mini|Fish on a Bicycle (bewegliche Installation im Guinness Storehouse, Dublin) mini|Aphorismus (auf dem Boden vor der Installation) Eine Frau ohne Mann ist wie ein Fisch ohne Fahrrad (seltener Eine Frau braucht einen Mann wie ein Fisch ein Fahrrad braucht; im Englischen ursprünglich A woman needs a man like a fish needs a bicycle, aber auch A woman without a man is like a fish without a bicycle) ist ein Aphorismus, der erstmals in den frühen 1970er Jahren in der angelsächsischen feministischen Rhetorik und ab 1975 auch im Journalismus und in der Literatur auftauchte. Die Urheberin ist die australische Filmemacherin, Sozialaktivistin, Schriftstellerin und spätere Politikerin Irina Dunn, die 1970 als 22-jährige Kunststudentin das Original als Variation eines religionskritischen Vergleichs aus den 1950er Jahren prägte und als Graffiti verwendete.

Die Formulierung verbreitete sich schnell, erhielt sehr unterschiedliche Interpretation und wurde als Teil der Popkultur vielfach verwendet und kommerzialisiert. Sie bringt auf sarkastisch-humorvolle Weise zum Ausdruck, dass eine Frau durchaus in der Lage ist, ein vollständiges und unabhängiges Leben zu führen, ohne die Gegenwart oder Hilfe eines Mannes zu benötigen.

Entstehung Die genaue Identifizierung des Ursprungs eines weithin bekannten Ausspruchs kann wie im vorliegenden Fall schwierig sein.Wolfgang Mieder: Behold the Proverbs of the People - Proverbial Wisdom in Culture, Literature, and Politics, Abschnitt Attribution of Modern Proverbs to Certain Individuals: A Woman without a man is like a fish without a bicycle, University Press of Mississippi (2014); (abgerufen am 19. August 2022) Da die US-amerikanische Feministin, Journalistin und Frauenrechtlerin Gloria Steinem den feministischen Slogan A woman needs a man like a fish needs a bicycle häufiger zitierte, wurde er ihr oft, selbst noch in jüngster Zeit,Beispielsweise Biopic: Julianne Moore wird Frauenrechtlerin Gloria Steinem spielen, in Vogue (online), 3. November 2017; (abgerufen am 19. August 2022) zugeschrieben. Als das Time-Magazine im Jahr 2000 ihre Urheberschaft an dem Spruch behauptete, korrigierte Steinem diese Aussage mit einem Leserbrief,Time Staff: Happy 80th Birthday Gloria Steinem: 8 of Her Funniest Quips, TIME, 25. März 2014 (abgerufen am 19. August 2022) denn ausgehend von einem Interview im Jahr 1994 bei der Australian Broadcasting Corporation kam Steinem in Briefkontakt mit der australischen Filmemacherin, Sozialaktivistin, Schriftstellerin und späteren Politikerin Irina DunnJohn S. Allen: Kurzbiografie von Irina Dunn, Februar 2002 (Wayback Machine; abgerufen am 19. August 2022) (geb. 1948). Von dieser erfuhr sie Folgendes: Dunn erinnerte sich, dass sie in einem Philosophiebuch den ironischen Vergleich A man needs God like a fish needs a bicycle gelesen habe, könne sich aber nicht mehr an den Autor erinnern. Dann, als 22-Jährige Kunststudentin und „being a bit of a smart-arse“ (etwa: da sie „eine kleine Klugscheißerin war“), habe sie diesen Satz in A woman needs a man like a fish needs a bicycle variiert und ihn als Graffiti an die Wände von Toiletten an der University of Sydney geschrieben.Gloria Steinem The Truth will set you free, but first it will piss you off!, S. 129, Random House (2019) (abgerufen am 19. August 2022) Von da aus habe er sich dann verbreitet.

Steinem machte sich auf die Suche nach dem ursprünglichen philosophischen Vergleich und gab an, A man needs faith like a fish needs a bicycle (Ein Mensch braucht den Glauben wie ein Fisch ein Fahrrad braucht) des US-amerikanischen Psychologen Charles S. Harris gefunden zu haben. Hier zitiert Steinem ungenau, denn Harris’ Original von 1958 lautet A man without faith is like a fish without a bicycleFred R. Shapiro: The New Yale Book of Quotations S. 360, Yale University Press (2006) (abgerufen am 19. August 2022) (frei übersetzt: Ein Mensch ohne Glauben ist wie ein Fisch ohne Fahrrad).

