mini|Detail des Tristan-Quilts im Victoria and Albert Museum Als Guicciardini-Decken, in der englischsprachigen Literatur auch Guicciardini-Quilts, werden zwei Decken aus dem späten 14. Jahrhundert bezeichnet, die durch Stepparbeiten und Stickereien verziert sind. Guicciardini ist der Name einer italienischen Familie, deren Wappen auf den Stoffen abgebildet ist. Die Decken sind mit Bildern und Texten zur Tristan-Legende gestaltet. Umstritten ist bis heute, ob die zwei Textilien ehedem Teile eines großen Stücks waren. Zusammen mit einem dritten Stickwerk bilden die Guicciardini-Decken die frühesten erhaltenen Beispiele von dekorativen Steppdecken in Europa. Das nächstjüngere Stück ist bereits einhundert Jahre jünger. Diese Werke der Textilkunst sind die einzigen zeitgenössischen Dekorationsstücke, die diese Episode der Tristan-Legende so detailliert grafisch darstellen. Sie gelten als ein erfolgreiches Beispiel dafür, dreidimensionale Oberflächen mit erkennbaren Mustern herzustellen.

Frühe Forschung Eine der Guicciardini-Decken ist seit Herbst 2022 im zum Museo nazionale del Bargello gehörenden Palazzo Davanzati in Florenz ausgestellt, die andere befindet sich im Victoria and Albert Museum in London, dort bekannt als Tristan-Quilt. In der vornehmlich englischsprachigen Fachliteratur werden die Stücke als Quilts (englisch für Steppdecke) und nach den Museen benannt: Bargello-Quilt und V&A-Quilt. In Italien wird die Bargello-Decke als Coperta Guicciardini (Guicciardini-Decke) oder als Coperta di “Usella” (Usella-Decke) nach dem Fundort in der Villa Usella benannt. Es ist eine dritte Decke bekannt, die mutmaßlich aus derselben Manufaktur stammt und ebenfalls mit einer Abbildung von Tristan verziert ist.

Beide Guicciardini-Decken sind sich in Technik, Material und Design sehr ähnlich. Ein wissenschaftlicher Diskussionspunkt ist, ob die Stücke als Paar angefertigt wurden, oder ob es zwei Teile einer einzigen großen Arbeit sind.

Eine größere Abhandlung zu beiden Decken veröffentlichte Pio Rajna, Professor für italienische Literatur, bereits 1913. Rajna erachtete den V&A-Quilt als vollständig. Er vertrat weiterhin die Meinung, beide Stücke bilden ein Paar. Diese Ansicht übernahm 1938 Roger Sherman Loomis in seinem Buch Arthurian Legens in Medival Art. Seine Schrift war verbreiteter und bildete die Grundlage für spätere Autoren. Sowohl Rajna als auch Loomis waren Literaturhistoriker – sie interessierte vor allem die Legende von Tristan, die auf den Stoffen dargestellt ist. Beide konnten nur eine Decke im Original sehen (Rajna den Bargello-Quilt, Loomis den V&A-Quilt), die jeweils andere erarbeiteten sie sich anhand von Fotos und Beschreibungen.

Herkunft Beide Decken werden derselben süditalienischen oder konkret sizilianischen Werkstatt zugeschrieben. Aufgrund einer Bezeichnung in einem florentinischen Inventar von 1386 behaupten viele Historiker, dass die Werkstatt der Decken auf Sizilien lag. Doch bezog sich der Terminus „Sizilien“ im 14. Jh. nicht auf die Insel, sondern auf ein Gebiet auf dem Festland mit dem Titel „Königreich Sizilien“, was heute meist als „Königreich Neapel“ bezeichnet wird. Die Weiterverfolgung ist schwer zu recherchieren, weil Archivalien aus dem Königreich Neapel von deutschen Soldaten 1945 verbrannt wurden. Inventarlisten ist auf jeden Fall zu entnehmen, dass textile Ausstattungsobjekte damals hochgeschätzt wurden und kostspielige, weiße Stepparbeiten seinerzeit oftmals Teil von Mitgiften waren. Es ist belegt, dass im Königreich Neapel dekorativ gesteppte Werke und darunter eine hohe Anzahl von Bettdecken hergestellt wurden. Hingegen stammen gerade die luxuriösen Stücke höchstwahrscheinlich von woanders. Ein auf Sizilien aufgezeichnetes Dokument aus dem Jahr 1392 weist dagegen für die Guicciardini-Decken auf eine ausländische Quelle hin. Je nach Übersetzung und Interpretation weisen drei Theorien auf unterschiedliche Herkunftsorte hin. Es ist in jedem Falle wahrscheinlicher, dass die Arbeiten vom Festland als von der Insel Sizilien kommen.

