Gaius Terentius Varro († nach 200 v. Chr.) war römischer Konsul im Jahr 216 v. Chr. und befehligte zusammen mit seinem Amtskollegen Lucius Aemilius Paullus die römische Armee in der Schlacht von Cannae im Zweiten Punischen Krieg gegen den karthagischen Feldherrn Hannibal. Trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit konnte Hannibal die römische Armee vernichten. Im weiteren Kriegsverlauf kam Varro, der im Gegensatz zu Paullus die Schlacht überlebte, keine bedeutendere Rolle mehr zu. In der Retrospektive wurde er von der späteren römischen Geschichtsschreibung größtenteils negativ charakterisiert und ihm die Hauptverantwortung an der verheerenden Niederlage gegen Hannibal zugeschrieben, da er gegen eine angeblich schon vor der Niederlage vorsichtige Kriegspolitik des Senats mobil gemacht habe und im Gegensatz zu seinem Amtskollegen für die Austragung einer entscheidenden kriegerischen Auseinandersetzung mit Hannibal eingetreten sei. Doch blieben auch Spuren einer positiveren Überlieferung erhalten; so u. a., dass Varro wegen seiner Stabilisierungsbemühungen der Lage nach dem unglücklichen Ausgang der Schlacht mit Achtung behandelt und ihm sogar das Amt eines Diktators angeboten worden sei. Insgesamt sind aus Varros Leben nur relativ wenige zuverlässige Fakten bekannt.

Leben Herkunft und frühe Laufbahn Gaius Terentius Varro entstammte der plebejischen gens Terentia und war laut den Fasti Capitolini der Sohn eines Gaius Terentius und Enkel eines Marcus Terentius.

Eventuell hatte der römische Historiker Titus Livius schon in den früheren, verlorenen Büchern seines Geschichtswerks Ab urbe condita Varro anlässlich von dessen Erreichen der niedrigeren Ämter des Cursus honorum erwähnt. Jedenfalls holt Livius die frühe Lebensgeschichte des Varro anlässlich von dessen Eintreten für das Gesetz zur Gleichstellung des Magister equitum Marcus Minucius Rufus in der Befehlsgewalt mit dem Diktator Quintus Fabius Maximus Verrucosus (217 v. Chr.) in Form einer Invektive nach. Die Quelle für diese schmähende Einführung war vielleicht Lucius Coelius Antipater. Nach dieser Darstellung habe Varro nicht nur aus niedrigen, sondern aus schmutzigen Verhältnissen gestammt und sei der Sohn eines Metzgers gewesen. Auch Varro selbst habe anfangs dieses Gewerbe ausgeübt. Mit Hilfe des von seinem Vater hinterlassenen Gelds habe er gehofft, eine senatorische Laufbahn einschlagen zu können. Er sei aufgrund seines Eintretens für verleumderische Prozesse gegen das Vermögen und den Ruf führender Leute beim Plebs beliebt geworden und habe so die niedrigeren Magistraturen der Quästur sowie der plebejischen und kurulischen Ädilität erreicht.Livius, Ab urbe condita 22, 25, 18 – 26, 3 und 22, 34, 2; danach Valerius Maximus, Facta et dicta memorabilia 3, 4, 4; Silius Italicus, Punica 8, 246 ff.; Plutarch, Fabius 14, 2; Cassius Dio, Römische Geschichte, Fragment 57, 24; Kommentar zu Livius von Gegenüber dieser feindseligen, einseitigen Charakteristik blieben auch Spuren einer positiveren, ehrenvollen Darstellung in der Überlieferung erhalten, die wohl auf Varros Nachkommen, den römischen Gelehrten Marcus Terentius Varro, zurückgehen (vgl. Kapitel „Würdigung“).

Nicht genau gesichert ist Varros Teilnahme am ersten illyrischen Krieg 229/228 v. Chr. Sowohl Friedrich Münzer als auch der amerikanische Historiker Jerome Arkenberg verweisen auf sein Mitwirken. Arkenberg begründet es damit, dass Gaius Terentius der erste seiner Familie gewesen sei, der den Namen Varro trug.

