mini|Satellitenfoto von Tinian (unten) und Saipan, im Norden von Tinian ist der Flugplatz zu sehen, von dem die B-29 zu den beiden Atombombenabwürfen starteten

Tinian ist neben Saipan und Rota eine der drei großen Inseln des Commonwealth der Nördlichen Marianen im Pazifischen Ozean. Sie war von 1899 bis 1914 Teil der Kolonie Deutsch-Neuguinea.

Geographie Die Insel befindet sich etwa acht Kilometer südwestlich von Saipan, der größten Insel der Nördlichen Marianen, und etwa 130 km nördlich von Guam. Die Landfläche beträgt 101,01 km². Tinian ist eine recht flache Insel mit viel Grün und Stränden. Ihren höchsten Punkt erreicht die Insel im Osten mit dem Berg Lasso (171 Meter).

Rund 9 km südwestlich liegt die unbewohnte Insel Aguijan.

Geopolitisch gehört Tinian zum US-amerikanischen Außengebiet der Nördlichen Marianen.

Bevölkerung Die Einwohnerzahl beträgt 3540 (Stand 2000). Das entspricht knapp 5 % aller Einwohner der Nördlichen Marianen und einer Bevölkerungsdichte von 35 Einwohnern je km². Die meisten davon sind Chamorros (ca. 75 %) sowie Zugewanderte von anderen Inseln der Karolinen. Daneben gibt es ostasiatische und europäisch-stämmige Minderheiten.

Auf Tinian werden Chamorro, Englisch und Japanisch gesprochen. Die Kultur ist eine Mischung aus Chamorro-Kultur und der 200-jährigen spanischen Kolonialherrschaft, daneben gibt es Einflüsse der japanischen Kultur.

Die Religion ist überwiegend ethnisch mit römisch-katholischen Einflüssen. Der spanische Einfluss zeigt sich nicht nur religiös, sondern auch an dem Cha-Cha-Cha-Tanz, der auf Tinian in abgewandelter Form zelebriert wird. Auf den japanischen Einfluss verweisen die zahlreichen Shintō-Schreine.

Klima Tinian befindet sich nicht nur in den geographischen Tropen (15°00′ N), sondern auch in den klimatischen Tropen, das heißt, die tageszeitliche Temperaturschwankung fällt im Jahr größer aus als die jahreszeitliche Schwankung. Die Tageshöchstwerte, die auf Tinian meistens zwischen 12 und 16 Uhr erreicht werden, betragen von Dezember bis März 28 °C, sonst 29 bis 30 °C; nachts wird es das ganze Jahr selten kühler als 25 °C. Die Regenzeit dauert von Juli bis November. Das Klima ist ganzjährig schwül mit meist mehr als 80 % relativer Luftfeuchtigkeit. Aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit und der intensiven Sonneneinstrahlung liegt das subjektive Temperaturempfinden das ganze Jahr über meistens um 4 bis 8 °C über den Messwerten. Die Oberflächenwassertemperatur des Pazifischen Ozeans vor Tinian beträgt 27 bis 29 °C.

Tinian steht das ganze Jahr über unter Einfluss des Nordost-Passats, der in der europäischen Winterzeit mehr von Nordost kommend auf die Insel trifft, während er in der europäischen Sommerzeit fast exakt aus Ost auf die Insel zukommt. Der NO-Passat bringt durchschnittlich eine Windstärke von 3 bis 4 Beaufort mit sich. Sollte sich aber tausende Kilometer weit entfernt ein Aleutentief bilden, können Ausläufer mehrere Tage hintereinander höhere Windstärken erzeugen.

Die Tageszeitlänge variiert von 11,5 (21. Dezember) bis 13 Stunden zur Sommersonnwende. Die Dämmerungsphasen am Morgen und Abend sind wegen der äquatornahen Lage kürzer als in Mitteleuropa, da die Sonne mittags annähernd senkrecht stehen kann und steiler auf- und untergeht: 22 bis 25 Minuten auf Tinian gegenüber 32 bis 45 Minuten in Deutschland.

Geschichte mini|König Tagas „Steinpalast“ Spuren menschlicher Besiedelung reichen über 4000 Jahre zurück. Damals wurde die Insel vermutlich von Melanesiern besiedelt. Von dieser alten Zeit zeugen noch heute die Latte Stones, die den anderen Steinmonumenten im südpazifischen Raum ähnlich sind, wie zum Beispiel Nan Madol (Mikronesien), den Megalithen von Palau (Palau) oder den Moais (Osterinseln). Die Ureinwohner Tinians heißen Chamorros; sie stammen aus Guam und kamen zuvor aus dem malaysisch-indonesischen Raum.

