mini|Mögliche Urfassung der Ballade im Göttinger Musenalmanach für 1901 Jenseits (des Tales standen ihre Zelte) ist eine Ballade von Börries von Münchhausen, die im Jahr 1900 entstand. Eine starke Verbreitung fand der Text vor allem als Fahrtenlied in der Bündischen Jugend, nachdem er 1920 von Robert Götz vertont und 1932 in seinem Liederbuch Aus grauer Städte Mauern (benannt nach dem ebenfalls von Götz vertonten Wanderlied) publiziert worden war. In der Zeit des Nationalsozialismus, zumindest den Anfangsjahren, wurde das Lied in abgewandelter Form auch in der Hitlerjugend gesungen. In den 1960er Jahren erlebte der Schlagersänger Heino mit einer gekürzten Textvariante seinen ersten Erfolg.

Die Ballade Text Jenseit …

Jenseit des Thales standen ihre Zelte, Vorm roten Abendhimmel quoll der Rauch, Und war ein Singen in dem ganzen Heere, Und ihre Reiterbuben sangen auch.

Sie putzten klirrend am Geschirr der Pferde, Hertänzelte die Marketenderin, Und unterm Singen sprach der Knaben einer: ‚Mädchen, du weißts, wo ging der König hin?‘

Diesseit des Thales stand der junge König Und griff die feuchte Erde aus dem Grund, – Sie kühlte nicht die Glut der armen Stirne, Sie machte nicht sein krankes Herz gesund.

Ihn heilten nur zwei knabenfrische Wangen Und nur ein Mund, den er sich selbst verbot, – Noch fester schloß der König seine Lippen Und sah hinüber in das Abendrot.

Jenseit des Thales standen ihre Zelte, Vorm roten Abendhimmel quoll der Rauch, Und war ein Lachen in dem ganzen Heere, Und jener Reiterbube lachte auch.

Fassung des Erstdrucks 1901

Interpretation In der ersten Strophe wird nach Meinung des Germanisten Karl Konrad Polheim aus der Perspektive eines jungen Königs „ein Naturbild“ gezeichnet. Auf diese Weise stelle der Autor erzähltechnisch eine Dichotomie zwischen den Schauplätzen „Diesseits“ und „Jenseits“ her.Polheim 1997, S. 355. Polheim betont, dass die Ballade nicht eine „herkömmliche […] sanfte Abendstimmung“ beschreibt, sondern einen „rote[n] Abendhimmel, vor dem der Rauch […] quoll“. Es werde damit eine „unheimliche, bedrohliche“ Atmosphäre erzeugt, mit der „[…] das Singen des ganzen Heeres nicht überein[…]stimme[…]“.

In der zweiten Strophe „führt das Szenarium weiter, förmlich wie mit einer Gummilinse“ herangezogen. Die singenden Reiterbuben putzen das Pferdegeschirr, während zwei Figuren hervorgehoben werden – nämlich einer der Reiterjungen und die Marketenderin. Weil sich erst im weiteren Verlauf der Ballade herausstellt, dass die männliche im Gegensatz zur weiblichen Figur bedeutend für den König ist, kann in der Erwähnung der Marketenderin ein erzähltechnisches Ablenkungsmanöver gesehen werden, das darauf abzielt, dass der Leser zunächst die Frauenfigur als mögliches Liebesobjekt vermutet. Das Gespräch der beiden Figuren im Heerlager dreht sich um den Verbleib des Königs, wodurch zur dritten Strophe übergeleitet wird.Polheim 1997, S. 356.

