mini|hochkant|Qian Sanqiang mit seiner Frau He Zehui 1947 Qian Sanqiang (; * 16. Oktober 1913 in Shaoxing, Provinz Zhejiang; † 28. Juni 1992 in Peking) war ein chinesischer Kernphysiker. Er leitete als Staatssekretär im Zweiten Ministerium für Maschinenbauindustrie und Direktor des Instituts für Atomenergie der Chinesischen Akademie der Wissenschaften die Entwicklung der chinesischen Atombombe und organisierte die Grundlagenforschung für die chinesische Wasserstoffbombe.
Jugend und Studium in Peking Qian Sanqiang wurde am 16. Oktober 1913 unter dem Namen Qian Bingqiong (钱秉穹) in Shaoxing geboren. Seine Familie stammte eigentlich aus Huzhou, ebenso wie Qian Xuesen und Qian Weichang gehörte er zum Clan der Wuyue-Qian (吴越钱氏家族), Nachfahren von Qian Liu (钱镠, 852–932), der 907 im heutigen Zhejiang das Wuyue-Reich gegründet hatte. Qian Bingqiongs Vater war der Literaturwissenschaftler Qian Xuantong (钱玄同, 1887–1939), einer der Führer der Bewegung für eine Neue Kultur und der daraus hervorgegangenen Zweifel-am-Altertum-Schule. Qian Xuantong war eigentlich Professor an der Pädagogischen Universität Peking, unterrichtete aber auch an der Universität Peking. Aufgewachsen in einem Akademikerhaushalt konnte Qian Bingqiong mit 5 Jahren schon etwas lesen und schreiben, und als er mit 6 Jahren in die Kongde-Schule (孔德学校) für die Kinder der Angestellten der Universität Peking kam, durfte er unmittelbar in die 2. Klasse eintreten. Wegen seines geringen Alters galt Qian Bingqiong in seiner damaligen Jugendbande als „Nummer Drei“, er war jedoch ein recht guter Sportler. Daraus wurde dann der Spitzname „Dreistark“ (三强). Als sein Vater, wie Lu Xun ein Verfechter des gesprochenen Chinesisch, davon erfuhr, befand er, dass sein Sohn den klassischen Namen Bingqiong („Firmamenthalter“) ablegen und offiziell den Namen „Dreistark“ annehmen sollte, wobei die drei Stärken Anständigkeit, Klugheit und Sportlichkeit sein sollten.
mini|Abschlussklasse 1936. Hinten links Qian Sanqiang, vorne mit Zöpfen He Zehui. Im Jahr 1929 stieß Qian Sanqiang auf den Sammelband „Richtlinien für den nationalen Aufbau“ (建国方略), wo Sun Yat-sen unter anderem den Bau von Eisenbahnen und Häfen forderte. Daraufhin beschloss er, Ingenieurwissenschaften zu studieren, was von seinem Vater unterstützt wurde. Nach dem Abitur 1930, das er mit sehr gutem Ergebnis absolvierte, wurde Qian Sanqiang im Herbst jenes Jahres mit 17 Jahren an der Universität Peking in die Vorbereitungsklasse der Fakultät für Naturwissenschaften (理学院) aufgenommen. Zwei Jahre später, 1932, absolvierte er erfolgreich die Aufnahmeprüfung für reguläre Studenten an der Fakultät für Physik der Tsinghua-Universität. Dort besuchte er unter anderem Unterrichtsveranstaltungen von Wu Youxun und Zhao Zhongyao. 1936 schloss er sein Studium als Diplomphysiker ab; in seiner Abschlussklasse befand sich auch seine spätere Frau He Zehui.
Promotion und Arbeit in Paris Nach seinem Studienabschluss wechselte er an das Institut für Physik der Nationalen Beiping-Akademie (国立北平研究院, eine Vorläuferorganisation der Chinesischen Akademie der Wissenschaften), wo er Assistent von Institutsleiter Yan Jici (严济慈, 1901–1996) wurde und sich mit Molekülspektroskopie befasste. Yan Jici, der bis 1930 am damaligen Institut du Radium in Paris unter Marie Curie gearbeitet hatte, ermutigte seinen Assistenten, sich für ein Promotionsstudium in Frankreich zu bewerben. Qian Sanqiang erhielt von der im April 1925 durch die damalige Beiyang-Regierung zusammen mit der französischen Regierung gegründeten Chinesisch-Französischen Bildungsstiftung (中法教育基金委员会) ein Stipendium und wurde am der Universität von Paris unterstehenden Institut du Radium angenommen. Da ereignete sich am 7. Juli 1937 der Zwischenfall an der Marco-Polo-Brücke. Qian Xuantong, der an sich schon unter Bluthochdruck litt, wurde daraufhin schwer krank, überredete seinen Sohn jedoch, dennoch das Stipendium anzunehmen. Noch 1937 reiste Qian Sanqiang auf dem Seeweg nach Paris, während Yan Jici das Institut für Physik nach Kunming, jenseits der Reichweite der japanischen Truppen, verlagerte.