Die Bargello-Decke wurde 1890 in der Familienvilla der Guicciardinis bei Prato entdeckt. Dort wurde sie bis 1927 in einer Vitrine ausgestellt und dann an das Nationalmuseum del Bargello verkauft. Das Victoria and Albert Museum erstand seinen Quilt 1904 von einer florentinischen Händlerin, die mutmaßlich die Guicciardini-Familie vertrat.

Datierung Die Guicciardini-Decken werden auf das Ende des 14. Jahrhunderts datiert. Argumente für diesen Herstellungszeitraum sind zum einen die Kleidung der dargestellten Personen, deren spezifische Merkmale in Gemälden desselben Zeitalters zu finden sind, zum anderen die zahlreichen schriftlichen Hinweise auf weiße, gesteppte „Werke von Neapel“. Hinzu kommen Bezüge zur realen politischen Geschichte der Region jener Zeit (das Ringen um die Herrschaft über das Königreich Neapel).

Anfertigung Beide Decken sind nahezu rechteckig. Der Bargello-Quilt ist mit 2,38 m Höhe × 2,07 m Breite kleiner als der 3,11 m hohe und 2,70 m breite V&A-Quilt. Trotz des Alters ist der Erhaltungszustand beider Decken sehr gut, wobei der V&A-Quilt in einem schlechteren Zustand ist als sein kleineres Gegenstück.

mini|Das strapazierte Textil gibt Blick auf das Füllmaterial frei (V&A-Quilt) Die Guicciardini-Decken sind vom Material her gleich aufgebaut. Es gibt zwei äußere Lagen ungefärbten Stoffs, wahrscheinlich Leinen, wenngleich das Victoria and Albert Museum die Lagen als Baumwollstoff bezeichnet. Zwischen den äußeren Stofflagen befindet sich eine Füllung, wahrscheinlich aus Baumwolle. Beim Bargello-Quilt wurde das Füllmaterial, welches durch mehrere Löcher an die Oberfläche trat, früh als Baumwolle identifiziert. Die V&A-Quilt-Einlage wurde zunächst als Wolle identifiziert, später als „Watte“. Zusammenfassend kann man sagen, dass die Füllung eher aus unverarbeiteter Baumwolle besteht als aus Wolle. Hierbei ist zu beachten, dass Baumwolle in Europa importiert werden musste und dadurch ungleich teurer war.

Zusammengehalten werden die Lagen durch dekorative Stiche, die alle Ebenen verbinden. Ein bräunlicher Faden wurde im Steppstich für die Konturen der Figuren, Texte, Gebäude und Blumenelemente verwendet. (Die Figuren des V&A-Quilts wurden zu einem Zeitpunkt der Historie neu gestickt. Es ist zu sehen, dass die neueren Einstichlöcher nicht an denselben Stellen liegen wie die ursprünglichen Löcher.) Für Heftstiche und Rückstiche wurde ein weißer Leinenfaden verwendet. Das hier vorliegende Stickdesign wird Broderie de Marseille genannt, auf . Es beschreibt Arbeiten aus weißem Stoff und weißem Faden, wobei durch feine Fadenarbeit eine dreidimensionale Struktur erstellt wird, in der Licht und Schatten stark hervortreten. Tausende kleiner Stiche mit einem weißen Faden füllen in engen Linien die Hintergründe aus. Auch Akzente, die Umrahmung von Wellen, sind in Weiß gearbeitet. Die Hauptelemente des Designs sind erhaben. Entweder sind nur diese Elemente unterfüttert oder die kleinen Hintergrundstiche haben eine allgemein bestehende Unterfütterung abgeflacht. Anzeichen sprechen dafür, dass die Füllung zwischen die Stoffbahnen eingelegt wurde, bevor sie bestickt wurden. Die Unterfütterung der Motive gewährleistet die Erkennbarkeit.

