Das Kastell Oudenburg ist ein römisches Auxiliarkastell auf dem Gebiet der Stadt Oudenburg in der belgischen Provinz Westflandern (West-Vlaanderen), das vom Ende des 2./Anfang des 3. Jahrhunderts bis zum Ende des 4./Anfang des 5. Jahrhunderts zunächst dem Küstenschutz der Provinz Gallia Belgica diente, und später als Bestandteil der Sachsenküste (Litus Saxonicum) fungierte.
Lage Im modernen Siedlungsbild befindet sich das ehemalige Kastell und heutige Bodendenkmal im Ortszentrum von Oudenburg, knapp acht Kilometer Luftlinie von der Nordseeküste entfernt. In antiker Zeit lag es am Rand der Küstenebene, einem Wattgebiet mit Schlick und Salzwiesen. Am Rand dieser Ebene bot der Ausläufer eines Sandrückens eine topographisch/geologisch günstige Position mit guter Übersicht und hinreichend solidem Baugrund. Auch trafen hier zwei wichtige römische Straßen aufeinander, deren eine vom Siedlungsplatz über Aartrijke (Artiriacum?) nach Bagacum Nerviorum (Bavay) führte, während die andere eine Verbindung über Brügge (gallorömische Siedlung) zum Kastell Aardenburg bildete.Sofie Vanhoutte: Landschappelijke en historisch-geografische context. In: Dieselbe: Het Romeinse castellum van Oudenburg (prov. West-Vlaanderen) herontdekt. De archeologische campagne van augustus 2001 tot april 2005 ter hoogte van de zuidwesthoek. Interim-rapport. In: Relicta 3, Archeologie, Monumenten- en Landschapsonderzoek in Vlaanderen. Vlaams Instituut voor het Onroerend Erfgoed, Brussel 2007, S. 199−201. Im defensiv-strategischen Konzept der Spätantike war Oudenburg wahrscheinlich ein wichtiger Garnisonsort und ist möglicherweise die nordwestlichste Befestigung der Sachsenküste auf dem Kontinent.
Forschungsgeschichte
mini|hochkant|Joseph Mertens (1921–2007)Entdecker des Kastells Oudenburg Seit dem Beginn des 17. Jahrhunderts sind regelmäßige Funde römischer Münzen und Keramik aus Oudenburg bekannt.Monique Bauwens-Lesenne: Oudenburg. In: Dieselbe: Bibliografisch repertorium der oudheidkundige vondsten in WestVlaanderen (vanaf de vroegste tijden tot aan de Noormannen). In: Oudheidkundige repertoria IV, Nationaal centrum voor oudheidkundige navorsingen in België / Centre national de recherches archeologiques en Belgique, Brüssel 1963, S. 91−94. Der ältere Name des Ortes, Aldenborg geht auf eine alte Festung zurück, die bereits vor der Wikingerzeit existiert haben muss.Maurits Gysseling: Toponymie van Oudenburg. Nijhoff, Leiden 1950, S. 53 und 61−68. Ein anonymer Kleriker der Sint-Pietersabdij verfasste zwischen 1084 und 1087 das Tractatus de Ecclesia Sancti Petri Aldenburgensis (Traktat über die Kirche St. Peter in Oudenburg), in dem er unter anderem den Zustand der römischen Ruinen beschrieb.Brigitte Meijns: Een 11de-eeuwse synthese van de geschiedenis van Oudenburg. Het Tractatus de ecclesia Sancti Petri Aldenburgensis. In: Westvlaamse Archaeologica 10, Kortrijk 1994, S. 34−55. Auch im heutigen Straßenraster spiegelt sich noch der Verlauf der Hauptstraßen des Kastells wider.
