alternativtext=Gemäldeausschnitt, der Okuni auf einer hellbraunen Bühne vor einer beige-dunkelblauen Kulisse zeigt. Sie hat in der linken Hand ein Katana in einer roten Schutzhülle, das sie seitlich hinter den Kopf hält. Ihre rechte Hand hält einen dunkelblau-goldenen Fächer. Die obere Hälfte ihres Kimonos ist dunkelblau, die untere sowie die Ärmel beige. Die Ärmel haben zudem dunkelgrün-weinrote Säume. Um den Bauch trägt sie eine Art roten Gürtel mit einer dünnen Lasche, die nach unten hängt. Den Kimono zieren verschiedene Muster, darunter goldene Linien an den dunkelblauen Rändern, auf den beigenen Flächen breite gelbe Linien, am Kragen und den Säumen rote Linien mit goldfarbenen Andreaskreuzen sowie auf den unteren beigenen Flächen weiße Zickzacklinien und aus kleinen gelben Kreisen bestehende Blüten. Okunis schwarze Haare sind oben flach, an den Seiten bis zu den Schultern abstehende Strähnen. Zudem trägt sie an der rechten Kopfseite eine dreieckige, goldene Haarspange.|mini|Undatierter Gemäldeausschnitt von Okuni in der Rolle eines Samurai Izumo no Okuni (; geboren um 1572 in Izumo; gestorben mutmaßlich um 1610), häufig nur Okuni () genannt, war eine japanische Künstlerin. Über ihr Leben sagen die noch erhaltenen Dokumente kaum Näheres. Sie wuchs wahrscheinlich in Izumo auf und soll am dortigen Schrein als Miko durch Tänze aufgefallen sein. Später lebte sie in Kyōto, wo sie eigenwillige Tanztheater-Stücke aufführte, die das Publikum als Kabuki bezeichnete. Okuni gilt daher als Erfinderin dieser Theaterform, wobei sie sich von mehreren bereits existierenden Gattungen inspirieren ließ. Sie und später auch ihre Ensembles wurden in Japan schnell beliebt und reisten bis ungefähr 1610 durchs Land. Danach verlieren sich ihre Spuren.

Frühe Jahre Daten zu Okunis Leben sind zwar überliefert, allerdings praktisch nur durch Quellen aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Dazu gehören Gemälde und Zeichnungen, die ihr künstlerisches Wirken dokumentieren, sowie Berichte über sie. Die Genauigkeit dieser Informationen lässt sich aber nicht mit Sicherheit bestimmen.Kathleen Kuiper: The 100 Most Influential Women of All Time. Britannica Educational Publishing, Chicago 2010, ISBN 978-1-6153-0010-5. Nach Einschätzung einiger Historiker könnte es sich bei den Darstellungen um eine Legendenbildung handeln, in der fiktive Behauptungen mit Tatsachen vermischt wurden.Barbara Hartley: Izumo no Okuni Queers the Stage. In: Laura Miller, Rebecca Copeland (Hrsg.): Diva Nation: Female Icons from Japanese Cultural History, University of California Press, Berkeley 2018, ISBN 978-0-52096-997-1, S. 77–94.

Okuni wurde mutmaßlich gegen 1572 in der japanischen Provinz Izumo geboren. Sie ist deswegen auch unter dem Namen Izumo no Okuni (Okuni aus Izumo) bekannt. Ihr Vater Nakamura Sanemon soll in der Nähe des Izumo-Taisha, einem Shintō-Schrein, als Schmied tätig gewesen sein, während andere Familienmitglieder für den Schrein arbeiteten. Okuni fing angeblich als Jugendliche dort als Miko an, eine Priesterin, die Zeremonien zu Ehren von Shintō-Gottheiten vollzieht.Barbara Joan Zeitz: A Thesaurus of Women from Water to Music. iUniverse, Los Angeles 2008, ISBN 978-1-4917-9641-2, Kapitel Her Kabuki/Not His. Sie soll während ihrer Rituale oft religiöse Tänze dargeboten haben, was Einheimischen gut gefiel. Deshalb sei sie in verschiedene Orte im ganzen Land geschickt worden, um mit ihren Tänzen, wie es damals für Mitarbeiter der Schreine üblich war, Spenden für den Izumo-Taisha zu sammeln. So kam sie Ende des 16. Jahrhunderts in die damalige Hauptstadt Kyōto.Judith Lynne Hanna: The Performer-Audience Connection: Emotion to Metaphor in Dance and Society. University of Texas Press, Austin 1983, ISBN 0-292-76478-2, S. 114.

