mini|Darstellung auf einer Banknote von Turkmenistan Oġuzhan, auch Oğuz Kağan, Oğuz Han, Oguz Khan oder Oḡuz Atā, ist ein sagenhafter türkischer Held und Stammesführer. Er gilt als Stammvater unter anderem der Oghusen, der Kınık-SeldschukenStefan Kamola, History and legend in the Jāmì al-tawārikh: Abraham, Alexander and Oghuz Khan. Journal of the Royal Asiatic Society, Dritte Serie 25/4, 2015, 557. und der Aq Qoyunlu (Bayandur).Beatrice Forbes Manz, Nomads in the Middle East. Cambridge, Cambridge University Press 2021, 145. [doi:10.1017/9781139028813] In Turkmenistan wird er als Nationalheld verehrt.

Überlieferung Abstammungslisten (Şecere) waren für viele der nomadischen türkischen Stämme von großer Bedeutung, von Kasachen und Kirgisen z. B. wurde erwartet, dass sie ihre Vorfahren bis ins siebte Glied kannten.Seyfullah Yildirim, Mehmet Topay, Perception of Turks and Common Ancestor in Kazakh Genealogy. Bilig 100, 2022, 38 Diese Genealogien wurden mündlich tradiert. Mit dem Beginn schriftlicher Überlieferungen und der Islamisierung führten Herrscher-Familien nach ihrer Abkunft bis auf Noah, Jafet oder Oġuzhan zurück.Seyfullah Yıldırım, Mehmet Topay, Perception of Turks and Common Ancestor in Kazakh Genealogy. Bilig 100, 2022, 40, DOI

Türkische Überlieferungen Ein türkisches Oġuznāmah wird in dem Oguznāmah des mamelukischen Historikers Ibn al-Dawādarī erwähnt, der es unter seinen Quellen aufführt. Das Werk wurde auch mündlich tradiert und von Sängern zu Lautenbegleitung vorgetragen. Éva Kincses-Nagy, The Islamization of the Legend of the Turks: The Case of Oghuznāma. In: Competing Narratives between nomadic People and their sedentary Neighbours, Papers of the 7th International Conference on the Medieval History of the Eurasian Steppe, Nov. 9–12, 2018 Shanghai University, Szeged 2019. Studia Uralo-Altaica 53, 2019, 126 Yazïǰïoġlu ‘Ali erwähnt in seinem Tavārikh-i Āl-i Selǰuk Fragmente in metrischer Form.

Turfan-Handschrift Eine erste Version des Oguzname entstand vermutlich bereits vor der mongolischen Invasion um 1300 in Turfan.Éva Kincses-Nagy, The Islamization of the Legend of the Turks: The Case of Oghuznāma. In: Competing Narratives between nomadic People and their sedentary Neighbours, Papers of the 7th International Conference on the Medieval History of the Eurasian Steppe, Nov. 9–12, 2018 Shanghai University, Szeged 2019. Studia Uralo-Altaica 53, 2019, 127 Sie ist möglicherweise mit dem von Šukrullāh, einem Botschafter von Murad II. in Täbris erwähnten Manuskript identisch. Die uigurische Handschrift (Turfan Schafer Handschrift) in der Französischen Nationalbibliothek (Supplément turc 1001)Stefan Kamola, History and Legend in the Jāmì al-tawārikh: Abraham, Alexander and Oghuz Khan. Journal of the Royal Asiatic Society, Dritte Serie 25/4, 2015, 562. ist vermutlich eine späte Abschrift, aber um die früheste erhaltene Version des „heidnischen Oguzname“. Anfang und Ende des Manuskripts fehlen, daher sind Name und Autor unbekannt. Gerard Clauson nimmt an, dass sie im 15. Jahrhundert in Chorasan entstand.

Ibn al-Dawādāri Die Taten von Oġuz sind vor allem im Oguznāmah des Ibn al-Dawādāri († nach 1335) festgehalten, das 1336 von seinem Sohn vollendet wurde. Raschīd ad-Dīn Raschīd ad-Dīn Tabib (oder Hamadanī) erwähnt Oġuz und seine Nachkommen im Jāmiʿ al-Tawārīkh (Kompendium der Chroniken), 1310–1311 geschrieben, und im Tārikh-e mobārak-e ghāzāni (Die gesegnete Geschichte von Ghazan, eine dynastische Geschichte der Ilkaniden), die er für den Ilkhan Ghazan (1295–1304) verfasste.

Abu’l Ghazi Bahadur Im 17. Jahrhundert verfasste der usbekische bzw. schaibanidische Khan von Chiwa und Geschichtsschreiber Abuʾl Ġāzī Bahādur die Abhandlungen Šaǰara-i Tarākima und Šaǰara-i Türkī, in dem auch die Legenden um Oġuzhan und die Genealogie der Turkmenen erwähnt werden. Er stützte sich unter anderem auf Raschīd ad-Dīn, versuchte aber auf Bitten der turkmenischen Häuptlinge und des Klerus, die verschiedenen vorhandenen Versionen in kohärenter Weise zu vereinigen.

