Die Wahrnehmung der Stadt Sigmaringen in der Literatur ergibt sich vor allem ihre Verbindung mit der Biographie vieler bekannter Franzosen, bedingt einerseits durch die Heiratspolitik der Hohenzollern, andererseits durch die Zeit des mit den Nationalsozialisten kollaborierenden Vichy-Regimes und die Zugehörigkeit zur französischen Zone in der Nachkriegszeit. Mehrere Bücher, in denen Sigmaringen thematisiert wird, wurden in französischer Sprache geschrieben. Hauptsujets sind das Haus Hohenzollern-Sigmaringen, seine Mitglieder und seine Geschichte, die Ära der marionettenhaften Vichy-Regierung im Zweiten Weltkrieg und die Donau als der verbindende Strom Europas.
Weltliteratur mini|hochkant|Le Pilote du Danube gezeichnet von George Roux
Jules Verne Der Pilot von der Donau (Original: Le Pilote du Danube), 1908: Der französischen Schriftsteller Jules Verne (1828–1905) schrieb 1901 den erst posthum veröffentlichten Roman Der Pilot von der Donau. Das erste Kapitel hat die Überschrift: Das Wettangeln in Sigmaringen. Der Roman beginnt in Sigmaringen, wo alljährlich ein internationaler Angelwettbewerb des „Donaubundes“ stattfindet; der Fischer Ilia Brusch, zweimaliger Hauptsieger, verpflichtet sich mit seiner Jolle von Sigmaringen donauabwärts bis zum Schwarzen Meer zu fahren, und auf dieser Reise nur vom Erlös des Fischfangs zu leben. „… Eines Sonnabends, am 5. August 1876, füllte eine große, lärmende Menge das Gasthaus >>Zum Treffpunkt der Fischer<<. Gesang, Geschrei, Gläserklang, Beifallsbezeugungen und schallende Ausrufe mischten sich zu einem Höllenlärm, der in fast regelmäßigen Zwischenräumen von den »Hochs« unterbrochen wurde, womit die Deutschen nun einmal ihrer Begeisterung Ausdruck zu verleihen gewöhnt sind. Die Fenster des Gastraumes boten einen Ausblick nach der Donau, am Ende der reizenden kleinen Stadt Sigmaringen, der Hauptstadt der preußischen Enklave Hohenzollern-Sigmaringen, die fast unmittelbar am Ursprung jenes großen mitteleuropäischen Stromes liegt. Der Einladung der Firma über der Haustür folgend, deren Inschrift in schönen gotischen Buchstaben ausgeführt war, hatten sich hier die Mitglieder des »Donaubundes« versammelt, einer internationalen Vereinigung von Fischern, die den verschiedensten Völkerschaften an den Stromufern angehörten. Eine festliche Zusammenkunft ist ohne ein Trinkgelage ja kaum denkbar, und so trank man denn auch hier das gute Münchner Gebräu und den feurigen Ungarnwein aus vollen Schoppen und vollen Gläsern. Geraucht wurde natürlich auch, und der große Raum war ziemlich verdunkelt von den wohlriechenden Wolken, die unaufhörlich aus den langen Pfeifen aufstiegen. Doch wenn die Gäste einander nicht sehen konnten, so konnten sie sich doch hören, wenigstens wenn sie nicht taub waren. Ruhig und schweigsam bei der Ausübung ihrer Berufstätigkeit, sind die Angelfischer gerade die lautesten Leute, sobald sie ihre Geräte weggelegt haben. Im Erzählen ihrer Großtaten wetteifern sie mit den Jägern, und das will doch viel sagen! Augenblicklich war man hier am Ende eines kräftigen Frühstücks, das um die Tische des Gasthauses gegen hundert Teilnehmer versammelt hatte, lauter Ritter der Angelrute, scharfe Wächter des Schwimmers und Fanatiker des Angelhakens. Die Tätigkeit am Vormittage hatte, nach den vielen, zwischen den Desserttellern umherstehenden Flaschen zu urteilen, augenscheinlich ihre Kehlen ausgetrocknet. Jetzt war die Reihe an den zahlreichen Likören, die man als Begleiter einer Tasse Kaffee erfunden hat. Die Uhr wies auf die dritte Nachmittagsstunde, als sich die mehr und mehr erhitzten Tischgäste erhoben. Freilich schwankten einzelne darunter nicht unbedenklich und hätten die Unterstützung ihrer Nachbarn nicht wohl entbehren können. Die meisten standen aber doch sicher auf den Beinen, als Das Wettangeln in Sigmaringen. 