mini|Pitralon Pre Shave und Pitralon After Shave, Deutschland, 2017 mini|Ralon Original, wie 1927 mit Borsäure und Kampfer, Kroatien, 2016

Pitralon [] () ist der Markenname eines Rasierwassers, das nach einer Entwicklungszeit von acht Jahren 1927 in Deutschland Marktreife erlangte und seitdem von verschiedenen Herstellern in unterschiedlichen Ländern und wechselnden Zusammensetzungen produziert und vertrieben wird. Es hat einen hohen Bekanntheitsgrad in ganz Europa und wird darum immer wieder in Büchern, Filmen und Liedern erwähnt. Die Wortmarke „Pitralon“ wurde 1919 eingetragen, noch vor der Markteinführung des späteren Aftershaves. Der Markenschutz für den Namen lief am 30. April 2019 aus. „Pitralon“ und seine Rezeptur sind seit 1921 Gegenstand wissenschaftlicher Forschungen unterschiedlicher Fachrichtungen wie Betriebswirtschaftslehre, Biologie, Chemie, Psychologie, Soziologie, Tiermedizin, Virologie und Zahnmedizin.Schweizerische Monatsschrift für Zahnheilkunde (1925), Band 35, Seite 6: Dr. Jäger schildert seine Erfolge beim Einsatz von „Pitralon“ in der Zahnheilkunde (1921).

Geschichte, Zusammensetzung und Nebenprodukte

Zum Ende des Ersten Weltkriegs entwickelten die vom Chemie-Unternehmer Karl August Lingner (1861–1916) begründeten „Lingner-Werke“ in Dresden ein antiseptisches Rasurtonikum als nicht marktreifem Vorläufer des späteren Rasierwassers und ließen es am 19. April 1919 vorsorglich mit der Bezeichnung „Pitralon“ als Markenname im Deutschen Reich eintragen.Markenregister-Eintrag für „Pitralon“ beim Deutschen Patent- und Markenamt, abgerufen am 2. Februar 2016. Die „Lingner-Werke“ waren damals bereits mit dem 1892 entwickelten Mundwasser „Odol“ erfolgreich. In der jährlichen Firmendokumentation findet sich als erste Beschreibung noch der lateinische Arbeitsname des Produkts und nicht der spätere Markenname:

Der Name entwickelte sich aus der Bezeichnung „Pitral“ für ein gereinigtes, geruch- und farbloses Nadelholzöl aus ursprünglich gelbbraunem und ölhaltigem Nadelholzteer. „Pitralon“ wurde zum Namen für eine Verbindung von farblosem Pitral mit Chlorkohlenwasserstoffen. Darauf aufbauend wurde Anfang der 1920er-Jahre das „Pitral-Haarwasser“ (mit und ohne Cholesterin-Zusatz) entwickelt.

„Pitralon“ war eine Produktentwicklung im Zuge der Hygienebewegung, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Europa einsetzte. Es wurde als neues Produkt in diesem Bereich zuerst in der Allgemeinen medizinischen Central-Zeitung besprochen. Das Grundprodukt „Pitralon“ wurde anfänglich nicht als Körperpflegeprodukt, sondern als Arzneimittel gegen Trichophyton (Dermatophytosen, also Pilzerkrankungen der Haut sowie von Kopf- und Barthaaren), eitrige Ekzeme, Impetigo contagiosa und infizierte Wunden entwickelt: Die erkrankten Stellen sollten 4- bis 6-mal pro Tag je 5 bis 10 Minuten lang mit einem vollgetränkten Wattebausch bedeckt werden.Allgemeine medizinische Central-Zeitung, Artikel Ueber Pitralon [sic!] von Prof. Dr. Hahn und Assistenzarzt F. Hahnemann, Bremen. Ausgabe 8. Band 90, 1927.

Weitere Produkte der „Lingner-Werke“ waren die „Pitralon-Lösung“ aus einer alkoholischen Lösung mit 40 % Pitralon zur Behandlung des Gesichts nach dem Rasieren und zur Desinfektion der Hände nach dem Umgang mit infektiösem Material. Ferner wurde die Lösung gegen Akne, Insektenstiche und dergleichen empfohlen. Ein weiteres Produkt war die „Pitralon-Salbe“ als alkoholhaltige Emulsion mit 40 % Pitralon gegen Schuppenflechte, die auch bei Haustieren oder in der veterinärärztlichen Praxis eingesetzt werden konnte. Die Herstellung dieser beiden Produkte wurde während des Zweiten Weltkriegs eingestellt und danach nicht wieder aufgenommen.

