Die Deutschen Kammerspiele waren ein Exiltheater, das zwischen 1949 und 1974 den lateinamerikanischen Kontinent mit deutscher Theaterkultur auf hohem künstlerischen Niveau versorgte. Reinhold K. Olszewski war Initiator, Regisseur, Schauspieler und Organisator der Deutschen Kammerspiele, die ihren Sitz zunächst in Santiago de Chile, später dann in Buenos Aires hatten. Mit einem jährlich wechselnden Ensemble von etwa vierzehn Darstellern reiste er über zwei Jahrzehnte durch Lateinamerika und wurde zum festen Bestandteil des deutschen Kulturlebens auf dem Subkontinent. In 25 Jahren spielten über 170 Ensemblemitglieder etwa 120 Stücke in 18 Ländern LateinamerikasVgl. Hans Storandt (Hrsg.): „Chile und die Deutschen. Schrift zum Besuch des Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland, Helmut Kohl, in Chile“. Santiago de Chile (1991), S. 72. [= Storandt (1991)]. und brachten den ausgewanderten Deutschen ein Stück deutsche Kultur in die neue Heimat. Dafür legten sie jedes Jahr für fast 8 Monate unter teils chaotischen Bedingungen und Strapazen knapp 30.000 km kreuz und quer über den Kontinent zurückVgl. Andreas Stuhlmann (2016): Reinhold K. Olszewski und die Deutschen Kammerspiele in Lateinamerika 1949–1974, ISBN 978-3-946875-00-0.
Gründung und Anfangszeit der Deutschen Kammerspiele (1949 bis 1954) Nach den erfolgreichen Aufführungen einer spontan zusammengestellten Laienspielgruppe gründeten Reinhold K. Olszewski und seine Frau Sylva Denzler am 15. September 1949 die Deutschen Kammerspiele, deren Ensemble zunächst aus den wenigen in Santiago ansässigen Schauspielern (Ausnahme Erna Lorenz) bzw. Laien (meist jüdischen Emigranten) bestand. Für die Aufführungen wurde im Stadtviertel Providencia, dem damaligen Residenzviertel, der Kinosaal „Marconi“ mit knapp 1.300 Plätzen angemietet, während die Proben in den beiden deutschen Schulen Santiagos stattfanden. Die Haupt- und Generalproben wurden auf der „Marconi“-Bühne abgehalten und konnten, da der normale Kinobetrieb weiterlief, nur nach dem Ende der letzten Kinovorstellung (24 Uhr) erfolgen. Da die vorhandenen schauspielerischen Kräfte anspruchsvollen Rollen zunächst nicht gewachsen waren, wählten Olszewski und Sylva Denzler zur ersten Aufführung drei Einakter von Curt Goetz: „Die tote Tante“, „Der Mörder“ und „Das Märchen“.
In der Spielzeit 1951 konnte Olszewski an den Kammerspielen zwei Prominenten-Gastspiele präsentieren. Zum einen wurde der gerade in Buenos Aires weilende Hans Moser von einem Gastspiel bei den Kammerspielen überzeugt, zum anderen kam Zarah Leander für einige Solo-Auftritte, die von den Kammerspielen organisiert und präsentiert wurden, nach Chile. Der Erfolg der beiden Gastspiele war unterschiedlich: Während die Lustspiele von Franz Arnold und Ernst Bach („Weekend im Paradies“ und „Der wahre Jacob“), in denen der österreichische Komiker jeweils die Hauptrolle übernahm, sehr erfolgreich waren, endeten die Auftritte von Zarah Leander in verschiedenen Städten Süd-Chiles aufgrund schwieriger Vordispositionen mit großen finanziellen Verlusten für die Kammerspiele.
