mini|Übersichtskarte der Ausgrabungen 1941–1943 und 1946–1950 im Bereich des Auxiliarkastells Praetorium Agrippinae ist der Name einer römerzeitlichen militärisch-zivilen Agglomeration am Niedergermanischen Limes, der 2021 zum UNESCO-Weltkulturerbe erhoben wurde.

Zu dem archäologischen Befundkomplex gehört insbesondere das Auxiliarlager Kastell Valkenburg. Das ehemalige Militärlager und heutige Bodendenkmal liegt in Valkenburg, einem Ortsteil der Gemeinde Katwijk in der niederländischen Provinz Zuid-Holland. Es gilt als einer der bestuntersuchten römischen Garnisonsorte in den Niederlanden und Europa, zum einen, weil es nahezu vollständig ausgegraben werden konnte, zum anderen, weil nirgendwo sonst gerade die frühesten Holzbauphasen in der Entwicklung römischer Kastelle so deutlich wurden wie dort. Auch der zum Kastell gehörende, weitläufige Vicus Valkenburg (Zivilsiedlung) konnte zu großen Teilen untersucht werden.Anne Evelyne de Hingh, Wouter K. Vos: Romeinen in Valkenburg (ZH). De opgravingsgeschiedenis en het archeologische onderzoek van Praetorium Agrippinae. 2. Auflage. Hazenberg Archeologie, Leiden 2006, ISBN 978-90-808534-4-7, S. 170f.

Im Herbst 2020 wurde zudem westlich des Siedlungsabschnittes Marktveld auf einem ehemaligen Fliegerhorst das temporäre frührömische Legionslager Valkenburg entdeckt.

Vermutlich stand der Garnisonsort Valkenburg im unmittelbaren Zusammenhang mit den unter Caligula 39/40 gescheiterten und unter Claudius schließlich 43 erfolgten Eroberung BritanniensNieuws: Romeinse resten gevonden in Valkenburg, mogelijk van een zeer groot kamp waar duizenden soldaten gehuisvest konden worden, am 29. Oktober 2020 auf der Webseite von ADC ArcheoProjecten (niederländisch), abgerufen am 22. Juni 2022.Bijzondere archeologische vondst onder voormalig vliegveld Valkenburg, am 29. Oktober 2020 auf omroepwest.nl (niederländisch), abgerufen am 22. Juni 2022.Ruurd Kok: Ontdekking Romeins legerkamp bij Valkenburg hing al jaren in de lucht: ’Mensen moeten weten: dit is heel bijzonder en heel groot’, Artikel mit Video am 8. November 2020 auf Leidsch Dagblad online (niederländisch), abgerufen am 22. Juni 2022.Wouter Hinrichs: De vondst van een Romeins kampement in Valkenburg, auf romeinen.nl (niederländisch), abgerufen am 22. Juni 2022.Opgravingen Romeins legerkamp op voormalig vliegkamp bijna klaar, am 22. Mai 2021 auf allesoverkatwijk.nl (niederländisch), abgerufen am 22. Juni 2022.Opgegraven legioenskamp bij Valkenburg speelde mogelijk een rol bij de romeinse invasie van Britanniae, auf der Webseite des Geschiedenis Magazine (niederländisch), abgerufen am 22. Juni 2022. und wurde erst anschließend zu einem Bestandteil des Niedergermanischen Limes.

Lage und vorrömische Besiedlung mini|Topographisch-geologische Situation im Bereich von Valkenburg Praetorium Agrippinae lag in römischer Zeit im Mündungsgebiet des Oude Rijn, unmittelbar an dessen südwestlichem Ufer. Das in antiker Zeit grundlegend anders aussehende Gelände war zu Siedlungszwecken nur bedingt geeignet. Die Landschaft und das mehrere Kilometer breite Flussgebiet des Oude Rijn waren stark durch die Gezeitenwirkung der nur knapp vier Kilometer entfernten Nordsee geprägt. So wurde auch in nachrömischer Zeit der nordöstliche Bereich des Valkenburger Militärlagers von den Tiden weggespült. Feste, wassergeschützte Siedlungsplätze konnten nur auf den Rücken der Strandwälle und Dünen längs der Nordseeküste und auf den Uferwällen des Rheins angelegt werden. Die tiefer gelegenen Bereiche waren von marinen und fluvialen Tonsedimenten bedeckt. Die Verkehrswege orientierten sich sowohl in der vorrömischen als auch in der römischen Zeit an den topographischen Gegebenheiten und nutzten dabei ebenfalls die höher gelegenen Geländeformationen. Trotz des schwierigen Geländes lässt sich vom Beginn der frühen Eisenzeit bis hin zu den Cananefaten der römischen Zeit eine intensive Besiedlung der Region nachweisen.Wilfried A.M. Hessing: Das niederländische Küstengebiet. In: Tilmann Bechert und Willem J. H. Willems (Hrsg.): Die römische Reichsgrenze zwischen Mosel und Nordseeküste. Theiss, Stuttgart 1995, ISBN 3-8062-1189-2, S. 89f.Anne Evelyne de Hingh und Wouter K. Vos: Romeinen in Valkenburg (ZH). De opgravingsgeschiedenis en het archeologische onderzoek van Praetorium Agrippinae. 2. Auflage. Hazenberg Archeologie, Leiden 2006, ISBN 978-90-808534-4-7, S. 80–82.

