Die Urfa-Harran Ovası (deutsch: Urfa-Harran-Ebene, in der Literatur oft als Harran Ovası, deutsch: Harran-Ebene bezeichnet) ist eine große, weitgehend landwirtschaftlich genutzte intramontane Ebene in der Türkei (Südostanatolien) zwischen 36° 47° und 39° 15° östlicher Länge und 36° 40° und 37° 21° nördlicher Breite. Das Gebiet, das von den Tek Tek-Bergen (Tektek Dağları) im Osten, dem Akçakale-Kreis und der syrischen Grenze im Süden, den Fatik-Bergen (Fatik Dağları, Fatik-Plateau) im Westen und den Şanlıurfa-Bergen (Şanlıurfa Dağları) im Norden umgeben ist, umfasst etwa 225.000 Hektar.
mini|Şanlıurfa: Blick von der Zitadelle von Urfa (Urfa Kalesi) mit den Relikt-Säulen des Winterpalastes (201 n. Chr.) über die Altstadt nach Norden. Größte städtische Siedlung und zugleich übergeordnetes Provinzzentrum ist die Großstadt Şanlıurfa (früher Urfa) im Nordwesten der Beckenlandschaft. Kleinere städtische Zentren sind vor allem die Städte Harran inmitten der Senke, seit 1987 Kreiszentrum über 1 Amtsbezirk, 102 Dörfer und 105 Weiler (2012) 48 km südöstlich von Şanlıurfa, und Akçakale (, Tal Abyaḍ), Kreiszentrum seit 1946 über 2 Amtsbezirke und 92 Dörfer (2012) 53 km südlich von Şanlıurfa an der türkisch-syrischen Grenze. Die agrarisch genutzte Ebene ist seit 1995 in die überregionale Bewässerung des Südostanatolien-Projekts (türkisch: Güneydoğu Anadolu Projesi; GAP) eingebunden. Im Rahmen dieser Bewässerungsplanung war die Urfa-Harran-Ebene das erste und größte Gebiet des GAP, das für die Bewässerung in Betracht gezogen wurde.
Einblicke in die Siedlungsgeschichte mini|Heilige Quelle in Abrahams Quellhöhle (Mevlid-i Halilulrahman Mağarası) in Şanlıurfa. Die Geschichte der Urfa-Harran Ovası ist eng verbunden mit den beiden historisch bedeutendsten Siedlungen der Ebene: Mit dem vermutlich älteren, schon im 3. Jahrtausend v. Chr. besiedelten Harran (siehe dort) im Zentrum der Ebene und dem möglicherweise jüngeren Şanlıurfa (siehe dort), wahrscheinlich identisch mit dem hurritischen Urschu, das um 2000 v. Chr. in sumerischen, akkadischen und später in hethitischen Keilschrifttexten erwähnt wird. Urfa gilt zwar nach islamischer Überlieferung als der Geburtsort Abrahams viel mehr als Harran, und an seine Anwesenheit dort erinnert noch die Wallfahrtsstätte der Heiligen Quelle in Abrahams Grotte (Mevlid-i Halilulrahman Mağarası), bekannter allerdings ist die alte Siedlung Harran, das griechische Κάρραι (Karrhai) und römisch-lateinische Carr(h)ae. Die im Volksmund als Harran Ovası (Harran-Ebene) bezeichnete Senke, die in der Antike eine wichtige Position einnahm und ein Tor nach Mesopotamien darstellte, lebt seit Jahrhunderten mit mesopotamischen Kulturen zusammen, stellte die Beziehungen zwischen der anatolischen Hochebene und den Ebenen im Süden her und ist diesbezüglich von großer Bedeutung in der Geschichte des Nahen Ostens.
