Sanzeno ist ein archäologischer Fundplatz im Trentino (Italien) und mitnamengebend für die Fritzens-Sanzeno-Kultur. Die auf dem Gebiet der heutigen Ortschaft Sanzeno im Nonstal in der Eisenzeit entstandene Siedlung bestand über einen Zeitraum von etwa 1000 Jahren bis zum Frühmittelalter. Viele Fundstücke sind vor Ort im Rätischen Museum ausgestellt.

Geschichte Die Räter mini|Keramiktassen der Fritzens-Sanzeno Kultur (Rätisches Museum Sanzeno) Das in griechischen und römischen Quellen als Räter bezeichnete Volk besaß in Sanzeno eine ihrer größten Siedlungen in den Zentral- und Ostalpen. Die zugleich größte Siedlung der Jüngeren Eisenzeit im Trentino erstreckte sich auf einem etwa 2 km langen und bis zu 1 km breiten Plateau auf einer Fläche von etwa 21 ha, das seitlich von zwei kleinen Tälern geschützt war, durch die östlich der Rio San Romedio und westlich der Rio Sies fließen. Sie bestand aus kleinen Gruppen von Grubenhäusern, die über das gesamte Plateau verstreut waren.Gianni Ciurletti (Hrsg.): Archeologia nelle valli di Non e di Sole. S. 29.

Einige wenige Funde belegen, dass die Gegend bereits zu Ende der Bronzezeit und der Älteren Eisenzeit von Menschen begangen wurde.Franco Marzatico: La seconda età del ferro. S. 561, Fußnote 93. Erste Gebäudespuren werden dem 7. oder 6. Jahrhundert v. Chr. zugeordnet. Am Ende des 6. Jahrhunderts war die Fritzens-Sanzeno- oder rätische Kultur in Sanzeno konsolidiert und erreichte zwischen dem 5. und 4. Jahrhundert v. Chr. ihre Blütezeit.Franco Marzatico: La seconda età del ferro. S. 493–494.

In letzterer nahm die rätische Siedlung in Sanzeno vorstädtische Züge an, mit eng aneinander gebauten Grubenhäusern, die sich auch die Mauern teilten. Bis dahin waren die Häuser in isolierter Lage errichtet worden. Die urbanistische Entwicklung, die eine Planung erkennen lässt, war vermutlich durch äußere Einflüsse bedingt und folgte der Entwicklung im etruskisch-italischen Raum.Franco Marzatico: La seconda età del ferro. S. 497, 501.

Strittig ist, welche Funktion die Häuser zum Teil ausübten und welche Rolle der Siedlung insgesamt zukam.Franco Marzatico: Le alpi centro-orientali. S. 170. Der Annahme, dass es sich um Wohnhäuser mit darin befindlichen Werkstätten für die Metallverarbeitung handelte, die auch als Warenhäuser dienten, steht die Annahme gegenüber, dass es sich aufgrund der zahlreichen Fundstücke aus Bronze und Eisen um eine Art Schatzhäuser handelte, die für kulturelle Praktiken bestimmt waren.Franco Marzatico: L’età del Ferro nell’area alpina centro orientale. Aspetti e problemi. S. 21. Hans Nothdurfter stellte anhand einiger im Ortsteil Casalini gefundener Votivfiguren sogar in den Raum, dass dieser Bereich von Sanzeno als eine Art rätisches Heiligtum gedient haben könnte.Franco Marzatico: La seconda età del ferro. S. 494–495. Als Kompromiss wurde vorgeschlagen, dass es sich bei den betroffenen Gebäuden um Häuser der Oberschicht gehandelt haben könnte. Letztere nahm möglicherweise auch eine besondere religiöse Stellung in der Gesellschaft ein.Franco Marzatico: L’età del Ferro nell’area alpina centro orientale. Aspetti e problemi. S. 20–21.

Wenn auch ein religiöser Bezug anhand der Fundstücke von vornherein nicht ausgeschlossen werden kann, spricht gegen die Theorie eines rätischen Heiligtums, dass die Bauten wesentlich von den üblichen für Kultzwecke genutzten Brandopferplätzen abweichen. Wegen der sehr lückenhaften Informationen ist eine exakte Lokalisierung und Beschreibung der Kultplätze in Sanzeno nicht möglich, zumal die freigelegten Gebäudereste, die zweifellos als Wohnräume gedient haben, keine größeren Abweichungen aufweisen. Die in Sanzeno gefundenen Gebäudespuren waren jedenfalls mit ausschlaggebend, dass die nach diesem Muster errichteten Gebäude als sogenannte rätische Häuser definiert wurden.Franco Marzatico: La seconda età del ferro. S. 495.