Weder die obere noch die untere Stoffbahn bestehen aus einem Stück Stoff, sondern wurden aus mehreren Teilen zusammengenäht. Die meisten Stoffstücke, so auch jenes im Zentrum, haben die Breite einer Webstuhlbahn. Entlang der Ecken sind schmalere Streifen zu erkennen. Sie wurden der Gesamtanmutung symmetrisch angepasst. Bei Teilen der Decken wirken die Stoffstücke vorher sorgfältig für die Szenen ausgewählt. Anderenorts durchlaufen die Nähte verschiedener Stoffbahnen Bildszenen. Der linke Rahmen des V&A-Quilts besteht aus zwei Stoffstücken, die durch eine horizontale Naht verbunden sind. Die Naht wirkt ungleichmäßig und durchschneidet eine Bildszene, woraus geschlossen wird, dass sie nicht Teil des ursprünglichen Designs war. Es hat den Anschein, dass die Abbildung eines Trompeters an einer Stelle der Decke heraus- und an anderer Stelle hineingesetzt wurde. Womöglich wollte man dadurch ähnliche Szenen nebeneinander vermeiden. nach Das würde bedeuten, dass die herstellenden Handwerker sich ungenügend abgesprochen hätten oder dass die Verteilung der Bilder im Vorhinein nicht festgelegt war. Eventuell wurde der Bargello-Quilt einst verändert, um auf ein kleineres Bett zu passen als jenes, für das er ursprünglich angefertigt wurde.

Eine oder zwei Decken? Anscheinend war es üblich, für ein Paar oder für Kinder zwei Betten im Schlafzimmer stehen zu haben. Schon Rajna argumentierte, dass beide Steppdecken in einem Raum ausgelegt gewesen sein mussten, weil die Geschichten beider Decken sich ergänzen. Das Victoria and Albert Museum veröffentlichte 1932, dass beide Decken Teil eines größeren Stücks seien. Die Textil-Historikerin Sarah Randles bringt starke Argumente vor, dass beide Decken früher zu einem Stück gehörten. Die Wissenschaftlerin Pamela Clabburn brachte 1981 ins Gespräch, dass ein dritter Teil fehlen könnte. nach Sollte es sich tatsächlich ursprünglich um eine einzige sehr große Bettdecke gehandelt haben, so ist davon auszugehen, dass der Großteil davon heute fehlt. Wegen der eventuell fehlenden Teile kann nicht abschließend bestätigt werden, dass es sich bei den zwei Teilen um eine große Decke gehandelt hat. Es ist nicht auszuschließen, dass ein großes Werk im Laufe der Geschichte in zwei kleinere umgearbeitet wurde, unabhängig von der Geschichte, die davon erzählt wird.

Ein Argument, das für eine Decke spricht, ist, dass am unteren Rand Nähte verschiedener Stoffbahnen zwar durch Szenen laufen, doch nicht durch gestickte Elemente. Aufgrund der Nahtverläufe scheint es klar zu sein, dass der linke Rand des V&A-Quilts erst bei späteren Änderungen hinzugefügt wurde. Würde man diesen linken Rand beim V&A-Quilt (wieder) entfernen, ließen sich die Guicciardini-Decken problemlos zusammenfügen. Fügte man beide Decken zu einer zusammen, wäre die Reihenfolge der Bildergeschichte rekonstruierbar.

Ein Argument, das dagegenspricht, dass es sich beim Bargello-Quilt und beim V&A-Quilt um eine einzige große Decke handelt, ist, dass in der frühen Renaissance die Bettgröße, auf der die Schmuckdecke zu liegen kam, gar nicht so groß war wie die zusammengefügte Decke. Die Breite der zusammengefügten Decke wäre ungefähr 4 m in der Breite und beinahe 5 bis über 6 m in der Länge, je nachdem, wie die fehlenden Fragmente ausgesehen hatten. Allerdings dienten gesteppte Behänge der Elite vor allem als Repräsentationsgegenstände. Sie zeigten den Stand und oft ihre Allianzen gegenüber Gott oder gegenüber Mitbürgern. Die Guicciardini-Familie, für die die Decke angefertigt worden war, war reich. Status wurde in Haus, Möbeln und Weiträumigkeit demonstriert. Die Schlafräume waren ein halböffentlicher Raum, in dem auch Besucher empfangen wurden. Betten dominierten den Raum, in dem sie standen, und wurden als Statussymbol teilweise gar nicht zum Schlafen verwendet.

Die Betten hatten ein Kopfbrett, aber keines an den Füßen. Das spräche für eine Decke, deren Randszenen von der Liegefläche überhängen. nach Selbst wenn damalige Betten eine Größe von ungefähr 3,50 m × 4,60 m nach haben konnten, wäre die Decke wesentlich größer. Doch Gemälde aus jener Zeit zeigen Betten, von denen große Überwürfe weit herunterhingen. nach Wenn man annimmt, dass die Bilder auf der Decke im Zentrum auf der Liegefläche auslagen und der bebilderte Rahmen seitlich vom Bett überhing, bräuchte man zwar ein großes Bett, aber die Dimensionen sind nicht unrealistisch. Es wurde sogar von noch größeren Bettbedeckungen aus der damaligen Zeit berichtet. nach