mini|Wandbild aus einem römischen Haus in Narbo Martius, Ausgrabungsstätte Clos de la Lombarde, heute im Museum Narbo Via Narbo Martius oder Narbo ist der antike Name der heutigen Stadt Narbonne in Südfrankreich. Gegründet 118 v. Chr., wurde sie die Hauptstadt der nach ihr benannten römischen Provinz Gallia Narbonensis. Die Stadt lag strategisch günstig an der Via Domitia, die Italien mit den hispanischen Provinzen verband, und nahe dem Abzweig zur Via Aquitania, der Landverbindung zwischen Mittelmeer und Atlantik. Der Narbonner Hafen war zeitweise der zweitgrößte Hafen des Römischen Reiches nach Ostia, dem Hafen Roms. Die Einwohnerzahl am Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. wird auf 40.000 geschätzt.
Gründung Narbo Martius wurde ganz in der Nähe einer älteren Stadt gegründet: Auf dem Hügel Montlaurès, etwa 4 Kilometer nördlich von Narbonne, befand sich ein Oppidum, das sich bis zurück ins 6. Jahrhundert v. Chr. nachweisen lässt. Manche Autoren setzen dieses Oppidum mit der literarisch erwähnten Hauptstadt der Elisyker Naro oder Narbo gleich. Diese literarische Erwähnung im Lehrgedicht Ora maritima des AvienusAvienus, Ora maritima 5,586–590 (Digitalisat, lateinisch). erfolgte jedoch erst im späten 4. Jahrhundert nach Christus und damit erst etwa ein halbes Jahrtausend nach der Gründung von Narbo Martius. Andere Autoren halten die Gleichsetzung des Oppidums von Montlaurès mit Naro für nicht erwiesen.
In der Nähe des Oppidums findet sich der Unterlauf der Aude (lateinisch Atax), die sich zu römischen Zeiten noch in zwei Arme aufteilte. Der nördliche Arm floss ähnlich dem heutigen Flussverlauf weiter nach Osten, um nördlich des Massif de la Clape auf eine Lagune (Ètang) des Mittelmeers zu treffen, und der südliche nahm den Verlauf des heutigen Canal de la Robine an der Stadt Narbo Martius entlang, um südlich von ihr in die Lagune zu münden.
Die letzten Erwähnungen des elyskischen Oppidums finden sich im ersten Jahrhundert n. Chr. Im Jahr 118 v. Chr. wurde die Colonia Narbo Martius gegründet, beide Orte existierten also einige Zeit nebeneinander. Narbo Martius war die erste römische Kolonie außerhalb Italiens. Sie befand sich am linken Ufer des südlichen Mündungsarms der Aude, dort, wo sich heute die Altstadt von Narbonne mit der mittelalterlichen Kathedrale St-Just-St-Pasteur befindet. Der Name griff einen älteren einheimischen Begriff auf und ergänzte ihn durch Martius in der Bedeutung von „dem Kriegsgott Mars gewidmet“. Angeführt von Gnaeus Domitius Ahenobarbus, dem Sohn des gleichnamigen Auftraggebers der Via Domitia, und Lucius Licinius Crassus kamen zweitausend Siedler in die neue Kolonie. Die Straßen wurden auf einem Gebiet mit einigen hundert Metern Kantenlänge wie in römischen Städten üblich nach dem Hippodamischen Schema in rechten Winkeln angelegt. Die Einwohner hatten die römischen Bürgerrechte.
Entwicklung Wirtschaftlicher Aufschwung als Seehafen mini|Mosaik aus Ostia, dem Hafen Roms, das mit der Inschrift „Navi Narbonenses“ (etwa: Schiffe aus Narbo) auf ansässige Händler aus Narbo hinweist. Auf Grund der günstigen geographischen Lage entwickelte sich Narbo rasch zu einem militärischen, wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum für die neu eroberten Gebiete im Süden Galliens. Im Jahr 45 v. Chr. gründete Gaius Iulius Caesar eine zweite Kolonie für Veteranen der X. Legion, die ebenfalls Grundstücke erhielten. Der vollständige Name lautete nun Colonia Iulia Narbo Martius. Auf Grund der Entstehungsgeschichte stammten die Einwohner der Stadt im Wesentlichen von der italienischen Halbinsel.
