mini|Der Kulturpalast in Unterwellenborn (2014) Der Kulturpalast des VEB Maxhütte Unterwellenborn ist ein früheres Kulturhaus und steht seit 24. September 1987 unter Denkmalschutz. Er befindet sich in der Gemeinde Unterwellenborn im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt in Thüringen. Das 1963 zum Kreiskulturhaus erhobene und ab 1981 dem Dichter Johannes R. Becher gewidmeteBroschüre „Kulturangebot 1983“, Kulturhaus „Johannes R. Becher“ des VEB Maxhütte Unterwellenborn Bauwerk gilt als Archetyp unter den rund 2000 Kulturhäusern der DDR. Architektur- und Planungshistorikerin Simone Hain bezeichnet das stilistisch zur „Architektur der nationalen Traditionen“ gehörende Gebäude als „das Muster, das Vorbild, das schönste aller Häuser. Das bildmächtigste Haus und das ästhetisch am stärksten durchgestaltete.“ Auch sei „[...] kaum ein anderes Haus in der deutschen Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts [...] so reich und sinnvermittelnd ‚kodiert‘ wie dieses.“

Das Haus war zu DDR-Zeiten direkt an den öffentlichen Personennahverkehr angebunden, sodass Besuche der regelmäßig angebotenen Veranstaltungen durch Bustransfers selbst in die benachbarten Landkreise für jedermann leicht zu realisieren waren. Zudem befindet sich das Gebäude unweit des Unterwellenborner Bahnhofs an der Bahnstrecke Leipzig–Probstzella sowie nahe der B 281.

Geschichte alt=Parade zur Grundsteinlegung am 22. Juni 1952|mini|Parade zur Grundsteinlegung am 22. Juni 1952

Planung Nach Ende des Zweiten Weltkrieges war die Unterwellenborner Maxhütte zunächst der einzige Roheisenproduzent der sowjetischen Besatzungszone. Es wurde Ende 1945 notdürftig instand gesetzt und wieder in Betrieb genommen. Rasch wurde das Werk erweitert und die Zahl der Angestellten verdoppelte sich auf fast 8.000 im Jahr 1950. Dadurch stieg ebenfalls der Bedarf an Räumlichkeiten für kulturelle Veranstaltungen und die Unterbringung von Vereinen und Zirkeln. So begannen Werkleitung und Kulturkommission auf Verlangen der Arbeiterschaft, ab 1949 mit den zuständigen Regierungsstellen über die Errichtung eines Kulturhauses zu verhandeln, das als kulturelles Zentrum für die Region dienen sollte. Nachdem Charlotte Bollwien, Mitarbeiterin der Kulturabteilung der Maxhütte, den Bau eines Hauses nach sowjetischen Vorbildern beantragt und die Staatsführung der DDR dem Antrag im Sommer 1950 stattgegeben hatte, begann man bereits im August mit der Suche mit der Suche nach einem geeigneten Standort. alt=Bauarbeiten Südflügel, Juni 1954|mini|hochkant|Bauarbeiten Südflügel, Juni 1954

Architektur Die Verantwortung für das Projekt erhielt der aus Lübeck stammende Architekt und damalige Leiter der Meisterwerkstatt II der Deutschen Bauakademie der DDR (DBA) Hanns Hopp. Hopp wiederum beauftragte den zu diesem Zeitpunkt erst seit wenigen Wochen in der Meisterwerkstatt II tätigen Josef Kaiser, einen ersten Vorentwurf anzufertigen. Da Kaiser seit Mitte der 1930er Jahre nicht nur als Architekt erfolgreich, sondern auch als Opernsänger aktiv war, kannte er die akustischen und funktionellen Anforderungen an Theater und Opernhäuser sehr gut aus eigener Erfahrung. So signierte er die vier grundsätzlichen Entwurfsvarianten sowie den Ausführungsentwurf als Verfasser, während Hopp die Pläne als Leiter unterzeichnete.

Nach einem mehrstufigen Gestaltungs- und Auswahlprozess wurde schließlich Kaisers vierter Entwurf akzeptiert. Diese neoklassizistische Variante bestand aus einem Hauptbaukörper mit Dreiecksgiebel und acht Säulen, zwei Seitenflügeln, die den Zugangshof nach Norden und Süden begrenzten und mit Dreiecksgiebel und sechs Säulen ausgestattet wurden sowie je einem Seitenflügel nach Norden und Süden.

Besonders herausfordernd war die Suche nach dem Standort des künftigen Kulturhauses, das in der freien Landschaft auf einem kleinen Hügel im geometrischen Mittelpunkt zwischen drei Siedlungen entstehen sollte. Um seiner herausgehobenen programmatischen Bedeutung gerecht zu werden, sollte es von allen vier Seiten repräsentativ erscheinen und vor allem einen eher feierlichen und heiteren Charakter haben, anstatt monumental zu wirken.