Dort begann Okuni angeblich, in trockenen Flussbetten des Kamo den nembutsu odori zu tanzen.National Guitar Workshop: Guitar Atlas: Guitar Styles from Around the World. Alfred Music Publishing, Los Angeles 2008, ISBN 978-0-7390-5563-2, S. 270. Mit diesem Tanz wurde ursprünglich dem Amitabha gehuldigt, einem transzendenten Buddha. Den Tanz gab es bereits seit dem neunten Jahrhundert, allerdings hatte er zu Okunis Zeit seine religiöse Bedeutung weitestgehend verloren und sich im Laufe der Jahre zu einem weltlichen Volkstanz entwickelt.H. Paul Varley: Japanese Culture. University of Hawaiʻi Press, Honolulu 2000, ISBN 0-8248-2152-1, S. 187. Okunis Version war unüblich lasziv, was sie bald zu einer beliebten Künstlerin Kyōtos machte. Deswegen blieb sie dort. Der Aufforderung, zu ihrem Schrein zurückzukehren, habe sie sich widersetzt, ihm aber regelmäßig Geld geschickt. Allerdings gehen mehrere Historiker davon aus, dass Okuni nicht den nembutsu, sondern einen anderen odori (Überbegriff für japanische Volkstänze) tanzte. Als wahrscheinlich gilt der furyū, ein weiterer Oberbegriff. Damit wurden Tänze bezeichnet, bei denen die Künstler aufwendige Kostüme trugen. Zudem nannte Okuni gemäß den wenigen erhaltenen Texten über sie ihre Kunst zeitweise yayako odori. Das war vermutlich eine gegen 1592 von odori-Tänzerinnen erfundene Mischung zweier verschiedener Kunststile, des kouta odori und der Theaterkomik Kyōgen. Eine Gruppe kostümierter Mädchen oder junger Frauen tanzte zu einem langsamen Lied den kouta, danach führten Kyōgen-Darsteller Sketche auf. Allerdings bestand beim yayako zwischen Tanz und komischem Schauspiel keine Verbindung.Samuel L. Leiter: A Kabuki Reader: History and Performance. M. E. Sharpe, New York 2002, ISBN 0-7656-0704-2.

Theaterkarriere und Einfluss auf das Genre mini|hochkant|alt=Okuni trägt die Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Unter ihrem linken Arm stützt ein Katana, während ein zweites an ihrem gelb-rot gestreiften Gürtel befestigt ist. Ihr Kimono ist zum Großteil dunkelgrün mit hellgrünen Blütenabdrücken, die Ärmel und das untere Stück sind beige mit verschiedenfarbigen Blatt-Drücken. Sie trägt zudem mehrere Schmuckwaren, unter anderem ein weißes Kruzifix am Hals und einen muschelförmigen roten Anhänger am Gürtel.|Okuni in ihrer Rolle als Kabukimono Anfang des 17. Jahrhunderts setzte Okuni ihre Vorführungen in Kyōto fort, unter anderem am Kitano Tenman-gū. Sie soll dabei neben modernen Accessoires, beispielsweise den von portugiesischen Missionaren eingeführten, langen Kruzifix-Halsketten,Julie A. Iezzi: Kabuki: Superheroes and femme fatales. In: Jonah Salz (Hrsg.): A History of Japanese Theatre, Cambridge University Press, Cambridge 2016, ISBN 978-1-13952-533-6, S. 102–140, hier: S. 111–112. traditionelle Männerkleidung wie das zeremonielle Gewand von Shintō-Priestern und die für Daimyōs typischen Brokat-Hosen und Felljacken, aber auch feminine Kleider, unter anderem Kimonos, getragen haben. Dazu sang sie, tanzte weiterhin die freizügigen odori und führte selbst erdachte Sketche über die Arbeit von Priestern, Verabredungen in Teehäusern sowie Treffen zwischen Freiern und Prostituierten auf. Das Publikum bezeichnete diese Aufführungen als kabuki oder auch okuni kabuki, wofür es einen konkreten Grund gab.Cecilia Segawa Seigle: Yoshiwara: The Glittering World of the Japanese Courtesan. University of Hawaiʻi Press, Honolulu 1993, ISBN 0-8248-1488-6, S. 16–17.

