Der Rabbi von BacherachIm Erstdruck und in den meisten folgenden Ausgaben erscheint die abweichende Schreibung „Bacherach“. Einige moderne Ausgaben verwenden stattdessen die korrekte Schreibung des Ortsnamens „Bacharach“. ist der Titel des Fragments einer historischen Erzählung bzw. Romans von Heinrich Heine, die er 1824 begonnen hat. 1840 wurde das Fragment als erster Teil des 4. Bandes des Heineschen Sammelwerks Der Salon bei Hoffmann und Campe in Hamburg veröffentlicht. Der titelgebende Rabbi Abraham von Bacherach flieht darin mit seiner Frau Sara vor einem judenfeindlichen Anschlag in das jüdische Ghetto in Frankfurt am Main, wo er nach dem Besuch der Synagoge seinen spanischen Freund Don Isaak Abarbanel trifft.
Handlung Das Fragment besteht aus 3 Kapiteln.
Im ersten Kapitel entwirft Heine zunächst das Bild der am Rhein gelegenen Stadt Bacherach, die als verfallen und verödet beschrieben wird. Er spricht dann von der dort seit Römerzeiten ansässigen kleinen Judengemeinde und den Verfolgungen der Juden in diesen Gegenden, insbesondere während der Großen Pest. Er erwähnt die Ritualmordlügen, mit denen die Pogrome gerechtfertigt wurden und insbesondere die des Werner von Oberwesel, zu dessen Andenken auch in Bacherach eine Sankt-Werners-Kirche erbaut worden sei.
Dann folgt die Beschreibung eines Sederabends, des Vorabends des Pessachfests im Haus des Rabbi Abraham, geschildert aus der Sicht seiner Frau Sara. Während der Rabbi den zahlreichen Familienmitgliedern Geschichten aus der Bibel erzählt oder vorliest, kommen plötzlich zwei Fremde herein, die sich als reisende Juden ausgeben. Abraham lädt sie zu Tisch. Während er weiterspricht, beobachtet Sara plötzlich ein grausiges Entsetzen in Abrahams Gesicht, doch sofort spricht er unnatürlich fröhlich und ausgelassen weiter. Als Sara ihm, wie den anderen Gästen, das Wasserbecken reicht, gibt er ihr ein Zeichen und geht hinaus, sie folgt ihm, er greift sie beim Arm und flieht mit ihr in großer Eile aus der Stadt, hinauf auf einen Felsen oberhalb des Rheins. Dort berichtet er: Er habe zufällig unterm Tisch eine Kinderleiche erblickt und sofort erkannt, dass die beiden Fremden gekommen seien, um ihm einen Kindermord in die Schuhe zu schieben und ihn dann zu töten. Er läuft mit Sara zum Rheinufer hinunter und auf die Landstraße nach Bingen. Nun setzt Heine alle Stilmittel der Schauerromantik ein, um eine düstere und bedrohliche Stimmung zu vermitteln:
Es war eine jener Frühlingsnächte, die zwar lau genug und hellgestirnt sind, aber doch die Seele mit seltsamen Schauern erfüllen. Leichenhaft dufteten die Blumen; schadenfroh und zugleich selbstbeängstigt zwitscherten die Vögel; der Mond warf heimtückisch gelbe Streiflichter über den dunkel hinmurmelnden Strom; die hohen Felsenmassen des Ufers schienen bedrohlich wackelnde Riesenhäupter; der Thurmwächter auf Burg-Strahleck blies eine melancholische Weise; und dazwischen läutete, eifrig gellend, das Sterbeglöckchen der Sankt-Wernerskirche.
Schließlich lassen sie sich vom „stillen Wilhelm“, einem stummen Fischer, in seinem Boot nach Frankfurt am Main rudern.