Im Jahr 27 v. Chr. ließ Kaiser Augustus eine Generalversammlung für Gallien nach Narbo einberufen, um die Verwaltung der Provinzen neu zu organisieren. Narbo wurde die Hauptstadt der nach ihr benannten Provinz Gallia Narbonensis, die von den Alpen bis zu den Pyrenäen reichte. Das Wachstum der Stadt schritt rasch voran, am Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. nahm sie eine Fläche von etwa hundert Hektar ein, die Einwohnerzahl zu diesem Zeitpunkt wird auf etwa 40.000 geschätzt. Narbo war politische, wirtschaftliche und religiöse Hauptstadt: Um die Zeitenwende wurde in der Stadtmitte ein Kapitol errichtet, gewidmet der Trias aus Iupiter, Iuno und Minerva. Am Südostende befanden sich ein Amphitheater und in dessen Nähe ein Heiligtum, in welchem dem Kaiserkult gehuldigt wurde.
Ein wesentlicher Faktor beim Aufstieg der Stadt waren die Hafenanlagen, von denen aus Handel mit dem gesamten Mittelmeer getrieben wurde, so dass Narbo nach Ostia, dem Hafen Roms, zum zweitgrößten Hafen des Reiches aufstieg. Bei archäologischen Untersuchungen kamen Handelsgüter aus dem ganzen Mittelmeerraum zutage. Ein Mosaik in Ostia lässt darauf schließen, dass die Kaufleute aus Narbo hier einen Handelsposten hatten. Von Narbo aus wurde auch Handel mit dem Hinterland getrieben, mit den anderen Städten am Golfe du Lion bis in die Provence, und über die hier beginnende Via Aquitania, die über das Tal der Aude und die Seuil de Naurouze zum Tal der Garonne und schließlich nach Burdigala (heute Bordeaux) am Atlantik führte.
Strabon beschrieb um die Zeitenwende in seinen Geographika (4,1,12), dass der größere Teil des Gebiets auf der anderen Seite des Flusses von den Volcae bewohnt werde, die Narbo ebenfalls als Hafen nutzten, dass es aber sinnvoller sei, vom Hafen aller Kelten zu sprechen, da er alle anderen an Zahl der Handelsunternehmen weit übertreffe.
Verkleinerung im 3. Jahrhundert Nachdem sich das Römische Reich für lange Zeit der Pax Romana erfreute und wirtschaftlich prosperierte, kam es in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts zu mehreren Krisen (siehe Reichskrise des 3. Jahrhunderts), beispielsweise einem Einfall der Alamannen ins Reichsgebiet. Die bis dahin offene Stadt Narbo wurde hastig mit einer Einfriedung umgeben, und alle Gebiete außerhalb der Mauer wurden aufgegeben. Am Stadtrand gelegene Gebäude wie das Amphitheater und das Heiligtum des Kaiserkults dienten vermutlich als Steinbruch für den Bau der neuen Mauern.
Diokletian, Kaiser von 284 bis 305, teilte bei seiner Reichsreform die Provinz Gallia Narbonensis entlang der Rhone in zwei Teile. Die Bedeutung Narbos als Hauptstadt der verkleinerten Provinz Narbonensis I verringerte sich entsprechend, die wirtschaftliche Bedeutung des an der Rhone gelegenen Arelate (heute Arles) stieg dagegen. Der Hafenbetrieb in Narbo blieb jedoch bis ins 5. Jahrhundert wichtig.
Christianisierung Der christlichen Überlieferung zufolge begann die Christianisierung um das Jahr 250 mit Paulus von Narbonne, dem ersten Bischof der Stadt. Sein Grab, das auf der anderen, südwestlichen Flussseite lag, wurde verehrt, wahrscheinlich wurde Anfang des 4. Jahrhunderts eine Kirche zu seinen Ehren gebaut. Ebenfalls aus dem 4. Jahrhundert stammt eine Basilika, die bei Ausgrabungen im Clos de la Lombarde im Nordosten der Stadt gefunden wurde. Als das Christentum Ende des 4. Jahrhunderts Staatsreligion wurde, war die Stadt mit mehreren Kirchen bereits ein wichtiges religiöses Zentrum. Die Kirche des Bischofs Rusticus von Narbonne nahe der heutigen Kathedrale Saint-Juste wurde laut Angaben auf einem Türsturz 441–445 gebaut. 1927 wurden in der Nähe des Bahnhofs zufällig Überreste entdeckt, die eine auf das Jahr 456 datierte Widmungsinschrift für Saint-Félix aufwiesen. Diese Kirche war dem Namen nach bereits durch eine Erwähnung von Gregor von Tours aus dem 6. Jahrhundert bekannt. Eine Ausgrabung von 1994 zeigte, dass bei dieser Kirche Steine des nahe gelegenen Kapitols wiederverwendet wurden.
