Deir al-Kahf, auch Qasr Deir el-Kahf, selten Dayr al-Kahf, lateinisch möglicherweise Speluncae, , deutsch Höhlenkloster, ist ein römisches Kastell am vorderen Limes Arabiae et Palaestinae, das während des Prinzipats entstand und während der Spätantike zum Quadriburgus erweitert wurde. Trotz vieler moderner Zerstörungen gilt die Anlage auch heute noch als eine der am besten erhaltenen in Jordanien. Sie diente als Vorposten in der unwirtlichen, ariden Klimazone der Syrischen Wüste an der äußersten östlichen Grenze des römischen Reiches. Die Fortifikation wurde an einer wichtigen Militärstraße errichtet, die unter anderem vom strategisch bedeutenderen südlich gelegenen Oasenkastell Qasr al-Azraq nach Norden führte. Deir al-Kahf befindet sich in Jordanien, im Gouvernement al-Mafraq.

Lage Das auf ebenem Grund errichtete Kastell befindet sich in der nordöstlichen Basaltregion am südöstlichen Rand des HauranWolfgang Frey, Harald Kürschner: Bryosoziologische Untersuchungen in Jordanien 2. Ergänzungen und weitere neue terrestrische und epilithische Gesellschaften aus der östlichen Wüste und der Basaltregion. In: Nova Hedwigia, 59 (1994): S. 365–378; hier: S. 369. in einem Gebiet großer prähistorischer Basaltströme,Samuel Thomas Parker, Paul M. McDermott: A Military Building Inscription from Roman Arabia. In: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik 28 (1978), S. 61–66; hier: S. 61. die sich aus der durch Vulkanismus geprägten Basaltwüste des Jebel ed-Druze durch den südsyrischen Hauran bis nach Jordanien ergossen.Alison V. G. Betts: The prehistory of the basalt desert, Transjordan. An analysis. London University, Institute of Archaeology, London 1986, S. 15–16, Abb. 1.4. (Dissertation) Die isolierte, öde Lage der Militärsiedlung wirkt heute irritierend, doch Klimaveränderungen und die Nutzung menschlicher Bewässerungssysteme haben starken Einfluss auf die Möglichkeiten einer Region und können innerhalb eines kurzen Zeitraums vieles verändern. So berichtete schon der Schweizer Orientreisende Johann Ludwig Burckhardt (1784–1817): „Die Fruchtbarkeit des Bodens im Hauran hängt ganz von der Bewässerung ab.“Wilhelm Gesenius (Hrsg.): Johann Ludwig Burckhardt’s Reisen in Syrien, Palästina und der Gegend des Berges Sinai (= Neue Bibliothek der wichtigsten Reisebeschreibungen 34), Band 1, Landes-Industrie Comptoir, Weimar 1823, S. 462. Der amerikanische Archäologe Howard Crosby Butler (1872–1922) konnte 1904 rund um das Kastell viele Spuren antiker landwirtschaftlicher Besiedlungen wahrnehmen. Des Weiteren wurden in der näheren Umgebung bereits durch den österreichischen Althistoriker Alfred von Domaszewski (1856–1927) und den deutsch-amerikanischen Philologen Rudolf Ernst Brünnow (1858–1917) einige Gräber entdeckt und fotografiert, die in ihrer Ausgestaltung an die kleineren Gräber in Petra und an anderen nabatäischen Stätten erinnern. Dennoch konnte sich der israelische Historiker Ariel S. Lewin des Eindrucks nicht erwehren, dass Deir el-Kahf ein eher randständiger Grenzort an der Limesstraße war.

