die Reaktion des Vaters hängt von den Entscheidungen der Spielenden ab. Der Vater spricht Nicky auf die geplante Nachhilfe an. Abhängig von der Entscheidung der Spieler gibt es zwei Reaktionen. Wenn Nicky Vorfreude auf die Nachhilfe heuchelt und sich nicht outet, lädt der Vater seine Familie vergnügt in eine Inception-Kinovorstellung ein. Er reagiert hingegen verärgert, wenn Nicky seine Sexualität preisgibt, und zwingt seinen Sohn, die Schule zu wechseln, seine Noten zu verbessern sowie heterosexuell zu werden. Wieder basierend auf der Wahl der Spieler stimmt Nicky den Forderungen zu oder widersetzt sich ihnen. Im ersten Fall geht der Vater in eine Bar, im zweiten schlägt er seinem Sohn mit der Faust ins Gesicht. Unabhängig vom Ausgang erzählt Nicky später Jack per Textnachricht von den Gesprächen mit seinen Eltern. Als er fragt, was nun aus ihrer Beziehung wird, will Nicky seine Entscheidung überschlafen.

Unmittelbar nach dem letzten Satz des Gesprächs springt die Handlung wieder ins Café in der Gegenwart. Case erklärt, sich drei Wochen nach dem missglückten Coming-out von Jack getrennt zu haben. Danach stellt sie den Spielern drei Enden der Geschichte zur Verfügung, die Lüge, Halbwahrheit und Wahrheit heißen. In der Lüge läuft Nicky von zuhause weg und kommt in Alaska bei einem bisexuellen Paar unter. In der Halbwahrheit findet Nicky heraus, dass Claire ebenfalls bisexuell ist, und freundet sich mit ihr an. In der Wahrheit erhält er dank seiner Browserspiele ein Praktikum in der Bay Area und kann dort erstmals offen mit seiner Sexualität umgehen. Nachdem die Spieler alle drei Enden angesehen haben, versichert Case, dass ihre persönliche Situation trotz der familiären Homophobie besser wurde und sie gewonnen habe. Danach wird sie von ihrem neuen Freund weggetragen, worauf das Spiel endgültig endet. In der Newgrounds-Version erscheint noch die Frage REPLAY?, mit der Coming Out Simulator 2014 scheinbar erneut gespielt werden kann. Allerdings antwortet Case, wenn sie angeklickt wird, aus dem Off, dass es im wahren Leben keine Wiederholungen gebe.

Produktion alt=Nicky Case steht an einem dunkelbraunen Pult vor einem silbernen Laptop und einem dünnen Mikrofon, in das sie reinspricht. In der linken Hand hält sie ein schwarzes Klapphandy. An der Pult-Vorderseite klebt ein dunkelblaues Plakat mit der weißen Aufschrift GDC. Case trägt ihre schwarzen Haare als bis zu den Ohren reichende Kurzhaarfrisur, eine Jeans, eine Brille mit rotem Gestell, an der linken Hand rot und an der rechten Hand schwarz lackierte Nägel sowie ein schwarzes Top mit einem hellblau-roten Pflanzenaufdruck und einer schwarzen Katze in der Mitte. Im Hintergrund sind dunkelblaue Bühnenvorhänge und eine große, schwarz-weiße Leinwand mit geometrischen Skizzen zu sehen.|mini|Nicky Case entwickelte Coming Out Simulator 2014 nicht nur, um ihre beruflichen Fähigkeiten zu verbessern, sondern auch zur Verarbeitung ihrer Vergangenheit.

Entstehung Die trans Indie-Spieleentwicklerin Nicky CaseCase erklärte 2019 in einem Blogeintrag, im Erscheinungsjahr von Coming Out Simulator 2014 ihre Geschlechtsinkongruenz bemerkt zu haben. Sie identifizierte sich ab 2015 als nichtbinär, gab jedoch im Februar 2024 an, eine trans Frau zu sein. beschloss im Juni 2014, anlässlich des Nar8 Game Jam einen bereits länger geplanten Titel namens Coming Out Simulator 2014 zu kreieren, der ihr gegenüber den Eltern erfolgtes Coming-out als bisexuell zum Thema hatte. Bei dem von der Spielewebsite itch.io veranstalteten Wettbewerb wurden innerhalb von drei Wochen Videospiele mit „experimentellen und interessanten“ Narrativen produziert. Der Zeitpunkt sei günstig gewesen, da sie vorher für die Entwicklung weder „emotional bereit“ gewesen sei noch ausreichend gute Fähigkeiten im Storytelling besessen habe.