Die Integrative Lerntherapie (iLT) ist eine interdisziplinäre Therapieform zur Behandlung von Lern-, Leistungs- und Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten. Sie bezieht sich vor allem auf Legasthenie (Lese- und Rechtschreibstörung) oder Dyskalkulie (Rechenstörung). Integrative Lerntherapie integriert Erkenntnisse und Behandlungsmethoden aus der Psychologie, Psychotherapie, Kognitionswissenschaft und Medizin, aus der Pädagogik und den Fachdidaktiken der Linguistik und der Mathematik.Franziska Bender, Katharina Brandelik, Kerstin Jeske, Marlies Lipka, Cordula Löffler, Gerd Mannhaupt, Carl Ludwig Naumann, Marianne Nolte, Gabriele Ricken, Heinz Rosin, Gerheid Scheerer-Neumann, Michael von Aster und Maria von Orloff: Die integrative Lerntherapie. Therapieform zur Behandlung von Lernstörungen. In: Lernen und Lernstörungen, 2017, 6 (2), S. 65–73. Sie kombiniert verschiedene Therapieansätze und Methoden, auch aus Nachbardisziplinen wie Ergo-, Sprach-, Gesprächs-, Verhaltens- und Gestalttherapie, Psychomotorik, Heilpädagogik oder Entspannungstechniken.

Der multimodale Förderansatz befasst sich mit den individuellen Inhalten des gestörten Lernprozesses und berücksichtigt dessen Wirkung auf die psychische Verfassung und Einstellung der Lernenden und auf das Umfeld. Integrative Lerntherapie bezieht neben Eltern und Lehrern auch die am Prozess beteiligten Fachleute ein, wie Psychotherapeuten, Kinder- und Jugendpsychiater, Fachdienste und Behörden. Wesentliches Merkmal der Integrativen Lerntherapie ist die individuell passende Neugestaltung der Lernsituation und damit das Ermöglichen einer positiven Lernstruktur.Helga Breuninger: Was ist Lerntherapie? In: Marianne Nolte und Carl Ludwig Naumann in Kooperation mit dem FiL, Fachverband für Integrative Lerntherapie e.V. (Hrsg.): Integrative Lerntherapie. Ein Reader, Hannover 2000, S. 4–8. Die Integrative Lerntherapie unterstützt und ermöglicht insbesondere den Aufbau der Schlüsselkompetenzen Schriftsprache (Lesen/Schreiben) und Mathematik und leistet Hilfe zur Eingliederung in die Gesellschaft.

Das Integrative des Ansatzes liegt in der Zusammenführung von Erkenntnissen und Methoden verschiedener Disziplinen, in der Berücksichtigung des Lernumfeldes, in der Betrachtung der ganzen Persönlichkeit und in der Unterstützung der Einbindung in die Gesellschaft.

Geschichte im deutschsprachigen Raum Basis für die Integrative Lerntherapie ist das an der Universität Essen von Helga Breuninger und Dieter Betz entwickelte und evaluierte systemische Modell „Teufelskreis Lernstörungen“.Dieter Betz, Helga Breuninger: Teufelskreis Lernstörungen. Analyse und Therapie einer schulischen Störung. Urban und Schwarzenberg; München, Wien, Baltimore 1998, 5. Auflage, ISBN 978-3-621-27167-7. Auf Initiative von Helga Breuninger schlossen sich Lerntherapeuten zusammen und gründeten 1989 den Fachverband für integrative Lerntherapie e. V. (FiL).Website des Fachverbandes, Abruf am 25. August 2022. Ziel war, den Prozess der Professionalisierung von Integrativer Lerntherapie und damit die Qualitätssicherung des Berufsbildes Integrativer Lerntherapeut anzustoßen. In den Folgejahren wurde das Berufsbild mit Fortbildungen, der Herausgabe einer Fachzeitung sowie mit Fachtagungen und Arbeitsgruppen entwickelt. Erstmalig dokumentiert wurde eine differenzierte Darstellung der Arbeit in der Weiterbildungsordnung des FiL 1996.Aktuelle Version der Weiterbildungsordnung, Abruf am 3. August 2022.