Das Land steigt vom großen, rund 55 Kilometer entfernten Kastell Qasr al-Azraq bis Deir al-Kahf um rund 500 Meter an. In einer relativ geringen Distanz von rund 45 Kilometern Luftlinie befand sich nordwestlich das Legionslager BostraLegionslager Bostra . und die Strata Diocletiana. Unmittelbar westlich von Deir al-Kahf verlief eine wichtige römische Grenzstraße zur Oase Al-Azraq. Der schottische provinzialrömische Archäologe David L. Kennedy nannte diese Straße nach der von ihm vorgeschlagenen severischen Gründungszeit und aus Unterscheidungsgründen zu anderen Straßen in der Levante Via Severiana.David L. Kennedy: The Roman Army in Jordan. Council for British Research in the Levant, Henry Ling, London 2004, ISBN 0-9539102-1-0, S. 72.Ignacio Arce: Qasr Hallabat, Qasr Bshir and Deir el Kahf. Building techniques, architectural typology and change of use of three “Quadriburgia” from the “Limes Arabicus”. Interpretation and significance. In: Stefano Camporeale, Hélène Dessales, Antonio Pizzo (Hrsg.): Arqueología de la construcción II, Los procesos constructivos en el mundo romano: Italia y provincias orientales. (= Anejos de Archivo Español de Arqueología 57), Certosa di Pontignano, Siena, 13-15 de noviembre de 2008, Madrid/Mérida 2010, ISBN 978-84-00-09279-5, S. 455-481; hier: S. 475. Laut den Inschriften auf entdeckten Miliaria wurde die Trasse wahrscheinlich in den Jahren 208/210 während der Regierungszeit des Kaisers Septimius Severus (193–211) errichtet. Rund 15 Kilometer nördlich lag an der Via Severiana das Kastell Mothana im bereits syrischen Gouvernement as-Suwaida. Zur Sicherung der Straße hatte das römische Militär an strategisch günstigen Stellen Straßentürme wie den Qasr el-Huweinit errichtet. Die Deir al-Kahf am nächsten gelegene Garnison befand sich an einer Abzweigung der Via Severiana elf Kilometer nordöstlich im vorgeschobenen Kastell Deir el-Qinn. Neben dem Landweg war es dem Grenzschutz möglich, über das auf einem weithin sichtbaren Vulkanhügel errichtete Kleinkastell Qasr AseikhinDavid L. Kennedy: Archaeological Explorations on the Roman Frontier in North-east Jordan: The Roman and Byzantine Military Installations and Road Network on the Ground and from the Air (= BAR International Series 134), British Archaeological Reports, Oxford 1982, ISBN 0-86054-165-7, S. 107. zwischen den beiden Kastellen Deir al-Kahf und Qasr al-Azraq mittels Signalen zu kommunizieren.

Vertikale Fotografien aus dem Jahr 1953 zeigen im Norden und Westen des Kastells zahlreiche Spuren antiker Landwirtschaft. Heute wird das Land wieder bewirtschaftet und um die römischen Ruinen entstand im 20. Jahrhundert ein großes Dorf. Die Möglichkeiten eines extensiven Ackerbaus sind durch die lokale Feinerde gegeben, die sich zwischen Basaltblöcken in der Felswüste eingelagert hat. Eine prägende Pflanze ist das Tortuletum parnassicae, das sich in seiner optimalen Ausbildung auf kalkreichen Mergeleinschwemmungen zwischen den Basaltblöcken entwickeln und dichte Rasen bilden kann. Leben ermöglichten anders als in Al-Azraq mit seinen natürlichen Quellen, zahlreiche Wasserreservoirs und Zisternen sowie die Lage des Kastells zwischen zwei vom nördlich gelegenen Jebel el-Druze kommenden Wadis, die in geringer Entfernung westlich und östlich vorbeiführen und unmittelbar südöstlich der Anlage ineinandermünden. Kurz hinter dieser Mündung stauten die Römer das saisonale Wasseraufkommen der Wadis mithilfe eines heute noch genutzten Dammes an.David L. Kennedy: Water Supply and Use in the Southern Hauran, Jordan. In: David L. Kennedy: Settlement and Soldiers in the Roman Near East (= Variorum Collected Studies) Ashgate Publishing Farnham, Surrey 2013, ISBN 1-4094-6436-9, S. 257–290. Die größten Niederschlagsereignisse finden in der Region im Dezember statt.Alastair Kirk: A Synthesis of Climatic Data with Specific Interest in the Precipitation Record. In: Roderic W. Dutton, John I Clarke, Anwar Battikhi (Hrsg.): Arid Land Resources and Their Management. Jordan’s Desert Margin. Routledge, London/New York 2009, ISBN 0-7103-0612-1, S. 47–66; hier: S. 59. Der Ort befindet sich an der Grenze zwischen den Basaltböden und den fruchtbaren Feldern, die sich im Norden und Nordwesten bis auf das Staatsgebiet des modernen Syrien erstrecken, das nur 3 Kilometer entfernt liegt.

