mini|Robert Lehniger (2021)
Robert Lehniger (* 1974 in Weimar) ist ein deutscher Theaterregisseur und Videokünstler. In seinen Arbeiten verbindet er Theater, Film und digitale Medien. Neben Inszenierungen an Schauspiel- und Opernhäusern entwickelte er transmediale und mobile Theaterformate.
Leben und Ausbildung
Lehniger wurde 1974 in Weimar geboren und wuchs in Gotha auf.„Schneckenmühle ist eine Utopie“. In: Sächsische Zeitung, S. 15, 29. Oktober 2013. Bereits als Jugendlicher nahm er während der politischen Umbrüche 1989/90 an internationalen Kulturaustauschen sowie Theater- und Filmprojekten teil, die ihn unter anderem nach Kraków und in die Ukraine nach Lwiw führten. Ein 1995 veröffentlichtes Porträt dokumentiert diese frühen künstlerischen Aktivitäten vor dem Hintergrund seiner Jugend in der DDR und der deutschen Wiedervereinigung.Ulrich Beck, Wilhelm Vossenkuhl, Ulf Erdmann Ziegler (Hrsg.): Eigenes Leben. Ausflüge in die unbekannte Gesellschaft, in der wir leben. C. H. Beck, München 1995, „Robert Lehniger – Einer politischen Biographie entkommen“, S. 148–149.
Zu Lehnigers frühen Theaterarbeiten gehörte Wir Voodookinder, an der auch die damals noch als Schülerin in Thüringen lebende Sandra Hüller beteiligt war und mit der sie zu Beginn ihrer späteren Schauspielkarriere erste Theatererfahrungen sammelte. Die Produktion wurde 1996 zum Theatertreffen der Jugend nach Berlin eingeladen.
Lehniger studierte Mediengestaltung mit dem Schwerpunkt Experimentelle Television an der Bauhaus-Universität Weimar. Sein Diplomprojekt Kunstfernsehen entstand aus dem Umfeld des Medienprojekts Worldhaus TV, das 1999 anlässlich des Kulturstadtjahres ein eigenes experimentelles Fernsehprogramm realisierte und europaweit ausstrahlte. Kunstfernsehen wurde im Februar 2000 während der Berlinale aus einem temporären Studio über den Offenen Kanal Berlin sowie über das Internet ausgestrahlt. Das Projekt verstand Fernsehen weniger als festgelegtes Programm denn als künstlerisches und kommunikatives Ereignis und experimentierte mit internetbasierter Bewegtbildübertragung zu einer Zeit, als die technischen Möglichkeiten des Video-Streamings noch stark begrenzt waren.
Von 2000 bis 2002 war Lehniger Regieassistent am Theater Basel. Seit 2002 arbeitet er als freier Regisseur und Videokünstler. Künstlerische Arbeit
Lehnigers Arbeiten bewegen sich an der Schnittstelle von Theater, Film und digitalen Medien. Seine Inszenierungen basieren sowohl auf dramatischen Texten als auch auf Romanen, Filmen und eigenen Stückentwicklungen. Dabei setzt er Video, digitale Kommunikationsformen und transmediale Erzählweisen als eigenständige dramaturgische Mittel ein.
Seine Arbeiten wurden unter anderem am Düsseldorfer Schauspielhaus, am Schauspielhaus Zürich, am Schauspiel Frankfurt, an den Münchner Kammerspielen, an der Volksbühne Berlin, am Burgtheater Wien, am Residenztheater München, am Theater Neumarkt Zürich, am Staatsschauspiel Dresden und an der Deutschen Oper Berlin gezeigt.
Neben seiner Regietätigkeit arbeitete Lehniger als Videokünstler für Inszenierungen von Stefan Pucher, Benedikt von Peter, Calixto Bieito und Christiane Pohle. Über viele Jahre arbeitete er dabei eng mit dem Videokünstler Bert Zander zusammen; zahlreiche Produktionen entstanden in gemeinsamer, kollektiv geprägter künstlerischer Praxis.
2008 wurde Lehniger mit Robinson Crusoe oder Friday, I'm in love zum Festival für junge Regie Radikal jung am Münchner Volkstheater eingeladen.
Mit seiner Inszenierung von Rainer Werner Fassbinders Katzelmacher wurde er 2015 erneut zum Berliner Theatertreffen der Jugend eingeladen.
2021 wurde seine Inszenierung Corpus Delicti nach dem Roman von Juli Zeh am Deutschen Theater Berlin zu den Ruhrfestspielen und zum Schäxpir-Theaterfestival für junges Publikum in Linz eingeladen.
Theater „to go“
2016 entwickelte Lehniger am Düsseldorfer Schauspielhaus das Format Theater „to go“. Dabei werden Bearbeitungen klassischer Theaterstoffe als mobile Inszenierungen an unterschiedlichen Orten der Stadt aufgeführt.
