Die ÖRK-Vollversammlung Karlsruhe 2022 war die 11. Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen und fand vom 31. August bis 8. September 2022 in Karlsruhe statt. Das Motto lautete: „Die Liebe Christi bewegt, versöhnt und eint die Welt“ (Christ’s love moves the world to reconciliation and unity, vgl. ). Nach Amsterdam 1948 und Uppsala 1968 war es die dritte Vollversammlung in Europa. Daran nahmen etwa 4000 Gäste aus den rund 350 ÖRK-Mitgliedskirchen teil. Die für 2021 geplante Veranstaltung wurde wegen der COVID-19-Pandemie verschoben.
Vorbereitungen Bei der letzten ÖRK-Vollversammlung Busan 2013 war deutlich geworden, dass der ÖRK eine derartige Großveranstaltung in Zukunft nicht mehr aus eigenen Mitteln durchführen kann, sondern eine gastgebende Kirche braucht, die bereit ist, einen Großteil der Kosten zu tragen.Annette Muhr-Nelson: Vor 20 Jahren wäre das noch kaum möglich gewesen. Interview mit Konrad Raiser zur Geschichte des Ökumenischen Rates der Kirchen und warum es spannend ist, nach Karlsruhe zu schauen. In: Anja Vollendorf, Annette Muhr-Nelson (Hrsg.): welt.bewegt auf dem Weg nach Karlsruhe. Materialheft. Düsseldorf 2021, S. 11. (Download) Konrad Raiser erläutert: Auch infolge des starken Rückgangs finanzieller Ressourcen konzentriere sich der ÖRK nun darauf, Prozesse zwischen den Kirchen zu begleiten und zu fördern. „Das Schwergewicht der Arbeit des ÖRK hat sich nun verlagert auf die Rolle des Einberufenden (convener) des ständigen ‚großen Palavers‘ der Kirchen.“Annette Muhr-Nelson: Vor 20 Jahren wäre das noch kaum möglich gewesen. Interview mit Konrad Raiser zur Geschichte des Ökumenischen Rates der Kirchen und warum es spannend ist, nach Karlsruhe zu schauen. In: Anja Vollendorf, Annette Muhr-Nelson (Hrsg.): welt.bewegt auf dem Weg nach Karlsruhe. Materialheft. Düsseldorf 2021, S. 10. Die Evangelische Kirche in Deutschland bot dem ÖRK im Juni 2016 an, die für das Jahr 2021 anstehende, alle acht Jahre stattfindende Vollversammlung auszurichten. Dies wurde auch von sämtlichen EKD-Gliedkirchen sowie anderen deutschen ÖRK-Mitgliedskirchen und der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland unterstützt. Im Juni 2018 entschied der ÖRK-Zentralausschuss, dass die 11. Vollversammlung im Jahr 2021 in Karlsruhe stattfinden sollte, da die Evangelische Landeskirche in Baden 1821 durch Petition zu einer unierten Kirche wurde und somit 2021 das 200-jährige Jubiläum dieses Ereignisses gefeiert wurde. Der ÖRK-Exekutivausschuss beschloss im Juli 2020, die Versammlung wegen der COVID-19-Pandemie um ein Jahr zu verschieben.
Da die ÖRK-Vollversammlung nach rund 50 Jahren wieder nach Europa „zurückkehrte“, stand sie vor der Aufgabe, Europas Umgang mit aktuellen Krisen in postkolonialer Perspektive zu behandeln und die Normativität eurozentrischer Methoden und Formen der Theologie zu hinterfragen.Peniel Rajkumar: Nacherzählen, Neuinterpretieren und Neubestimmen: Europa aus postkolonialer Sicht. In: Ökumenische Rundschau 71 (2022), S. 178–199. In Busan wurde 2013 ein „Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens“ (Pilgrimage of Justice and Peace) begonnen, der in der Zeit zwischen den beiden Vollversammlungen unter anderem durch Begegnungen (Pilgrim Team Visits) an verschiedenen Orten weltweit unter jährlich wechselnden Schwerpunktthemen umgesetzt wurde. Dadurch kristallisierten sich vier wiederkehrende Problemfelder heraus: „(1) Wahrheit und Trauma, (2) Land und Vertreibung, (3) Gender-Gerechtigkeit und (4) Rassismus.“Fernando Enns: Auf dem Weg zu einer ökumenischen Theology of Companionship: Der Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens als kenotische Bewegung. In: Ökumenische Rundschau 71 (2022), S. 234–251, hier S. 235 f.