Forschungsgeschichte Burckhardt war zwar auf seinen Reisen zwischen 1810 und 1812 nicht selbst in Deir el-Kahf, ließ sich aber darüber erzählen, dass es bei den Ruinen von El Kohf einen großen Tempel und viele Säulen gäbe: Von Domaszewski und Brünnow besuchten den Ort auf ihren Forschungsreisen im April 1898.Alfred von Domaszewski, Rudolf Ernst Brünnow: Die Provincia Arabia auf Grund zweier in den Jahren 1897 und 1898 unternommenen Reisen und der Berichte früherer Reisender beschrieben. Band 3: Der westliche Hauran von Boṣra bis Es-Suhba und die Gegend um die Damaskener Wiesenseen bis Ed-Dumer nebst einem Anhang über die römischen Befestigungen von Masada. Trübner, Straßburg 1909. S. 28. Offensichtlich waren sie jedoch mehr an den von ihnen erstmals wissenschaftlich untersuchten Gräbern in der näheren Umgebung interessiert. Neben Fotografien dokumentierten sie die Grablegen auch mit bemaßten Zeichnungen.Alfred von Domaszewski, Rudolf Ernst Brünnow: Die Provincia Arabia auf Grund zweier in den Jahren 1897 und 1898 unternommenen Reisen und der Berichte früherer Reisender beschrieben. Band 2: Der äussere Limes und die Römerstrassen von El-Ma’an bis Bosra. Trübner, Straßburg 1905. S. 195–206. Obwohl die beiden Wissenschaftler ansonsten jedes Kastell und jeden besuchten römischen Wachturm genau beschrieben, widmeten sie dem römischen Kastell von Deir el-Kahf keine Zeile.

Im Jahr 1899 brachen der französische Altorientalist René Dussaud (1868–1958) und der orientalische Sprachexperte Frédéric Macler (1869–1938) zu einer Expedition auf, um die südsyrische Safa-Region und den Dschabal ad-Duruz methodisch zu erkunden.Henri Seyrig: René Dussaud (24 décembre 1868–17 mars 1958). In: Syria. Band 36, Heft 1/2 (1959), S. 1–7; hier: S. 2 (Digitalisat). Dabei statteten sie auch Deir al-Kahf einen kurzen Besuch ab. Besonders wichtig waren für sie die damals noch existierenden Inschriften am Kastell.René Dussaud, Frédéric Macler: Voyage archéologique au Ṣafâ et dans le Djebel ed-Drûz, Ernest Leroux, Paris 1901, S. 177–182: hier S. 178.

Im Jahr 1904 begann die zweite Syrien-Expedition unter der Schirmherrschaft der amerikanischen Princeton University, die Butler leitete.Howard Crosby Butler: Preliminary Report of the Princeton University Expedition to Syria. In: American Journal of Archaeology, Second Series, Band 9, 1905, Nr. 4, S. 389–400; hier S. 389. Dabei war neben einem Topografen unter anderem auch der deutsche Orientalist Enno Littmann (1875–1958) zugegen, der neben vielen anderen Tätigkeiten für eine weitere Übersetzung der Inschriften am Kastell Deir el-Kahf sorgte. Besonders schockiert zeigten sich die Expeditionsteilnehmer über die schon damals im großen Stil begonnenen Verwüstungen der einheimischen Bevölkerung, um kostenloses Baumaterial zu gewinnen.Howard Crosby Butler: Preliminary Report of the Princeton University Expedition to Syria. In: American Journal of Archaeology, Second Series, Band 9, 1905, Nr. 4, S. 389–400; hier S. 392. Im Jahre 1909 legte Butler den ersten vollständigen Plan zum Kastell vor,Howard Crosby Butler: Ancient Architecture in Syria, Section A. Teil II., 1909, S. 145–146; Abb. S. 146. der rund 100 Jahre Bestand hatte. Der österreichisch-britische Archäologe Aurel Stein (1862–1943), der den römischen Limes in Jordanien und dem Irak von 1938 bis 1939 besuchte, war 1939 mit seinen Untersuchungen vor Ort. Aufnahmen der Royal Air Force zeigen das Kastell 1939 noch ohne die zerstörerischen Einbauten, die bereits vor 1950 durch drusische Familien errichtet worden waren.

Auf den Spuren der Princeton-Expedition besuchte der kanadische Archäologe Frederick Victor Winnett (1903–1989) auf einer epigraphischen Studienreise im Oktober 1950 die Ruinen. Er musste jedoch feststellen, dass alle Inschriften, die 1904 dokumentiert wurden, beseitigt waren.Frederick Victor Winnett: An Epigraphical Expedition to North-Eastern Transjordan. In: Bulletin of the American Schools of Oriental Research, Nr. 122, 1951, S. 49–52, S. 50.