Neben dem Einsatz in der Tiermedizin wurde „Pitralon“, vor der Weiterentwicklung zum Rasierwasser, in der Humanmedizin angewandt und erprobt. Eine Erwähnung in einem Jahresbericht des bereits damals bedeutenden Chemie- und Pharmaunternehmens Merck in Darmstadt belegt dies:

Während der Entwicklungszeit entstanden in den 1920er-Jahren zwei Dissertationen jeweils im Fach Veterinärmedizin von Werkstudenten an den „Linger-Werken“, welche die frühe und fachübergreifende wissenschaftliche Begleitung der Forschung zu „Pitralon“ in den „Lingner-Werken“ belegen. Beide Doktorarbeiten haben den Zweiten Weltkrieg überstanden und sind am Standort Leipzig der Deutschen Nationalbibliothek erhalten geblieben.Katalogeintrag bei der Deutschen Nationalbibliothek zur Dissertation von Ernst Dilger von 1921, abgerufen am 26. November 2017.Katalogeintrag bei der Deutschen Nationalbibliothek zur Dissertation von Rudolf Mocker von 1927, abgerufen am 26. November 2017.

Das 1927 ebenfalls in Dresden entwickelte Rasierwasser desselben Namens enthielt, neben Isopropanol, Menthol, Borsäure und anderen Bestandteilen der seit 1919 entwickelten und getesteten Vorläuferprodukte, auch Kampfer. Es hatte dadurch einen sehr intensiven, „medizinischen“ und schweren Geruch. Das Aftershave wurde von 1927 bis 1945 in einer dunkelblauen Glasflasche mit schwarzem Etikett verkauft, das in einem roten Kreis den weißen Schriftzug „Pitralon“ zeigte.

In einer Anzeige in der Neuen Bienen-Zeitung von 1943, einer „illustrierten Monatsschrift für die Reform der Bienenzucht im Großdeutschen Reich“, wird die Wirkung von „Pitralon“-Rasierwasser wie folgt beworben: „Die Ursache für die Entstehung von Pickeln, Pusteln und anderen Hautunreinheiten liegt in den tieferen Hautschichten. Eine in die Tiefe dringende Desinfektion beseitigt diese Erscheinungen. Pitralon wirkt in die Tiefe auch bei sparsamer Anwendung. Es öffnet die Poren und Talgdrüsenausgänge der Haut, durchdringt die beiden Hautschichten und vernichtet die ins Unterhautzellgewebe eingedrungenen Entzündungserreger.“ Es ist gekennzeichnet mit dem Hinweis, dass es zur Feldausstattung der Deutschen Wehrmacht gehöre.Neue Bienen-Zeitung, Ausgabe Mai 1943, Anzeige der „Lingner-Werke“ auf der Seite 32.

Der medizinische Einsatz von „Pitralon“, inzwischen hauptsächlich ein etabliertes Rasierwasser, kann letztmals mit dem Lehrwerk Die Wunde des früheren KZ-Arztes Paul Rostock belegt werden, das 1950 im Verlag Walter de Gruyter in Berlin erschien. In ihm heißt es auf Seite 123 im Abschnitt für Benzolderivate: „Das Pitralon, ein Abkömmling des Holzteers, hat eine antiseptische, adstringierende und austrocknende Wirkung erheblichen Grades (Ihlefeldt). Besonders angezeigt ist es bei Wunden mit schmierig belegten Granulationen und starker Sekretion.“ Nach 1950 erfolgte der Paradigmenwechsel zum reinen Pflege- und Kosmetikprodukt für Herren.

Produktion nach dem Zweiten Weltkrieg und Nebenlinien In der Bundesrepublik Deutschland wurde ab 1950 bei der Firma „Lingner und Fischer“ – der Rechtsnachfolgerin der Dresdner „Lingner-Werke“ nach dem Zweiten Weltkrieg, die nun in der DDR lagen – am neuen Firmensitz in Düsseldorf ein Rasierwasser unter dem Namen „Pitralon“ hergestellt, das unverändert der originalen Rezeptur von 1927 entsprach.Firmengeschichte GlaxoSmithKline, abgerufen am 1. Februar 2016. Ein Werbeplakat für dieses „Pitralon“ aus dem Jahr 1951 befindet sich in der Österreichischen Nationalbibliothek.Katalogeintrag zum Plakat von 1951 in der Österreichischen Nationalbibliothek, abgerufen am 26. November 2017. Eine Anzeige von 1952 führt hinsichtlich des Dufts aus: „Der Pitralon=Geruch [sic!] schmeichelt nicht, er hat eine gesunde, männliche Note.“; zugleich wird darauf verwiesen, dass es für empfindliche Haut die Variante „Pitralon=Mild“ [sic!] gebe. Die Anzeige, die Teil einer Serie von acht unterschiedlichen Zeitungsanzeigen war, benennt auch die damaligen Verkaufspreise: 1,70 DM für die 50-ml-Flasche, 2,75 DM für die 80-ml-Flasche und 4,50 DM für die 100-ml-Flasche.Ganzseitige Werbeanzeige von „Lingner und Fischer“, 1952.