2001 entstand der Studiengang für Integrative Lerntherapie an der Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover, zunächst als Weiterbildungsprojekt. Den berufsbegleitenden Weiterbildungs-Studiengang Master of Arts (M.A.) Integrative Lerntherapie gibt es seit 2010 an der Universität Hamburg, in Kooperation mit der Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover und dem Fachverband für integrative Lerntherapie e. V. (FiL).Cordula Löffler: Professionalisierung in der Grundbildung. In: Psychologie & Gesellschaftskritik, 35 (3), 33–51, hier S. 41. Seit 2007Bildung kompakt. In: Leipziger Volkszeitung, 30. Juni 2007. kann ein universitärer Abschluss auch an der Technischen Universität Chemnitz und seit 2012Willi Schöfer: Ein Bildungs-Modell aus Groß-Lind. In: Rheinische Post (Ausgabe Krefeld-Land), 24. Juli 2015. in Schwäbisch Gmünd in Kooperation mit Berlin erlangt werden. Zudem gibt es diverse nicht-universitäre Fort- und Weiterbildungsangebote.

2018 wurde der Berufsverband für Lerntherapeut*innen e.V. (BLT) durch die Mitglieder des FiL ausgegründet. Der BLT arbeitet als eigenständige Institution mit Sitz in Berlin.Pressemitteilung: Gründung des Berufsverbandes für Lerntherapeut*innen (BLT), 16. Juni 2018, Abruf am 3. August 2022.

In Österreich wurde 2002 der Berufsverband Akademischer LRS-TherapeutInnen (BALDT) als Dachverband gegründet,Website des Berufsverbandes, abgerufen am 29. August 2022. in der Schweiz 1994 der Berufsverband der diplomierten Lerntherapeutinnen und Lerntherapeuten SVLT.Der Berufsverband SVLT, Abruf am 3. August 2022.

Haltung und Ethik Die lerntherapeutische Haltung ist gekennzeichnet durch das Bemühen um empathische Zuwendung, Akzeptanz, Wertschätzung, Ressourcenorientierung und damit Vertrauen in die Leistungsfähigkeit der Lernenden.Helga Breuninger: In: Docplayer (Transkript); (2014), S. 15; Abruf am 1. Juli 2022. Der Blick ist ganzheitlich und systemisch ausgerichtet, ausgehend von dem Modell „Teufelskreis Lernstörungen“. Es stellt sich als einander beeinflussende Kreisläufe dar und entwickelt sich spiralförmig weiter.

Aus diesem Modell werden Hypothesen sowie Ziele und Maßnahmen für die Integrative Lerntherapie abgeleitet. Die Umsetzung wird bestimmt durch eine offene und transparente Haltung, ausgehend von einem gemeinsam ausgehandelten Auftrag mit gemeinsam formulierten konkreten Zielen. Um diese zu erreichen, sind Methodenvielfalt, ständige Weiterbildung und Flexibilität notwendig. Die lerntherapeutische Haltung ist dabei Voraussetzung für eine positive Beziehung, Tragfähigkeit und Belastbarkeit, Zutrauen und Vertrauen und kann als Modell für die Kinder, Jugendlichen und Erziehungsberechtigten dienen.Gerald Hüther: Die Bedeutung sozialer Erfahrungen für die Strukturierung des menschlichen Gehirns. Welche sozialen Beziehungen brauchen Schüler und Lehrer? In: Ulrich Herrmann (Hrsg.) 3/2020: Neurodidaktik. Grundlagen für eine Neuropsychologie des Lernens, Beltz, Weinheim, Basel, 3., vollständig überarbeitete Auflage, S. 99–107, ISBN 978-3-407-25878-6.

Mit ein, maximal zwei Lerneinheiten pro Woche für durchschnittlich zwei Jahre ist die iLT zeitlich begrenzt. Daher sind alle am Prozess Beteiligten aus dem Umfeld des Kindes mit einzubeziehen. Dazu gehört auch die Zusammenarbeit mit Vertretern von Nachbardisziplinen. Auf andere individuell passende Hilfen ist zu verweisen. In der Praxis ist die iLT auch eine „Clearing-Stelle“ für Hilfesuchende.

