Krautrock (alternative Schreibweise Kraut Rock, abgeleitet von dem im Englischen meist stereotypisierend verwendeten Begriff Kraut als Bezeichnung für einen Deutschen) ist ein Sammelbegriff für die Musik verschiedener westdeutscher Rockbands der späten 1960er und 1970er Jahre, die Einflüsse afroamerikanischer und angloamerikanischer Musik mit der experimentellen und elektronischen Musik europäischer Komponisten verbanden.
Begriffsprägung Es gibt unterschiedliche Anekdoten, Theorien und Geschichten zur Herkunft des Begriffs Krautrock. Die erstmalige Verwendung und die Entwicklung des Begriffs lässt sich jedoch nicht eindeutig nachvollziehen. Klar ist, dass der Begriffsbestandteil Kraut auf die abschätzige Bezeichnung Krauts für die deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg zurückgeht. Die gängige und verbreitete Darstellung, dass er von der britischen Musikpresse geprägt wurde, kann nicht bestätigt werden, da westdeutsche Akteure den Begriff Kraut in Verbindung mit westdeutscher Popmusik bereits zu einer Zeit verwendeten, bevor die Szene im Vereinigten Königreich wahrgenommen wurde: So veröffentlichte 1969 Amon Düül auf ihrem Debütalbum Psychedelic Underground den Titel Mama Düül und Ihre Sauerkrautband spielt auf. 1970 ließ sich der Tonmeister Conny Plank den Begriff Kraut in Verbindung mit Popmusik mit der Gründung des Kraut-Musikverlags schützen. 1971 veröffentlichte die Firma Popo Managements Inc. aus Neu-Isenburg in der US-Zeitschrift Billboard eine Werbeanzeige für das Label Bacillus Records, in der der Begriff Kraut Rock verwendet wurde. Sowohl auf der 1973 erschienenen vierten LP der Hamburger Gruppe Faust, als auch auf der Veröffentlichung Rot von Conrad Schnitzler aus dem gleichen Jahr, befindet sich jeweils ein Musikstück mit dem Titel Krautrock.
Teilweise wurde der Begriff von den deutschen Musikern wie Harald Grosskopf (Wallenstein) oder Mani Neumeier (Guru Guru) als selbstironische Bezeichnung und damit letztendlich als positiv besetzter Begriff für ihre Musik verwendet, von anderen Musikern wie beispielsweise Michael Rother oder Klaus Schulze jedoch abgelehnt.
Vorgeschichte und Frühphase (vor 1970) Zwar gab es bereits früh Bands, die völlig selbstverständlich auf Deutsch sangen (Ihre Kinder, Prof. Wolfff), jedoch galten deutsche Texte in der damaligen Rockmusik noch keineswegs als selbstverständlich und statt auf das Englische auszuweichen, entschieden sich einige Krautrockbands dafür, nahezu oder gänzlich auf Texte zu verzichten (so z. B. Ash Ra Tempel).
Hauptphase (1970–1980) Bemerkenswert ist die Nähe vieler Bands zum außerparlamentarischen Widerstand und zu linken Gruppierungen (Floh de Cologne, Ton Steine Scherben, Lokomotive Kreuzberg). Agitation Free hatten ihren Übungsraum in der K1 und spielten oft bei Aktionen der Haschrebellen. Bemerkenswert ist auch, dass Gruppen wie Omega (Ungarn) und Nektar (GB/USA) wegen ihres Erfolgs in Westdeutschland oft zu den Krautrockern gezählt werden.
Als einzig gemeinsame Grundtendenz wäre die Neigung zu komplexeren Strukturen zu nennen, wodurch eine enge Verwandtschaft zu Progressive Rock/Artrock und Jazzrock besteht. Aus heutiger Sicht ist hervorzuheben, dass hier auffällig viele Musiker mit der damals neuartigen Synthesizer-Technik experimentierten. Dies gilt neben Can vor allem für Tangerine Dream und deren Umfeld (Klaus Schulze, Ash Ra Tempel), die so möglicherweise die Basis für den späteren Welterfolg von Kraftwerk (Autobahn, 1974) lieferten.
