mini|Arno Villringer (2022) Arno Villringer (* 1958 in Schopfheim) ist ein deutscher Neurologe, Direktor der Abteilung für Neurologie am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig und Professor an der Universität Leipzig.
Leben Villringer studierte ab 1977 Medizin an der Universität Freiburg und wurde dort 1984 summa cum laude promoviert. Es folgte ein einjähriges Fellowship an der Nuclear Magnetic Resonance Unit des Massachusetts General Hospital/Harvard Medical School. 1986 erhielt er ein Auslandsstipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Ab 1986 arbeitete er in der Abteilung Neurologie der Ludwig-Maximilians-Universität München, beendete 1992 seine Facharztausbildung als Neurologe und habilitierte sich in diesem Fach 1994 an der Universität München.
Von 1993 bis 2007 arbeitete Villringer in der Abteilung für Neurologie der Charité in Berlin, zunächst als Oberarzt, stellvertretender Klinikdirektor und später als Leiter der Neurologischen Klinik am Campus Benjamin Franklin. 1997 wurde er dort Professor für Neurologie. Von 2000 bis 2008 koordinierte er das vom BMBF geförderte Berlin NeuroImaging Center (BNIC). Seit 2006 ist er Gründungsdirektor und, gemeinsam mit dem Philosophen Michael Pauen, Wissenschaftlicher Direktor der Berlin School of Mind and Brain und seit 2010 Direktor des Mind&Brain Instituts. Im Jahr 2007 wurde er Direktor der Abteilung für Neurologie am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig und Direktor der Tagesklinik für Kognitive Neurologie am Universitätsklinikum Leipzig. 2009 erhielt er die Professur für Kognitive Neurologie an der Universität Leipzig.
Seit 2008 ist Villringer Honorarprofessor an der Charité und war von 2016 bis 2024 außerordentlicher Professor an der Medizinischen Universität Wien. Von 2022 bis 2025 war er Vorsitzender der Geistes-, Sozial- und Humanwissenschaftlichen Sektion der Max-Planck-Gesellschaft und in dieser Zeit ex officio Mitglied des Senats der Max-Planck-Gesellschaft. Er war bzw. ist als Principal Investigator in zwei Exzellenzclustern tätig (Neurocure an der Charité von 2010 bis 2018 sowie LeiCeM an der Universität Leipzig seit 2026). Seit 2018 ist er Gründer und Sprecher der Max Planck School of Cognition, einer deutschlandweiten Initiative von Universitäten und Forschungseinrichtungen.
Villringer ist Autor von mehr als 740 wissenschaftlichen Artikeln (Stand 2026). Er weist einen h-Index von 136 bei Google Scholar auf (Stand April 2026). Er zählt zu den weltweit meistzitierten Wissenschaftlern auf dem Gebiet der funktionalen Nahinfrarotspektroskopie.
Forschungsschwerpunkte Villringer geht von einem integrierten Ansatz körperlicher und geistiger Funktionen aus, die auf Hirn-Körper-Zuständen (Brain-Body States) beruhen, welche er in Mikro-, Meso- und Makrozustände einteilt. Funktionelle und strukturelle Veränderungen sowohl im Gehirn (Neuroplastizität) als auch im Körper bilden die Grundlage für Anpassungs- und Lernprozesse, aber auch für Erkrankungen. In diesem Rahmen untersucht er die Entwicklung vaskulärer Risikofaktoren, insbesondere arterielle Hypertonie und Adipositas, und deren Einfluss auf dem Weg zu Schlaganfall und Demenz. Wissenschaftliche Schwerpunkte sind dabei die Achsen „Heart-Brain“, „Gut-Brain“ und die Sensomotorik. In Arbeiten konnte er etwa neue Zusammenhänge zwischen mentaler Gesundheit, Blutdruck und der Entwicklung einer Hypertonie aufzeigen. Außerdem klärte er in mehreren Studien den Zusammenhang zwischen Hirnfunktion, Herzschlag und Atmung und zeigte deren Relevanz für die Entstehung kardiologischer und neurologischer Erkrankungen.
Zur Anwendung kommen diverse Forschungsmethoden, darunter Verhaltenstests und neurokognitive Tests sowie Neuroimaging-Verfahren (MRI, EEG, MEG, fNIRS, EEG/fMRI), Neurostimulation (TDCS, TMS, TACS, fokussierter Ultraschall), Brain-Computer-Interfaces und virtuelle Realität sowie körperliche (physiologische) Messgrößen wie Herzschlag und Atmung.
