mini|Zentralvieh- und Schlachthof Berlin (Fotografie Max Missmann, 1907) mini|Ehemalige Rinderställe des Zentralvieh- und Schlachthofs, im Jahr 2011 bis auf die Vorderfront abgerissen und in der Folge durch Neubauten ersetzt
Der Zentralvieh- und Schlachthof war der zentrale städtische Vieh- und Schlachthof in Berlin und lag zunächst im Dreieck Thaerstraße – Eldenaer Straße – Ringbahn. Später wurde er nach Nordwesten zwischen Ringbahn und Hausburgstraße bis über die Landsberger Allee hinaus erweitert. Der heutige S-Bahnhof Storkower Straße hieß bis 1977 Zentralviehhof. Nach dem Bau des Neubaugebietes am Fennpfuhl, für das dieser S-Bahnhof ein wichtiger Einstiegspunkt war, erfolgte die Umbenennung.
Der Zentralvieh- und Schlachthof lag im Bezirk Prenzlauer Berg unmittelbar an der Grenze zu Friedrichshain und Lichtenberg. Zum Bezirk Prenzlauer Berg gehörte er seit dem Jahr 1938, als die Grenzen der Berliner Bezirke korrigiert wurden. Davor gehörte er seit der Bildung Groß-Berlins im Jahr 1920 zum Bezirk Friedrichshain.
Vorgeschichte
Entwicklung des Schlachtgewerbes in Berlin mini|Karte des Geländes Die Wursthöfe, die beiden ältesten Schlachthäuser Berlins, befanden sich an der Spree. Nahe dem Heiligengeist-Hospital am Spandauer Tor am Ende der Spandauer Straße war das eine, das andere war in der Köllnischen Gasse an der Friedrichsgracht. Das Vieh ließ man auf den Wiesen vor der Stadtmauer weiden und trieb es zur Schlachtung zu den Schlachthäusern. In der Paddengasse (der späteren Kleinen Stralauer Straße) befand sich seit 1661 ein weiteres Schlachthaus, das seine Abfälle direkt in die Spree einleitete. 1725 befand es sich in einem so schlechten baulichen Zustand, dass 1727 ein neues Schlachthaus ebenfalls in der Paddengasse errichtet wurde, das bis 1810 genutzt wurde. Es war eins von drei Schlachthäusern, die zu dieser Zeit errichtet wurden, und befand sich vermutlich auf Pfahlbauten über der Spree. Ein weiteres Schlachthaus wurde 1750 nahe dem Schiffbauerdamm in der Dorotheenstadt errichtet.
Das Schlachtgewerbe war seit 1591 durch königliche Verordnungen eingeschränkt. Sie sollten gewährleisten, dass nur in den städtischen Schlachthäusern Vieh geschlachtet wurde. Die Einführung der Gewerbefreiheit als Teil der preußischen Reformen im Jahr 1810 ermöglichte die Gründung privater Schlachtstätten, deren Zahl in der Folge immer weiter stieg. Meist erfüllten sie aber nicht die erforderlichen hygienischen Ansprüche.
Im Jahr 1827 eröffnete der Gastwirt Klaeger vor der Zoll- und Akzisemauer in der Nähe des Landsberger Tores einen Viehmarkt mit Schlachthaus und Ställen für 1000 Rinder, 4000 Schweine und 6000 Hammel. Im Unterschied zu den bisherigen war dies das erste Schlachthaus, das nicht im Stadtinneren und in direkter Nähe von Wohnvierteln lag und somit keine Verschmutzung und Geruchsbelästigung durch Viehtrieb und Viehhaltung hervorrief. Seit 1848 regelte eine Wochenmarktordnung die Verkaufsbestimmungen auch auf dem Viehmarkt und ein 1853 ernannter Kreis-Tierarzt für Berlin kontrollierte Schlachtereien, Vieh- und Wochenmärkte. Der Klaegersche Viehhof wurde 1871 geschlossen, nachdem die Rinderpest in Berlin ausbrach.
Ein weiterer großer Viehhof dieser Zeit war der 1867 durch den Unternehmer Ebers auf einem 30 Hektar großen Areal zwischen der Brunnen- und Ackerstraße in Gesundbrunnen errichtete Berliner Viehmarkt. Die Pläne für den Viehhof, auf dem die Sponholz & Co. Viehmarkts-Aktiengesellschaft ansässig war, lieferte der Baumeister August Orth. Bereits 1868 kaufte der Industrielle Bethel Henry Strousberg das Unternehmen auf und ließ den notwendigen und noch fehlenden Eisenbahnanschluss bauen. 1870 waren die Gebäude weitgehend fertiggestellt. Strousberg verkaufte das Unternehmen 1872 an die Berliner Viehmarkt-Aktiengesellschaft. Der Berliner Viehmarkt war in der Lage, den Fleischbedarf Berlins dieser Zeit zu großen Teilen zu decken.