Infolge der notwendigen Anpassung an die topographische Situation befinden sich die römischen Befunde auf insgesamt drei, von ehemaligen Gezeitenrinnen unterbrochenen und mit Brücken verbundenen Höhenrücken, die sich von Nord nach Süd längs des Flussverlaufes wie folgt erstreckten: Auxiliarlager Praetorium Agrippina und südlich daran anschließender Vicusabschnitt Veldzicht Gemischt militärisch-ziviler Ansiedlungsbereich Marktveld. Legionslager auf dem Gelände des ehemaligen Militärflugplatzes Valkenburg Vicusabschnitt WoerdEvert van Ginkel und Wouter Vos: Grens van het Roeinse Rijk. De Limes in Zuid-Holland. Matrijs, Utrecht 2018, Abb. S. 97.

Quellen und Forschungsgeschichte mini|Praetoriu Agrippine auf der Tabula Peutingerianamini|Albert Egges an Giffen, ca. 1935 1941 entdeckte Albert van Giffen in Valkenburg eine römische Scherbe mit dem Graffito GRIPPIN. Er ergänzte die Inschrift zu [A]GRIPPIN[AE] („der Agrippina“) und stellte so einen Zusammenhang zu dem in der Tabula Peutingeriana verzeichneten Ort PRAETORIUM AGRIPPINAE (Praetorium der Agrippina, im Original Praetoriu agrippine) her, dessen Abstände zu den Kohortenkastellen Albaniana und Lugdunum Batavorum zur Befundsituation in Valkenburg passten. Auch wenn diese Gleichsetzung durch nur eine einzelne Scherbe nicht gänzlich gesichert und darüber hinaus nicht völlig klar ist, ob sich der Name auf Agrippina die Ältere oder Agrippina die Jüngere bezieht, ging der Name Praetorium Agrippinae als Synonym für den Valkenburger Befundkomplex in die Literatur ein.Evert van Ginkel und Wouter Vos: Een Fort krijgt een naam. In: Dies.: Grens van het Romeinse Rijk. De Limes in Zuid-Holland. Matrijs, Utrecht 2018, S. 100f.Anne Evelyne de Hingh und Wouter K. Vos: Romeinen in Valkenburg (ZH). De opgravingsgeschiedenis en het archeologische onderzoek van Praetorium Agrippinae. 2. Auflage. Hazenberg Archeologie, Leiden 2006, ISBN 978-90-808534-4-7, S. 12–75.

Die Entdeckung sowie die Untersuchungen und Beschreibungen des römischen Valkenburgs gehen bis auf das Jahr 1664 zurück, als der niederländische Altertumskundler Joachim Oudaen (auch Joachim Oudaan, 1628–1692) in seinem Werk Roomsche Mogentheid einen Münzfund aus Valkenburg beschrieb und über weitere römische Funde vom Marktveld berichtete.Joachim Oudaa: Roomsche Mogentheid in gesag en staat-lekleeding der oude keizeren etc …. Fr. Kvyper, Amsterdam 1664. Es dauerte jedoch noch bis zum Jahr 1875, ehe ernstzunehmende archäologische Untersuchungen unter der Leitung des späteren Direktors des Rijksmuseums van Oudheden, Willem Pleyte (1836–1903), durchgeführt wurden. Ab 1922 erfolgten wissenschaftliche Untersuchungen unter der Leitung des jungen und früh verstorbenen belgischen Archäologen August Remouchamps (1892–1927) im Bereich von De Woerd, der jedoch seine Befunde als die eines Kastells fehlinterpretierte.Anne Evelyne de Hingh und Wouter K. Vos: The Ontdekking van de Romeinen Falkenburg. In: Dies.: Romeinen in Valkenburg (ZH). De opgravingsgeschiedenis en het archeologische onderzoek van Praetorium Agrippinae. 2. Auflage. Hazenberg Archeologie, Leiden 2006, ISBN 978-90-808534-4-7, S. 12–75.