Die bedeutende Anzahl von Gegenständen aus anderen Kulturkreisen, die in Sanzeno gefunden wurden, unterstreichen die Bedeutung des Ortes als Handelsplatz. Sehr wahrscheinlich wurde hier auch Eisen verarbeitet, wenn auch bei Grabungen keine Spuren von Öfen entdeckt wurden.Franco Marzatico: La seconda età del ferro. S. 495–496. Neben dem etruskisch-italischen Raum, bestanden Kontakte auch mit den Kelten. Für kriegerische Einfälle der Kelten, wie in der Vergangenheit angenommen, fehlen allerdings eindeutige archäologische Beweise.Franco Marzatico: La seconda età del ferro. S. 531–532. Ab Ende des 3. Jahrhunderts v. Chr. tauchen Hinweise auf erste Kontakte mit den Römern auf.Franco Marzatico: La seconda età del ferro. S. 537.

Die Römer mini|hochkant|Grabstein des römischen Veteranen Titus Aurelius Moravesus Servano der Legio XXX Ulpia Victrix (Rätisches Museum Sanzeno) Die Fritzens-Sanzeno-Kultur verschwand nach Berührung mit der römischen Zivilisation im 1. Jahrhundert v. Chr. Die rätische Siedlung wurde dabei nicht, wie in der Vergangenheit angenommen, von den Römern kriegerisch eingenommen, sondern schrittweise romanisiert.Livio Zerbini: Sanzeno Romana. S. 67. Die Forschung geht mittlerweile davon aus, dass der Prozess der Romanisierung in Sanzeno noch vor den augusteischen Alpenfeldzügen des Drusus und Tiberius 15 v. Chr. einsetzte.Franco Marzatico: Il gruppo Fritzens-Sanzeno. S. 225.

Eine wichtige Rolle spielten dabei die Römerstraßen. Zwei davon führten nach Anaunia, eine von der Via Claudia Augusta im Etschtal abzweigend und eine zweite, die vom Gardasee kommend über den Sattel von Andalo in das Tal führte. Zur Romanisierung trugen ebenfalls Veteranen der römischen Armee bei, die sich nach ihrer aktiven Dienstzeit im Tal niederließen. Mit der Verleihung des römischen Bürgerrechts, wie auf der Tabula Clesiana festgehalten, war die Romanisierung 46 n. Chr. zumindest offiziell abgeschlossen.Livio Zerbini: Sanzeno Romana. S. 67–68, 70. Dass es sich um keine vollständige Romanisierung handelte, geht aus demselben von Kaiser Claudius verabschiedeten Erlass hervor. So wurden den Anaunern neben den Bürgerrechten auch eine gewisse Eigenständigkeit gewährt, wie der Fortbestand ihrer vorrömischen Namen oder die Verehrung ihrer Götterwelt.Enzo Bucchi: Dalla colonizzazione della Cisalpina alla colonia «Tridentum». S. 80.

Beim römischen Sanzeno handelte es sich um kein urbanes Zentrum, sondern vielmehr um eine Reihe von Gebäuden, aus deren spontanen Zusammenschluss eine zusammenhängende Siedlung entstand.Livio Zerbini: Sanzeno Romana. S. 72. Die Anzahl der in Sanzeno gefundenen römischen Inschriften lässt den Schluss zu, dass es sich um eines der bedeutendsten Zentren im Nonstal gehandelt haben muss. Auf den etwa ein Dutzend Inschriften sind 19 Personen erwähnt, die zwischen dem 1. und 4. Jahrhundert n. Chr. lebten. Der Großteil der Inschriften, nämlich acht, konzentriert sich auf das 1. und 2. Jahrhundert n. Chr. Die zahlreichen lokalen Gentilnamen auf den Inschriften unterstreichen die Präsenz einer wirtschaftlich relativ bedeutenden Klasse in Sanzeno.Livio Zerbini: Sanzeno Romana. S. 73–74.

Die Wirtschaft in Sanzeno basierte in der Römerzeit auf traditionellen Aktivitäten. Der Großteil der Bevölkerung widmete sich dem Ackerbau und der Viehzucht. Besondere Bedeutung kam dem Wald zu, der nicht nur Holz, sondern auch Harz und Pech lieferte. Das bereits in rätischer Zeit gefestigte Handwerk erfuhr unter den Römern eine weitere Entwicklung. Es bestanden Werkstätten für die Verarbeitung von Eisen und Bronze für den landwirtschaftlichen und häuslichen Gebrauch. Womöglich existierten eigene metallurgische Werkstätten für die Herstellung von Fibeln und Bronzefiguren, die eine bereits in der Eisenzeit begonnene Tradition fortsetzten. Des Weiteren gab es Ziegelbrennereien für Dach- und Mauerziegeln. Anhand der zahlreich vor Ort gefundenen, ebenfalls aus Ziegeln hergestellten Gewichte für Webstühle ist davon auszugehen, dass die Weberei nicht unbedeutend war. Über der Handel langte andere Gegenstände, wie Öllampen nach Sanzeno.Livio Zerbini: Sanzeno Romana. S. 75–76.