Besondere Eleganz bewies die Anordnung der Treppenhäuser im Gelenk zwischen dem Hauptbaukörper und den Seitenflügeln, wodurch das Gebäude trotz seiner vielen Funktionen eine leicht verständliche Ordnung erhielt und alle Räume auf kurzen Wegen erreichbar waren.

Kaisers schließlich akzeptierte, vierte Entwurfsvariante wurde als beispielgebende Leistung mit einer Geldprämie belohnt. Der Architekt wirkte jedoch an den anschließenden Ausführungsdetails nicht mehr mit, da er im Auftrag von Hopp bereits am Wettbewerbsentwurf für die Stalinallee in Berlin arbeitete.

Vom Bautyp her und in Bezug auf die Entwicklungsgeschichte steht der Kulturpalast Unterwellenborn in der Tradition der Volks-, Gewerkschafts- und Festspielhäuser, die sich als „Casa Popular“, „Peoples Palace“, „Maison du Peuple“ oder als Arbeiter-„Institute“ (Mechanics Institute) im 19. und vor allem 20. Jahrhundert weltweit ausbreiteten. Dabei ragt das Gebäude einerseits durch seine formvollendete baukünstlerische Gestalt und beziehungsreiche Zeichenhaftigkeit hervor und besticht andererseits auch durch die sehr markante städtebaulich-landschaftliche Komposition sowie durch sein ausgereiftes Raumprogramm als besonders bedeutungsvolles Beispiel und gestalterisch richtungsweisender Bau. alt=Grundsteinlegung am 22. Juni 1952|mini|hochkant|Grundsteinlegung am 22. Juni 1952

Bau Der erste Spatenstich erfolgte am 16. April 1952, der Grundstein wurde am 22. Juni 1952 gelegt und die dazugehörige Urkunde an der Süd-West-Ecke der Gaststätte „Bierschwemme“ eingemauert. Durch hohen Termindruck erreichten die Ausführungspläne die Baustelle mit Verspätung. Der Nordblock war das erste fertiggestellte Bauteil und erhielt am 19. Dezember 1952 seine Richtkrone. Jeweils nachdem die einzelnen Bauabschnitte beendet waren, wurden die Räumlichkeiten nach und nach ihrer Bestimmung zugeführt. Der spätere Schriftsteller Ror Wolf war als Betonbauer-Lehrling der Maxhütte an der Errichtung beteiligt und erlebte an der Baustelle kurz vor seiner Flucht nach Westdeutschland den Aufstand vom 17. Juni 1953.

Am 13. Oktober 1954 wurde das Kulturhaus mit Saal, Betriebsbücherei, Tageslichtkino und Veranstaltungsservice der Betriebsgewerkschaftsleitung der Maxhütte zur kostenlosen Nutzung durch die Angestellten übergeben. Nach endgültiger Fertigstellung und Einrichtung wurde das Haus am 1. Mai 1955 unter großem Andrang der Bevölkerung offiziell eröffnet.

Die Außenanlagen wurden durch viele freiwillige Arbeitseinsätze von Angestellten der Maxhütte gestaltet.

Am 13. Oktober 1955 folgte ein feierlicher Staatsakt der Regierung, bei dem Walter Ulbricht das Gebäude an die Mitarbeiter der Maxhütte übergab.

Das Bühnenhaus wurde bereits am 1. Juli mit Friedrich Schillers Schauspiel „Maria Stuart“ eingeweiht, einer Produktion des Theaters Rudolstadt.

Da die Baukosten im Laufe der Errichtung des Hauses die ursprünglich veranschlagten acht Millionen Mark überstiegen, musste auf die ursprünglich geplante Drehbühne verzichtet werden. Die Kulissen wurden dadurch per Bühnenwagen ausgewechselt.

Damit der Kulturpalast schneller von der Maxhütte erreicht werden konnte, wurde eine eigene Zufahrtsstraße durch Unterwellenborn gebaut, für die als Überführung über die Bahnstrecke Saalfeld-Gera die erste Spannbetonbrücke der DDR errichtet wurde. Letztere wurde am 7. Dezember 1955 mit einem Staatsakt übergeben. alt=Bauarbeiten 17. Februar 1953|mini|Bauarbeiten 17. Februar 1953 Da es als Referenzbau eines multifunktionalen Kulturhauses galt, gab es über das Kulturhaus der Maxhütte vielfache öffentlichkeitswirksame Publikationen, wodurch auch die Architektur weiterer in Planung befindlicher Häuser beeinflusst wurde.