Österreichische Krautrockbands sind z. B. Ixthuluh und Gipsy Love (mit Karl Ratzer und Harri Stojka). Nachwirkung (nach 1980) Da sich angefangen vom Hip-Hop-Pionier Afrika Bambaataa bis hin zu Techno-„Originator“ Juan Atkins international viele Musiker der folgenden Generationen explizit auf diesen „elektronischen“ Bereich bezogen, kommt dem Krautrock rückblickend eine durchaus große pop-historische Bedeutung zu, auch wenn dies seinerzeit weder beabsichtigt noch absehbar gewesen ist. Deutliche Krautrock-Einflüsse sind bei Indie-Bands wie Sonic Youth (vor allem Can) und Stereolab (vor allem Neu!) zu bemerken.
Um die Jahrtausendwende kam es zu einer Renaissance alter Krautrock-Bands, zunächst in den USA, in der Folge auch in Deutschland. Diese Entwicklung hielt an und führte dazu, dass es zu Wiedervereinigungen kam, dass vergriffene Tonträger neu aufgelegt wurden und dass auch neue Bands, wie die 2001 gegründeten Space Debris, ihre Musik als „Krautrock“ bezeichneten.
Wichtige Vertreter und Stile
Abgesehen von der Verwendung des nicht schmeichelhaft gemeinten Wortes „Kraut“ wird durch diese Zusammenfassung verschiedenster Stilrichtungen und die Reduzierung auf ihre geographische beziehungsweise nationale Herkunft der Begriff Krautrock auch oft als eine abwertende Bezeichnung verstanden. So waren beispielsweise Amon Düül und Agitation Free dem Psychedelic Rock verpflichtet, Tangerine Dream neigten eher dem Bereich der elektronischen Musik zu, Guru Guru praktizierten zunächst Space Rock à la Hawkwind, Birth Control waren dem Hardrock zuzuordnen, während Can eine nahezu avantgardistische Kompositionshaltung wählten. Insgesamt zeichneten sich die Bands oft durch eigene Interpretationen der anglo-amerikanischen Muster aus, was auch internationale Anerkennung mit sich brachte.
Bands, die dem Krautrock zugeschrieben werden: Abacus Acapulco Gold Aera Agitation Free Ainigma Alex Oriental Experience Alma Ata Amon Düül Amon Düül II Annexus Quam Aphysiistic Ardo Dombec Ash Ra Tempel Atlantis Baumstam Okko Bekker (Niederlande) Between Birth Control Brainticket (Belgien) Bröselmaschine Bunka, Roman Camera Obscura Can Carsten Bohn’s Bandstand Checkpoint Charlie City (DDR) Cluster/Kluster Contact Trio Da capo Dauner, Wolfgang Die City Preachers Direkt Drahdiwaberl (Österreich) Duesenberg Eela Craig (Österreich) Eiliff Ejwuusl Wessahqqan electra (DDR) Electric Moon The Electric Family Electric Orange Eloy Embryo Epidermis Epitaph Eroc Ertlif (Schweiz) Eulenspygel Faithful Breath Family Tree Fargo Flaming Bess Food Band Franz K. Frohmader, Peter Frumpy Faust Floh de Cologne Gebrüder Engel Genrich, Ax German Oak Gift Gila Gipsy Love Gloria’s Children Grobschnitt Guru Guru Hairy Chapter Harlis Harmonia Hoelderlin Ihre Kinder Improved Sound Limited Irrwisch (Schweiz) Ixthuluh (Österreich) Jane Joy & The Hit Kids Joy Unlimited Kalacakra Karaba Karakorum Karat (DDR) Karthago Kerth, Jürgen (DDR) Kin Ping Meh Kluster Kolbe & Illenberger Kraan Krokodil (Schweiz) Langsyne Les Sauterelles (Schweiz) Liliental Lily Lucifer’s Friend Mass Missus Beastly Mon Dyh Morpheus M.T. Wizzard Munju Mythos N-1 Necronomicon Neu! Niagara Nine Days Wonder Novak’s Kapelle (Österreich) Novalis Obskuria Octopus Organisation zur Verwirklichung gemeinsamer Musikkonzepte Os Mundi Ougenweide Out of Focus Pancake Parzival Passport Paternoster (Österreich) Pell Mell Percewood’s Onagram The Petards Pille Palle & Die Ötter