Pionierleistungen der Methodenentwicklung zur Bildgebung des Gehirns Villringer leistete Pionierarbeit bei der Magnetresonanz-Perfusionsbildgebung des Gehirns, indem er zeigte, dass Suszeptibilitätskontrastmittel wie GdDTPA in der Magnetresonanztomographie (MRT) eingesetzt werden können. Der auf der Suszeptibilität basierende Kontrastmechanismus wurde später für das vom Sauerstoffgehalt des Blutes abhängige (BOLD) Signal in der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRI) relevant. Später etablierte seine Arbeitsgruppe ein Verfahren zur Perfusionsbildgebung des Gehirns ohne Kontrastmittel auf Basis des BOLD-delay.
1993 zeigte Villringer die Machbarkeit der nichtinvasiven funktionellen Nahinfrarotspektroskopie und -bildgebung (fNIRS, fNIRI) des menschlichen Gehirns, gefolgt von mehr als 50 Veröffentlichungen, die fNIRS etablieren/validieren. Weiterhin etablierte er multimodale Ansätze der Hirnbildgebung, wie kombiniertes fNIRS/fMRI, um eine Beziehung zwischen BOLD und Deoxy-Hb-Konzentration in fMRI herzustellen, kombiniertes EEG/fMRI, um fMRI-Korrelate von Hintergrundrhythmen zu zeigen und das gleichzeitige Erheben von neuronalen Spike-Bursts und fMRI am Menschen zu ermöglichen.
Funktionen und Mitgliedschaften (Auswahl) Villringer hat seit den 1990er-Jahren verschiedene wissenschaftliche und akademische Positionen innegehabt. Seit 1999 ist er Koordinator des Kompetenznetzes Schlaganfall in Berlin. Seit 2008 ist er Vorstandsmitglied des Leipziger Forschungszentrums für Zivilisationserkrankungen (LIFE) und initiierte 2011 das Dialogforum Depression in Berlin. Darüber hinaus ist er seit 2011 stellvertretender Direktor sowie Principal Investigator in der MPS-UCL Research Initiative on Computational Psychiatry and Aging Research in Berlin. Seit 2018 ist er Mitglied der Fakultät der International Max Planck Research School IMPRS Comp2Psych sowie Sprecher der Max Planck School of Cognition, eines deutschlandweiten Netzwerks mehrerer Universitäten und Max-Planck-Institute. Er war von 2021 bis 2022 Vize-Vorsitzender, anschließend von 2022 bis 2025 Vorsitzender der Geistes-, Sozial- und Humanwissenschaftlichen Sektion (GSHS) der Max-Planck-Gesellschaft. Von 2022 bis 2025 war er ex officio-Mitglied des Senats der Max-Planck-Gesellschaft. Seit 2026 ist er Principal Investigator im Exzellenzcluster Leipzig Center of Metabolism (LeiCeM) an der Universität Leipzig.
Arno Villringer ist Mitglied in mehreren wissenschaftlichen Fachgesellschaften. Dazu zählen die Deutsche Gesellschaft für Neurologie sowie die Neurowissenschaftliche Gesellschaft, deren Gründungsmitglied er seit 1992 ist. Ebenso ist er Gründungsmitglied der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (2001). Darüber hinaus gehört er der International Organization for Human Brain Mapping (OHBM) an, deren Gründungsmitglied und Fellow er ist. Außerdem ist er Gründungsmitglied der International Society of Intracranial Hemodynamics (1992 in Phoenix, Arizona, gegründet) sowie Mitglied der International Society for Magnetic Resonance in Medicine (ISMRM).