Basierend auf diesen Kenntnissen wurden 1956/1957 und 1960 die ersten archäologischen Ausgrabungen unter der Leitung von Joseph Mertens (1921–2007) aufgenommen. Es war schließlich Mertens, der die Existenz des römischen Kastells nachwies. Er lokalisierte die Konturen des Steinkastells und grub am nordwestlichen EckturmBei und am NordturmBei ; Südturm des Westtore bei . Turm des Südtores bei des Westtores.Joseph Mertens: Oudenburg et le Litus Saxonicum en Belgique. In: Helinium II (1962), S. 51−62.Joseph Mertens: Oudenburg and the northern sector of the continental Litus Saxonicum. In: David E. Johnston (Hrsg.): The Saxon Shore. CBA Research Report 18, London 1977, S. 51−62. In den Jahren 1963−1964 und 1968 legte Mertens etwa 400 Meter westlich des Kastells 216 Gräber eines Soldatenfriedhofs aus der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts und dem beginnenden 5. Jahrhundert frei,Bei nachdem bereits 1962 weiter südlich einige Gräber eines etwas älteren Friedhofs angeschnitten worden waren.Bei Unterhalb der Gräber wurden Spuren einer Zivilsiedlung aus der Hohen Kaiserzeit entdeckt.Joseph Mertens und Lucien van Impe: Het laat-Romeins grafveld van Oudenburg. Nationale dienst voor opgravingen, Brüssel 1971. Weitere Untersuchungen in den 1970er Jahren brachten die Erkenntnis, dass das Kastell eine lange Belegungsdauer vom Ende des zweiten bis zum Beginn des fünften Jahrhunderts hinter sich hatte.Joseph Mertens: Het laat-Romeins castellum te Oudenburg. In: Archaeologia Belgica 206, Conspectus MCMLXXVII (1978), S. 73−76.Joseph Mertens: Recherches récentes sur le limes en Gaule Belgique. In: BAR. International Series 71 (1980), S. 423−470. Während der Grabungskampagnen 1990−1992 und 1994 wurde unter anderem ein drittes GräberfeldBei mit Feuerbestattungen aus dem zweiten und der ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts entdeckt.Sofie Vanhoutte: Overzicht van de opgravingsgeschiedenis van Romeins Oudenburg. In: Dieselbe: Het Romeinse castellum van Oudenburg (prov. West-Vlaanderen) herontdekt. De archeologische campagne van augustus 2001 tot april 2005 ter hoogte van de zuidwesthoek. Interim-rapport. Relicta 3, Archeologie, Monumenten- en Landschapsonderzoek in Vlaanderen. Vlaams Instituut voor het Onroerend Erfgoed, Brussel 2007, S. 201f. Eine weitere größere archäologische Untersuchung fand unter der Leitung von Sofie Vanhoutte von 2001 bis 2005 statt.Sofie Vanhoutte: Het Romeinse castellum van Oudenburg (prov. West-Vlaanderen) herontdekt. De archeologische campagne van augustus 2001 tot april 2005 ter hoogte van de zuidwesthoek. Interim-rapport. Relicta 3, Archeologie, Monumenten- en Landschapsonderzoek in Vlaanderen. Vlaams Instituut voor het Onroerend Erfgoed, Brussel 2007.
Kastellbefunde
Bereits in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts hatte sich auf dem heute Oudenburger Gebiet eine zivile römische Handelsniederlassung gebildet, die sich im Laufe des zweiten Jahrhunderts zu einem wirtschaftlich prosperierenden Vicus entwickelte. Die Militärs nutzten die bestehenden Infrastrukturen und schützten im Gegenzug die Vicusbewohner. Die zivile Besiedlung wurde im dritten Viertel des dritten Jahrhunderts aus unbekannten Gründen aufgegeben und der Platz erhielt einen rein militärischen Charakter. Hatte Joseph Mertens für das Kastell noch drei Bauphasen postuliert, so wies Sofie Vanhoutte insgesamt fünf Perioden nach.Wouter Dhaeze: De Romeinse kustverdediging langs de Noordzee en het Kanaal van 120 tot 410 na Chr. Een onderzoek naar de rol van de militaire sites in de kustverdediging en drie casestudies over de militaire versterkingen van Maldegem-Vake, Aardenburg en Boulogne-sur-Mer. Dissertation Universität Gent, Gent 2011, S. 301.