Der im vorigen Abschnitt beschriebene herbe, „medizinische“ Duft aufgrund der beiden wichtigen Komponenten Borsäure und Kampfer entsprach ab Mitte der 1970er-Jahre nicht mehr dem Zeitgeist (sinkende Verkaufszahlen), weswegen nur das abgewandelte Produkt „Pitralon Classic“ weitergeführt wurde, das 1964 mit Zedernöl und einer frischen Zitrusnote ergänzend hinzugekommen war und bis heute auf dem Markt ist.Artikel „Über Pitralon“ des aktuellen Herstellers, abgerufen am 31. Januar 2016. Als hauseigene Nebenlinie zu „Pitralon“ entwickelte „Lingner und Fischer“ die Marke Pitrell. Dabei handelte es sich um ein Rasierwasser mit einer stärkeren Betonung der Zitrusnote. Verkauft wurde es von 1973 bis 1989 unter dem Namen „Pitrell – Nach der Elektrorasur“ (100 ml) in einer sechseckigen klaren Glasflasche mit einem großen braunen Kunststoffdrehverschluss als Aftershave speziell für die Benutzer von elektrischen Rasierapparaten. Der Einführungspreis betrug 5,20 DM und war damit bereits im mittleren Preissegment anzusiedeln.

In der DDR wurde in den „Leowerken“ und im „VEB Elbe-Chemie“ in Dresden (den früheren „Lingner-Werken“) ab 1953 „Pitralon“ ebenfalls nach dem Originalrezept von 1927 bis zum Jahr 1990 hergestellt. Im „VEB Gerana-Kosmetik“ im „VEB Chemisches Kombinat Miltitz“, ebenfalls in Dresden, wurde in den 1970er-Jahren parallel dazu Pitralon 113 als einzige DDR-Neuentwicklung produziert. In diesem Produkt war ein Teil des Ethanols durch das FCKW Freon-113 (1,1,2-Trichlor-1,2,2-trifluorethan) ersetzt. Der offenkundige Wortmarkenkonflikt mit dem Rechtsnachfolger „Lingner und Fischer“ im Westen wurde von beiden Seiten ignoriert; es ist keine Korrespondenz diesbezüglich im Bundesarchiv nachweisbar.

In der Tschechoslowakei wurde ab 1954 ein Rasierwasser mit dem Namen Pitralon F – voda po holení [] () hergestellt (durch den Zusatz „F“ im Produktnamen wurde einem Wortmarkenkonflikt vorgebeugt; voda po holení bedeutet schlicht „Rasierwasser“ auf Tschechisch und ist Bestandteil des Markennamens), das noch heute mit unveränderter Rezeptur in Tschechien vom Hersteller „SpolPharma, s.r.o.“ aus Ústí nad Labem als Flüssigkeit ohne Farbstoff in 100-ml-Flaschen angeboten wird.Datenblatt zu „Pitralon F“ von SpolPharma (Stand: 20. Februar 2013), abgerufen am 1. Februar 2016.Informationen zum tschechischen Pitralon auf der Website des aktuellen Herstellers, abgerufen am 1. Februar 2016. Es enthält weder Borsäure noch Kampfer, dennoch ähnelt es vom Duft her einem Medizinprodukt. Dies ist auf die duftgebenden Inhaltsstoffe Citronellol, Geraniol und Linalool zurückzuführen, die während des Entwicklungsprozesses der Rezeptur Mitte der 1950er-Jahre in der Tschechoslowakei verfügbar waren und nicht gegen Devisen importiert werden mussten: Die Rezeptur von „Lingner und Fischer“ aus dem Westen lag dem tschechischen Hersteller nicht vor und auch die DDR teilte ihre Rezeptur nicht, die sie durch die „Lingner-Werke“ besaß. Es handelt sich darum bei „Pitralon F – voda po holení“ um eine Neuentwicklung, die nur zufällig vom Geruch eine Ähnlichkeit mit der Original-Rezeptur von 1927 aufweist. Die Marke „Pitralon“ war schon vor dem Krieg bekannt und diente deswegen als Inspiration für dieses Produkt, das im gesamten Ostblock über Jahrzehnte in hohen Stückzahlen verkauft wurde und für die fortschreitende Etablierung des Markennamens „Pitralon“ auch in Ost-Europa sorgte.

Der damals eigenständige Parfumhersteller Jovan in Baden-Baden („Jovan“ gehört heute als Kosmetikmarke zu „Unilever“) produzierte in den 1970er-Jahren (lizenziert durch „Lingner und Fischer“) ein Rasierwasser und ein Eau-de-Toilette mit dem Namen „Pitralon Moschus“. Bei dieser Nebenlinie des Produkts wurden die ab den 1960er-Jahren populär gewordenen leichten Zitronenduftnoten durch einen schweren Moschusduft ersetzt, der in den 1970er-Jahren als Herrenduft beliebt war.