Günther Sacksofsky (* 24. September 1901 in Mannheim; † 22. März 1983 in Heidelberg) war ein deutscher Verwaltungsjurist, Regierungsrat und Polizeibeamter der Ordnungspolizei im NS-Staat. Er war Polizeidirektor und Polizeipräsident in Mannheim, Freiburg, Mülhausen und Chemnitz sowie SS-Standartenführer und Offizier der Reserve. Im Spruchkammerverfahren 1948 in Heidelberg wurde er zunächst formal in die Reihe der Haupttäter eingereiht, im Verlauf des Verfahrens jedoch als Mitläufer eingestuft.
Familie und Kindheit mini|Vogelschau Mannheim um 1900
Günther Heinrich Friedrich Wilhelm SacksofskyVgl., STAF Freiburg A 95/1 Nr. 253 Bild 4. wurde am 24. September 1901 als eines von drei Kinder der Eheleute Karl Friedrich Viktor Sacksofsky und Paula in Mannheim geboren.Vgl., Geburtsurkunde GLA 466-2 Nr. 9037. Sacksofskys Vater wurde am 24. Januar 1868 in Elgershausen im Kreis Kassel geboren und war Oberleutnant im 2. Badisches Grenadier-Regiment „Kaiser Wilhelm I.“ Nr. 110 in Mannheim.Vgl., GLA Karlsruhe 466-2 Nr. 9037, Handschriftlicher Lebenslauf Sacksofsky 10.8.1925. Er heiratete am 2. Oktober 1897 in Mannheim Paula Amalia Benedicta Zeroni, eine Frau aus der gehobenen Mannheimer Gesellschaft,Nr. 868/1897 Standesamt Mannheim-Stadt. Tochter von Dr. Heinrich Zeroni Jun., einem bekannten Mannheimer Arzt und Wagner-VerehrerVgl., Karen Strobel und Brigitte Zwerger; Betrachtungen und Quellenstudien zur frühen völkischen Bewegung in Mannheim bis 1922, Mannheim 2020. sowie Enkelin von Dr. Heinrich Zeroni Sen., der als Arzt im 19. Jahrhundert durch die Bekämpfung der Cholera in Mannheim Bekanntheit erlangt hatte. Karl Friedrich Viktor Sacksofsky nahm als Major am Ersten Weltkrieg teil und starb am 30. Oktober 1914 als Major vor Langemark in Flandern, Belgien.Lebenslauf Sacksofsky vom 10. August 1925 GLA 466-2 Nr. 9037.
Schule, Studium und Heirat Günther Sacksofsky besuchte in Saarbrücken, dem Wohnort der Familie von 1907 bis 1911, die Volksschule und von 1911 bis 1914 das Gymnasium.Lebenslauf Sacksofsky vom 10. August 1925 GLA 466-2 Nr. 9037. Nachdem sein Vater nach Kassel versetzt worden war, ging Sacksofsky auf das dortige Gymnasium. Nach dem Tod des Vaters wurde er von Ostern 1915 bis 1917 in das Kadettenhaus zu Karlsruhe geschickt.GLA Karlsruhe 466-2 Nr. 9037, handschriftlicher Lebenslauf Sacksofsky vom 10.8.1925. Von 1918 bis 1919 gehörte Sacksofsky der Kadettenanstalt in Berlin Großlichterfelde anGLA Karlsruhe 466-2 Nr. 9037, handschriftlicher Lebenslauf Sacksofsky vom 10.8.1925., schied aber zu Ostern 1919 aus dem Kadettenkorps aus, um die Schule in Heidelberg zu beenden, wohin seine Familie inzwischen gezogen war.Abt. Staatsarchiv Freiburg A 9571 Nr. 252 Bild 10. Seine Reifeprüfung legte er am 12. März 1921 an der Oberrealschule in Heidelberg ab.GLA Karlsruhe 466-2 Nr. 9037 Reifezeugnis, Heidelberg, 12. März 1921.
mini|Heidelberg Schloss und Stadt 1921 begann Sacksofsky ein Studium der Rechtswissenschaft an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg. Das Studium musste er sich als Werksstudent selbst verdienen. Er arbeitete eigenen Angaben zufolge als Hilfsarbeiter im Baugewerbe, im Steinbruch und bei Erdarbeiten für den Bau des Neckarkanals in Mannheim sowie als Hilfsarbeiter bei der BASF in LudwigshafenVgl., GLA Karlsruhe 466-2 Nr. 9037, handschriftlicher Lebenslauf Sacksofsky vom 10. August 1925. Wegen der schlechten wirtschaftlichen Situation seiner Familie, völliger Vermögensverlust durch die Inflation 1923, musste er sein Studium zeitweise unterbrechen und arbeitete zwischenzeitlich als Kaufmann für die Firma Geber und Mader in der Mollstr. 42 in Mannheim (Schifffahrt, Lagerbetrieb, Transport-Versicherung)Vgl., GLA Karlsruhe 465 q Nr. 38474 Curtius, Persönliche Verhältnisse, Heidelberg, 20. Juli 1948. sowie bei Prof. Fritz Müller.Vgl., GLA Karlsruhe 466-2 Nr. 9037, handschriftlicher Lebenslauf Sacksofsky vom 10.8.1925. Sacksofsky konnte sein Studium in Heidelberg fortsetzen und erfolgreich abschließen. Am 28. Februar 1925 erhielt er sein Abgangszeugnis.Vgl., GLA Karlsruhe 466-2 Nr. 9037, Abgangszeugnis Universität, Heidelberg, 28. Februar 1925.