Periode 1 Das älteste Kastell war ein Holz-Erde-Lager. Es war von einem an der Basis wahrscheinlich fünf bis sechs Meter breiten Wall umgeben, der vermutlich eine hölzerne Palisade trug. Ein 2,5 m breiter Spitzgraben konnte auf einer Länge von rund 108 m verfolgt werden. Da die nördliche Begrenzung der ältesten Befestigung deutlich südlicher liegt, als die der späteren Kastelle, während sich die südliche Mauer bei allen Lagern an der gleichen Stelle zu befinden scheint, kann gefolgert werden, dass das älteste Kastell wesentlich kleiner als die nachfolgenden Anlagen gewesen sein muss. Verschiedene Befunde unterhalb der Umwehrung sind als Spuren einer älteren, dem Kastell vorhergehenden zivilen Besiedlung angesprochen worden. Im Kastellinneren wurden Holzkonstruktionen freigelegt, die parallel zum Wehrgrabens ausgerichtet und der ältesten Kastellphase zuzuordnen sind. Einer dieser Befunde misst etwa 5,5 m mal 3,8 m und wurde in Fachwerkbauweise errichtet. Mit seiner Aufteilung in zwei Räume kann er als Contubernium angesprochen werden. Spuren der anschließenden Contubernia fehlen jedoch, vermutlich bedingt durch spätere Störungen und die nur flach erhaltenen Spuren der Eintiefung der Konstruktion in den Boden. Das mutmaßliche Contubernium war mit einer Entwässerungsrinne versehen. Interessant ist ein parallel zur Südmauer ausgerichtetes, 7,3 m mal 4 m messendes, mit Firstpfosten stabilisiertes Gebäude, bei dem in einer Ecke eine Pfostenstruktur mit den Maßen von 2 m mal 0,8 m identifiziert werden konnte. Analog zu einem Befund im Kastell Heidenheim wurde diese Konstruktion als mögliches Etagenbett gedeutet, wodurch es sich bei dem Gebäude um ein weiteres Contubernium handeln könnte, womöglich um ein Gebäude, in dem Kavalleristen mit ihren Pferden untergebracht waren. Ein großes Gebäude von mindestens 12,5 m Länge wurde als Horreum angesprochen. Eine sehr großes Stück Eisenschlacke könnte die Hinterlassenschaft eines Rennofens sein, und auch das Fragment eines Schmelztiegels weist auf metallverarbeitende Tätigkeiten in der ersten Kastellperiode hin.Sofie Vanhoutte: De verschillende fortperiodes. Ruimtelijke organisatie en structuren. Periode 1. In: Dieselbe: Het Romeinse castellum van Oudenburg (prov. West-Vlaanderen) herontdekt. De archeologische campagne van augustus 2001 tot april 2005 ter hoogte van de zuidwesthoek. Interim-rapport. Relicta 3, Archeologie, Monumenten- en Landschapsonderzoek in Vlaanderen. Vlaams Instituut voor het Onroerend Erfgoed, Brussel 2007, S. 206–208.
Das meiste keramische Fundmaterial der ältesten Periode entstammt der Zeit um das Ende des zweiten Jahrhunderts und den Anfang des dritten Jahrhunderts. Einige Scherben engobierter Metallglanzware aus Augusta Treverorum (Trier), die aus Befunden eindeutig militärischen Charakters geborgen worden waren, weisen darauf hin, dass die älteste militärische Belegung des Platzes frühestens um 200 begann. Auch der Stempel des selten vorkommenden Trierer Töpfers DRVCAVRSV weist auf die erste Hälfte des dritten Jahrhunderts. Die Errichtung des ersten Kastells lässt sich daher vermutlich auf die Zeit um 200 datieren. Diese älteste Fortifikation war ein provisorisches Lager und wurde vermutlich bereits nach kurzer Zeit, im frühen dritten Jahrhundert wieder aufgegeben.
Periode 2