Sprachliche Einordnung Irina Dunns Satz kann als Aphorismus (oder Sentenz) klassifiziert werden,Wolfgang Mieder in Wortverbindungen - mehr oder weniger fest, Beitrag Andere Zeiten, andere Lehren - Sprach- und kulturgeschichtliche Betrachtungen zum Sprichwort, S. 424, Institut für deutsche Sprache, Jahrbuch 2003 (abgerufen am 19. August 2022) d. h. ein von einem bekannten Urheber formulierter selbständiger Gedanke, ein Urteil oder eine Lebensweisheit. Wie auch beim Aphorismus von Charles S. Harris handelt es sich um einen alogistischen literarischen Vergleich und eine Behauptung in Form einer Verbildlichung: Frau wird mit Fisch und Mann mit Fahrrad in sarkastischer WeiseMargit Hauser und Birge Krondorfer: Kleine Geschichte der FrauenLesbenbewegung, Initiative Minderheiten (2017) (abgerufen am 19. August 2022)Der Aphorismus wurde als Beispiel für die rechnerische Inhaltsanalyse von Autosemantika (content words) in Bezug auf das rechnerische Erkennen von Sarkasmus (computational sarcasm) herangezogen. Siehe Aditya Joshy, Pushpak Bhattacharyya und Mark J. Carman: Investigations in Computational Sarcasm, S. 86–87, Springer Verlag (2018) (abgerufen am 19. August 2022) metaphorisch gleichgesetzt. In Bezug auf Harris hat Dunn eine Variante geschaffen, einen Satz, der einerseits einem anderen Satz ähnlich und andererseits verschieden ist. Auch Harris’ Satz ist wiederum eine Variante noch früherer Satzschöpfungen.Quote Investigator: A Woman Without a Man Is Like a Fish Without a Bicycle (abgerufen am 19. August 2022)

Je nach Thematik wird Dunns Aphorismus auch als (ironischer, feministischer …) SloganDaniel Chandler: Semiotics - the Basics, Routledge (2021) (abgerufen am 19. August 2022) oder MantraDenise McAllister: What Men Want to Say to Women (But Can't), Post Hill Press (2020) (abgerufen am 19. August 2022) bezeichnet. Es als SchlagwortWolfgang Mieder Eine Frau ohne Mann ist wie ein Fisch ohne Velo, Sprachspiegel, Band 38, Heft 5 (1982) (abgerufen am 19. August 2022) zu kategorisieren, dehnt diesen Begriff sehr.

Rezeption Dokumentation und Verbreitung Die derzeit erste bekannte journalistische Erwähnung von Dunns Aphorismus in englischer Sprache bezieht sich auf ein anonymes Graffiti an einer Wand in Forest Lodge, einem Vorort von Sydney; der Artikel erschien am 25. Januar 1975 in The Sydney Morning Herald.Fred R. Shapiro: The New Yale Book of Quotations S. 231, Yale University Press (2006) (abgerufen am 19. August 2022) Einen guten Monat später wurde der International Women’s Day zum ersten Mal in Australien begangen.Joyce Stevens: (abgerufen am 19. August 2022) Ausgehend vom Englischen wurde der Aphorismus in viele Sprachen aufgenommen.

In Deutschland wurde er vom Spiegel bereits 1976 aufgegriffen und als „Parole der Westemanzen“ bezeichnet.Der Spiegel, Jahrgang 30, Ausgaben 15-18, S. 128 (abgerufen am 19. August 2022) Die enzyklopädische Dokumentation erfolgte 1984 durch den Volkskundler, Germanisten, Altertums- und Erzählforscher Kurt Ranke in Band 4 (Ente-Förster) der Enzyklopädie des Märchens.Kurt Ranke, Hermann Bausinger und Rolf Wilhelm Brednich: Enzyklopädie des Märchens, Band 4 (Ente-Förster), S. 265, De Gruyter, Berlin 1984 (abgerufen am 19. August 2022) In den Duden Zitate und Aussprüche wurde der Aphorismus 2002 aufgenommen (Band 12, S. 178).

Im Dänischen wird En kvinde uden en mand er som en fisk uden en cykel (Eine Frau ohne Mann...) zu Beginn der 1980er Jahre im Zusammenhang mit den entsprechenden Buttons erwähnt.Det Danske bogmarked (1981), Band 127, S. 1127 2004 wird der Aphorismus in Gyldendals Citatsleksikon in der leicht abgewandelten Form En kvinde behøver en mand, lige så meget som en fisk behøver en cykel (Eine Frau braucht einen Mann...) zitiertGyldendals Citatleksikon (2004), S. 106: En kvinde behøver en mand, lige så meget som en fisk behøver en cykel. (abgerufen am 19. August 2022) und später kommen mehrere Biografien und Romane dazu, die sich auf den Satz beziehen oder sogar teilweise im Titel verwenden (z. B. Barbara Gram Fisk uden cykel (2010), Winnie Haarløv Fisk kan da ikke cycle (2021)).