Kasan-Manuskript Aus dem 18. Jh. stammt ein anonymes Manuskript aus Kasan.Ingeborg Baldauf (2020): Narrating mythical genealogy: examples from the Chingiznāma-Oghuznāma Complex. Asian Ethnicity 2020, 11. DOI:10.1080/14631369.2020.1821167, open access Es ist eine Mischung aus timuridischer Geschichtsschreibung und volkstümlichem Epos. Viele übernatürliche Elemente werden hier wegerklärt (Euhemerismus), so wird aus dem grauen Wolf ein Mann namens Qurd.Ingeborg Baldauf (2020): Narrating mythical genealogy: examples from the Chingiznāma-Oghuznāma Complex. Asian Ethnicity 2020, 6. DOI:10.1080/14631369.2020.1821167, open access

Leben Nach dem uigurischen Manuskript wuchs Oġuz sehr schnell heran. Er trank nur die Erstlingsmilch seiner Mutter, um dann nach fester Nahrung zu verlangen. Bereits in der Krippe sprach er und war nach 40 Tagen ausgewachsen. Er hatte rote Augen (közläri al) und schwarzes Haar; Füße wie ein Stier, Handgelenke wie ein Wolf, eine Brust wie ein Bär und ein Rücken wie ein Zobel. Sein ganzer Körper war behaart, und er war blau (kök) gefärbt. Trotzdem wird er als “schön wie ein Dschinn” beschrieben. Als erste Tat besiegte er ein menschenfressendes qïät, das ein Nashorn, Einhorn oder auch ein magischer Hund sein könnte.Jonathan Ratcliffe, Reappraising the Strata and Value of the Turfan Oğuz Nāme, and preliminary Translation Oġuz führte zahlreiche siegreiche Feldzüge durch, unter anderem gegen Urum qagan,Stefan Kamola, History and legend in the Jāmì al-tawārikh: Abraham, Alexander and Oghuz Khan. Journal of the Royal Asiatic Society, Dritte Serie 25/4, 2015, 567 dem Kaiser der Romäer, nach China, Indien, Tibet und Syrien. Er hatte zwei Frauen, aus einem Lichtstrahl und aus einem See entstiegen, und zeugte mit ihnen sechs Söhne, die seine Nachfolge antraten und die Stämme der grauen/silbernen Pfeile und der drei Pfeile begründeten. Auf seinen Feldzügen zog ihm ein grauer Wolfsrüde voraus (vgl. Asena-Legende). Seine Heerführer wurden die Stammväter der Qarluq, Qalach und Qangli.

Im Oguznāmah ist Oġuz der Sohn des Häuptlings Kara/Qara Khan, Sohn von Dib Yāwqu Khan, und Ay Kaghan.Balázs Danka, The ‘Pagan’ Oɣuz-namä, A philological and linguistic Analysis. Wiesbaden, Harrassowitz 2019, 258 Sie leben zwischen Issyk-Kul und dem Baikalsee. Anstelle von Muttermilch verlangte der neugeborene Oguz nach rohem Fleisch und Kumys.Amieke Bouma, Turkmenistan: Epics in Place of Historiography. Jahrbücher für Geschichte Osteuropas NF 59/4, 2011, 569 Er arbeitete als Hirte und Jäger. Nachdem er nach 40 Tagen erwachsen war, erschlug er einen Drachen und umgab sich mit einer Gefolgschaft von 40 Kriegern. Sein Vater versuchte ihn auf anraten seiner eifersüchtigen Halbbrüder zu töten, worauf er ihn erschlug und selber Stammesführer wurde, die Halbbrüder und ihre Mutter flohen nach China. Wie der Rest seines Stammes verehrt er den Himmelsgott Tengri. Er erobert die vier Weltgegenden und heiratet die mythischen Frauen, die ihm die Söhne Gün, Ay, Yıldız sowie Gök, Dağ und Deniz gebaren. Vor seinem Tod teilte er sein Reich unter sie auf und legte, auf Anraten seines Wahrsagers Ulugh Türük, mit einem komplizierten Ritual ihre gegenseitige Stellung fest.vgl. auch Robert Dankoff, "Inner" and "Outer" Oǧuz in "Dede Korkut". Turkish Studies Association Bulletin 6/2, 1982, 21–25.