Eine vorbereitende Tagung der 20 orthodoxen und orientalisch-orthodoxen Mitgliedskirchen fand vom 9. bis 16. Mai 2022 in Paralimni auf Zypern statt. Sie war vom russischen Überfall auf die Ukraine überschattet, der am 24. Februar 2022 begonnen hatte. Die Delegation der Russisch-Orthodoxen Kirche wurde von Metropolit Ilarion (Alfejev), dem Leiter des Außenamts des Moskauer Patriarchats, geleitet. Er stellte in einem Vortrag die Sicht seiner Kirche auf den russischen Überfall auf die Ukraine dar und betonte Friedensgebet, Flüchtlingshilfe und Hilfe bei der Evakuierung von Zivilisten aus dem Frontgebiet. Mit dem letzten Punkt schrieb sich die Russisch-Orthodoxe Kirche das soziale Engagement der autokephalen Ukrainischen Orthodoxen Kirche, die sich im Mai 2022 von Moskau lossagte, selbst zu. Im Tagungsbericht wird die russische Invasion so thematisiert: „Während unserer Beratschlagung wurde der gravierenden Besorgnis angesichts des bewaffneten Konflikts in der Ukraine Ausdruck verliehen, der bereits zahlreiche Menschenleben gefordert hat. Die Tagungsteilnehmenden verurteilten die KriegeZuvor war die politische Lage „in der Ukraine, in Armenien, auf Zypern, in Syrien, Palästina, im Irak und im Nahen Osten und in Afrika und an anderen Orten der Welt“ als besorgniserregend bezeichnet worden. einvernehmlich und riefen alle an den Konflikten beteiligten Parteien dazu auf, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um den Frieden und die Sicherheit in der Ukraine, in Russland, Europa und auf der ganzen Welt schnellstens wiederherzustellen.“ Die „systematischen Desinformationskampagnen, die Spaltungen und Hass fördern“ werden verurteilt und zum Gebet um Rückkehr der brüderlichen Liebe aufgerufen.
Der ÖRK-Zentralausschuss tagte vom 15. bis 18. Juni 2022, wobei die Vorbereitung der Vollversammlung beherrschendes Thema war. Der Zentralausschuss beschließt gegebenenfalls die Suspendierung einer Mitgliedschaft, was im Fall der Russisch-Orthodoxen Kirche mehrfach gefordert wurde. Er entschied sich dagegen. ÖRK-Generalsekretär Ioan Sauca erklärte nach dem Besuch einer ÖRK-Delegation in der Ukraine, die „Stimme der Ukraine“ werde auf der anstehenden Vollversammlung präsent sein. Der ÖRK wolle aber Mitglieder nicht ausschließen, „sondern diese herausfordern, sich für Gerechtigkeit und Frieden einzusetzen“ und so Versöhnung und Heilung fördern.
Presseberichten zufolge missbilligte das Auswärtige Amt die ÖRK-Entscheidung, den Dialog mit der Russisch-Orthodoxen Kirche weiterzuführen, und sperrte kurzfristig „mehrere Hunderttausend Euro“, mit denen das Budget des Treffens in Karlsruhe bezuschusst werden sollte; diese Irritationen seien jedoch ausgeräumt worden.
Gastgebende Kirchen Folgende Kirchen, Werke und Arbeitsgemeinschaften waren Gastgeber der ÖRK-Vollversammlung in Karlsruhe (alphabetisch):
Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden in Deutschland Brot für die Welt Erzdiözese Freiburg Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz Evangelische Brüder-Unität Evangelische Kirche in Deutschland Evangelische Kirche der Pfalz Evangelische Landeskirche in Baden Evangelische Landeskirche in Württemberg Evangelisches Missionswerk in Deutschland e. V. Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) Katholisches Bistum der Alt-Katholiken in Deutschland Konferenz Europäischer Kirchen Union Protestantischer Kirchen von Elsass und Lothringen.
Programm Die Vollversammlung wurde am Nachmittag des 31. August eröffnet und am Vormittag des 8. September beendet (Abschlussplenum, Andacht). An den dazwischenliegenden Tagen gab es jeweils Morgengebet, Thematisches Plenum und Bibelarbeit im Plenum am Vormittag, die ebenso wie das Abendgebet öffentlich waren. Außerdem wurden allgemein zugängliche Workshops angeboten. Am Wochenende (3./4. September) fand davon abweichend ein „Pilgerprogramm“ statt, bei dem die Delegierten Gemeinden der Region (Deutschland, Frankreich und Schweiz) besuchten.