Okuni imitierte in ihren Aufführungen häufig die kabukimono.Arya Madhavan: Women in Asian Performance: Aesthetics and Politics. Taylor & Francis, Abingdon-on-Thames 2017, ISBN 978-1-317-42224-2, S. 7. Deren Name leitete sich von kabuki () ab, einer in diesem Zeitraum oft verwendeten Abwandlung von kabuku (), das wiederum mit „seltsam“, „verzerrt“ oder „aus der Reihe tanzend“ übersetzt werden kann. Bei den kabukimono handelte es sich um Rōnin oder Samurai niederen Rangs, denen das Vorhaben der neuen Herrscherdynastie Tokugawa, bewaffnete Konflikte zu vermeiden, widerstrebte. Sie formten deswegen Banden und ignorierten offen Konventionen ihres Stands.Alexandra Curvelo: From Nanbanjin to Kabukimono: Portraying Iberians in Early Modern Japan. In: Katja Triplett, Pia Jolliffe, Yoshimo Orii (Hrsg.): Japan in the Early Modern World: Religion, Translation, and Transnational Relations. Springer Science+Business Media, Berlin / Heidelberg 2025, ISBN 978-3-66270-424-0, S. 51. Ein Beispiel war die Angewohnheit, Bärte und ihre Haare lang sowie offen zu tragen. Zudem waren die Klingen oder Tsubas ihrer Katanas unüblich lang, deren Behälter gelegentlich mit Prahlereien verziert. Auch zeichnete sich ihre Sprechweise durch Pathos und Schroffheit aus. Des Weiteren legten die kabukimono einen großen Wert auf Ehre, die sie mit Männlichkeit assoziierten, weswegen Außenstehende bei jeder vermeintlichen Provokation von ihnen mit dem Schwert bedroht wurden.David R. Ambaras: Bad Youth: Juvenile Delinquency and the Politics of Everyday Life in Modern Japan. University of California Press, Berkeley 2006, ISBN 0-520-24579-2, S. 11–13.

Okuni gilt daher als Erfinderin des Kabuki, das Gesangs-, Schauspiel- und Tanzeinlagen miteinander verbindet. Das okuni kabuki war nicht vollkommen innovativ, weswegen ihre Rolle als Erfinderin einer neuen Theaterform unter Historikern umstritten ist. Lange vor ihrer Ankunft in Kyōto gab es Darstellerinnen, die in Theatergruppen durchs Land zogen, Männerkleidung trugen, odori in ihrem Repertoire hatten oder erotische Elemente in ihre Aufführungen einbauten. Zudem war die Handlung von Okunis Geistergeschichten, in denen die Geister auf die Erde zurückgeholt, von einem Priester unterhalten und anschließend in die Unterwelt zurückgeschickt wurden, ein klassischer Tropus im traditionellen Tanztheater Nō.Jacob Raz: Audience and Actors: A Study of Their Interaction in the Japanese Traditional Theatre. E.J. Brill, Leiden 1983, ISBN 90-04-06886-4, S. 144. Okuni habe allerdings basierend auf ihren Erfahrungen mit dem furyū und yayako odori durch das Kombinieren verschiedener Kunststile sowie eigenen kreativen Ergänzungen entscheidend dazu beigetragen, aus dem Kabuki eine populäre, eigenständige Theaterform zu machen. So standen bei ihr Elemente des Kyōgen mit den Volkstänzen in direkter Verbindung, indem die männlichen Figuren im Teehaus odori tanzten. Mit den lasziven odori wurden zudem die Geister unterhalten, deren Szenen ebenfalls oft im Teehaus spielten. Übliche Schauplätze solcher Handlungen im Nō waren abgelegene Waldstellen oder verlassene Strände, zudem handelte es sich bei Okunis Verstorbenen um Männer aus dem einfachen Volk.Andrew T. Tsubaki: The Performing Arts of Sixteenth-Century Japan: A Prelude to Kabuki. Educational Theatre Journal, Ausgabe 3, Oktober 1977, S. 308. Einer davon war Nagoya Sansaburō, der sich in ihren Stücken selbst als Geist spielte und mit dem von ihr verkörperten Priester tanzte. Nagoya war daneben angeblich Okunis Liebhaber und Mitbegründer des Kabuki.Samuel L. Leiter: Historical Dictionary of Japanese Traditional Theatre. Rowman & Littlefield, Lanham 2014, ISBN 978-1-4422-3911-1, S. 369. alt=Okuni steht auf einer Bühne, vor der mehrere Zuschauer sitzen. Sie trägt einen schwarzen Kegelhut, ein beigenes Oberteil und eine weite, schwarze Hose mit weißem Pflanzenmuster. In der linken Hand hält sie einen Gong, in der rechten einen schwarzen Gongschlägel. Hinter ihr sitzen mehrere als Priester verkleidete Schauspieler. Sie tragen einen Chonmage, kahl rasiertes Haupthaar plus Pferdeschwanz. Die Priester tragen verschiedenfarbige Gewänder, einer von ihnen schlägt eine kleine Trommel.|mini|Zeitgenössische Darstellung einer Okuni-Aufführung