Das Ende der römischen Zeit Anfang des 5. Jahrhunderts erreichten die Westgoten Südgallien. Ihr Anführer Athaulf heiratete 414 in Narbonne die Tochter des römischen Kaisers Theodosius I. und Halbschwester des weströmischen Kaisers Honorius, Galla Placidia. 418 formalisierte der weströmische Heermeister Flavius Constantius die Anwesenheit der Westgoten durch einen Vertrag mit ihrem Anführer Wallia, einem Nachfolger Athaulfs. Die Provinz Narbonne wurde Septimanien genannt. 462 wurde die Stadt durch den Heermeister Agrippinus endgültig an die Westgoten übergeben. Sie wurde nun Narbona genannt, wie noch heute im Okzitanischen. Die Zeit des römischen Narbo war beendet, die Zeit als Hauptstadt erst des ganzen Westgotenreichs und später der Provinz Septimanien begann.
719 eroberten von der hispanischen Halbinsel kommend die arabischen Umayyaden die Stadt und nannten sie Arbuñah. 40 Jahre später, 759, fiel sie schließlich an das Frankenreich.
Bauwerke und Funde in der Stadt Im heutigen Narbonner Stadtbild ist bei oberflächlicher Betrachtung nichts mehr vom römischen Erbe erhalten. Es ist jedoch auch nie vollständig verschwunden.
Reliefe und Inschriften Im 16. Jahrhundert wurde unter den Königen Ludwig XII. und Franz I. auf Grund neuer militärischer Anforderungen eine neue Stadtmauer gebaut. Franz I., der sich bei seinen Feldzügen gegen das damals sehr nahe Spanien mehrmals in Narbonne aufhielt, verfügte, dass alle antiken Fragmente auf gut sichtbare Weise nahe der Mauerkrone und um die Tore herum in der neuen Mauer verwendet werden sollten. Entsprechend wurden zahlreiche noch vorhandene Steine mit römischen Inschriften und Reliefen eingebaut, so dass das reiche römische Erbe dem Ankömmling sofort ins Auge fiel. Dadurch waren die römischen Fundstücke für die nächsten Jahrhunderte gesichert.
Ab 1868 wurde die Stadtmauer geschleift. Wegen der Wandstärke von drei Metern, an manchen Stellen bis zu sechs Metern, geschah dies auch unter Zuhilfenahme von Dynamit, wodurch einige der römischen Inschriften und Reliefe zerstört wurden. Zwei der Stadttore blieben zunächst als ‚historische Monumente‘ stehen, die Porte de Béziers und die Porte de Perpignan, bevor auch diese 1872 und 1874 abgerissen wurden. Paul Tournal (1805–1872) gelang es mit Unterstützung seines Neffen Léonce Berthomieu eine Lagerung der römischen Steine in der Narbonner Kirche Notre-Dame-de-Lamourguier zu veranlassen. Diese ehemalige Klosterkirche wurde von der Stadt vom Militär gemietet, welches die Kirche seit der französischen Revolution als Kaserne genutzt hatte. Von 1876 bis 1889 mussten die Steine im Freien gelagert werden, da das Militär einen Lagerraum brauchte, bevor sie erneut in die Kirche geräumt wurden. Diese stand kurz vor dem Abriss, als 1906 einer der Bögen des Hauptschiffes einbrach. Trotz zahlreicher Stimmen pro Abriss der „Bruchbude“ wurde eine Restaurierung beauftragt. Unter dem Großneffen Tournals, Louis Berthomieu, wurde die Einrichtung des „Musée Lapidaire“ (in etwa: Museum bearbeiteter Steine) 1910 weitgehend fertiggestellt. Die größte Kollektion römischer Steinkunst außerhalb Roms hatte eine Unterkunft gefunden, bis sie 2018 in das neue gebaute und 2021 eröffnete Museum Narbo Via umzog.
Horreum mini|Einer der beiden Hauptgänge des Horreums. Das Horreum (lateinisch für Lagerhalle, Speicher) ist der einzige Gebäudeteil in Narbonne, der seit der Antike unzerstört erhalten ist. Anfang des 18. Jahrhunderts wurden die Kellergewölbe für den Unterbau der Arena gehalten, bevor in den 1930er Jahren die noch heute gültige Interpretation als Lagerraum, vermutlich unter einer Markthalle aufkam. Ausgrabung von 1938 bis 1943 und 1967/68 bestätigten diese Sichtweise. Seit 1976 sind die Gewölbe öffentlich zugänglich, heute sind sie organisatorisch dem Museum Narbo Via angegliedert.