7 brave und tüchtige Habitués solcher langen Tafelfreuden, die sich bei Gelegenheit des Wettbewerbs des Donaubundes jährlich mehrmals wiederholten. Diese sehr besuchten und festlich gefeierten Wettkämpfe genossen eines großen Rufes längs des Verlaufs des berühmten gelben Stromes, der ja nicht blau ist, wie er in dem bekannten Straußschen Walzer genannt wird. Teilnehmer an dem Wettbewerbe fanden sich hier aus dem Großherzogtum Baden, aus Württemberg, Bayern, Österreich, aus Ungarn, Serbien, Rumänien und selbst aus den türkischen Vasallenstaaten Bulgarien und aus Bessarabien zusammen. Die Vereinigung bestand schon seit fünf Jahren und gedieh sichtlich unter der vortrefflichen Leitung ihres Vorsitzenden, des Ungars Miklesko. Ihre immer zunehmenden Mittel erlaubten es, für die Wettbewerbe ansehnliche Preise auszusetzen, und ihr Banner erglänzte von funkelnden Medaillen, den Preisen der Siege über konkurrierende Vereine. Gründlich unterrichtet über die die Stromfischerei betreffende Gesetzgebung, vertrat ihr Direktor die Bundesmitglieder gegenüber dem Staate und einzelnen Personen und verteidigte ihre Rechte mit jener Zähigkeit, man könnte sagen, jener professionellen Starrköpfigkeit, die dem Zweihänder eigen ist, den feine Instinkte als Angelfischer würdig machen, als besondre Klasse der Menschheit betrachtet zu werden. Der heute beendigte Wettkampf war der zweite des Jahres 1876 gewesen. Früh um fünf hatten die Teilnehmer die Stadt verlassen und sich, etwas stromabwärts von Sigmaringen, an das linke Ufer der Donau begeben. Sie trugen die Uniform des Bundes: eine kurze, die Bewegungen in keiner Weise hemmende Bluse, die Beinkleider in den Schäften der starksohligen Stiefel und eine weiße Mütze mit breitem Schirm. Natürlich besaßen sie die vollständige Sammlung aller im »Handbuche des gerechten Anglers« aufgezählten Hilfsmittel: Stangen, lange Ruten, kleine Hamen, Schwimmer, Senkblei, Schrot jeden Kalibers für das Garn, Blei, künstliche Fliegen, Schnürchen, Florentiner Roßhaar usw. Die gefangenen Fische – wenn es solche überhaupt gab – waren rechtmäßiges Eigentum des Fischers, von denen sich jeder seinen Platz nach Belieben wählen konnte. Punkt sechs Uhr waren genau siebenundneunzig Angler, die Schnur in der Hand und bereit, den Haken auszuwerfen, an Ort und Stelle. …“
Arthur Schnitzler Der österreichische Literat Arthur Schnitzler schrieb in seiner sozialkritischen Erzählung über einen fiktiven Herzog des Fürstentums Sigmaringen, der sich auf seinem Schloss Karolslust nur den Vergnügungen hingibt. Vor dem Hintergrund des 18. Jahrhunderts schildert Schnitzler ironisch die Unmöglichkeit der ehelichen Gemeinschaft und des politischen Fortschritts.
Louis-Ferdinand Céline Von einem Schloss zum andern (Originaltitel: D’un château l’autre), 1957: Der französische Schriftsteller Louis-Ferdinand Céline (1894–1961) thematisiert in seinem Roman seine Erlebnisse während der Vichy-Regierung in Sigmaringen. Dieser autobiographische Roman aus dem Rowohlt Verlag beginnt in Sigmaringen, wo Céline unter furchtbaren Bedingungen als Lagerarzt arbeitet, zum Kriegsende aber mit seiner Frau nach Dänemark weiterflüchtet. Die absolute Respektlosigkeit in seiner politischen Abrechnung und seine ausdrucksstarke, exzessive Sprache machten ihn zu einem der wichtigsten Autoren des 20. Jahrhunderts.
Ernst Jünger mini|hochkant|Grabtafeln der Brüder Knoll, von Ernst Jünger in seinen Tagebuchnotizen erwähnt 1966/1985: Der im nahen Wilflingen lebende Schriftsteller und Naturforscher Ernst Jünger (1895–1998) schrieb in mehreren seiner Tagebuchnotizen, u. a. Siebzig Verweht I, erschienen bei Klett-Cotta, über Sigmaringen.
und weiter: „… Ich war dorthin gegangen, um auf das Grab Georg Riffenachs einen Strauß zu legen. So hieß der Taxifahrer, der mich oft nach Überlingen brachte und der vor zwölf Jahren in einer Kurve verunglückt ist. Wir unterhielten uns gern während dieser Fahrten; es fehlte nicht an Stoff zum Gespräch. Riffenach war Fremdenlegionär gewesen und hatte, wie Benoit, deswegen Ungelegenheiten mit der Polizei gehabt. Die Fremdenlegionäre standen in den Karteien, nicht ganz so schlimm wie die Juden, aber fast so wie die Rotspanier. …“
oder am 26. Februar 1985 in Siebzig Verweht III:
Claudio Magris Der italienische Schriftsteller, Germanist und Übersetzer Claudio Magris (* 1939) schreibt über den Besuch der Stadt und des Schlosses seines 1986 im Hanser Verlag erschienenen Buches Donau – Biographie eines Flusses (Original: Danubio).