Im Polnischen ist der Aphorismus Kobieta bez mężczyzny jest jak ryba bez roweru (Eine Frau ohne Mann...) seit 2003 dokumentiert.Anna Lewandowska: Sprichwort-Gebrauch heute - Ein interkulturell-kontrastiver Vergleich von Sprichwörtern anhand polnischer und deutscher Printmedien, S. 132 in Sprichwörterforschung, Band 26 (2008), Herausgeber Wolfgang Mieder (abgerufen am 19. August 2022)

In einer türkischen Zitatensammlung von 2010 ist Erkeksiz bir kadın, bisikletsiz bir balığa benzer (Eine Frau ohne Mann...) noch Gloria Steinem zugeordnet.Celal Üster: Sözün Özü, Can Sanat Yayinlari (2010) (abgerufen am 19. August 2022)

Diese Auflistung ließe sich beliebig fortsetzen.

Thematische Wahrnehmung und Einordnung Dunns Aphorismus hat sehr unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen.

Das Thema der Sentenz bewirkte humorvolle Wahrnehmungen und Assoziationen: Bei Gloria Steinem (witticism,Leserbrief von Gloria Steinem, Time-Magazine, Band 156, September 2000, S. 22: ... you credit me with the witticism „A woman needs a man like a fish needs a bicycle“. etwa ‚Wortwitz, Wortspiel‘), bei Ralph Keyes (feminist humor,Ralph Keyes: The Quote Verifier - Who said What, Where, and When, S. 62, St. Martin's Griffin (2006) (abgerufen am 19. August 2022) ‚feministischer Humor‘), bei Vern Leroy Bullough (sexual humor,Vern N. Bullough and Bonnie Bullough: Human Sexuality - an Encyclopedia, Routledge (1994) (abgerufen am 19. August 2022) ‚sexueller Humor‘) und bei Michelle Perrot ludiqueMichelle Perrot: Le Siècle des féminismes, Les Éditions de l'Atelier/Éditions d'Ouvrières (2004) (abgerufen am 19. August 2022) (‚spielerisch, verspielt‘, Adjektiv zu ‚Verspieltheit‘).

In konservativem und religiösem Schriftgut finden sich eher Widerspruch und ablehnende Meinungen: Beispielsweise patently falseJulie Roys: The Feminine Soul - God's Surprising Vision for Womanhood, S. 103, Nelson Books (2017) (abgerufen am 19. August 2022) (‚schlichtweg falsch‘) oder appallingDouglas Cooper: Gentle Dove - The Holy Spirit, God's Greatest Gift, S. 11, AuthorHouse (2010), Band 38, Heft 5 (1982) (abgerufen am 19. August 2022) (‚entsetzlich‘). Bezüglich der Bemerkung, dass die „Sprücheklopferei intellektueller Feministinnen“ (gemeint ist der Dunn-Aphorismus) „nicht gerade auf männliches Verständnis stoßen wird“ weist der Parömiologe Wolfgang Mieder darauf hin, dass „unzählige Sprüche, Sprichwörter und Redensarten die Frauen seit Jahrhunderten negativ darstellen, und so müsste eigentlich auch einmal diese moderne Sprichwortvariation von der ‚Männerwelt‘ verkraftet werden.“

Auch im feministischen und antifeministischen Diskurs gehen die Beurteilungen auseinander. In dem Bestseller The Surrendered Wife (2001) von Laura Doyle – und weiteren ähnlichen Ratgebern anderer Autorinnen – in denen diese vorschlagen, dass Frauen die unangemessene Kontrolle über ihre Männer aufgeben und sich besser auf ihr eigenes Glück konzentrieren sollten, um Romantik und Intimität in ihre Beziehung zurückzubringen, erkennt die Journalistin Mariam Lau in diesen Publikationen den Widerhall der „inzwischen zum tristen Alltagsverstand verharzten Toilettensprüche des Feminismus: Der Fisch braucht eben doch ein Fahrrad“ und solle sich aufgeben/hingeben (surrender).Mariam Lau: Der Fisch braucht doch ein Fahrrad, Die Welt (online) 7. Juli 2001 (abgerufen am 19. August 2022)

Bettina Gruber, Professorin für Neuere Deutsche Philologie, argumentierte 2019, der Dunn Aphorismus sei „so sinnvoll wie weißes Rauschen und so nutzbringend wie Tetanus [...]. Es ist evident, dass der Fisch-Fahrrad-Satz für die Mehrzahl der Frauen in der Mehrzahl ihrer Lebenssituationen schlicht unzutreffend ist.“Bettina Gruber: Kein Fisch ohne Fahrrad – Frauenfeindlicher Feminismus II, Tumult, 1. April 2019 (abgerufen am 19. August 2022)