Zu diesem Zeitpunkt befassten sich am Institut Irène Joliot-Curie und ihr Ehemann Frédéric Joliot-Curie mit Kernphysik. Von seinem Doktorvater Frédéric Joliot-Curie wurde Qian Sanqiang mit entsprechenden Forschungen beauftragt, die er parallel im Institut und im Labor für Kernchemie des Collège de France durchführte. Neben der Arbeit an seiner Dissertation half er auch sonst im Institut aus. So arbeitete er ab Anfang 1939 im Auftrag von Irène Joliot-Curie daran die spektrale Leistungsdichte der Betastrahlung des radioaktiven Lanthan (damals „3,5 h-Körper“ genannt) zu bestimmen, das beim Beschuss von natürlichem und abgereicherten Uran mit Neutronen entstand. 1939 stellte Qian Sanqiang seine Dissertation zum Thema „Kollision von Alphateilchen mit Wasserstoffkernen“ fertig, 1940 verlieh ihm die Universität von Paris den Titel eines Doktors der Naturwissenschaften. Die 59-seitige Dissertation erschien 1940 unter dem Titel „Étude des collisions des particules alpha avec les noyaux d'hydrogène“ und seinem französischen Namen „San Tsiang Tsien“ im Verlag Gauthier-Villars, Paris.
mini|hochkant|Qian Sanqiang mit Frédéric und Irène Joliot-Curie (Frühjahr 1948) Am 14. Juni 1940 marschierten die deutschen Truppen in Paris ein, im August 1940 wurde mit der Promotion sein Stipendium beendet. Durch die Kriegsereignisse konnte Qian Sanqiang nicht nach China zurückkehren, er hatte nun aber auch keine finanziellen Mittel mehr für seinen Lebensunterhalt. In dieser Situation entschied Frédéric Joliot-Curie, ihn als Assistent am Institut weiter zu beschäftigen. Die deutsche Verwaltung hatte das Labor für Kernchemie des Collège de France übernommen, es wurde auch von der Gestapo überwacht, die Forschungsarbeit ging jedoch ungehindert weiter. Wenn Frédéric Joliot-Curie über den Fortgang der Arbeiten berichtete, hörte auch der Kernphysiker Walther Bothe vom Kaiser-Wilhelm-Institut für medizinische Forschung zu, was Joliot-Curie damals den Vorwurf der Kollaboration eintrug. Tatsächlich befanden sich jedoch unter den Assistenten und Studenten von Joliot-Curie zahlreiche Mitglieder der Kommunistischen Partei Frankreichs, und das Labor fungierte als Basis der kommunistischen Widerstandsbewegung.
Qian Sanqiang war nach seinem Studienabschluss in Peking mit seiner alten Kommilitonin He Zehui in Briefkontakt geblieben. Als im Sommer 1945 ein Ende des Antijapanischen Kriegs absehbar war, hatte er ihr einen brieflichen Heiratsantrag gestellt und vorgeschlagen gemeinsam nach China zurückzukehren. He Zehui, die 1940 an der Technischen Hochschule zu Berlin promoviert und ab 1943 am Institut für medizinische Forschung in Heidelberg mit Walther Bothe zusammengearbeitet hatte, kam im Frühjahr 1946 zunächst nach Paris. Am 8. April 1946 fand im Beisein des Ehepaars Joliot-Curie die Hochzeit statt. Anschließend arbeiteten beide zusammen im Institut du Radium an der Erforschung der Spaltprodukte von Uran. Dabei entdeckte Qian Sanqiang auf einer Nebelkammer-Aufnahme einer Uranspaltung eine dritte Leuchtspur, die senkrecht zu den beiden anderen verlief. Nach mehreren 10.000 Versuchen und der Eliminierung der Möglichkeit von systembedingten Beobachtungsfehlern kamen Qian Sanqiang und He Zehui schließlich zu der Erkenntnis, dass bei jeder 3000ten Uranspaltung ein drittes Spaltfragment entstand. Anfang 1947 veröffentlichten sie ihre Ergebnisse in einem Artikel, der großes Aufsehen erregte. Kurz darauf wurde Qian Sanqiang in das Centre national de la recherche scientifique aufgenommen und dort unmittelbar zum Doktorandenbetreuer befördert.