Im zweiten Kapitel erreichen Rabbi Abraham und Sara Frankfurt und begehren am Tor der Judengasse Einlass. Dort gibt es einen witzigen Dialog zwischen dem ängstlichen Türschließer Nasenstern und Jäkel dem Narren, ehe Nasenstern das Tor öffnet. Jäkel der Narr singt dem Rabbi und seiner Frau das Chad gadja, das letzte Lied der Haggada vor, das bei Heine mit der vorletzten Strophe endet:
„Es kam ein Todesenglein und schlachtete das Schlächterlein, das geschlachtet das Oechslein, das gesoffen das Wässerlein, das gelöscht das Feuerlein, das verbrannt das Stöcklein, das geschlagen das Hündlein, das gebissen das Kätzlein, das gefressen das Böcklein, das gekauft Väterlein, er gab dafür zwey Suslein; ein Böcklein, ein Böcklein!“ Hier wird der unterbrochene Sederabend von Bacherach gewissermaßen abgeschlossen und Jäckel der Narr fügt eine Deutung als Ankündigung einer einstigen Rache für das vergossene Blut der ermordeten Juden hinzu „Ja, schöne Frau […] einst kommt der Tag, wo der Engel des Todes den Schlächter schlachten wird, und all unser Blut kommt über Edom; denn Gott ist ein rächender Gott — — —“
Abraham muss erklären, wieso er am Feiertag reist, und erklärt es mit einer Flucht aus Lebensgefahr. „Gefahr vertreibt den Sabbath“, wie es im Talmud hieße. Durch die wegen des Feiertags stille Judengasse gehen die beiden zur Synagoge, wo sie sich trennen müssen, weil die Männer unten und die Frauen oben auf der Galerie beten. Sara lernt dort die sehr gesprächige Schnapper-Elle kennen, die mit einer anderen Jüdin in Streit gerät. Der Streit endet, als Sara in Ohnmacht fällt und die anderen Frauen ihr helfen. Sara hatte ihren Mann unten sprechen gehört. Er hatte, wie es Sitte war, das Wort ergriffen, um Gott für die Rettung aus großer Gefahr zu danken, dann aber das Totengebet für alle mutmaßlich totgeschlagenen Angehörigen gesprochen. Erst dadurch war Sara klar geworden, dass ihre ganze Familie in Bacharach wohl einem Pogrom zum Opfer gefallen war.
Das dritte Kapitel spielt nach dem Gottesdienst auf der belebten Frankfurter Judengasse. Abraham und Sara treffen dort den Ritter Don Isaak Abarbanel, der sogleich der schönen Sara seine treuen Dienste anbietet. Abraham erkennt in ihm einen Jugendfreund wieder, den er sieben Jahre zuvor in Toledo kennen gelernt und den er damals vor dem Ertrinken im Fluss Tajo gerettet hatte. Im Gespräch mit Abraham bekennt sich Don Isaak, der ebenfalls jüdischer Abstammung ist, zu Abrahams Entsetzen zum Heidentum. Allerdings verehre er nach wie vor die jüdische Kochkunst, speziell die von Schnapper-Elles Garküche, und lädt die beiden hungrigen Flüchtlinge nach dort zum Essen ein. Dort angekommen, überschüttet er die verwitwete Wirtin mit Komplimenten. Damit endet der Text.
Hintergrund und Entstehung Namen von Personen und Orten in der Erzählung sind durchgängig verfremdet. So ist der Handlungsort des 1. Kapitels offenbar Bacharach am Rhein, was als Bacherach erscheint, die dortige Wernerkapelle wird auch in der Erzählung erwähnt. Über Bacharach liegt die Burg Stahleck, die hier Burg Sareck heißt. Der im 3. Kapitel erscheinenden Figur des jugendlichen spanischen Ritters Don Isaak Abarbanel entspricht der jüdische Philosoph Isaak Abrabanel. Der Erzähler erwähnt anfangs, dass seit der Judenverfolgung von 1287 nach dem Tod des Werner von Oberwesel über 200 Jahre vergangen seien, also das Ende des 15. Jahrhunderts der Zeitpunkt der Handlung ist. Zu dieser Zeit war allerdings der historische Isaak Abrabanel schon über 50 Jahre alt. Heines Vorbild für den vom Judentum abtrünnigen jungen Mann war daher vermutlich Abrabanels dritter Sohn Samuel.
Die Idee einer historischen Erzählung aus der jüdischen Geschichte entstand im Kontext des Vereins für Cultur und Wissenschaft der Juden der sich nach den antisemitischen Ausschreitungen der Hep-Hep-Krawallen von 1819 gegründet hatte und in den Heine am 4. August 1822 auf Antrag seines Freundes, des liberalen Hegelianers Eduard Gans aufgenommen worden war. Der Verein verfolgte Gans zufolge das Ziel, „die jüdische Welt sich selbst vorstellig zu machen“, also einen wissenschaftlichen Zugang zu jüdischer Religion und Geschichte als Grundlage einer modernen jüdischen Identität zu erarbeiten.
