mini|English Longhorns im Knepp Wildland (2020) Das Knepp Wildland (Aussprache „Knepp“: ) ist ein Rewilding-Projekt auf dem Gelände der Knepp (Castle) Estate, den Ländereien der Knepp Castle im englischen West Sussex. Das von Charles Burrell, 10. Baronet, und Isabella Tree geleitete Unternehmen kombiniert das Rewilding-Konzept in Form eines natürlichen Verwildernlassens der Landschaft mit landwirtschaftlichen und touristischen Strukturen.

In den 1990er-Jahren erwies sich die langjährige konventionelle, intensive Landwirtschaft auf der Knepp Estate immer mehr als unrentabel. Die beiden Eigentümer entschieden sich deshalb, zu einer extensiven Landnutzung zu wechseln. Inspiriert durch die Arbeiten Frans Veras stellten sie menschliche Eingriffe in die Umwelt ein und bauten vorhandene Eingriffe so weit wie möglich zurück. In das in drei Projektblöcke gegliederte Gebiet wilderten sie verschiedene Nutztierarten aus, die nach ihrer Ähnlichkeit mit prähistorischen Schlüsselarten ausgewählt worden waren. Während überschüssige Tiere der Fleischproduktion zugeführt wurden, bauten Burrell und Tree eine touristische Infrastruktur auf, um den Betrieb wirtschaftlich zu stützen.

Das Projekt erwies sich als wirtschaftlich rentabel, auch weil die Einnahmen aus dem Tourismus und Subventionen den Umsatz des Projektes erhöhten. Gleichzeitig entstand ein artenreiches Mosaik verschiedener Biotope. Bekannt ist das Projekt für seine herausragenden Populationen von Nachtigallen, Turteltauben und Großen Schillerfaltern. 2020 brütete dort das erste Weißstorchpaar im Vereinigten Königreich seit 600 Jahren. Ungeachtet von Kritik aus verschiedenen Richtungen entwickelte sich das Knepp Wildland zu einem der renommiertesten Rewilding-Projekte des Landes, unterstützt durch ein Buch von Isabella Tree (Wilding, 2018) und mehreren Erwähnungen in Dokumentarfilmen David Attenboroughs. Neben seinen Impulsen für den Naturschutz wird das Projekt in einer Pionierrolle bei der Verbindung von Landwirtschaft und Naturschutz gesehen.

Knepp Estate mini|Das Landhaus Knepp Castle aus dem 19. Jahrhundert bildet das Zentrum des Knepp Estates (2011)

Die Knepp Estate liegt knapp 70 Kilometer südlich von London im südenglischen West Sussex größtenteils im Civil Parish von Shipley beziehungsweise teilweise in der Gemarkung von West Grinstead. Die Ländereien sind etwa 3500 Acre bzw. 1400 Hektar groß. Direkt durch das Gut verläuft der Western Adur, einer der beiden Oberläufe des River Adur, sowie der Lancing Brook, ein Nebenfluss des Western Adurs. Zusammengenommen beträgt die Länge der Wasserläufe auf der Knepp Estate etwas mehr als zwei Kilometer. Daneben existieren einige Teiche wie der zentrale große Kneppmill Pond und der südwestlicher gelegene, etwas kleinere Hammer Pond. Sogenannte Laggs lassen sich auf der Knepp Estate ebenfalls finden. Geologisch gehört das Areal zum Low Weald, einer peripheren Region des Weald, die besonders durch Tonböden gekennzeichnet ist. Solche Böden lassen sich schlecht entwässern und sind starken jahreszeitlichen Veränderungen in der Konsistenz unterworfen. Daher ist der Boden auf der Knepp Estate aus landwirtschaftlicher Sicht ein sogenannter Grenzertragsboden, also eine kaum ertragreiche Bodenart. mini|Karte des Knepp Wildlands mit eingezeichneter Gebietsaufteilung (nach Knepp Estate 2011) Der historische Ursprung der Knepp Estate liegt in einem mittelalterlichen deer park Johann Ohnelands, einem speziell eingerichteten Stück Land für die Hirschjagd. Das Areal gehörte damals zur Knepp Castle, die im 11. Jahrhundert errichtet und 1726 zerstört wurde. Heute bildet ein gleichnamiges, im frühen 19. Jahrhundert errichtetes Landhaus das Zentrum der Ländereien, das in einem etwa zur gleichen Zeit von Humphry Repton gestalteten Schlosspark liegt (auch Repton Park). Seit dem späten 18. Jahrhundert ist das Anwesen im Besitz der Familie der Burrell baronets; aktueller Eigentümer ist seit Mitte der 1980er-Jahre Charlie Burrell, seit 2008 10. Baronet. Nach Aufgabe des deer park und einer zeitweiligen Ansiedlung eines eisenverarbeitenden Betriebs wurden die Ländereien lange Zeit landwirtschaftlich zum Betrieb einer Milchproduktion genutzt, aber auch zum Anbau verschiedener Getreidesorten. Trotz der geologischen Nachteile wurde die Landwirtschaft auf der Knepp Estate besonders ab dem Zweiten Weltkrieg intensiv betrieben, wenngleich die historische Flurgestaltung mit zahlreichen durch Hecken separierten Weide- und Ackerflächen erhalten blieb.