Raschīd ad-Dīn islamisiert diese Überlieferung,s. Éva Kincses-Nagy, The Islamization of the Legend of the Turks: The Case of Oghuznāma. Studia Uralo-Altaica 53, 2019 (Competing Narratives between nomadic People and their sedentary Neighbours, Papers of the 7th International Conference on the Medieval History of the Eurasian Steppe, Nov. 9–12, 2018 Shanghai University), Szeged 2019, 125–136 doi:10.14232/sua.2019.53.125-136 in seiner Fassung ist Oġuz ein Nachkomme JafetsStefan Kamola, History and legend in the Jāmì al-tawārikh: Abraham, Alexander and Oghuz Khan. Journal of the Royal Asiatic Society, Dritte Serie 25/4, 2015, 566 (Öljey) in siebter Generation. Oġuz verweigert hier drei Tage lang die Mutterbrust, um seine Mutter im Traum zum Islam zu bekehren, was diese aber geheim halten muss, da die Türken vom Islam abgefallen waren. Dasselbe Motiv findet sich in der Geschichte von Berke Khan.Éva Kincses-Nagy, The Islamization of the Legend of the Turks: The Case of Oghuznāma. Studia Uralo-Altaica 53, 2019 (Competing Narratives between nomadic People and their sedentary Neighbours, Papers of the 7th International Conference on the Medieval History of the Eurasian Steppe, Nov. 9–12, 2018 Shanghai University), Szeged 2019, 129 Von seinen drei Frauen verkehrte er nur mit der jüngsten, die auf seine Anweisung Monotheistin geworden war.Ingeborg Baldauf, Narrating mythical genealogy: examples from the Chingiznāma-Oghuznāma Complex. Asian Ethnicity 2020, 10. DOI:10.1080/14631369.2020.1821167 Er lag im Streit mit seinen bilderverehrenden Onkeln. In Raschīd ad-Dīns Fassung der Sage führte Oġuz Krieg gegen die Hundemenschen (Qil Barāq) und betritt das Reich der Dunkelheit (Qarā hulun), Taten, die gewöhnlich Dschingis Khan zugeschrieben wurden.Stefan Kamola, History and legend in the Jāmì al-tawārikh: Abraham, Alexander and Oghuz Khan. Journal of the Royal Asiatic Society, Dritte Serie 25/4, 2015, 564 Seine Feldzüge führten ihn nach China. Nach seiner Rückkehr nach Zentralasien überschreitet er den Amudarja. Er sandte Botschafter nach Ghur und Ghurchestān und griff dann die Qil Barāq an, die vage im Norden des Kaukasus lokalisiert werden. Er eroberte Kurdistan, in Diyarbakır nahm er die Huldigung der Einwohner von Erbil, Mossul und Baghdad entgegen. Seine Söhne sandte er gegen die Franken und die Rum-Seldschuken, während er selbst Damaskus und Ägypten einnahm. Über Baghdad, Basra und die Südküste des Kaspischen Meeres kehrte er nach Zentralasien zurück.Stefan Kamola, History and legend in the Jāmì al-tawārikh: Abraham, Alexander and Oghuz Khan. Journal of the Royal Asiatic Society, Dritte Serie 25/4, 2015, 568 Er war auch als Gesetzgeber tätig, z. B. für die 19 Stämme der Ogusen, und wird zum Nahmensgeber der Kiptschaken.Stefan Kamola, History and legend in the Jāmì al-tawārikh: Abraham, Alexander and Oghuz Khan. Journal of the Royal Asiatic Society, Dritte Serie 25/4, 2015, 570 In seiner Version entfällt der heidnische Wahrsager, und Ogus selber versteckte den Bogen und die Pfeile, die den späteren Rang seiner Nachkommen festlegten.

Bei Abu’l Ghazi ist Oġuz der Enkel des Moñgol-Khan, Sohn von Turk, einem Sohn Jafets.

Rezeption mini|Oġuzhan-Brunnen in Aşgabat Im Werk Raschīd ad-Dīn Tabibs sollte das Vorbild von Oġuz die Eroberungen der Mongolen Hülegüs im nahen Osten und die Vormachtstellung des Ilkhans Ghazan gegenüber den Mameluken und der Goldenen Horde legitimieren.Stefan Kamola, History and Legend in the Jāmì al-tawārikh: Abraham, Alexander and Oghuz Khan. Journal of the Royal Asiatic Society, Dritte Serie 25/4, 2015, 557. Unter Stalin wurde das Oguznāmah, wie auch das Buch von Dede Korkut und zahlreiche andere zentralasiatische und türkische Epen 1951/52 verboten.Amieke Bouma, Turkmenistan: Epics in Place of Historiography. Jahrbücher für Geschichte Osteuropas NF 59/4, 2011, 563 Unter Chruschtschov wurden die Überlieferungen 'rehabilitiert', galten aber immer noch als politisch sensitiv und konnten erst nach der Perestroika frei diskutiert werden.Amieke Bouma, Turkmenistan: Epics in Place of Historiography. Jahrbücher für Geschichte Osteuropas N.F. 59/4, 2011, 563–564