Das Format entstand während der Sanierung des Schauspielhauses am Gustaf-Gründgens-Platz. Da das neue Leitungsteam unter der Intendanz von Wilfried Schulz zunächst über keinen festen Spielort verfügte, entwickelte sich aus dem Arbeiten an temporären Orten die Idee eines mobilen Theaters.Sema Kouschkerian: Schauspielhaus erfolgreich mit Theater „to go“. In: Rheinische Post, Nr. 301, Düsseldorf-Mitte/West, S. 19, 30. Dezember 2019.
Im Rahmen der Reihe entstanden Goethes Faust (to go), Lessings Nathan (to go), Dorsts Parzival (to go) sowie 2023 Johanna (to go) nach Friedrich Schiller.
Die Produktionen wurden unter anderem in einer Justizvollzugsanstalt, im Industrieclub Düsseldorf, in der Bunkerkirche, im Landtag Nordrhein-Westfalen, im Oberlandesgericht Düsseldorf, in der Düsseldorfer Synagoge und in einer psychiatrischen Einrichtung sowie später auch im Schauspielhaus selbst gezeigt.
Die Theaterwissenschaftlerin Verena Elisabet Eitel griff das Format im Rahmen ihrer Forschung zu mobilen und temporären Aufführungsanordnungen auf.
Hochschule und europäische Filmkultur
Von 2019 bis 2022 war Lehniger Professor für Schauspiel und Studiengangsleiter am Cours Florent Berlin an der Hochschule Macromedia. Der 1967 in Paris gegründete Cours Florent zählt zu den bekanntesten Schauspielschulen Frankreichs und prägte mit Absolventen wie Isabelle Adjani, Daniel Auteuil, Vincent Lindon, Pierre Niney und Audrey Tautou über Jahrzehnte die französische Theater- und Filmlandschaft.
Seit September 2022 ist Lehniger in leitender Funktion am Berliner Campus der MetFilm School (UK) tätig.
2023 führte er Regie bei der Zeremonie zur Verleihung des 36. Europäischen Filmpreises in der Arena Berlin. Die Gala fand vor rund 1.000 internationalen Gästen statt und wurde unter anderem von Arte live gestreamt. Im Rahmen einer Partnerschaft zwischen der MetFilm School und der European Film Academy bezog Lehniger Studierende und Absolventen in die Produktion ein. Sie entwickelten und produzierten sogenannte Audience Clips für fünf Kategorien der Preisverleihung. Als Bühnenregisseur koordinierte Lehniger die verschiedenen kreativen Bereiche der Zeremonie, darunter Moderation, Skriptentwicklung, Musik und visuelle Gestaltung.
Für die 38. European Film Awards, die am 17. Januar 2026 im Haus der Kulturen der Welt in Berlin stattfanden, trug Lehniger erneut Verantwortung für die Bühnenregie und die künstlerische Gesamtleitung. Die Preisverleihung wurde gemeinsam mit dem Filmemacher Mark Cousins, der Filmkomponistin Dascha Dauenhauer und dem Kreativteam der European Film Academy entwickelt. Die Show wurde über 49 Rundfunk- und Livestream-Partner in 29 europäischen Ländern verbreitet.
Seit Juni 2026 ist Lehniger Mitglied der Europäischen Filmakademie.
2026 erhielt er an der University for the Creative Industries (BIMM) den Titel Professor für Regie.
Inszenierungen (Auswahl) 2001, Theater Basel: Neunundreißigneunzig nach dem Roman von Frédéric Beigbeider, Schweizer Erstaufführung 2002, Theater Basel: Das Pulverfass von Dejan Dukowski 2003, Schauspiel Frankfurt: Phaidras Liebe von Sarah Kane 2003, Luzerner Theater: Moby Dick nach dem Roman von Herman Melville 2004, Schauspielhaus Zürich: The Cocka Hola Company nach dem Roman von Matias Faldbakken 2004, Schauspielhaus Zürich: Zwanzig Minuten Stille von den Gebrüdern Presnjakow 2004, Theaterhaus Jena: Die Nibelungen nach Friedrich Hebbel 2005, Münchner Kammerspiele: A girl in a car with a man von Rob Evans 2005, Schauspiel Frankfurt: God save Amerika von Bljana Srbljanovic 2006, Theater Basel: Liebe, Arbeit, Video Stückentwicklung mit Matthias Günther nach dem Essay von Jean-Luc Godard Rette sich wer kann (Das Leben) 2007, Volksbühne Berlin: Macht und Rebel von Matias Faldbakken 2007, Burgtheater Wien (Kasino am Schwarzenbergplatz): boat peopleTM - Das Label ist schön von Johannes Schrettle und Lisa D. 