Nach Ansicht von Friedrich Münzer bekleidete Varro um die Zeit des ersten illyrischen Kriegs auch das Amt eines Münzmeisters. In zeitlich nicht genau bestimmbaren Jahren hatte er die Quästur und daraufhin die plebejische (um 221 v. Chr.) sowie die kurulische Ädilität (um 220 v. Chr.) inne. Auf durch Marcus Terentius Varro überlieferte Familientradition geht wohl die Erzählung zurück, dass Gaius Terentius Varro in einem seiner Ädiln-Ämter Festspiele veranstaltet habe, und bei der hierbei durchgeführten Pompa circensis habe ein auffallend schöner Knabe auf dem Wagen des Jupiter die Exuvien (Attribute) des Gottes getragen; hierdurch sei nach dem Volksglauben Juno eifersüchtig geworden, weshalb Varro später in der Schlacht von Cannae unterlegen sei. Indem also Marcus Terentius Varro behauptete, dass unabsichtlich hervorgerufener göttlicher Zorn die Niederlage seines Ahnherrn bei Cannae verursacht habe, versuchte er wohl die diesem spätere angelastete menschliche Schuld an der Katastrophe kleinzureden.Valerius Maximus, Facta et dicta memorabilia 1, 1, 16, Lactanz, Divinae institutiones 2, 16; dazu Das nächste von Gaius Terentius Varro bekleidete Amt war 218 v. Chr. die Prätur.Livius, Ab urbe condita 22, 25, 18 und 22, 26, 4. 217 v. Chr. befürwortete er als Einziger den Gesetzesantrag des Volkstribunen Marcus Metilius, nach dem der Reiteroberst Minucius Rufus dem Diktator Fabius Maximus in der Entscheidungskompetenz gleichgestellt werden sollte (s. o.).

Konsulat Konsuln-Wahl; Rüstungen; Spannungen bei den Kriegsvorbereitungen 216 v. Chr. erreichte Gaius Terentius Varro das Konsulat. Er wurde als Homo novus laut der gegenüber ihm sehr feindselig eingestellten Darstellung des Livius mit Hilfe seines Verwandten, des Volkstribunen Quintus Baebius Herennius, problemlos gewählt, sein der Nobilität angehöriger Amtskollege Lucius Aemilius Paullus hingegen konnte sich erst im zweiten Wahlgang die andere Konsulatsstelle sichern.Livius, Ab urbe condita 22, 34, 2 – 35, 7. So ist bereits der im Allgemeinen sehr zuverlässige griechische Historiker Polybios ungenau, weil er bei seiner Anführung der Wahl zuerst den Paullus erwähnt.Polybios, Historíai 3, 106, 1.

Für die Kriegsvorbereitungen und vor allem für die Kriegsanbahnung bis zur Entscheidungsschlacht ist nach Ansicht des Althistorikers Friedrich Münzer fast ausschließlich der Bericht des Polybios glaubwürdig und damit historisch verwertbar. Demnach beschloss der Senat in Übereinstimmung mit den Konsuln, mit einer starken Übermacht in offenem Gelände gegen Hannibal zu kämpfen, wo der punische Feldherr keine Hinterhalte legen konnte, durch welches Mittel er schon öfters erfolgreich gewesen war. So hofften die Römer aufgrund ihrer bedeutenden Truppenstärke den Sieg davonzutragen. Die zu erreichende Gesamtstärke ihrer Armee wurde auf acht Legionen und eine ebenso zahlreiche Streitmacht ihrer Bundesgenossen festgelegt. Varro und sein Amtskollege hoben die noch fehlende Zahl von Soldaten aus und übergaben das Truppenkommando im Felde inzwischen den Konsuln des Vorjahres, Gnaeus Servilius Geminus und Marcus Atilius Regulus, die sich einstweilen nur auf kleinere Gefechte einlassen sollten. Die Rüstungen dauerten fast ein halbes Jahr.Polybios, Historíai 3, 106 und 3, 107.

Laut Polybios brach ein Streit zwischen den Konsuln über die Kriegsführung erst bei der Feindberührung vor der Entscheidungsschlacht aus. Dagegen behaupten Livius und die meisten erhaltenen Berichte späterer Autoren, dass die Differenzen, ob eine Schlacht zu liefern sei, schon vor dem Aufbruch der Armee aus Rom ausgebrochen seien.. Livius spricht hierbei von heftigen Parteikämpfen zwischen dem alten Adel und neuen Emporkömmlingen. Schon bei der Wahl der Konsuln sei es zu Spannungen zwischen der Volkspartei und den Patriziern gekommen; der Volkstribun Baebius Herennius habe den Adel beschuldigt, den Krieg gegen Hannibal absichtlich in die Länge zu ziehen und ihn sogar nach Italien gelockt zu haben.Livius, Ab urbe condita 22, 34, 4. Varro habe nach seiner Wahl zum höchsten Magistrat dieselben Unterstellungen wiederholt und versichert, er werde den Krieg am Tag der ersten Feindberührung beenden.Livius, Ab urbe condita 22, 38, 6 f.; ähnlich Plutarch, Fabius 14, 2; u .a. Vor allem gegen die letztgenannte Behauptung des Varro legt Livius dem anderen Konsul Paullus eine Gegenrede vor dem Volk in den Mund;Livius, Ab urbe condita 22, 38, 8–12. und ebenso ist eine angebliche Belehrung des vormaligen Diktators Fabius Maximus an den sich zum Aufbruch in den Krieg bereit machenden PaullusLivius, Ab urbe condita 22, 38, 13 – 39, 22; Plutarch, Fabius 14, 4–6; Silius Italicus, Punica 8, 297–326. und dessen AntwortLivius, Ab urbe condita 22, 40, 1–4; Plutarch, Fabius 14, 7; Silius Italicus, Punica 8, 327–358. zu werten. Friedrich Münzer hält alle drei Gegenreden für ungeschichtlich.