Während für die anderen Teilnehmer an den Werktagen vormittags die Bibelarbeit stattfand, kamen die Delegierten und offiziellen Teilnehmer in home groups von etwa 30 Personen zusammen, deren Zusammensetzung gleich blieb. Am Nachmittag fanden jeweils Plenarsitzungen statt, bei denen unter anderem der neue Zentralausschuss gewählt wurde. Im Anschluss gab es rund 20 Ökumenische Gespräche der Delegierten und offiziellen Teilnehmer zu aktuellen Themen, wobei wieder die Zusammensetzung der Gesprächsgruppen konstant blieb.Ioan Sauca: Die 11. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen 2022 in Karlsruhe – Impulse für einen neuen Aufbruch auf dem Weg zur Versöhnung und Einheit in Christus. In: Ökumenische Rundschau 71 (2022), S. 138–149, hier S. 147.
An der Vollversammlung nahmen die Oberhäupter bzw. Vorsitzenden mehrerer Kirchen persönlich teil. Die Römisch-Katholische Kirche hat einen Gaststatus im ÖRK; die vatikanische Delegation wurde von Kurienkardinal Kurt Koch geleitet. Sowohl die EKD-Ratsvorsitzende Annette Kurschus als auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, nahmen teil.
Eröffnung Die Vollversammlung wurde am 31. August eröffnet (Eröffnungsplenum, Ansprachen, Andacht).
In seiner Ansprache kritisierte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Unterstützung des russischen Überfalls auf die Ukraine durch die russisch-orthodoxe Kirche in ungewöhnlich scharfer Form: Die Leitungsebene verbreite Propaganda, die „willkürlich Gottes Willen für die imperialen Herrschaftsträume einer Diktatur in Anspruch nimmt“. „Auf einen schlimmen, ja geradezu glaubensfeindlichen, blasphemischen Irrweg führen zurzeit die Führer der Russisch-Orthodoxen Kirche ihre Gläubigen und ihre ganze Kirche. […] Die Russisch-Orthodoxe Kirchenführung hat sich mit den Verbrechen des Krieges gegen die Ukraine gemein gemacht. Diese als Theologie verbrämte totalitäre Ideologie hat dazu geführt, dass auf dem Gebiet der Ukraine bis jetzt auch so viele religiöse Stätten völlig oder teilweise zerstört worden sind, Kirchen, Moscheen, Synagogen, Bildungs- und Verwaltungsgebäude der Religionsgemeinschaften. Kein Christ, der seinen Glauben, seine Vernunft und seine Sinne noch beisammen hat, wird darin Gottes Willen erkennen können.“ Steinmeier verwies außerdem auf „Flächenbombardements“ gegen zivile Ziele sowie Kriegsverbrechen.
Die Delegation der Russisch-orthodoxen Kirche protestierte. Metropolit Antoni, Leiter der Abteilung für Außenbeziehungen, erklärte, der Bundespräsident ignoriere den humanitären Einsatz des Moskauer Patriarchats „im Kontext des Konflikts in der Ukraine.“
Wahlen Am 5. September wählte die Vollversammlung acht neue Präsidentinnen und Präsidenten, nämlich sechs Repräsentanten der ÖRK-Weltregionen und zwei Repräsentanten der Orthodoxie:Reformierte wird ÖRK-Präsidentin für Europa
Rufus Okikiola Ositelu, Erzbischof und Metropolit der Erzprovinz von Nigeria in der The Church of the Lord (Aladura), für die Region Afrika Henriette Hutabarat-Lebang, Pastorin der Kirche von Toraja, für die Region Asien Philip Silvin Wright, Bischof der Anglican Diocese of Belize, für die Region Karibik und Lateinamerika Susan Durber, Pastorin der United Reformed Church, für die Region Europa Angelique Walker-Smith, Pastorin des National Baptist Convention USA, für die Region Nordamerika François Phiaatae, Pastor der Evangelischen Kirche der Maòhi, für die Region Pazifik Metropolit Vasilios von Konstantia und Ammochostos (Kirche von Zypern), für die östlich-orthodoxen Kirchen Katholikos Aram I. der Armenischen Apostolischen Kirche, für die orientalisch-orthodoxen Kirchen
Am 6. September wählte die Vollversammlung aus einer Vorschlagsliste die 150 Mitglieder des Zentralausschusses, welcher zwischen den Vollversammlungen das höchste Leitungsgremium des ÖRK darstellt. Die Gewählten sind zu zwei Dritteln Ordinierte, zu einem Drittel Laien und mehrheitlich (59 Prozent) männlich. Aus dem DACH-Raum wurden in den Zentralausschuss gewählt:
Fernando Enns (Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden in Deutschland) Christoph Schuler (Christkatholische Kirche der Schweiz) Heinrich Bedford-Strohm (EKD) Petra Bosse-Huber (EKD) Lydia Mirjam Fellmann (EKD) Lubina Mahling (EKD) Megan Louis Schuster (EKD)