Laut Jürgen Reulecke befinde sich der königliche Hauptcharakter der Ballade nun in einem „erotischen Zwiespalt zwischen den Reizen einer Marketenderin und den ‚knabenfrischen Lippen‘ eines Reiterbuben, der gleichzeitig für das Heer, also den Männerbund steht“. Im Heerlager „jenseits des Tales“ fragt dieser nämlich die herbeitänzelnde – und damit sich offenbar in sexueller Hinsicht anbietende – Marketenderin nach dem Verbleib des Königs, da diese sicherlich darüber Bescheid wisse. Der daraufhin in der dritten Strophe stattfindende Ortswechsel rückt nun die Verzweiflung des Königs ins Zentrum, indem eine „drastische Gebärde“ geschildert wird: Der Hauptcharakter versucht sein Liebesleid erfolglos mit kühlender Erde zu mindern.Reulecke 2001, S. 121 ff. In der vierten Strophe wird deutlich, dass der König „diesseits des Tales“ innerlich mit sich ringt, da er sich selbst den einzigen Ausweg aus seinen Liebesqualen, nämlich einen erotisch gefärbten Umgang mit dem Reiterjungen, verbietet.

In der fünften Strophe blickt der König hinüber zu seinem von einem Lachen ergriffenen Heer ins Abendrot. Dass auch „jener Reiterbube“ lacht, wird im letzten Vers der Ballade deutlich. Es besteht also, wie von Reulecke vertreten, die positive Interpretationsmöglichkeit, dass dem Lachen etwas Befreiendes anhaftet, da der König sich nun „zum Männerbund und gegen die Verführung der Marketenderin entschieden“ hat.Reulecke 2001, S. 121 ff. Eine konträre Deutung besteht darin, das „Lachen in dem ganzen Heere“ damit zu erklären, „dass sich die Soldaten über ihren jungen König lustig“ machen, da er die Marketenderin offenbar ablehnt.Georg Nagel: Unterdrückte Homoerotik. Börries von Münchhausens „Jenseits des Tales“ (1907). Deutsche Lieder. Bamberger Anthologie. Karl Konrad Polheim konstatiert gar, dieser letzte Vers sei ein „erbarmungsloser Schluss“, der das „Lachen“, das im ganzen Heer zu vernehmen ist, „grausam verschärft“, da es „zusammengezogen“ wird „auf […] den einen Knaben, auf den es dem König ankommt“. Die Tragödie der Königsfigur werde dadurch vollendet, und durch dieses „schließende Wort“ sei es Münchhausen gelungen, „Inneres durch Äußeres auszudrücken“.Polheim 1997, S. 356f.

Autor und Entstehung Börries von Münchhausen verfasste die Ballade im Jahr 1900.Börries von Münchhausen: Das dichterische Werk in zwei Bänden. Band 1: Das Balladenbuch. Ausgabe letzter Hand. 65.–69. Tausend, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1951, S. 8. Sie handelt von einem jungen König, dessen historische Identität ungeklärt ist. Münchhausen hat sich offenbar nie zu einer möglichen historischen Vorlage geäußert. Allerdings ordnete der Autor seine Balladen 1924 in Das Balladenbuch und auch später nach Ort und Zeit der Handlung, wobei er oft auch Jahreszahlen angab, nicht jedoch bei diesem Werk. Jenseits ist der letzte Text im Abschnitt „Mittelalter“ des Kapitels „Deutschland“; danach folgt der Abschnitt „Dreißigjähriger Krieg“. Beide Abschnitte sind ansonsten chronologisch geordnet. Der Germanist Karl Konrad Polheim meint daher, dass die Handlung nach den Daten der vorhergehenden und der folgenden Ballade zwischen 1559 und 1608 spielen sollte. Der Historiker Jürgen Reulecke vertritt dagegen die These, es könnte sich hierbei um den als Sechzehnjähriger im Jahr 1268 auf Befehl von Karl von Anjou hingerichteten Konradin handeln, da im 19. Jahrhundert eine breite sowie romantisch gefärbte Konradin-Überlieferung aufblühte, in die sich von Münchhausens Ballade gut einfügt.Reulecke 2001, S. 122 f. Nach anderer Ansicht könnte sich der Text auf eine Episode des späteren Preußenkönigs Friedrich II. beziehen, wonach dieser seine als Mann verkleidete Jugendliebe Anna Karolina Orzelska bei einem Heerlager-Besuch in seinem Gefolge mitgeführt habe.Heribert Limberg (Hrsg.): Liederbuch für Nordrhein-Westfalen: ein Beitrag zur Kulturgeschichte des Liedes in Nordrhein-Westfalen. Möseler, Wolfenbüttel 1998, ISBN 3-7877-1101-5, , S. 46 f. (). Wieder einer anderen Ansicht zufolge könnte sich der Text auf die Darstellung des Ostgotenkönigs Teja in Felix Dahns Roman Ein Kampf um Rom (1876) beziehen.Hans Schmitt: Jenseits des Tales – Beschreibung. Datenbankeintrag zur Ausstellung Von Navajos und Edelweißpiraten – Unangepasstes Jugendverhalten in Köln 1933–1945, NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln vom 23. April bis zum 23. August 2004; abgerufen am 14. September 2022.