mini|Blick nordostwärts über Teile der Ausgrabungen des historischen Siedlungshügels (Tell, Höyük) von Harran (Altınbaşak). Im Mittelgrund die Reste des Minaretts der Großen Moschee (Ulu Cami). Die zuverlässigsten Informationen über die Vergangenheit Harrans und der Ebene von Urfa-Harran stammen im Allgemeinen aus Funden, die als Ergebnisse archäologischer Ausgrabungen gewonnen wurden. Der Name Harran wurde erstmals als „Har-ra-na“ bzw. „Ha-ra-na“ in Keilschrifttafeln aus dem frühen 2. Jahrtausend v. Chr. entziffert, die in Mari und Kültepe gefunden wurden. Darüber hinaus wird Harran als „Ha-ra-na“ auf den im Norden Syriens in Ebla entdeckten Tafeln erwähnt. In hethitischen Tontafeln gegen Ende des 2. Jahrtausends v. Chr. heißt es, dass die in Harran geleisteten Schwüre über eine Vereinbarung zwischen den Mitanni und den Hethitern vor dem Mondgott Sin und dem Sonnengott eingehalten wurden. Aus all diesen frühen Dokumenten geht hervor, dass der Name Harran seit fast 4000 Jahren unverändert geblieben ist. Er stammt wahrscheinlich von „Harran-u“, was in der sumerischen Sprache so viel wie „reisende Karawane“ bedeutet, während andere Quellen angegeben, dass dieser Ausdruck „kreuzende Straßen“ oder „sehr intensive Hitze“ bedeutet. Der berühmte Reisende Ibn Jubayr, der Harran 1184 besuchte, schrieb, dass diese Region schattig und bewaldet war und dass verschiedene Früchte und Gemüse angebaut wurden, andererseits aber dass sie infolge einer Dürre über einen langen Zeitraum hinweg verwüstet bzw. aufgelassen wurde. Harran lag in der Antike an der Kreuzung wichtiger Handelsrouten, die aus Nordmesopotamien nach Westen und Nordwesten führten. Aufgrund dieser Eigenschaft war Harran als einer der Hauptorte der Ebene einer der wichtigsten Treffpunkte assyrischer Kaufleute, die enge Handelsbeziehungen mit Anatolien unterhielten. Die Tatsache, dass die Handelsströme von Anatolien nach Mesopotamien und umgekehrt seit Tausenden von Jahren über Harran und damit durch die Urfa-Harran Ovası geführt wurden, hat zur Bildung einer reichen kulturellen Anhäufung in dieser historischen Stadt und ihrem Umland geführt. Man sagt, dass die Siedlungsstelle eben jener Ort ist, der in der Thora als „Haran“ bezeichnet wird. Islamische Historiker schreiben die Gründung der Stadt einem gewissen Kaynan zu, einem der Enkel Noahs, oder „Aran“ (Haran), dem Bruder des Propheten Abraham. Nach Ibn Shaddat, einem der Historiker des 13. Jahrhunderts, lebte der Prophet Abraham in dieser Stadt, bevor er nach Palästina ging, weshalb Harran auch die Stadt des Propheten Abraham genannt wurde, und dass es dort das Haus des Propheten Abraham gab, eine Moschee, die seinen Namen trug, und einen Stein, auf den er sich zu setzen pflegte. Der Ort Harran und sein Umfeld werden von fast allen Gelehrten mit dem biblischen Haran (hebräisch: חָרָן) in Verbindung gebracht.
Aspekte zur Prähistorie links|mini|Typische junge Dorfsiedlung inmitten der von Höyüks (Tells) durchsetzten Urfa-Harran Ovası. mini|Typische dörfliche Siedlung auf einem Tell (Höyük) in der Urfa-Harran Ovası. links|mini|Blick auf den historischen Siedlungshügel (Tell, Höyük) von Sultantepe bei Yardımcı. Auffällig sind in der weitgehend ebenen Urfa-Harran Ovası jene überaus zahlreichen kleinen hügelförmigen Erhebungen, die sich bei näherer Untersuchung als historische Siedlungsplätze (Höyük, Hüyük, Tell) erweisen. Nach Erkenntnissen aus im Jahr 2006 unter der Leitung des Archäologen Nurettin Yardımcı durchgeführten archäologischen Ausgrabungen in Tel İdris, unmittelbar südlich von Harran, gab es dort sesshafte Bevölkerung bereits zur Jungsteinzeit um 7000 v. Chr. Bei den Untersuchungen, die seit 1983 von demselben Team in und um Harran durchgeführt wurden, wurden 208 alte Siedlungen, meist Hügel, in der Urfa-Harran-Ebene gefunden, wo verschiedene Kulturen von der Jungsteinzeit bis zur islamischen Zeit lebten. Aufgrund eines 2018 in einem 1754 km² großen Gebiet durchgeführten Surveys zur Einordnung dieser Siedlungshügel in der Ebene nach Größe, Besiedlungszeitraum und Datierungen der Keramikfunde konnte in Abstimmung mit diesen bereits früher erfolgten Studien beispielhaft geklärt werden, dass derartige Plätze mit mehr als 10 ha Fläche, wie Balkat Hüyük, Yukarı Yarımca Hüyük und Tell Magrum, seit dem Chalkolithikum ohne Unterbrechung genutzt wurden. Kleinere dagegen mit einer Fläche von mehr als 5 ha, wie Varlıalan, Seferköy Hüyük, Uzunyol Hüyük und Öncüler Hüyük, zählten hingegen zu den Plätzen, die mit diesen großen, zentralen Orten verbunden waren und sich in etwa um diese gruppierten. In den restlichen Orten mit weniger als 5 ha und insbesondere unter 2 ha Fläche wurden zumeist Keramiken der Halaf- und einige der Ubaid-Zeit vermerkt, die größtenteils in höchstens zwei verschiedenen Perioden, Jungsteinzeit und Chalkolithikum oder Jungsteinzeit und islamische Zeit, besiedelt waren und in anderen Perioden eher als kleine Dörfer oder nur kurzfristig als temporäre Siedlungen genutzt wurden. Demnach war die Urfa-Harran Ovası bereits in der Prähistorie dicht besiedelt. Nach Auswertungen jüngerer Forschungen (2020) waren von diesen Plätzen 18 bereits im Früh- und Mittel-Chalkolithikum (Halaf/Ubaid) bewohnt, 24 in der frühen Bronzezeit, 17 während der Mittel- und Spätbronzezeit, 19 in der Eisenzeit und 33 während der islamischer Periode, wobei der Zeitraum mit der größten Verbreitung in die frühe Bronzezeit fällt.
