Das Kastell Aardenburg (möglicherweise das antike Radannum) ist ein römisches Auxiliarkastell auf dem Gebiet der zur Gemeinde Sluis gehörenden Ortschaft Aardenburg in der niederländischen Provinz Zeeland, unmittelbar an der Grenze zu Belgien. Zu dem Befundensemble gehört auch noch ein weitläufiger Vicus.
Lage Topographisch liegt Aardenburg am westlichen Ende eines pleistozänen Decksandrückens, der sich weit in die Küstenebene erstreckt. Dieser Sandrücken verläuft von Osten nach Westen und war in der antiken Zeit im Norden von Salzwiesen und im Süden von einem Torfgebiet begrenzt. Über das Flüsschen Eede waren Kastell und Vicus mit dem Meer verbunden. Es fällt schwer, in dem heute eher unbedeutenden Bach einen Anlass für die Gründung einer Siedlung zu sehen, weswegen auch alternative Theorien zur maritimen Anbindung Aardenburgs diskutiert wurden. Auf dem Landwege war Aardenburg über zwei Straßen mit dem menapischen Hinterland verbunden. Eine Straße verband Aardenburg mit dem gallo-römischen Vicus in Brügge und dem Kastell Oudenburg im flämischen Küstengebiet. Eine zweite Straße verlief in südöstlicher Richtung über Eede, das Kastell Maldegem, Knesselare-Kouter und Aalter in Richtung Kruishoutem.Wouter Dhaeze: De Romeinse kustverdediging langs de Noordzee en het Kanaal van 120 tot 410 na Chr. Een onderzoek naar de rol van de militaire sites in de kustverdediging en drie casestudies over de militaire versterkingen van Maldegem-Vake, Aardenburg en Boulogne-sur-Mer. Dissertation Universität Gent, Gent 2011, S. 287–295.
Wenn die bisweilen geäußerte Annahme zuträfe, dass die Schelde die Grenze der Provinzen Germania inferior und Gallia Belgica gebildet habe, wäre das Kastell nicht Bestandteil des Niedergermanischen Limes gewesen, sondern müsste zur Küstenverteidigung der Provinz Gallia Belgica gezählt werden. Es ist jedoch nicht undenkbar, dass nicht der Fluss Schelde selber die Grenze bildete, sondern jene etwas südlicher lag und Aardenburg, sowie Gebiete südlich davon, quasi als Brückenkopf in die Provinz Germania inferior mit einbezog, so dass eine Zuordnung Aardenburgs zur Germania inferior nicht auszuschließen ist, wie sich auch heute das niederländische Territorium über die Scheldemündung hinaus nach Süden erstreckt.Siegmar von Schnurbein: Germanien in römischer Sicht. Germania Magna und die römischen Provinzbezeichnungen. In: RGA-E 34, De Gruyter, Berlin/New York 2004, S. 25–36.Marie-Thérèse und Georges Raepsaet-Charlier: Gallia Belgica et Germania Inferior. Vingt-cinq années de recherches historiques et archéologiques. In: Hildegard Temporini (Hrsg.): Band 4 Politische Geschichte (Provinzen und Randvölker: Gallien [Forts.], Germanien). De Gruyter, Berlin/Boston 2016, S. 3–299.
Im heutigen Landschafts- und Siedlungsbild liegt das Bodendenkmal im östlichen Teil der Ortschaft Aardenburg, rund zwölf Kilometer Luftlinie von der Nordseeküste entfernt.
Forschungsgeschichte Die erste archäologische Ausgrabung auf Aardenburger Gebiet fand im Jahr 1949 durch den Rijksdienst voor het Oudheidkundig Bodemonderzoek (ROB) statt. Erste römische Befunde wurden 1955 entdeckt. Von 1957 bis zu seiner Pensionierung 1986 war Jan Adriaan Trimpe Burger, der erste Provinzialarchäologe Zeelands, derjenige, der die archäologischen Aktivitäten in Aardenburg vorantrieb und dessen Name die lokale provinzialrömische Forschung prägte. 1988 wurde zum letzten Mal durch den ROB in der Stadt gegraben, seit 1999 werden archäologische Untersuchungen nur noch von privatwirtschaftlichen Grabungsunternehmen durchgeführt.Gerti de Koeijer: Romeins Aardenburg auf archeologieonline.nl (niederländisch), abgerufen am 26. August 2022.