Ungeachtet der desaströsen Solo-Tournee von Zarah Leander hielt Olszewski an der Idee von kleinen Gastspielreisen durch Chile fest, da ihm aus der Korrespondenz mit dem deutschen Schauspieler und Regisseur P. Walter Jacob von der Freien Deutschen Bühne in Buenos Aires die Schwierigkeiten eines ortsgebundenen TheatersBrief Jacob an Olszewski, 5. Januar 1948, in: P. Walter Jacob Archiv, VII d) 409. In Walter-A.-Berendsohn-Forschungsstelle für Deutsche Exilliteratur, Universität Hamburg bekannt waren. Ein Theaterbetrieb mit festem Standort in Chile war aufgrund der eingeschränkten Publikumsbasis perspektivlos und die Idee, die Kammerspiele als Tourneetheater zu betreiben, erschien naheliegend und zukunftsorientiert. Anfang Juli 1952 reiste das ganze Ensemble trotz der in den fünfziger Jahren in Südamerika herrschenden abenteuerlichen Verkehrsbedingungen (bis auf die transkontinentale Panamericana gab es kaum ausgebaute Straßen) mit dem nächsten Stück ins benachbarte Viña del Mar und nach Concepción, das etwa 450 Kilometer südlich von Santiago liegt. Vor den dort lebenden Deutschen wurden „Der Biberpelz“ von Gerhart Hauptmann und „Der Geisterzug“ von Arnold Ridley mit Erfolg gespielt. In der Spielzeit 1952 wurde mit Imo Moszkowicz der erste Schauspieler und Regisseur aus Deutschland verpflichtet: Er spielte die Titelrolle in Georg Büchners „Dantons Tod“, das mit 27 Schauspielern und über 40 Statisten in Santiago und im südlichen Viña gegeben wurde. Da dieser Klassiker nicht vom Publikum angenommen wurde und die finanzielle Lage des Theaters sich zunehmend verschlechterte, wurden ohne große Investitionen zwei Lustspiele mit Olszewski und Sylva Denzler in den Hauptrollen inszeniert, die die finanzielle Lage wieder entspannten. Ein Gastspiel des bekannten Schauspielers Viktor de Kowa, den Olszewski auf Prozente engagiert hatte, beendete die Spielzeit künstlerisch und finanziell sehr erfolgreich.
Mit den wenigen zur Verfügung stehenden Mitteln konnten 1953 erneut einzelne Schauspieler aus Deutschland verpflichtet werden, die gemeinsam mit dem vorhandenen Ensemble mehrere Unterhaltungsstücke und einige anspruchsvollere Schauspiele realisierten. Im folgenden Jahr verstärkten erneut vier Schauspieler aus Deutschland das Ensemble und die erfolgreiche Mischung aus leichter Unterhaltung und anspruchsvollerem Schauspiel wurde ebenfalls beibehalten: u. a. „Das Feuerwerk“ (Paul Burkhard), „Pygmalion“ (George Bernard Shaw), „Diener zweier Herren“ (Carlo Goldoni). Dem folgten „Ein Sommernachtstraum“ (William Shakespeare), in dem das gesamte Ensemble auf der Bühne stand, und „Die Ehe des Herrn Mississippi“ von Friedrich Dürrenmatt.
Bereits 1952 erreichte Olszewski ein Angebot des Auswärtigen Amtes, die politisch neutralen Kammerspiele finanziell zu unterstützen. Dieser Vorschlag zeigte neben der Bedeutung der Bühne für die Deutschen in Chile auch die Relevanz der Deutschen Kammerspiele für die damalige auswärtige Kulturpolitik: Die Subventionierung des Theaters förderte das neu aufzubauende positive Image der Bundesrepublik Deutschland in Lateinamerika. Die Verhandlungen zwischen Olszewski und der Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes über jährliche Subventionen verliefen daher positiv.
Vom Standorttheater zum Tournee-Ensemble (1955 bis 1964) 1955 begann die finanzielle Bezuschussung der Deutschen Kammerspiele durch die Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes, was eine grundsätzliche Verbesserung der Situation der Kammerspiele darstellte und eine neue Phase in der Geschichte der Bühne eingeleitet hatte. Mit Hilfe der Subventionen konnte zunächst einmal für die Premierenaufführungen in Santiago ein größeres Theater angemietet werden: das Stadttheater „Teatro Municipal“, das bis heute das Haupttheater Santiagos ist. Dieser neue Standort war für die Kammerspiele eine bedeutende Veränderung und ein Meilenstein in ihrer Geschichte. Ein weiterer und für die Entwicklung der Bühne noch entscheidenderer „Meilenstein“ war 1955 die Realisierung einer größeren Tournee in die nördlichen Nachbarländer Bolivien und Peru, die nun erfolgreich mit der finanziellen Hilfe aus Deutschland durchgeführt werden konnte.