Momente zur Alten Geschichte Während die Region um Harran 2000 v. Chr. unter der Herrschaft des Altbabylonischen Reiches stand, wo der Ort Harran als Reise- und Handelsstation zwischen Karkemisch am Euphrat und Ninive am Tigris fungierte, übernahmen Ende des 18. Jahrhunderts v. Chr. die Hurriter und während des 15. und 14. Jahrhunderts v. Chr. das Mittani-Reich die Herrschaft. 612 v. Chr. kam die Ebene ans Neubabylonische Reich und wurde im 6. Jahrhundert v. Chr. Teil des persischen Achämenidenreichs. Im Alten Testament gilt Harran als der Ort, von dem Abraham in das verheißene Land Kanaan aufgebrochen war. Nachdem Alexander der Große 332 v. Chr. die persische Herrschaft in Anatolien beendet hatte, geriet Harran zusammen mit der Region Urfa unter die Souveränität des mazedonischen Königreichs, und nach Alexanders Tod herrschten dort die Seleukiden, gefolgt ab 133 v. Chr. vom lokalen Königreich Osrhoene, einem lokalen Reich, das die Gebiete um Edessa (Şanlıurfa) als eine Art Pufferstaat zwischen der römischen und parthischen Einflusssphäre. umfasste. Die Gegend von Harran war 53 v. Chr. Schauplatz der Schlacht bei Carrhae, wie der lateinische Namen Harrans lautete, in der der römische Prokonsul der Provinz Syria, Marcus Licinius Crassus, auf seinem Feldzug gegen die Parther dem parthischen Heerführer Surenas unterlag. Die Niederlage gilt als eine der schwersten, die die Römer jemals erlitten haben. 114 n. Chr. wurde Osrhoene zusammen mit Armenien und Mesopotamien kurzfristig durch Kaiser Trajan erobert und nach Aufständen – ebenfalls nur für kurze Zeit – durch Kaiser Hadrian an den parthischen Königsthron übergeben, um 165 vom Römer Lucius Verus als ein halb-autonomer Satellitenstaat erneut übernommen zu werden.
Carl Ritter vermerkt zur römischen Zeit der Region, dass – wie eine Münze aussagt – Lucius Antoninus Verus, Mitkaiser des Marcus Aurelius Antoninus, der im Jahr 163 bis 165 n. Chr. den Partherkrieg siegreich geführt und Mesopotamien wieder gewonnen hatte, Carrhae (Harran) als erste dortige römische Kolonie „Colonia Aurelia Carrhenorum“ gründete. Diese wurde 172 n. Chr. nach Lucius Verus Tod, als Ovidius Cassius in Mesopotamien als Regent eingesetzt wurde, durch Mark Aurel zur Metropolis erhoben, was sie auch unter Kaiser Commodus blieb. Antoninus Caracalla (211–217 n. Chr.) machte, nachdem er das Osrhoenische Königreich vernichtet hatte, die Stadt Edessa zur Colonia, und Macrinus, sein Nachfolger, erhob sie 217 n. Chr. zur Metropolis. Carrhae (Harran) dagegen sank zur zweiten Metropolis herab.
Einblicke ins Mittelalter Mit den arabischen Eroberungen im Jahr 639 n. Chr. kam die Region unter Islamische Kontrolle, und der Ort Harran wurde zu einem wichtigen kulturellen Zentrum unter die Herrschaft der Umayyaden (661–750 n. Chr. als Kalifen von Damaskus) und um 750 der Abbasiden. Der Umayyaden-Kalif Marwan II. verlegte seine Hauptstadt nach Harran (744–750), und an der hier gegründeten Universität von Harran wurden Studien zu Religion, Astronomie, Medizin, Mathematik und Philosophie durchgeführt. Nach der Schlacht bei Manzikert (1071) regierten die Seldschuken hier (1087), und die Zengiden und Ayyubiden (Saladin/Selahattin Eyyubi) dominierten im 12. Jahrhundert, die Mongolen im 13. Jahrhundert und im 14. Jahrhundert die Mamluken. Das Gebiet wurde dem osmanischen Reich während des Ägyptenfeldzugs von Yavuz Sultan Selim gegen die Mamluken (1517) angeschlossen.