Ein Problem der jahrzehntelangen Ausgrabungstätigkeiten war, dass diese lange nicht ausgewertet und publiziert wurden. Forscher der Zeeland Cultural Heritage Foundation (SCEZ), des archäologischen Privatunternehmens Hazenberg Archaeology und des Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Mainz analysieren daher seit etlichen Jahren mit Unterstützung der Universität Gent kooperativ die Ergebnisse jahrzehntelang zurück liegender Grabungen, wobei ständig neue Erkenntnisse gewonnen werden.
Viel diskutiert wurde in der niederländischen Archäologie die Frage, ob es sich bei der Befestigungsanlage tatsächlich um ein Militärkastell oder nicht vielmehr um eine befestigte Stadt handele (siehe weiter unten).
Befunde Das römische Aardenburg gliederte sich in zwei Teile, den Bereich des Kastells und den Bereich des Vicus. Das Militärlager befand sich auf dem höchsten Punkt des Sandrückens. Das Zentrum des Vicus erstreckte sich im Wesentlichen östlich davon. Die Größe des gesamten Gebiets wurde früher auf rund einen Quadratkilometer geschätzt, neuere Forschungen haben jedoch ergeben, dass sich die Spuren römischer Besiedlung nach Norden noch bis zu etwa drei Kilometer nördlich des Stadtzentrums erstrecken. Über die Gräberfelder ist bislang nur wenig bekannt geworden, die größte Nekropole befand sich wahrscheinlich westlich des Kastells.
Kastell Umwehrung mini|Rekonstruktion des Westtores (2010)mini|Rekonstruktion des nördlichen Turms des Westtores (2010) Das Kastell Aardenburg war ein massives Steinkastell, das eine Fläche von 150 m mal 240 m (entspricht 3,6 Hektar) bedeckte und nach Nordnordosten ausgerichtet war.Jan Adriaan Trimpe Burger: Aardenburg - Rodanburg - Burg aan de Rudannâ. In: Naamkunde 17 (1985), S. 335–346. Befestigt war das Militärlager mit einer 1,2 m breiten und vermutlich vier bis fünf Meter hohen Wehrmauer, von der Mitte der 1970er Jahre der südliche Abschnitt der westlichen Mauer nebst einem Tor (der Porta principalis sinistra), dessen beiden Tortürmen, einem Zwischenturm und dem südsüdwestlichen Eckturm entdeckt worden war. Die Türme des Tores waren mit Tournai-Kalkstein, der Tordurchgang mit Tuff aus der Eifel ausgeführt worden. Zur Fundamentierung des Torhauses waren senkrecht in den Boden gerammte Rundhölzer verwendet worden. Die Türme besaßen alle einen runden Grundriss. Der Außendurchmesser des Eckturms betrug rund acht Meter. In einem Abstand von sieben Metern zur Mauer verlief als Annäherungshindernis ein mächtiger Spitzgraben.
Innenbebauung Bei der Errichtung der Hauptgebäude des Kastellinneren sowie bei der Anlage des Straßennetzes wurde, wie schon bei der Wehrmauer, hauptsächlich Tournai-Kalkstein benutzt, in geringeren Mengen auch rheinischer Tuff und weißer, französischer Kalkstein. Bereits während der Ausgrabungen 1961 waren Spuren der PrincipiaBei (Stabsgebäude) aufgedeckt worden. Die Principia hatten eine Breite von 45 Meter, besaßen einen großen Vorhof von rund 25 Metern Länge und 40 Metern Breite, eine Appellhalle und um diese herum angeordnete kleinere Funktionsräume. In der hinteren Mitte befand sich das Fahnenheiligtum (Aedes), das mit einer Apsis abschloss. Aufgrund der Form des Fahnenheiligtums konnte man die Errichtung des Stabsgebäudes grob auf die zweite Hälfte des zweiten Jahrhunderts datieren. Grundsätzlich erinnerte der Aufbau der Principia von Aardenburg an die Strukturen derjenigen Principia, die man von den Limites der beiden germanischen Provinzen und Raetiens her kannte.Hugo Thoen: Maldegem-Vake en Aardenburg. Romeinse verdedigingswerken. In: Nehalennia 95 (1993), S. 22–28.