Neben Gans gehörten mit Leopold Zunz und Moses Moser weiter Freunde Heines dem Verein an, deren Hilfe er bei den Vorarbeiten zum Rabbi immer wieder in Anspruch nehmen würde. Der Verlauf dieser Vorarbeiten und Recherchen Heines ist anhand von Heines Briefen an die Freunde und der von Heine aus der Bibliothek der Universität Göttingen entliehenen Bücher nachvollziehbar und datierbar. Zu den von Heine entliehenen Titeln gehören Handbuch für Reisende am Rhein von Schafhausen bis Holland von Aloys Wilhelm Schreiber, die Jüdischen Merkwürdigkeiten von Johann Jacob Schudt (1714–1718), die Frankfurt-Chronik des Achilles August von Lersner (Der Weitberühmten freyen Reichs- Wahl- und Handels-Stadt Franckfurt am Mayn Chronica, 1734) und vor allem die 15-bändige jüdische Geschichte von Jacques Basnage (Histoire des juifs, depuis Jesus Christ jusqu’à présent) in der erweiterten Ausgabe von 1716.Walter Kanowsky: Heine als Benutzer der Bibliotheken in Bonn und Göttingen. In: Heine-Jahrbuch 1973, S. 129–153.
Die eigentliche Arbeit an der Erzählung begann Heine wahrscheinlich im Mai 1824, nachdem er von einem Besuch in Berlin nach Göttingen zurückgekehrt war. Am 24. Mai schreibt er an seinen Studienfreund Rudolf Christiani: „[…] doch bin ich jetzt an einer großen Novelle, die mir sehr sauer wird.“ Anhand der Ausleihlisten zeigt sich, dass Heine die Arbeit am Rabbi wohl bis zum Beginn der Harzreise im September fortgeführt hat. Am 24. Juni schreibt er an Moser:
„Außerdem treibe ich viel Chronikenstudium und ganz besonders viel historia judaica. Letztere wegen Berührung mit dem Rabbi, und vielleicht auch wegen inneren Bedürfnisses. Ganz eigene Gefühle bewegen mich wenn ich jene traurige Analen durchblättre; eine Fülle der Belehrung und des Schmerzes. Der Geist der jüdischen Geschichte offenbart sich mir immer mehr und mehr, und diese geistige Rüstung wird mir gewiß in der Folge sehr zu statten kommen. An meinen Rabbi habe ich erst 1/3 geschrieben, meine Schmerzen haben mich auf schlimme Weise daran unterbrochen, und Gott weiß ob ich ihn bald und gut vollende. Bey dieser Gelegenheit merkte ich auch daß mir das Talent des Erzählens ganz fehlt; vielleicht thue ich mir auch Unrecht und es ist bloß die Sprödigkeit des Stoffes. Die Paschafeyer ist mir gelungen, ich bin Dir für die Mitheilung der Agode Dank schuldig[.]“
Nach der Harzreise jedoch gerät die Arbeit ins Stocken. Am 25. Oktober schreibt er an Moser:
„Blut wenig habe ich diesen Sommer geschrieben. Ein paar Bogen an den Memoiren. Verse gar keine. Am Rabbi wenig, so daß kaum 1/3 davon geschrieben ist. Er wird aber sehr groß, wohl ein dicker Band, und mit unsäglicher Liebe trage ich das ganze Werk in der Brust. Ist es ja doch ganz aus der Liebe hervorgehend, nicht aus eitel Ruhmgier. Im Gegentheil wenn ich der Stimme der äußern Klugheit Gehör geben wollte so würde ich es gar nicht schreiben. Ich sehe voraus wie viel ich dadurch verschütte und feindseeliges herbeyrufe. Aber eben auch weil es aus der Liebe hervorgeht wird es ein unsterbliches Buch werden, eine ewige Lampe im Dome Gottes, kein verpraßlendes Theaterlicht. Ich habe viel Geschriebenes in diesem Buche wieder ausgelöscht, jetzt erst ist es mir gelungen das Ganze zu fassen, und ich bitte nur Gott mir gesunde Stunden zu geben es ruhig nieder zu schreiben.“
In den folgenden Monaten betrieb er weiteres Quellenstudium, schrieb aber nur wenig, da das Examen und die Vorbereitung auf die seine Taufe anstanden und Heine zudem wieder stark unter Kopfschmerzen litt. Am 1. Juli 1825 schreibt er an Moser:
„[Der Rabbi] schreitet nur langsam vorwärts, jede Zeile wird abgekämpft, doch drängts mich unverdrossen weiter indem ich das Bewußtseyn in mir trage daß nur Ich dieses Buch schreiben kann, und daß das Schreiben desselben eine nützliche, gottgefällige Handlung ist. Doch ich breche hiervon ab, indem dieses Thema mich leicht dazu bringen kann von der eignen Seelengröße selbstbespiegelnd zu renomiren. […] Es wird ein Buch seyn das von den Zunzen aller Jahrhunderte als Quelle genannt werden wird.“