Erster Leiter des Kulturpalastes war Fritz Jahn. Ihm folgte Fritz Herse, der 1968 zusammen mit Jugendlichen des Ortes den Bau einer Freilichtbühne im angrenzenden Park organisierte. Sie wurde innerhalb eines Monats mit 1.100 Stunden freiwillig geleisteter Arbeit errichtet und konnte zu den Feierlichkeiten am 1. Mai 1968 erstmals genutzt werden.

Fassadengestaltung Für die fünf Mosaike über den Eingangstüren zeichnete der Künstler Max Lachnit verantwortlich. Die Figuren an den beiden Seitengiebeln schufen Hermann und Frieda Glöckner, und das Relief am Mittelgiebel stammt von Herbert Volwahsen. Es vereint sinnbildlich Musik, Theater und Literatur.

Denkmalstatus Der Kulturpalast Unterwellenborn (Flurstücke 1023/16 und 1023/19) mit bauzeitlicher Raumstruktur, baugebundener Ausstattung, Freiflächen mit Terrassen, Freitreppen und Ausstattung sowie Park mit Baum- und Gehölzbestand steht seit 24. September 1987 unter Denkmalschutz. Gleiches gilt für die Spannbetonbrücke, die für die Zufahrt zum Objekt gebaut wurde. alt=Bauarbeiten Südseite, 4. Mai 1953|mini|Bauarbeiten Südseite, 4. Mai 1953

Schließung, Verkauf und Verfall

Käufersuche nach Insolvenz der Maxhütte Das Baudenkmal steht seit 1990 leer und ist wegen Instandhaltungsproblemen akut gefährdet.

Bis zur Deutschen Wiedervereinigung war das Haus eine Heimstatt für Aktivitäten örtlicher Vereine und Zirkel. Mehrmals wöchentlich zogen Kinovorführungen und Tanzveranstaltungen für alle Altersklassen Gäste aus dem gesamten ehemaligen Bezirk Gera nach Unterwellenborn. Das Fernsehen der DDR zeichnete hier Unterhaltungsshows und Theaterproduktionen auf, nationale und internationale Unterhaltungskünstler präsentierten ihre Musik- und Showprogramme.

Nach 1990 wurde das Gebäude teilweise vom Chor des ehemaligen Maxhüttenensembles genutzt, außerdem fanden einige wenige Tanzveranstaltungen statt. Des Weiteren nutzte der Landkreis den Palast für Qualifizierungsmaßnahmen und für die Verwaltung der Arbeitsbeschaffungsmaßnahme (ABM) „Entkernung der Gebäude auf dem Maxhüttengelände“. alt=Frontansicht von links, 3. Oktober 1955|mini|Frontansicht von links, 3. Oktober 1955 Nachdem die Maxhütte 1992 Insolvenz angemeldet hatte, bemühten sich der Insolvenzverwalter und der Landkreis Saalfeld als neuer Eigentümer um einen Käufer für das Haus. Um den Verkauf zu unterstützen und weil die Braunkohleheizung stillgelegt werden musste, ließ die Gemeinde Unterwellenborn eine Gasreglerstation an der nahe gelegenen Ferngasleitung für das Haus errichten. Des Weiteren wurden durch Fördermittel des Landkreises in Höhe von 600.000 D-Mark eine neue Dachhaut aufgebracht und ein Teil des Fassadenanstrichs erneuert. Die Stadt Saalfeld war nicht interessiert an der Wiederbelebung des Palastes, und Unterwellenborn mit seinen zu dieser Zeit etwa 3.200 Einwohnern konnte den Palast nach Angaben des damaligen Bürgermeisters Horst Sterzik aus finanziellen Gründen nicht übernehmen, da die Hauptaufgabe des Kreises und der Gemeinde darauf lag, auf dem Maxhüttengelände 2.000 Arbeitsplätze für ein künftiges Stahlwerk Thüringen zu schaffen. alt=Kinderweihnachtsfeier im Dezember 1955|mini|Kinderweihnachtsfeier im Dezember 1955 Das Theater-Festspielhaus Bayreuth zeigte in Kooperation mit weiteren Theatern Interesse an einem Kauf und wollte auf der Ostseite des Hauses eine Kulissenwerkstatt mit rund 100 Arbeitsplätzen errichten. Schließlich ließ man aber wieder davon ab, da keine Drehbühne vorhanden war und die Bühne für die geplanten Probenaufführungen zu klein war. Nachdem eine Firma aus Hessen, die ein Seniorenwohnheim für „Betreutes Wohnen“ einrichten wollte, wegen der zu erwartenden zu hohen Wohnplatzkosten ebenfalls einen Rückzieher machte, ging der Zuschlag schließlich 1994 an die „Immo-Möbel GmbH & Co. KG“ aus Kronach und deren Geschäftsführer Knut Schneider.

Kauf und Sanierung durch die Immo Möbel GmbH & Co.KG