2007, Schauspiel Frankfurt: Robinson Crusoe oder Friday, I'm in love nach dem Roman von Daniel Defoe mit Texten von Johannes Schrettle 2008, Schauspiel Frankfurt: Nibelungen Remake eines deutschen Trauerspiels nach Friedrich Hebbel mit Texten von Johannes Schrettle 2008, Burgtheater Wien (Kasino am Schwarzenbergplatz): Ich habe King Kong zum Weinen gebracht (UA) von Johannes Schrettle 2009, Schauspiel Frankfurt: apartment666.com (Webserie) 15 Kurzfilme 2009, Schauspiel Hannover: Die Träumer nach dem Roman von Gilbert Adair 2010, Theater Neumarkt Zürich: Week_End nach dem Film von Jean-Luc Godard 2010, Schauspiel Hannover: Neverland (Stückentwicklung) 2011, Theater Neumarkt Zürich: A Hole in my Heart nach dem Film von Lukas Moodyson 2011, Residenztheater München: Eyjafjallajökull-Tam-Tam von Helmut Krausser 2012, Schauspiel Hannover: Faserland nach dem Roman von Christian Kracht 2013, Deutsche Oper Berlin: Der Ring: Next Generation von Richard Wagner und Alexandra Holtsch 2013, Staatsschauspiel Dresden: Schneckenmühle nach dem Roman von Jochen Schmidt 2014, Theater Bremen: HAIR von Galt Macdermot und Warren Suicide 2015, Staatsschauspiel Dresden: Katzelmacher von Rainer Werner Fassbinder 2015, Theater Bremen: Oreste von Georg Friedrich Händel 2016, Staatsschauspiel Dresden: Europa von Lars von Trier 2016, Deutsches Theater Berlin: Herr der Fliegen: survival mode nach William Golding 2017, Düsseldorfer Schauspielhaus: Faust (to go) von Johann Wolfgang Goethe 2017, Theater Bremen: The Fairy Queen von Henry Purcell 2018, Düsseldorfer Schauspielhaus: Nathan (to go) von Gotthold Ephraim Lessing 2018, Münchner Kammerspiele: Zeit zu lieben Zeit zu sterben von Fritz Kater 2018, Düsseldorfer Schauspielhaus: Abiball (UA) von Lutz Hübner und Sarah Nemitz 2019, Deutsches Theater Berlin: Verirrten sich im Wald nach Hänsel und Gretel der Gebrüder Grimm 2019, Düsseldorfer Schauspielhaus: Parzival (to go) von Tankred Dorst 2020, Deutsches Theater Berlin, Ruhrfestspiele: Corpus Delicti nach dem Roman von Juli Zeh 2022, Münchener Biennale: Davor von Yoav Pasovsky 2022, Schauspielhaus Bochum: Verbundensein von Kae Tempest 2023, Düsseldorfer Schauspielhaus: Johanna (to go) von Friedrich Schiller
Auszeichnungen und Festival-Einladungen
2003: Einladung zum Prager Theaterfestival deutscher Sprache mit Neunundreißigneunzig am Theater Basel 2005: Einladung zum Berliner Theatertreffen mit Stefan Puchers Inszenierung Homo Faber nach Max Frisch, an der Lehniger als Dramaturg beteiligt war 2008: Einladung zu Radikal jung mit Robinson Crusoe oder Friday, I'm in love 2011: „Hammer in Gold“ der Fachzeitschrift Horizont für das Crossmedia-Projekt Eyjafjallajökull-Tam-Tam 2015: Einladung zum Theatertreffen der Jugend mit Katzelmacher 2021: Einladung von Corpus Delicti zu den Ruhrfestspielen und zum Schäxpir-Theaterfestival nach Linz 2023: Einladung zu den 22. Internationalen Schillertagen am Nationaltheater Mannheim mit Johanna (to go)
Literatur
Beret Evensen, Wilfried Schulz (Hrsg.): D’haus. Düsseldorfer Schauspielhaus 2016–2026. Schauspiel – Junges Schauspiel – Stadt. Verlag Theater der Zeit, Berlin 2026. Ulrich Khuon (Hrsg.): Kampf ums Paradies. Deutsches Theater Berlin 2009–2023. Deutsches Theater Berlin, Berlin 2023, darin: „Robert Lehniger“. Ute Müller-Tischler, Judith Gerstenberg (Hrsg.): Bettina Meyer – Eins zu fünfundzwanzig. Bühnen Bilder Räume. Verlag Theater der Zeit, Berlin 2017, S. 144, 249. Thomas Aurin, Carl Hegemann, Rabian Witt (Hrsg.): 1992–2017. Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Fotoalbum. Alexander Verlag, Berlin 2017, darin: „Macht und Rebel“. Wilfried Schulz (Hrsg.): Staatsschauspiel Dresden 2009–2016. Staatsschauspiel Dresden, Dresden 2016, darin: „Robert Lehniger“. Stefanie Carp (Hrsg.): Barbara Ehnes – Alles auf Anfang. Bühnenbilder, Konzepte. Verlag Theater der Zeit, Berlin 2015, darin: „Robert Lehniger“.