Die 1. juristische Staatsprüfung, das Referendarexamen, konnte Sacksofsky 1925 ablegen, im Anschluss folgte die übliche juristische Ausbildung, bei der er vor allem mit Kommissorien beauftragt war.GLA Karlsruhe 466-2 Nr. 9037 Curtius, Persönliche Verhältnisse, Heidelberg, 20. Juli 1948. Die 2. juristische Staatsprüfung, das Gerichts-Assessorexamen, legte er im Spätjahr 1928 ab.Abt. Staatsarchiv Freiburg A 9571 Nr. 252 Bild 10.
1928 heiratete Günther Sacksofsky Anna Tschepke, Tochter des Hauptmanns Karl Tschepke und dessen Ehefrau Emma geb. Bassermann, mit der er vier Kinder hatte.Abt. Staatsarchiv Freiburg A 95/1 Nr. 252 Bild 14.
Weimarer Republik Laut eigenen Angaben war Sacksofsky während der Weimarer Republik in der Schwarzen Reichswehr aktivVgl., Abt. Staatsarchiv Freiburg A 9571 Nr. 252 Bild 3. und in den Jahren 1922, 1923, 1924 Zeitfreiwilliger im Infanterie-Regiment 13, Artl. Regt. 5 (Nachrichten und Pionierkommando Bölkow im Verband der Truppe des Majors Buchdrucker). Die Dauer der einzelnen Dienstzeiten betrug jeweils 6 Wochen.Vgl., Abt. Staatsarchiv Freiburg A 95/1 Nr. 252 Bild 3, Personal-Nachweisung. Sacksofsky nahm dabei an Übungen im Reichsheer teil: Im Frühjahr 1922 im A.Bataillon J.R.13 Schwäbisch Gmünd, Kompaniechef: Hauptmann Gossrau. Im Sommer 1924 Art. Regt. 5 in Ludwigsburg, Batteriechef: Hauptmann von Berg.Vgl., STAF Freiburg, A 95/1 Nr. 252 Bild 37, Bitte Vormerkung Übungskurs, Freiburg, 11. März 1935. Laut eigener Aussage nahm er 1923 auch am Küstriner Putsch teil und sei dafür auch verurteilt worden, was jedoch nicht anhand eines Gerichtsurteils nachgewiesen werden konnte. Sacksofskys Mitgliedschaft in der Schwarzen Reichswehr und seine Teilnahme am Küstriner Putsch scheinen jedoch durch einen Zeitungsartikel des Mannheimer Hakenkreuzbanners vom 27. September 1933 anlässlich Sacksofskys Ausscheidens als Polizeipräsident von Mannheim bestätigt zu werden.Zeitungsartikel des Hakenkreuzbanner vom 27. September 1933, Nr. 248, Seite 7. Die im Zeitungsartikel aufgeführte Gefängnisstrafe stimmt jedoch nicht mit den Angaben seines Lebenslaufs überein, da er in besagtem Zeitraum in Heidelberg studierte, bzw. in Mannheim als Kaufmann für die Firma Geber und Mader in der Mollstr. 42 in Mannheim119 sowie bei Prof. Fritz Müller arbeitete, um sich sein weiteres Studium finanzieren zu können.
In seiner Studentenzeit in Heidelberg war Sacksofsky in der Freischar Damm in den Strukturen der Orgesch (Organisation Escherich) aktiv. Die Orgesch entstand aus einem Verband von Einwohnerwehren und entwickelte sich schnell zu einer paramilitärischen Untergrundorganisation, der u. a. auch der spätere SA-Führer Ernst Röhm angehörte, vorrangiges Ziel der Orgesch war, die bestehende Ordnung gegen Umsturzversuche vor allem von Seiten der Kommunisten zu sichern. Letztlich war die Orgesch jedoch eine extrem rechts orientierte Organisation, in der sich Republikfeinde mit einem hohen Potential an Gewaltbereitschaft zusammenfanden, die besonders in Süddeutschland eine Vernetzung der völkischen Strukturen bewirkten.Vgl., Christoph Hübner: Organisation Escherich (Orgesch), 1920/21, publiziert am 11. Mai 2006 (Historisches Lexikon Bayerns), abgerufen am 20. Juni 2024 Die Damm-Gruppe war ein Ableger der Orgesch. Der Politikwissenschaftler und Historiker Michael Ruck erwähnt in seinem Buch „Korpsgeist und Staatsbewusstsein“, dass Sacksofsky über die Freischar Damm überhaupt erst in die rechtsextreme Szene gekommen sei.Michael Ruck: Korpsgeist und Staatsbewusstsein, Seite 128.