Die Latte Stones sind von Hand gearbeitete Steine von mehreren Tonnen Gewicht, die bis zu 6 Meter hoch sind. Zumindest einige der Latte Stones wurden nicht fest im Boden verankert; vielmehr wurden sie erst von Künstlern erbaut und dann zu ihren Bestimmungsorten gebracht, meist waren dies Dorfplätze. Forscher gehen davon aus, dass die Steine weder mit Tier- noch mit Werkzeughilfe transportiert worden sind, sondern einzig mit Menschenkraft. Die Latte Stones zeugen auch davon, dass die Kultur der Chamorros gut organisiert und produktiv war.

Der bekannteste Stammesführer der Chamorros, der auf Tinian residierte, war König Taga, der vor etwa 3000 Jahren lebte. Von seiner Herrschaft zeugen noch heute die Ruinen seines „Steinpalastes“, d. h. eine sechs Meter hohe Steinstatue, ein Latte Stone mit einem Durchmesser von fünf Metern. Dies ist die einzige von acht Statuen, die noch erhalten ist. Außerdem gibt es auf Tinian einen Strand, der nach ihm benannt wurde (Taga Beach), und eine Charter-Fluggesellschaft (Taga Air).

Spanische Herrschaft von 1670 bis 1898 Nachdem der portugiesische Schiffsführer und Entdecker Ferdinand Magellan die Region der Karolinen bereits um 1521 durchfahren hatte, besetzten die Spanier die Marianen-Inseln ab 1668 von Süden (Guam) nach Norden (Farallon de Pajaros). Tinian diente ab 1670 den europäischen Seefahrern im Auftrag der Spanier, Engländer, Niederländer und Franzosen als Versorgungsstation mit Nahrung und Wasser. Bereits damals wurden die noch heute andauernden Verbindungen zwischen den nördlichen Marianen und den Philippinen geschaffen. Während der spanischen Herrschaft, die bis 1898 dauerte, schrumpfte die Bevölkerungszahl auf Tinian von 40.000 Ureinwohnern (Chamorros) auf nur noch 1400 Einwohner. Die Gründe waren neben von den Europäern mitgebrachten Krankheiten, gegen die die Chamorros nicht immun waren, vor allem Konflikte um Gebiete, oder genauer um potenzielles Geld und Gold. Die Hauptkonfliktszeit bestand gleich nach der Landung der Spanier auf Tinian, wo innerhalb von 50 Jahren fast 95 % aller Ureinwohner starben.

Die Überlebenden wurden von den Spaniern ab 1720 nach Guam geschafft, wo sie besser kontrolliert und missioniert werden sollten. Viele Chamorros wurden später nach Mikronesien, insbesondere nach Pohnpei und Yap vertrieben. Es kam im Verlaufe der Zeit zu Mischehen mit Europäern auf Guam und zu einer „Verchristlichung“ ihrer Sitten und Bräuche. Die Chamorros haben jedoch bis heute Teile ihrer ursprünglichen Kultur (u. a. die Sprache) behaupten können.

Tinian selbst wurde zu einer „Wurstinsel“, auf der unter anderem Rinder und Schweine gehalten wurden, um ihr Fleisch über den Pazifik nach Mexiko, der Pazifikküste Südamerikas oder Asien zu transportieren.

Deutsche Herrschaft von 1899 bis 1914 Nach dem Spanisch-Amerikanischen Krieg im Jahre 1898 wurde Tinian zusammen mit den anderen Inseln der Marianen von den Vereinigten Staaten besetzt und wenig später an das Deutsche Reich verkauft. Das Deutsche Reich gliederte die Insel in die Kolonie Deutsch-Neuguinea ein. Unter der Herrschaft der Deutschen, die 15 Jahre währte (1899 bis 1914), diente Tinian genau wie unter den Spaniern der Wirtschaft ihrer Besitzer. Es gab weder eine dauerhafte Besiedelung der Insel noch eine Rückkehr der Chamorros.

Japanische Herrschaft von 1914 bis 1941 Infolge des Ersten Weltkriegs in Europa übernahm zuerst – formal – Großbritannien die Insel, ehe kurz darauf und noch im selben Jahr Japan die deutschen Kolonien im nördlichen Pazifik besetzte bzw. mit seiner kaiserlichen Marine sicherte (mit Ausnahme von Guam).