Börries von Münchhausen veröffentlichte die Ballade vermutlich erstmals in dem von ihm herausgegebenen Göttinger Musenalmanach für 1901.Börries von Münchhausen: Jenseit … In: Börries von Münchhausen (Hrsg.): Göttinger Musenalmanach für 1901. Verlag von Lüder Horstmann, Göttingen 1901, S. 85; In den Publikationen der ersten Jahre (bis mindestens 1906Börries von Münchhausen: Balladen. 2. Auflage. Lattmann, 1906, S. 96; .) erschien sie unter dem Titel Jenseit …; später (spätestens ab 1908Börries von Münchhausen: Die Balladen und ritterlichen Lieder. 3. Auflage (4. Tausend). Fleischel, Berlin 1908, S. 41 f.) änderte Münchhausen den Titel in Jenseits ab, und ebenso änderte er die Anfangsworte jenseit, diesseit der 1., 3. und 5. Strophe in jenseits, diesseits. Sie wurde dann in einer Reihe von Balladensammlungen Münchhausens unverändert nachgedruckt, unter anderem in Die Balladen und ritterlichen Lieder (1908), Das Balladenbuch (1924) und zuletzt in der fünf Jahre nach dem Tod des Autors erschienenen Ausgabe letzter Hand (Das dichterische Werk in zwei Bänden, Band 1: Das Balladenbuch, 1950).Polheim 1997, S. 353.

Das Lied Robert Götz, ein Komponist zahlreicher Lieder für den Wandervogel und die Bündische Jugend, vertonte die Ballade 1920.Robert Götz: „Ich wollte Volkslieder schreiben“. Gespräche mit Ernst Klusen (= Forschungen zur westfälischen Musikgeschichte, ISSN 0932-8432, Band 3). Hans Gerig, Köln 1975, ISBN 3-87252-094-6, S. 119. Wahrscheinlich verbreitete sich das Lied danach zunächst vor allem durch mündliche Überlieferung.Polheim 1997, S. 359. Der erste nachgewiesene Druck dieser Vertonung datiert erst von 1932Polheim 1997, S. 357. Polheim schreibt: „[A]uch Nachforschungen konnten keine frühere Publikation ausfindig machen.“ Reuleckes Angabe eines Drucks von 1924 (Reulecke 2001, S. 123) lässt sich nicht nachweisen. in der von Götz selbst zusammengestellten Sammlung Aus grauer Städte Mauern ziehn wir durch Wald und Feld – Neue Lieder einer deutschen Jungenschaft, die in dem der Jugendbewegung nahestehenden Verlag Günther Wolff erschien. Dieser Druck weist bedeutungsverändernde Textvarianten auf: In Strophe 4, Vers 1 ist „knabenfrische Wangen“ durch „jugendfrische Wangen“ ersetzt, in Strophe 5, Vers 4 tritt statt des Singulars „jener Reiterbube lachte“ der Plural auf: „jene Reiterbuben lachten“. Damit verschwindet die homoerotische Bedeutung aus dem Lied.Polheim 1997, S. 357f. Hinzu kommen einige weitere Textveränderungen, die auf einen Prozess des Zersingens hindeuten, also eine Veränderung des Liedtextes in der mündlichen Weitergabe.Polheim 1997, S. 351 und 358f. In Neue Jungenlieder – Nachtrag zum Liederbuch St. Georg (Günther Wolff, Plauen 1934) findet sich ebenfalls diese Fassung.Polheim 1997, S. 352f.

Melodie