Sacksofskys Aktivismus während der Weimarer Republik und zu Beginn der NS-Zeit kann nicht nur politisch-ideologisch, sondern auch sozialpsychologisch interpretiert und bewertet werden. Als ein im Zeitraum zwischen 1900 und 1912 Geborener, gehörte Sacksofsky der sogenannten Kriegsjugendgeneration an, ein Begriff, der von dem Historiker Ulrich Herbert geprägt wurde und meist im Zusammenhang mit Darstellungen über Mitglieder der späteren Führungsschicht des NS-Staates Verwendung findet.
Berufliche Karriere 1928 bis 1945 mini|Polizeipräsidium Mannheim
Sacksofsky wurde nach bestandener 2. juristischer Staatsprüfung im Dezember 1928 in den Dienst der inneren Verwaltung des Landes Baden übernommen und zum Bezirksamt Villingen versetzt,Vgl., GLA Karlsruhe 466-2 Nr. 9037, Klaus Curtius, persönliche Verhältnisse Sacksofsky, Heidelberg, 20. Juli 1948. wo er am 2. Januar 1929 zum Regierungsassessor ernannt wurde. Mit Wirkung vom 1. Juli 1930 wurde er an das Bezirksamt in Mannheim versetzt und übernahm dort die Nachfolge des zum Landrat ernannten Regierungsrats Rudolf Binz im Bezirksamt Polizeidirektion Mannheim. Am 19. Februar 1931 erfolgte seine planmäßige Ernennung und Anstellung als Regierungsrat.Vgl., GLA Karlsruhe 466-2 Nr. 9037, Curtius, persönliche Verhältnisse, Heidelberg, 20. Juli 1948. Im Polizeipräsidium Mannheim war Sacksofsky zunächst als Abteilungsleiter angestellt.Vgl., GLA Karlsruhe 466-2 Nr. 9037, Curtius, persönliche Verhältnisse, Heidelberg, 20. Juli 1948. Polizeipräsidium Mannheim, 1933 Vom 18. März bis 4. Oktober 1933 fungierte Sacksofsky nach dem Weggang des bisherigen Polizeipräsidenten Jakob Bader, dessen Stellvertreter er bis dahin gewesen war, als kommissarischer Leiter des Polizeipräsidiums Mannheim, bevor er mit Entschließung des Staatsministeriums vom 21. August 1933 zum Polizeipräsidium Karlsruhe versetzt wurde, wo er am 6. November 1933 seinen Dienst antrat.Eberhard Stegerer: Karrieren im Führungsbereich der badischen Polizei im „Dritten Reich“. Umbruch und personelle Kontinuität 1933 und 1945, Göttingen 2019, S. 140.
Sacksofsky trat zum 1. Mai 1933 in die NSDAP ein (Mitgliedsnummer 3.104.244)Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/36230275 und schloss sich im selben Jahr auch der SS an (SS-Nummer 111.868). Michael Ruck schreibt dazu, Sacksofsky habe im Frühjahr 1933 „besonders rasch die Zeichen der neuen Zeit erkannt und sich schon der NSDAP wie der SS angeschlossen“.Michael Ruck; Korpsgeist und Staatsbewusstsein, S. 137. In der NSDAP hatte Sacksofsky laut eigener und der Aussage von Kollegen und Vorgesetzten sowie laut Unterlagen weder Amt noch Rang inne.GLA Karlsruhe 465 q Nr. 38474, Curtius, persönliche Verhältnisse, Heidelberg, 20. Juli 1948. In der Allgemeinen SS fungierte er in seiner Eigenschaft als Jurist als Rechtsberater.
Im Oktober 1933 verabschiedete der badische NS-Innenminister Karl Pflaumer Sacksofsky feierlich als Mannheimer Polizeipräsidenten und übergab das Amt an dessen Nachfolger Hermann Ramsperger:Vgl., Badische Presse/Morgen-Ausgabe Mittwoch, den 4. Oktober 1933 Nr. 461. Seite 3. „galt es doch von Regierungsrat Sacksofsky Abschied zu nehmen und den neuen Mannheimer Polizeipräsidenten Rampsperger zu begrüßen“.Hakenkreuzbanner Nr. 255 vom 4.10.1933, Seite 11 [„Abschied von Regierungsrat Sacksofsky“].
Polizeipräsidium Karlsruhe, 1934