Neben Teilen der Lagerstraßen, einigen Brunnen (Holz- und Steinvarianten) und Abfallgruben wurden auch Spuren von Mannschaftsbaracken entdeckt, die mit Holzbalken fundamentiert worden waren. Der Grundriss der Baracken entsprach dem militärischen Standard, die Aufteilung der Contubernia der typischen Gliederung in Arma und Papilio. In einer Abfallgrube des dritten Jahrhunderts wurde ein großes Kalksteinfragment mit einer Inschrift entdeckt: ] M O [ ] R M A [ Unterhalb der zweiten Zeile befinden sich die Fragmente weitere Zeichen, die als die Ziffern V oder X und C oder O gedeutet werden können. Die mögliche Lesung wurde unterschiedlich interpretiert. Nach Jules Bogaers handelte es sich um den Teil einer Gebäudeinschrift und er ergänzte RMA zu ARMAMENTARIVM (Waffenkammer/Zeughaus), und die Buchstaben MO zu COMMODVS. Nach einer jüngeren Lesart von Ton Derks beziehen sich die Buchstaben auf die Ehrentitel eines römischen Kaisers, wobei MO zu MAXIMO und RMA zu GERMANICO zu ergänzen wäre.Guus Besuijen: RODANVM. A Study of the Roman Settlement at Aardenburg and its Metal Finds. Sidestone Press, Leiden 2008, S. 53, (Online abrufbar auf der Webpräsenz des Verlages). Die undeutlichen Zeichen unter der zweiten Zeile könnten Zahlen gefolgt von COS sein. Somit könne die Inschrift wie folgt gelesen werden: M A X I ] M O [ G E ] R M A [ N I C O ] XX C [ Diese Titelkombination wurde von Hadrian, Marcus Aurelius und Commodus verwendet. In Anbetracht der Kastellgründung unter Marcus Aurelius und/oder Commodus, bezieht sich die Inschrift wahrscheinlich auf einen dieser beiden Kaiser.
Auffällig ist ein Befund innerhalb des Kastells, südlich der Principia, der sich als Fundament eines gallo-römischen Umgangstempels erwies. Der Tempel hatte bei einem quadratischen Grundriss eine Seitenlänge von sechs Metern, seine Ausrichtung folgte nicht dem Schema der Befestigungsanlage, weshalb die Archäologen davon ausgingen, dass er erst zu einem späteren Zeitpunkt errichtet worden sein könnte. Auch der Umstand, dass ein Tempel innerhalb eines römischen Militärlagers völlig atypisch und singulär wäre, sprach gegen einen Zusammenhang. Der kleine Sakralbau wurde, möglicherweise zu Beginn des siebten Jahrzehnts des dritten Jahrhunderts, durch einen Brand zerstört.Romeinse tempel verhuist (tijdelijk) uit Aardenburg, 'we hebben gelukkig een kruiwagen' auf omroepzeeland.nl (niederländisch)
Truppen Über die Einheiten, die in Aardenburg stationiert waren, kann zurzeit nur spekuliert werden. Trimpe Burger schlug bezüglich der Ziegelstempel vor, dass die Stempel CIIA und CIIS militärischen Ursprungs seien und dass das „C“ für „Cohors“ und das „II“ für „Secunda“ stünde.Jan Adriaan Trimpe Burger: The Islands of Zeeland and South Holland in Roman Times. In: Berichten van de Rijksdienst voor het Oudheidkundig Bodemonderzoek (BROB) 23 (1973), S. 135–148. Darüber hinausgehend interpretierte Hugo Thoen den Stempel CIIA als den der „C(ohors) II (Secunda) A(ntoniniana)“ und den Stempel CIIS als den der „Co(hors) II (Secunda) S(everiana)“. CIIA- und CIIS-Stempel fanden sich nicht nur im Kastell, sondern auch im Vicus und am Fundort „Hof van Buize I“. Dort wurde ein Ofen ergraben, dessen Boden mit Ziegelplatten, die solche Stempel trugen, gefliest war. Zweimal wurde in Aardenburg der Stempel PRIMACORT gefunden, in beiden Fällen in einer Grube, die wahrscheinlich auf den Übergang vom 2. zum 3. Jahrhundert zu datieren ist, und auf Ziegelplatten, die einer Suspensura entstammten.Jules Bogaers: Thracische hulptroepen in Germania Inferior. In: Oudheidkundige Medede(e)lingen uit het Rijksmuseum van Oudheden te Leiden (OMROL) 55 (1974), S. 198–220. Ein dritter Stempel, von dem nur noch die Anfangsbuchstaben PRIM--- erhalten waren, wurde auf dem Oude Vlasmarkt entdeckt. Jules Bogaers las die Stempel als Prima Co(ho)r(s) T(hracum). Dem gegenüber schlug Trimpe Burger die Lesung „Prima Co(ho)r(s) T(ungrorum)“Jan Adriaan Trimpe Burger: De Romeinen in Zeeland. Onder de hoede van Nehalennia. O.V., Goes 1997, S. 38. vor.
Datierung