Tatsächlich bestanden im damaligen Rom aber jedenfalls noch heftige Gegensätze zwischen Patriziern und Plebejern. So kam es etwa bereits 217 v. Chr. zu innenpolitischen Auffassungsunterschieden bezüglich der Kriegsführung. Hierbei hatte sich die Defensivtaktik des patrizischen Diktators Fabius gegenüber der offensiven Kampftechnik der plebejischen Oberbeamten Gaius Flaminius und Marcus Minucius Rufus als überlegen erwiesen. In der späteren römischen Überlieferung wurde nicht beachtet, dass der Feldzugsplan des Jahres 216 v. Chr. vorsah, militärische Katastrophen wie jene des Flaminius durch die Aufbietung eines viel größeren Heeres möglichst zu verhindern. Stattdessen wurde nur auf den noch verheerenderen Ausgang der Schlacht von Cannae gesehen, ferner darauf, dass Varro am Tag der Schlacht den täglich zwischen den Konsuln wechselnden Oberbefehl innehatte und den Kampf überlebte, während Paullus fiel und damit der Verantwortung an der Niederlage enthoben war. Unter dem Eindruck dieser Tatsachen und der Hereintragung der innenpolitischen Stimmungslage des Vorjahres stellte die römische Geschichtsschreibung die Vorgeschichte der Schlacht von Cannae derart dar, dass sie Varro als den hauptsächlich an der Niederlage schuldigen, unfähigen Feldherrn charakterisierte, während sie Paullus die erfolgreichere Taktik des Fabius weiterverfolgen ließ. Doch bereits Polybios hatte geurteilt, dass die größte Erwartung in Paullus wegen dessen bereits bewiesener Tüchtigkeit und seinem früheren siegreichen Kampf gegen die Illyrer gesetzt worden sei.Polybios, Historíai 3, 107, 8.

Anmarsch zum Kriegsschauplatz; Rolle des Varro in der Schlacht von Cannae Der maßgebliche Bericht des Polybios führt aus, dass die beiden Konsuln nach ihrem Eintreffen bei den römischen Streitkräften wahrscheinlich nahe Arpi umgehend mit dem Heer gegen Hannibal aufbrachen und bereits acht Tage später die entscheidende Schlacht schlugen. Am ersten Tag übernahm Paullus den täglich zwischen den Konsuln wechselnden Oberbefehl und hielt eine Ansprache an die Armee, am folgenden Tag begann bereits der Vormarsch.Polybios, Historíai 3, 108 f. Am dritten Tag, an dem wiederum Paullus das Oberkommando führte, stießen die römischen Verbände nach weiterem Vorrücken auf das gegnerische Hauptheer.Polybios, Historíai 3, 110, 1. Dieses war unter Hannibals Befehl von Gerunium nach Cannae gezogen, einem am Fluss Aufidus (heute Ofanto) in Apulien gelegenen Ort.

Die Feindberührung erfolgte Ende Juli 216 v. Chr. (nach dem vorjulianischen Kalender). Paullus ließ in etwa 9 km Entfernung vom Feind ein Lager aufschlagen. Nun traten laut Polybios erstmals deutliche Meinungsdifferenzen zwischen den Konsuln auf. So hielt Paullus das Gelände für das Austragen einer Schlacht für ungeeignet, da Hannibal in der weiten Ebene seine kavalleristische Überlegenheit ausspielen konnte. Varro war aber – wie Polybios meint, aus Unerfahrenheit – der gegenteiligen Auffassung.Polybios, Historíai 3, 110, 2–4. Er übernahm am folgenden Tag, dem vierten nach der Ankunft der Konsuln beim römischen Heer, wieder den Oberbefehl rückte trotz der Vorbehalte seines Amtskollegen näher an den Feind heran. Hannibal schickte den Römern Leichtbewaffnete und Reiter entgegen, doch waren die Römer letztlich im Gefecht im Vorteil.Polybios, Historíai 3, 110, 4–7.