Die Einnahmen dieser Spielzeit wurden in die Aufnahme eines neuen Gastspiellandes in den Tourneeplan der nächsten Spielzeit investiert, womit der Grundstein für die Entwicklung der nächsten Jahre gelegt war. In jeder neuen Saison wurden durchschnittlich drei weitere lateinamerikanische Länder, in denen die politische und wirtschaftliche Lage halbwegs stabil war, in den Tourneeplan aufgenommen. Nur vier Jahre später (1959) waren die Deutschen Kammerspiele auf ihrer Tournee insgesamt in vierzehn Ländern zu GastMagisterarbeit Nicola Lange, siehe III, 2.1.2 Die Organisation der Tourneen.. Der Ablauf einer Spielzeit war zu dem Zeitpunkt bereits optimiert, so dass die Spielzeit in drei Phasen gegliedert werden konnte: Von Januar bis März wurde die Spielzeit vorbereitet, dann folgte die Proben- und PremierenphaseNicola Lange (2006): Ein deutschsprachiges Theater-Ensemble in Lateinamerika: Die Deutschen Kammerspiele des Theatergründers, Schauspielers und Regisseurs Reinhold K. Olszewski (Magisterarbeit, Universität Hamburg), ISBN 978-3-668-33821-0, siehe Kapitel III, 2.2.4.3 Durchführung der Proben- und Premierenphase. in Santiago und ab August gingen die Kammerspiele auf eine fünfmonatige Tournee durch LateinamerikaNicola Lange (2006): Ein deutschsprachiges Theater-Ensemble in Lateinamerika: Die Deutschen Kammerspiele des Theatergründers, Schauspielers und Regisseurs Reinhold K. Olszewski (Magisterarbeit, Universität Hamburg), ISBN 978-3-668-33821-0, siehe Kapitel III, 2.1.2.1 Gastländer und Reiseroute..
Umsiedlung nach Buenos Aires (1965 bis 1971) 1965 entschlossen sich Olszewski und Kurt Julius Schwarz, der damalige Leiter der „Freien Deutschen Bühne“ in Buenos Aires, in Absprache mit den Botschaften und dem Auswärtigen Amt die beiden Theater aus steuerrechtlichen und finanziellen Gründen zusammenzulegen. Nur zwei der bisherigen Schauspieler der „Freien Deutschen Bühne“ konnten von Olszewski als professionelle Schauspieler in die Spielzeit 1965 übernommen werden: Lilly Wiechert und Jacques Arndt. Der neue Hauptsitz der Kammerspiele wurde das Teatro Odeon in Buenos Aires, in dem auch die „Freie Deutsche Bühne“ gespielt hatte. Hier richteten die Kammerspiele ein Büro ein, während das Theater selbst nur für die Vorstellungen angemietet wurde. Die Proben fanden in verschiedenen Theatern und der Pestalozzi-Schule sowie in anderen deutschen Schulen statt.
Die erste Spielzeit in Buenos Aires erwies sich als eine der anstrengendsten der Kammerspiele, da in der argentinischen Hauptstadt eine Mischung aus Desinteresse und Widerstand gegen das neue deutsche Theater herrschte. Im Kostenvoranschlag für diese Spielzeit wurde deutlich, dass der Umzug des Theaters in jeder Hinsicht ein Risiko bedeutete: Bei der Vorbereitung der Spielzeit musste die Geschäftsführung unbekannte Faktoren einkalkulieren, die bei der Verlegung nach Buenos Aires auftreten konnten, da die finanziellen Konditionen in Santiago viel günstiger gewesen waren als in der argentinischen Hauptstadt. Diese zusätzlichen Ausgaben hoffte Olszewski aber durch höhere Einnahmen bei den Eintrittsgeldern ausgleichen zu können. Um zunächst einmal die Aufmerksamkeit der deutschen Gesellschaft in Buenos Aires zu erregen, wurde als erste Aufführung „Faust II“ in der modernen Inszenierung von Prof. Ulrich Erfurth gewählt.
Aus den Verhältnissen in Buenos Aires ergab sich für Olszewski die Notwendigkeit eines völligen Neuaufbaus der deutschsprachigen Theaterbühne, denn die deutsche Kolonie vor Ort musste erst von dem neuen Theater überzeugt werden. Olszewski ging diese schwierige Aufgabe geschickt und äußerst professionell an: Es wurde eine Pressekonferenz anberaumt, auf der Olszewski die neue Bühne vorstellte. Er initiierte Vorträge in allen deutschen Schulen, Vereinigungen, Verbänden und Kulturkreisen und bunte Abende in jüdischen und deutschen Altersheimen. Die Bemühungen, die Öffentlichkeit in Buenos Aires den Kammerspielen gegenüber positiv zu stimmen, waren erfolgreich: Die Besucherzahlen überstiegen optimistische Schätzungen ebenso wie die bisherigen Zahlen der Vorführungen der Kammerspiele in Buenos Aires in den Vorjahren insgesamt um das Dreifache. Auf der anschließenden Lateinamerika-Tournee machten die Kammerspiele einen vierwöchigen Tournee-Stopp in Chile, bei dem über dreißig Vorstellungen in Santiago, Viña del Mar und im Süden des Landes gegeben wurden, um den Übergang nach Buenos Aires [für die Deutschen in Chile, A. d. V.] nicht so spürbar zu machen.