Zeugnisse über die Götterwelt in Sanzeno liefern erneut die gefundenen Inschriften. Nachgewiesen sind Kulte für Jupiter, Concordia-Augusta und Hercules. Zudem wurden in Sanzeno Bronzefiguren von anderen Göttern, wie Mercurius, Minerva, Priapus und Faunus gefunden. Außerdem bestand ein kleiner, der Diana geweihter Tempel sowie ein dem Saturn geweihter Altar. Erstere bestand noch zu Ende des 4. Jahrhunderts n. Chr.Alfredo Buonopane: Società, economia, religione. S. 174. Ab dem 3. Jahrhundert n. Chr. breitete sich in Sanzeno der Mithraskult aus, der durch Veteranen eingeführt wurde.Livio Zerbini: Sanzeno Romana. S. 77–78. Die in Sanzeno gefundenen Reliefspuren des Kultes weisen starke Ähnlichkeiten mit aus Anatolien stammenden Mitrasreliefs auf.Alfredo Buonopane: Società, economia, religione. S. 164. Womöglich bestand am Beginn der San-Romedio-Schlucht ein Mithräum.Livio Zerbini: Sanzeno Romana. S. 78. Dass die vorrömischen Riten und Götter dennoch weiter bestanden und verehrt wurden, geht nach Bucchi aus dem Widerstand gegenüber der Christianisierung hervor, der mit Martyrium der drei 397 n. Chr. getöteten kappadokischen Missionare seinen Höhepunkt erreichte.

Wenig ist über die römischen Nekropolen in Sanzeno bekannt. Vermutlich lagen sie am Rand des Plateaus. Der Standort einer 1849 entdeckten Grabstätte lässt sich nicht mehr exakt bestimmen. An der Straße nach San Romedio wurden 1984 die Reste eines Einzelgrabes entdeckt. Die im Bereich der Basilika Santi Martiri Anauniesi gefundenen Grabplatten aus der mittleren Römischen Kaiserzeit befanden sich ursprünglich an einer anderen unbekannten Stelle und wurden erst später an ihren Fundplatz gebracht.Enrico Cavada: Il territorio: popolamento, abitati, necropoli. S. 396.

Im Zusammenhang mit dem Martyrium des Sisinius 397 n. Chr. wird nach Giuseppe Gerola der Name Metho erstmals in den Texten des Anonymus Valesianus erwähnt. Ob es sich dabei um den Namen der römisch-rätischen Siedlung auf dem Gebiet des heutigen Sanzeno handelt, ist unklar. Nach Enrico Cavada ist eine exakte räumliche Zuordnung des vicus aufgrund fehlender Quellen nicht möglich.Enrico Cavada: Il territorio: popolamento, abitati, necropoli. S. 391.

Der Name Metho lehnt sich nach Carlo Battisti an den Ortsnamen Mechel an.Giulia Mastrelli Anzilotti: Toponomastica trentina: i nomi delle località abitate. S. 363. Mechel, heute ein Ortsteil des Hauptortes des Nonstales Cles, war ein frühgeschichtlicher Kultplatz, der von der Bronzezeit bis zum Ende des römischen Reiches bestand.Gianni Ciurletti: Archeologia nelle valli di Non e di Sole. S. 20. Der Ursprung des vorrömischen Ortsnamens könnte sich aus dem etruskischen methlun (dt. Volk) ableiten. Nach Paolo Orsi hat der Name dagegen keltische Wurzeln.Giulia Mastrelli Anzilotti: Toponomastica trentina: i nomi delle località abitate. S. 344.

Entdeckungsgeschichte Bis zum Ersten Weltkrieg mini|Das in Sanzeno im Ortsteil Casalini 2003 eröffnete Rätische Museum Das Interesse der Altertumsforscher für das Nonstal und für Sanzeno im Speziellen ging mit der Entwicklung der Archäologie im 19. Jahrhundert einher. Der Ort war aber bereits vorher für seine antiken Fundstücke bekannt, so ließ der Fürstbischof von Trient Johannes Hinderbach 1472 auf der Suche nach den sterblichen Überresten der drei Märtyrer Grabungen vornehmen. Auch Pier Andrea Mattioli vermerkte im 16. Jahrhundert, dass in Sanzeno zahlreiche alte Münzen und andere Gegenstände aus Metall gefunden wurden. Aber erst ab der Mitte des 18. Jahrhunderts begann sich die Bedeutung des archäologischen Fundplatzes abzuzeichnen, die mit den ersten Ausgrabungen im 19. Jahrhundert ihre Bestätigung fanden.Enrico Cavada: Il territorio: popolamento, abitati, necropoli. S. 391–392.