Peter Esterházy Donau abwärts (Original: Hahn-Hahn grófnő), 1992 im Residenz Verlag erschienen: Der ungarische Schriftsteller und Essayist Péter Esterházy (1950–2016) schreibt über eine Donau-Reise, die er als Alias „Murkel“ 1963 mit seinem sagenhaften Onkel Roberto unternommen hat. Der Roman in Collagenform mit vielen literarischen Anspielungen. Der ungarische Titel des Romans Hahn-Hahn grófnő heißt übersetzt Gräfin Hahn-Hahn und bezieht sich auf die Schriftstellerin Ida Hahn-Hahn. In Sigmaringen freundet sich Onkel Roberto mit zwei Frauen an, welche die beiden für ein paar Tage begleiten.
Pierre Assouline Sigmaringen., 2015: Pierre Assouline (* 1953), französischer Schriftsteller, Journalist und Prix-Goncourt-Preisträger, dessen Vater als französischer Soldat während des Vichy-Regimes in Sigmaringen stationiert war, veröffentlichte seinen Roman 2015. Die Handlung spielt in der Zeit der Beschlagnahmung des Schlosses durch die Vichy-Regierung und schildert die Geschehnisse aus Sicht von Julius Stein, dem fiktiven Hofmeister der Hohenzollern. Vorbild für diese Figur war der Sigmaringer Hofbeamte Heinrich Oelker.
Sonstige deutschsprachige Literatur
Hanns Otto Stehle Der Sigmaringer Hanns Otto Stehle thematisiert in seinem etwa 1958 erschienenen Roman Das Zaubertal die Gefahren der Zerstörung der Idylle des Donautales. Der Plan des Hamburger Industriellen Watenkamp ein Vergnügungszentrum zur Erschließung des Tourismus zu bauen, führt zu Meinungsverschiedenheiten mit seiner Tochter Ruth.
Gabriele Loges Die Journalistin und Schriftstellerin Gabriele Loges veröffentlichte 2013 im Klöpfer & Meyer Verlag den Roman Paris, Sigmaringen oder Die Freiheit der Amalie Zephyrine von Hohenzollern, eine ergänzte Neuauflage erfolgte 2018 im Gmeiner Verlag. Der Roman verbindet die fiktiven und historische Ereignisse der Protagonistin Angelika mit dem Leben der aus Sigmaringen geflohenen Fürstengattin Amalie Zephyrine von Salm-Kyrburg miteinander. Außerdem treten weitere Persönlichkeiten der deutsch-französischen Beziehungen bis hin zur Vichy-Regierung auf.
Sonstige französischsprachige Literatur
Martin Graff Der Elsässer Schriftsteller, Filmemacher und Pfarrer Martin Graff schrieb nach einer mehrteiligen Fernsehdokumentation über eine Donaureise das Buch Donauträume – Stomaufwärts nach Europa (Original: Le réveil du Danube – Une géopolitique vagabonde) und schilderte seine Erlebnisse im Jahre 1992 in Sigmaringen.
Lucette Destouches Die Tänzerin Lucette Destouches, die Frau von Louis-Ferdinand Céline, schrieb 2001 gemeinsam mit ihrer Schülerin Véronique Robert über ihr gemeinsames Leben mit Céline das Buch Mein Leben mit Céline (Original: Céline secret) im Piper Verlag und schilderte die Zeit in Sigmaringen im Kapitel VI.
Sigmaringen in Biographien
Ernst Heinrich von Sachsen Ernst Heinrich von Sachsen (1896–1971), Sohn des letzten sächsischen Königs Friedrich August III. und Schwager des Sigmaringer Fürsten Friedrioh von Hohenzollern beschreibt in seiner erst 1979 posthum veröffentlichten Autobiographie Mein Lebensweg – Vom Königsschloss zum Bauernhof das Ende des Zweiten Weltkrieges in Sigmaringen.
Wolfgang Widmaier Der Musikwissenschaftler Wolfgang Widmaier, Sohn des Hechinger Schriftstellers, Komponisten und Künstlers Karl Widmaier, wuchs nach dem frühen Tod des Vaters mit seinen Brüdern in Sigmaringen auf und veröffentlichte 2012 seine Jugenderinnerungen unter dem Titel Spiel und Ernst – Meine Lebensgeschichte 1926 bis 1946 im Gmeiner Verlag.
Sigmaringen in Krimis
Ulla Neumann