Pötter The Pink Mice Polis Popol Vuh Prof. Wolfff Prosper The Proud Flesh Ramses Randy Pie The Rattles Reform (DDR) Release Music Orchestra Rufus Zuphal Rumpelstilz (Schweiz) Sächwerk Sahara Satin Whale Schariwari Schmetterlinge (Österreich) Schwab, Siegfried Scorpions Scrifis Shaa Khan Shades of Dawn Silberbart SiloahSounds Of New Soma Sounds Of New Soma Space Debris Sparifankal Stern-Combo Meißen (DDR) Straight Shooter Streetmark Sun Sweet Smoke (Brooklyn, USA) S.Y.P.H. Thirsty Moon Tibet Tiger B. Smith Ton Steine Scherben Trigon Tritonus Triumvirat Twenty Sixty Six and Then Vibravoid Vinegar Virgin’s Dream Waldschrat Wallenstein Warmer Südwind Weltraumstaunen Witthüser & Westrupp Wonderland Xhol Zeitgeist Zodiak Free Arts Lab
Musiker und Bands der Elektronischen Musik A. R. & Machines Cluster Manuel Göttsching Harmonia Kraftwerk La Düsseldorf Neu! Hans-Joachim Roedelius Conrad Schnitzler Eberhard Schoener Klaus Schulze Tangerine Dream
Literatur Dag Erik Asbjørnsen: Cosmic Dreams at Play – A guide to German Progressive and Electronic Rock. Borderline Productions, London 2008, ISBN 1-899855-01-7. Julian Cope: KrautRockSampler. One Heads Guide To The Grosse Kosmische Musik. Übers. von Clara Drechsler und Ronald Rippchen. Werner Pieper’s MedienXperimente, Löhrbach 1996 (= Der Grüne Zweig 186), ISBN 3-925817-86-7. Christoph Dallach: Future Sounds. Wie ein paar Krautrocker die Popwelt revolutionierten. Suhrkamp Verlag, Berlin 2021, ISBN 978-3-518-46598-1. Henning Dedekind: Krautrock – Underground, LSD und kosmische Kuriere. Hannibal Verlag, Höfen 2008, ISBN 978-3-85445-276-8. Neuauflage: Zweitausendeins, Leipzig 2021, ISBN 978-3-96318-117-7 (EPUB ISBN 978-3-96318-139-9) Ulrich Klatte: Cosmic Price Guide to original KRAUTROCK records. 4. Auflage. CPG-Verlag, Hamburg 2018, ISBN 978-3-9810109-4-7. Nikos Kotsopoulos: Krautrock. Cosmic Rock And Its Legacy. Black Dog Publishing, London 2009, ISBN 978-1-906155-66-7. Uwe Schütte (Hrsg.): The Cambridge Companion to Krautrock. Cambridge University Press, Cambridge 2023, ISBN 978-1-316-51107-7 Wolfgang Seidel: Wir müssen hier raus! Krautrock, Free Beat, Reeducation. Ventil Verlag, Mainz 2016, ISBN 978-3-95575-052-7. Alexander Simmeth: Krautrock transnational. Die Neuerfindung der Popmusik in der BRD, 1968–1978. Transcript Verlag, Bielefeld 2016, ISBN 978-3-8376-3424-2. Christoph Wagner: Klang der Revolte: die magischen Jahre des westdeutschen Musik-Underground. Schott, Mainz 2013.
Filme Kraut und Rüben – Über die Anfänge deutscher Rockmusik, 6-teilige WDR-Rockpalast-Dokureihe (2006) Roboter essen kein Sauerkraut, Regie: Stefan Morawietz, 90 min. Dokumentation (2008) Klatschmohn, Dokumentation vom German Rock Super Concert in der Festhalle Frankfurt (1973) Kraut-Rock – Zustand einer Musikprovinz, Autor: Michael Stefanowski, 47 min. Doku (1975) Krautboys – Die einzig wahre Al Gringo Story , Regie: Hansjörg Thurn, Darsteller: Francesco Pahlevan, Nicka v. Altenstadt, Hans Uwe Bauer, Rolf Zacher, die Krautboys, u. a., Musik: Al Gringo and the Original Psychobilly Krautboys on Moonshine, 88 min., Farbe, 16 mm, Deutschland (1992), Komödie
Weblinks
Christoph Wagner: Kosmische Kuriere, in der taz. die tageszeitung vom 3. März 1995, S. 15. green-brain & friends
Musikbeispiele: Faust: Kraftwerk: Can: Neu! Wallenstein:
Einzelnachweise
Kategorie:Stilrichtung der Rockmusik Kategorie:Progressive Rock Kategorie:Stil der elektronischen Musik