Institut für Moderne Physik mini|hochkant|Qian Sanqiang mit He Zehui und Qian Zuxuan bei der Heimfahrt nach China Zu diesem Zeitpunkt gingen alle davon aus, dass Qian Sanqiang und He Zehui in Frankreich bleiben und dort arbeiten würden. Am 20. November 1947 wurde ihre Tochter Qian Zuxuan (钱祖玄) geboren und in China herrschte Bürgerkrieg. Im Frühjahr 1948 erklärte jedoch Qian Sanqiang nach Absprache mit seiner Frau dem Ehepaar Joliot-Curie, dass die Familie nach China zurückkehren wollte. Nach anfänglichem Bedauern äußerte Frédéric Joliot-Curie jedoch Verständnis. Er teilte Qian Sanqiang einige an sich geheime Daten zur Kernspaltung mit und übergab ihm radioaktive Materialien und Prüfstrahler, die er mit nach China nehmen sollte.
Im Mai 1948 kehrte die Familie nach China zurück, Qian Sanqiang übernahm eine Professur an der Fakultät für Physik der Tsinghua-Universität. Nachdem am 31. Januar 1949 die Garnison Peking der Kuomintang-Truppen kapituliert hatte, kam Ye Jianying, damals Leiter der Militärverwaltung der Stadt (北平市军事管制委员会), zu Qian Sanqiang und bat ihn, als Mitglied der Delegation der befreiten Gebiete zum Weltfriedenskongress zu reisen, der vom 20. bis 25. April 1949 in Paris abgehalten wurde. Das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas hatte trotz großer wirtschaftlicher Schwierigkeiten 50.000 US-Dollar zur Verfügung gestellt, mit denen Qian Sanqiang Messgeräte und Informationsmaterial für die Kernforschung kaufen sollte. In Paris traf Qian Sanqiang während einer Sitzungspause Frédéric Joliot-Curie, der ihm beim Ankauf von Messgeräten und Fachbüchern half und den Versand über mehrere Zwischenstationen nach China organisierte.
Am 19. Mai 1950 gründete Qian Sanqiang zusammen mit Wu Youxun, der seit Dezember 1948 an der Fakultät für Physik der Jiaotong-Universität Shanghai unterrichtete, das in Peking angesiedelte Institut für Moderne Physik der Chinesischen Akademie der Wissenschaften (中国科学院近代物理研究所). Die Leitung des Instituts übernahm zunächst Wu Youxun, Qian Sanqiang wurde sein Stellvertreter. Die anfangs gut 20 Mitarbeiter waren zum größten Teil Kernphysiker von der ehemaligen Academia Sinica in Nanjing und der Nationalen Beiping-Akademie, Qian Sanqiangs erstem Arbeitsplatz. 1951 wurde Wu Youxun stellvertretender Präsident der Akademie der Wissenschaften und Qian Sanqiang übernahm die Leitung des Instituts für Moderne Physik.
Im Laufe der folgenden Jahre nutzte Qian Sanqiang sein Netzwerk, um zusätzliche Wissenschaftler aus den Gebieten Experimentalphysik, Theoretische Physik, Radiochemie, Computerwissenschaft und Vakuumtechnik anzuwerben, bis die 1953 in „Institut für Physik der Chinesischen Akademie der Wissenschaften“ (中国科学院物理研究所) umbenannte Einrichtung Ende 1954 mehrere hundert Mitarbeiter hatte. 1954 trat Qian Sanqiang zunächst als Kandidat in die Kommunistische Partei Chinas ein, im August 1955 wurde er Vollmitglied. Während dieser Zeit wurden im Institut auch zwei Teilchenbeschleuniger gebaut. Im Oktober 1954 entdeckte ein Prospektionstrupp des damaligen Ministeriums für Geologie in Guangxi Chinas erste Uranlagerstätte, ein dort ausgegrabenes Stück Uranerz wurde Mao Zedong und Zhou Enlai gezeigt. Auf einer Sitzung des Zentralkomitees der KPCh am 15. Januar 1955 referierte Qian Sanqiang zusammen mit Li Siguang, dem Minister für Geologie, zu dem Thema und demonstrierte mit einem am Institut hergestellten Geigerzähler die Radioaktivität des Erzbrockens. Die Demonstration überzeugte, das Zentralkomitee beschloss den Bau von Kernkraftwerken.
Nachdem der amerikanische Präsident Harry S. Truman am 30. November 1950 auf einer Pressekonferenz im Rahmen des Koreakriegs mit dem Einsatz von Kernwaffen gegen die Volksrepublik China gedroht hatte, hatte das Zentralkomitee der KPCh beschlossen, ebenfalls Kernwaffen zu entwickeln. Qian Sanqiang hatte schon damals, noch als stellvertretender Leiter des Instituts für Moderne Physik, darauf hingewiesen, dass man für den Aufbau einer chinesischen Atomindustrie im eigenen Land Grundlagenforschung betreiben müsse.