Auszeichnungen und Ehrungen 1993: Gerhard-Hess-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft 2005: Pater-Leander-Fischer-Preis der Deutschen Gesellschaft für Lasermedizin (mit Helmut Obrig, Jens Steinbrink) 2024: Fellow der International Organization for Human Brain Mapping OHBM
Publikationen (Auswahl) mit Bruce R. Rosen, John W. Belliveau, Jerome L. Ackerman und Randall B. Lauffer: Dynamic imaging with lanthanide chelates in normal brain: Contrast due to magnetic susceptibility effects. In: Magnetic Resonance in Medicine. Band 6, Nr. 2, 1988, S. 164–174, doi:10.1002/mrm.1910060205 mit J. Planck, C. Hock, L. Schleinkofer und U. Dirnagl: Near infrared spectroscopy (NIRS): a new tool to study hemodynamic changes during activation of brain function in human adults. In: Neuroscience Letters. Band 154, Nr. 1–2, 1993, S. 101–104, doi:10.1016/0304-3940(93)90181-j mit Andreas Kleinschmidt, Hellmuth Obrig, Martin Requardt, Klaus-Dietmar Merboldt und Ulrich Dirnagl: Simultaneous Recording of Cerebral Blood Oxygenation Changes during Human Brain Activation by Magnetic Resonance Imaging and Near-Infrared Spectroscopy. In: Journal of Cerebral Blood Flow and Metabolism. Band 16, Nr. 5, 1996, S. 817–826. doi:10.1097/00004647-199609000-00006 mit Britton Chance: Noninvasive optical spectroscopy and imaging of human brain function. In: Trends in Neurosciences. Band 20, Nr. 10, 1997, S. 435–442. doi:10.1016/s0166-2236(97)01132-6 mit Rüdiger Wenzel, Petra Wobst, Hauke H. Heekeren, Kenneth K. Kwong und Stephan A. Brandt: Saccadic Suppression Induces Focal Hypooxygenation in the Occipital Cortex. In: Journal of Cerebral Blood Flow and Metabolism. Band 20, Nr. 7, 2000, S. 1103–1110. doi:10.1097/00004647-200007000-00010 mit M. Moosmann, P. Ritter, I. Krastel, A. Brink, S. Thees, F. Blankenburg, B. Taskin und H. Obrig: Correlates of alpha rhythm in functional magnetic resonance imaging and near infrared spectroscopy. In: NeuroImage. Band 20, Nr. 1, 2003, S. 145–158. doi:10.1016/s1053-8119(03)00344-6 mit Felix Blankenburg, Birol Taskin, Jan Ruben, Matthias Moosmann und Petra Ritter: Imperceptible Stimuli and Sensory Processing Impediment. In: Science. Band 299, Nr. 5614, 2003, S. 1864, doi:10.1126/science.1080806 mit S. P. Koch, J. Steinbrink und H. Obrig: Synchronization between background activity and visually evoked potential is not mirrored by focal hyperoxygenation. Implications for the interpretation of vascular brain imaging. In: Journal of Neuroscience. Band 26, Nr. 18, 2006, S. 4940–4948. doi:10.1523/JNEUROSCI.3989-05.2006 mit C. Preuschhof, H. R. Heekeren, B. Taskin und T. Schubert: Neural correlates of vibrotactile working memory in the human brain. In: Journal of Neuroscience. Band 26, Nr. 51, 2006, S. 13231–13239. doi:10.1523/JNEUROSCI.2767-06.2006 mit P. Ritter, F. Freyer und G. Curio: High-frequency (600 Hz) population spikes in human EEG delineate thalamic and cortical fMRI activation sites. In: NeuroImage. Band 42, Nr. 2, 2008, S. 483–490. doi:10.1016/j.neuroimage.2008.05.026 mit Petra Ritter und Matthias Moosmann: Rolandic alpha and beta EEG rhythms' strengths are inversely related to fMRI-BOLD signal in primary somatosensory and motor cortex. In: Human Brain Mapping. Band 30, Nr. 4, 2009, S. 1168–1187. doi:10.1002/hbm.20585 mit M. L. Schroeter, B. Vogt, S. Frisch, G. Becker, H. Barthel, K. Mueller und O. Sabri: Executive deficits are related to the inferior frontal junction in early dementia. In: Brain. 135(Pt 1), 2012, S. 201–215. doi:10.1093/brain/awr311 mit H. Okon-Singer, J. Mehnert, J. Hoyer, L. Hellrung, H. L. Schaare und J. Dukart: Neural control of vascular reactions: impact of emotion and attention. In: Journal of Neuroscience. Band 34, Nr. 12, 2014, S. 4251–4259. doi:10.1523/JNEUROSCI.0747-13.2014 mit S. Ovadia-Caro und D. S. Margulies: The value of resting-state functional magnetic resonance imaging in stroke. In: Stroke. 45(9): 2818–2824, 2014. doi:10.1161/STROKEAHA.114.003689 mit E. Striem-Amit, S. Ovadia-Caro, A. Caramazza, D. S. Margulies und A. Amedi: Functional connectivity of visual cortex in the blind follows retinotopic organization principles. In: Brain. 138(Pt 6), 2015, S. 1679–1695. doi:10.1093/brain/awv083 mit H. Schlogl, A. Horstmann und M. Stumvoll: Functional neuroimaging in obesity and the potential for development of novel treatments. In: Lancet Diabetes Endocrinol. Band 4, Nr. 8, 2016, S. 695–705. doi:10.1016/S2213-8587(15)00475-1 mit B. Sehm, C. J. Steele und P. Ragert: Mirror motor activity during right-hand contractions and Its relation to white matter in the posterior midbody of the corpus callosum. In: Cerebral Cortex. Band 26, Nr. 11, 2016, S. 4347–4355. doi:10.1093/cercor/bhv217