Grundlagen, Ziele, Perspektive Viele Studien verweisen darauf, dass circa sechs bis acht Prozent der Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen von einer meist andauernden Lernstörung betroffen sind. In der Folge kommt es vielfach zu psychischen und sozialen Schwierigkeiten, die letztlich die Eingliederung in die Systeme Familie, Schule und Gesellschaft erschweren. Es wird von einer Komorbiditätsrate von 30 bis 70 Prozent zwischen ADHS und Lese-Rechtschreib- beziehungsweise Rechenstörungen ausgegangen.Angela Heine, Verena Engl, Verena Maria Thaler, Barbara Fussenegger, Arthur M. Jacobs: Neuropsychologie von Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten. Fortschritte der Neuropsychologie. Hogrefe Verlag, Göttingen 2012, S. 77 f., ISBN 978-3-8017-2245-6. Sprachentwicklungsstörungen, fein- und grobmotorische Auffälligkeiten,Miriam Bachmann: Psychisch auffällige Kinder mit Teilleistungsstörungen. In Marianne Nolte (Hrsg.): Integrative Lerntherapie Grundlagen und Praxis, Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2008, S. 19–24, ISBN 978-3-7815-1570-3. psychische Störungen wie Depressionen, Angststörungen und Störungen des SozialverhaltensGerd Schulte-Körne: Diagnostik und Therapie der Lese-Rechtschreib-Störung. Deutsches Ärzteblatt 2010, 107, 41, 718–727. können in Verbindung zu Lernstörungen stehen. Etwa bei der Hälfte der Betroffenen treten eine Lese-Rechtschreibstörung und eine Rechenstörung gleichzeitig auf.Angela Heine, Verena Engl, Verena Maria Thaler, Barbara Fussenegger, Arthur M. Jacobs: Neuropsychologie von Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten. Fortschritte der Neuropsychologie. Hogrefe Verlag, Göttingen 2012, S. 77, ISBN 978-3-8017-2245-6.

Gravierende Störungen beim Erwerb der Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen können häufig nicht eindeutig einer einzelnen Ursache zugeordnet werden.Waldemar von Suchodoletz: Welche Behandlung ist bei der Legasthenie wirksam? In: Monatsschrift Kinderheilkunde, 2007, 155, S. 351–356. Als mögliche Ursachen beziehungsweise Risikofaktoren werden individuell-kognitive Lernvoraussetzungen, das familiäre Umfeld und die familiäre Disposition sowie die Beschulung diskutiert. Langandauernde Belastungsstörungen können zu Konflikten innerhalb der Familie und zu psychosozialen Belastungen führen. Im Fokus einer Lerntherapie steht immer die Arbeit an den jeweiligen Lerninhalten. Betrachtet man die Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung, so ist es Aufgabe der Integrativen Lerntherapie, die emotionale Befindlichkeit, die Selbstwirksamkeit und das Selbstwertgefühl zu stärken, um eine aktive Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.Dieter Betz, Helga Breuninger: Teufelskreis Lernstörungen. Analyse und Therapie einer schulischen Störung. Urban und Schwarzenberg; München, Wien, Baltimore 1998, S. 265, 5. Auflage, ISBN 978-3-621-27167-7.

Der innerpsychische Teufelskreis des grundlegenden Modells zeigt, wie das Kind auf die Lernschwierigkeiten reagiert (Unlust, Verweigerung) und was diese im Kind auslösen (Angst, Vermeidung). Im sozialen Teufelskreis wird die Wechselwirkung zwischen Verhalten und ermutigenden oder eher kränkenden Äußerungen des Umfeldes (Eltern, Lehrer, Mitschüler) und dem Wesen des Kindes und seinen Reaktionen (auffällig oder in sich gekehrt) dargestellt. Alle Maßnahmen und Methoden (passend oder unpassend) finden sich im pädagogischen Teufelskreis, ebenso wie Rückwirkungen, wenn die Hilfen nicht greifen (Sorgen, Hilflosigkeit, Zukunftsängste).Siehe das Wirkungsgefüge des Lernens (S. 14), Abruf: 1. Juli 2022.

Die Leitlinien für Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie halten die Einbeziehung sowie Anleitung der Eltern als wesentliche Ressource zum Erreichen der Therapieziele insbesondere in der Hausaufgabensituation für notwendig. Im lerntherapeutischen Prozess sollen die Eltern und Bezugspersonen statt eines defizitorientierten einen ressourcenorientierten Blick auf die Lernprozesse ihrer Kinder entwickeln. Je intensiver Eltern im Therapieprozess beteiligt sind und gestärkt werden, umso erfolgreicher ist die Arbeit.Bettina Multhauf, Anke Buschmann: Elterntraining zum Umgang mit LRS – wahrgenommene Änderung des kindlichen Verhaltens. In: Logos, 2016 (24), S. 4–14.

Das Ziel der Integrativen Lerntherapie ist erreicht, wenn sich die soziale und psychische Situation des Kindes stabilisiert hat, die Kompetenzen im Bereich Schriftsprache und/oder Mathematik die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglichen und sich die Betroffenen wieder selbstwirksam erleben und Zutrauen in ihre Lernfähigkeit entwickelt haben. Insofern ist Integrative Lerntherapie immer Hilfe zur Selbsthilfe.