Albert van Giffen forschte erstmals 1908 als studentischer Praktikant auf Valkenburger Gebiet, intensivierte seine Tätigkeiten in den folgenden viereinhalb Jahrzehnten und sorgte insbesondere in der schwierigen Zeit der deutschen Besatzung in den Kriegsjahren (1940–1945) durch eine vorsichtige Kooperation mit den Besatzungsbehörden dafür, dass die Ausgrabungen allen widrigen Zeitumständen zum Trotz bis einschließlich 1943 fortgesetzt werden konnten.Anne Evelyne de Hingh und Wouter K. Vos: Graven tijdens de bezetting. In: Dies.: Romeinen in Valkenburg (ZH). De opgravingsgeschiedenis en het archeologische onderzoek van Praetorium Agrippinae. 2. Auflage. Hazenberg Archeologie, Leiden 2006, ISBN 978-90-808534-4-7, S. 29-46, (Digitalisat Teil 1, Digitalisat Teil 2).

In der Nachkriegszeit wurden die Ausgrabungen bereits 1946 wieder aufgenommen und erneut, bis in die späten 1950er Jahre, von van Giffen dominiert.Anne Evelyne de Hingh und Wouter K. Vos: Graven na de Tweede Wereldoorlog. In: Dies.: Romeinen in Valkenburg (ZH). De opgravingsgeschiedenis en het archeologische onderzoek van Praetorium Agrippinae. 2. Auflage. Hazenberg Archeologie, Leiden 2006, ISBN 978-90-808534-4-7, S. 47-56, (Digitalisat Teil 1, Digitalisat Teil 2). Sein Nachfolger wurde Willem Glasbergen, der für die Grabungsaktivitäten der 1960er Jahre ähnlich prägend wirkte wie van Giffen in den Jahrzehnten zuvor.Anne Evelyne de Hingh und Wouter K. Vos: De Jaren Zestig: Het Glasbergen-Tijdperk. In: Dies.: Romeinen in Valkenburg (ZH). De opgravingsgeschiedenis en het archeologische onderzoek van Praetorium Agrippinae. 2. Auflage. Hazenberg Archeologie, Leiden 2006, ISBN 978-90-808534-4-7, S. 57-62, (Digitalisat Teil 1, Digitalisat Teil 2).

In den letzten Jahrzehnten wurden die Grabungsaktivitäten durch verschiedene bedeutsame lokale Schwerpunkte gekennzeichnet, unter denen De Woerd (1972), Auxiliarkastell (1980), Marktveld und wieder De Woerd (1985–1988), Veldzicht (1994–1997) und das Legionslager (seit 2020) hervorragen.Anne Evelyne de Hingh und Wouter K. Vos: De Jaren Zeventig tot het Einde van de 20ste Eeuw. In: Dies.: Romeinen in Valkenburg (ZH). De opgravingsgeschiedenis en het archeologische onderzoek van Praetorium Agrippinae. 2. Auflage. Hazenberg Archeologie, Leiden 2006, ISBN 978-90-808534-4-7, S. 63-75, (Digitalisat Teil 1, Digitalisat Teil 2).

Auxiliarlager Praetorium Agrippinae

mini|Praetorium Agrippinae im Verlauf des Niedergermanischen Limes Der Beginn der militärischen Besiedlung wird mit den nicht realisierten Plänen Caligulas zur Besetzung Britanniens in Verbindung gebracht und auf den Winter 39/40 u. Z. datiert. Die Zuweisung an Caligula basiert im Wesentlichen auf dem Fund eines Weinfasses aus dem Besitz des Kaisers, wobei jedoch nicht ausgeschlossen werden kann, dass auch ein höherer Offizier dieses Fass in seinem Besitz gehabt haben könnte. Weitere Indizien sind der Name des Kastells, das den Namen der Mutter oder der Schwester des Kaisers trug,Simon L. Wynia: Caius was here. The Emperor Caius' Preparations for the Invasion of Britannia. In: Herbert Sarfatij et al. (Hrsg.): In Discussion with the Past. Archaeological studies presented to W.A.van Es. Foundation for Promoting Archaeology, Zwolle 1999, ISBN 978-90-801044-4-0, S. 145–148. sowie ein unmittelbar neben dem Auxiliarkastell befindliches Legionslager derselben Zeitstellung. Nach dem Scheitern der Offensivpläne gegen Britannien wurde das Kastell als Hilfstruppenlager in den Niedergermanischen Limes integriert. Insgesamt sind aus der Zeit seiner Existenz (39/40 bis um 400) sieben verschiedene Bauphasen bekannt. Auffällig ist, dass es in den ersten sechs Phasen das einzige Hilfstruppenlager dieses Limesabschnittes war, in dem bis zur Mitte des dritten Jahrhunderts Kavallerieeinheiten stationiert waren. Erst in dem weiter östlich im Landesinneren gelegenen Nigrum Pullum (Alphen aan den Rijn-Zwammerdam) lässt sich wieder die Anwesenheit von berittenen Truppen nachweisen.Anne Evelyne de Hingh und Wouter K. Vos: Romeinen in Valkenburg (ZH). De opgravingsgeschiedenis en het archeologische onderzoek van Praetorium Agrippinae. 2. Auflage. Hazenberg Archeologie, Leiden 2006, ISBN 978-90-808534-4-7, S. 99-112 und 115f.