Überlegungen zum Bau eines städtischen Vieh- und Schlachthofs Rudolf Virchow schlug bereits 1864 in der Stadtverordnetenversammlung vor, ein von der Stadt Berlin betriebenes, öffentliches Schlachthaus einzurichten, um für die immer weiter wachsende Berliner Bevölkerung eine bessere Qualität in der Fleischversorgung zu gewährleisten. Eine Kommission empfahl 1866, dass ein Schlachthaus zusammen mit einem Viehmarkt auf dem gleichen Gelände errichtet werden sollte, da durch die Kombination für die Viehhändler Kostenvorteile entstehen würden und die Kontrollen in den Ställen und Schlachthäusern vereinfacht werden könnten. Die Stadtverwaltung schlug ein Grundstück in Moabit nahe der Beusselstraße vor, doch die Mehrheit der Stadtverordneten lehnte das Projekt ab.
Am 18. März 1868 erließ die preußische Regierung aufgrund der Missstände im Schlachtgewerbe und der weiten Verbreitung der Trichinose das Gesetz über die „Errichtung öffentlicher, ausschließlich zu benutzender Schlachthäuser“, das sogenannte „Schlachtzwanggesetz“, das den Bau von kommunalen Schlachthäusern fördern und das anschließende Verbot privater Schlachtereien ermöglichen sollte. Auch Berlin hatte nun die gesetzliche Aufgabe, ein öffentliches Schlachthaus zu errichten und dort hygienische Kontrollen durchzuführen.
Dass der städtische Vieh- und Schlachthof jedoch erst 13 Jahre später eröffnet wurde, lag an längeren Auseinandersetzungen in der Stadtverordnetenversammlung, hauptsächlich wegen der Kosten und des Lobbyismus von Seiten der Berliner Schlächterinnung. Etwa 800 private Schlachthäuser gab es 1875 in Berlin und Umland. Viele davon schlachteten das Vieh unter sehr schlechten hygienischen Bedingungen und das Fleisch wurde bei den wenigsten kontrolliert. Die Schlächterinnung argumentierte damit, dass die Mehrzahl der Schlachtereien in gutem Zustand seien und nur die unvorschriftsmäßigen zu schließen wären. Außerdem seien die Straßen Berlins durch den Bau der Kanalisation bereits viel sauberer.
Virchow war 1874, als die Diskussionen um den Bau eines öffentlichen Schlachthofs erneut aufflammten, auch wieder ein starker Befürworter dieses Plans. Der Berliner Magistrat verhandelte mit der Berliner Viehmarkt-Aktiengesellschaft um den Ankauf des Viehmarkts an der Brunnenstraße. Die Mehrheit der Stadtverordneten lehnte 1876 den Kauf aber ab, da die Kosten für die notwendigen Um- und Ausbauarbeiten auf dem Gelände inklusive des Kaufpreises als zu hoch angesehen wurden und das Gebiet wegen des Wachstums der Stadt bereits zu nahe am Stadtzentrum lag. Sie wollten lieber ein noch unbebautes Gelände für einen Neubau erwerben. Dafür wurden zwei Areale ins Auge gefasst: das eine in Rummelsburg mit Anschluss an Wasserwege und das andere auf der Feldmark Lichtenberg zwischen Eldenaer Straße und Ringbahn. Nachdem eine Entscheidung zugunsten des zweitgenannten Grundstücks gefallen war, wurde der Viehmarkt-Aktiengesellschaft ein Gegenangebot in Höhe von acht Millionen Mark gemacht, das allerdings nicht angenommen wurde. Damit galt der Standort Feldmark Lichtenberg als gesichert.
Entstehung und Ausbau
Die Anfänge von 1876 bis 1900 mini|hochkant=1.7|Alter Schlachthof mit Schlachthäusern, Markthallen, Ställen und Entladebahnhof (Entwurf: Hermann Blankenstein)
So erwarb der Magistrat am 28. Oktober 1876 das 38,62 Hektar große Gebiet in Lichtenberg für 657.210 Mark, um darauf den Central-Vieh- und Schlachthof zu errichten. Auf der Basis Virchowscher Hygienevorstellungen und nach Entwürfen von Stadtbaurat Hermann Blankenstein begannen am 26. November 1877 die Bauvorarbeiten. Die Grundsteinlegung erfolgte am 3. Dezember 1877.Berlin-Kalender 1997. Hrsg. Luisenstädtischer Bildungsverein, 1997, ISBN 3-89542-089-1, S. 216: 3. Dezember. Am 30. März 1878 wurde das Gelände zur Stadt Berlin eingemeindet, da ansonsten das Schlachtzwanggesetz nicht hätte angewandt werden können. Die Eröffnung fand am 1. März 1881 statt, obwohl noch nicht alle Gebäude fertiggestellt waren. Dies war erst im April 1883 der Fall.