1918 erhielt Japan vom damaligen Völkerbund Tinian und alle anderen deutschen Gebiete in Mikronesien als Mandatsgebiet. Dies änderte aber nichts daran, dass Japan weiter erheblichen Einfluss auf die Marianen-Inseln ausübte und unter anderem auch auf Tinian Japaner ansiedelte. Während der japanischen Herrschaft kamen mehr als 14.000 Ostasiaten, insbesondere Koreaner und Japaner aus der Präfektur Okinawa, nach Tinian. Außerdem war man bestrebt, die natürlichen Vorkommen der Insel auszuschöpfen. Zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg wurde Tinian eine der größten Plantagen für Zuckerrohr der Welt. Die gesamte Insel wurde innerhalb von zehn Jahren für den Anbau von Zuckerrohr hergerichtet. Infolge des hohen Bevölkerungsanteils, der an ein Stadtleben gewohnt war, wurde Tinian eine „Stadtinsel“, auf der Wasserwerke, Kraftwerke, befestigte Straßen, Schulen und ostasiatische Unterhaltungs- und Religionsgemeinschaften gegründet wurden. Die Herrschaft der Japaner endete jäh mit dem verlorenen Pazifikkrieg.

Tinian und der Pazifikkrieg 1941 bis 1945 mini|West Field 1945 mit B-29-Bombern Tinian besaß für die Amerikaner eine wichtige strategische Bedeutung, als sie zum Gegenangriff gegen die Japaner ausholten. Die USA hatten mit einem riesigen Aufwand die Produktion des Bombers B-29 vorangetrieben, aber die ersten Einsätze von China aus (Chengdu bis Tokio etwa 3300 km) erwiesen sich aufgrund des schwierigen Nachschubs auf dem Luftweg „über den Hügel“ (Himalaya) als unbefriedigend. Ganz Japan aber lag mit einer Entfernung von etwa 2500 km in der Reichweite der amerikanischen Bomber, wenn diese auf den nördlichen Marianen-Inseln stationiert würden (Tinian bis Tokio etwa 2350 km). Also hing der weitere Verlauf des Luftkrieges gegen Japan und damit die Zerschlagung der Rüstungsproduktion von der Einnahme und der Sicherung der nördlichen Marianen ab. Japan betrieb auf Saipan und Tinian Flugplätze und andere Militärstützpunkte. mini|North-Field von Norden gesehen, im Hintergrund West-Field mini|Wohnanlagen von West-Field mini|West Field hatte ebenfalls vier Startbahnen, davon zwei kleinere Der US-Angriff auf die Marianen erfolgte am 15. Juni 1944. Am 6. Juli 1944 wurde, nachdem die USA Saipan eingenommen hatten, Tinian angegriffen, das von etwa 8000 japanischen Soldaten geschützt wurde. Die schnelle Einnahme Tinians durch die US-Amerikaner gelang durch die Landung mit Amphibienfahrzeugen von Saipan aus kommend im Norden der Insel, während die Japaner einen Angriff von der Seeseite aus dem Süden erwarteten. Die aus Koreanern und Japanern bestehende Bevölkerung der Insel wurde anschließend bis zum Kriegsende in der Inselmitte (Camp „Churo“) interniert, um die Anzahl der Soldaten, die zur Sicherung der Bevölkerung abkommandiert wurden, nicht allzu groß werden zu lassen. Noch während der Kampfhandlungen begannen Bautrupps der Marine mit der Errichtung eines gigantischen Luftwaffenstützpunkts. Der ehemalige japanische Flugplatz wurde repariert und um eine weitere Startbahn zum West-Field erweitert. Teile dienen heute als Tinian International Airport. Ähnlich verhielt es sich auf der Nachbarinsel Saipan, wo das Kobler Field und der heutige Saipan International Airport schnellstmöglich für die B-29 hergerichtet wurden. Kleinere Nebenplätze in Saipan wurden zum Schutz der großen Anlagen mit Jägern und Nachtjägern ausgestattet. Es entstand der größte Flugplatz aller Pazifikinseln.

In der Zwischenzeit arbeitete das Bauregiment der U.S. Navy im Norden der Insel an einer der größten Militärflugbasen des Zweiten Weltkriegs. Zum Ende der Bauarbeiten verfügte sie über vier parallele Lande-/Startbahnen von je 2500 m Länge und war damit der größte Flugplatz der Welt. Von diesem Flughafen aus startete Colonel Paul Tibbets am 6. August 1945 mit der Enola Gay, einem B-29-Bomber, mit dem er über Hiroshima (Japan) die erste Atombombe in Kriegszeiten abwarf. Drei Tage später, am 9. August 1945, startete ebenfalls von diesem Militärflugplatz Charles Sweeney in der „Bockscar“, einem weiteren B-29-Bomber, mit einer Atombombe an Bord in Richtung Nagasaki. Am 14. August starteten von Saipan, Tinian und Guam aus noch einmal 800 B-29 zum letzten großen Luftangriff auf Japan. Am selben Tag ordnete Kaiser Hirohito die Kapitulation an. Am 2. September 1945 kapitulierte Japan offiziell. Inzwischen umfasste die amerikanische Militärbasis fast zwei Drittel der Fläche Tinians.