mini|links|Viehhofbörse, um 1897
Das Gelände gliederte sich grob in zwei Teile. Im westlichen Teil befanden sich der Schlachthof mit den Anlagen zur Verwertung des Schlachtgutes sowie seiner Koppelprodukte wie eine Kaldaunenwäsche, eine Darmschleimerei, eine Talgschmelze, eine zur Lederfabrik Kleinlein gehörende Häute-Salzerei und ‑Trocknerei, eine blutverarbeitende Albuminfabrik sowie ein separater Gleisanschluss. Der Viehhof war durch eine Mauer vom Schlachthof getrennt. Dort befanden sich die vier großen Verkaufshallen, zahlreiche Ställe, die beiden Verwaltungsgebäude und das Börsengebäude, das 1945 im Krieg zerstört wurde. Im Osten gab es noch unbebautes Gelände, das Platz für spätere Erweiterungen ließ. Ganz im Osten lag der Seuchenhof, auf dem verdächtige Tiere gehalten wurden.
Nördlich schloss sich bis zu den Gleisen der Ringbahn der Bahnhof zum Entladen des Viehs an. Die Gesamtlänge der Gleisanlagen betrug 15,5 km und an den fünf Viehrampen konnten fünf Züge von je 400 m Länge gleichzeitig entladen werden. In einer Desinfektionsanstalt auf dem Entladebahnhof wurden bis zu 50 Waggons pro Stunde nach dem Entladen gereinigt. Ein Haltepunkt der Ringbahn wurde am 4. Mai 1881 eingeweiht. Die Ringbahn kreuzt hier auf zwei Stahlbrücken die Fernbahngleise.Geschichte des S-Bahnhofs Zentralviehhof, Storkower Straße
Im ersten Geschäftsjahr wurden 126.347 Rinder, 392.895 Schweine, 111.937 Kälber und 650.060 Hammel verarbeitet. Erster Verwaltungsdirektor war bis 1901 der Königliche Ökonomierat Otto Hausburg. Ihm zu Ehren wurde 1902 die im Westen an das erweiterte Gelände grenzende Hausburgstraße benannt.
mini|Neues Verwaltungsgebäude, um 1900
Aufgrund des gestiegenen Bedarfs entschloss sich der Magistrat 1889, das Gelände zu erweitern, und kaufte ein nordwestlich gelegenes 10,9 Hektar großes Gebiet zwischen Thaerstraße und heutiger Landsberger Allee für 1,5 Millionen Mark. Von 1895 bis zum 5. Januar 1898 wurde der Neue Schlachthof unter Federführung des Baumeisters August Lindemann mit Schlachthäusern, Ställen, Verwaltungsgebäuden und Kühlhäusern bebaut. Unter der Thaerstraße wurden zwei Unterführungen zur Verbindung der beiden Gelände angelegt, damit die Tiere von den Ställen zu den Schlachthäusern getrieben werden konnten.
Weitere Entwicklung ab 1914 Von 1914 bis 1923 stagnierte die Entwicklung des Zentralvieh- und Schlachthofes aufgrund der kriegsbedingten Inflation. Während dieser Zeit leerstehende Hallen wurden von Privatleuten und Behörden als Lagerhallen genutzt. Ab 1924 begann ein neuer Aufschwung des Vieh- und Schlachtbetriebes, der 1925 durch die Eröffnung einer neuen Fleischgroßmarkthalle, der späteren Werner-Seelenbinder-Halle, auf der gegenüberliegenden Seite der Landsberger Allee und der Verlagerung des Handels aus der Zentralmarkthalle am Alexanderplatz hierher weiter gestützt wurde. Im Ergebnis wurde die Fremdnutzung der Hallen beendet und diese dienten nun wieder ausschließlich für den Vieh- und Schlachtbetrieb.
Richard Ermisch errichtete 1929 ein neues großes Kühlhaus und 1930 wurde die Rinderauktionshalle um 5000 m² erweitert. In den Folgejahren wurden die Gebäude auf dem Gelände ständig modernisiert. So wurde unter anderem die Außenmauer mit Klinkersteinmauerwerk erneuert. Von 1937 bis 1940 entstand quer über den Viehhof eine etwa 505 m lange überdachte und verglaste Fußgängerbrücke, die in einer Höhe von etwa sechs Metern von der Eldenaer Straße zum damaligen S-Bahnhof Zentral-Viehhof führte. Im Volksmund hieß diese Brücke Langer Jammer, Langes Elend oder auch Rue de Galopp.