Die Ländereien der Knepp Castle bildeten die Grundlage für das heutige Knepp Wildland. Das Gebiet des Projektes wird in drei separate Bereiche unterteilt: den sogenannten Middle Block mit dem Schlosspark rund um die Knepp Castle, den North Block nördlich davon und den South Block im Süden der Ländereien. Das Projektgebiet umfasst nicht alle Teile der Ländereien, ist also kleiner als das gesamte Gebiet der Knepp Estate. Die Größe des Projektes wird in den Quellen unterschiedlich beziffert: Der Journalist Ralf Stork gab für spektrum.de „rund 1000 Hektar“ an, ein Bericht der englischen Forestry Commission spricht dagegen von einem Projektgebiet von 1100 Hektar. Der dänische Autor Rune Engelbreth Larsen bezifferte 2020 die Teilgrößen der einzelnen Projektblöcke und kam so auf eine Gesamtgröße von knapp 950 Hektar. Das gesamte Projektgebiet ist umzäunt, die einzelnen Teilbereiche sind durch Straßen voneinander getrennt.

Prinzip

Ansatz

Nach seiner Übernahme des Betriebes führte Charlie Burrell die Knepp Estate zusammen mit seiner Ehefrau Isabella Tree zunächst als konventionelle Landwirtschaft fort. Die Beschaffenheiten des Areals erschwerten allerdings eine rentable, moderne und konventionelle Landwirtschaft. Zunächst versuchten Burrell und Tree über eine Erweiterung der Ackerflächen die Erträge zu steigern, auch sogenannte Agrochemikalien setzten sie ein. Gleichzeitig vermarkteten sie ihre landwirtschaftlichen Produkte unter eigenen Markennamen. Burrell unterhielt so insgesamt 2000 acre Ackerland, eine Rinderherde mit 600 Kühen sowie einige Schafe. Trotz allem machte die Farm weiterhin nur selten Gewinne; die stetige Beschaffung von Agrochemikalien und der Unterhalt der Landtechnik führten sogar zu neuen finanziellen Problemen. Den Besitzern schien es unmöglich, auf rentable Weise auf dem Gelände eine konventionelle Landwirtschaft zu führen. Zudem offenbarten sich erste ökologische Folgen der intensiven Landnutzung: 1999 bescheinigte der Waldforscher Ted Green dem Baumbestand der Knepp Estate einen schlechten Zustand, die Nutzung von Agrochemikalien und die intensive Landnutzung hatten die Mykorrhiza der Bäume stark in Mitleidenschaft gezogen. Ferner drohte einer der Teiche auf dem Anwesen durch die Kanalisierung der Wasserwege zu versanden.

Vor diesem Hintergrund entschieden sich Burrell und Tree, aus der intensiven, konventionellen Landwirtschaft aus- und stattdessen auf eine extensive Landnutzung umzusteigen. Startpunkt des Projektes war die geplante Sanierung des Schlossparkes, wodurch zunächst dort einige große Grasfresser ausgewildert werden sollten, um die Parklandschaft auf natürliche Weise zu pflegen. Auf der Suche nach einer Idee für die zukünftige Gestaltung des Betriebes stießen Burrell und Tree auf die Arbeiten des niederländischen Ökologen Frans Vera, der durch das niederländische Schutzgebiet Oostvaardersplassen, aber auch durch die Megaherbivorenhypothese bekannt geworden war. Seine Arbeiten gründen sich auf der Theorie, dass grasfressende Tiere (Pflanzenfresser) in einer Landschaft ohne menschlichen Einfluss das völlige Verwalden verhindern und stattdessen eine relativ offene Naturlandschaft mit unterschiedlichen Biotopen entsteht. Dementsprechend habe es im prähistorischen Europa nicht vorrangig Wälder, sondern eher offene Graslandschaften gegeben. Inspiriert durch Veras Werk entwickelten Burrell und Tree für die Ländereien eine Zukunftsvision: Sämtliche Weiden und Äcker sollten brachgelegt und menschliche Eingriffe in die Natur auf ein Minimum reduziert werden. In der so entstehenden Wildnis sollten Nutztiere frei lebend gehalten werden. Das Fleisch überschüssiger Exemplare sollte zum einzigen landwirtschaftlichen Produkt der Knepp Estate werden. Ein konkretes Entwicklungsziel für die Landschaft bzw. die Natur im Allgemeinen sollte dabei nicht angestrebt werden. In einigen Punkten wurde Veras Ansatz damit für die Knepp Estate angepasst und gleichzeitig wurden von vornherein Fehler im Projektentwurf vermieden, die in Oostvaardersplassen aufgetreten waren (unter anderem das overgrazing, also ein zu großer Weidedruck, durch den es kaum mehr Nahrung gab und Tiere verhungerten).

Diese theoretischen Überlegungen wurden mit fachlichen Expertisen und ersten Planungen fortgeführt. Die praktische Umsetzung begann 2001.

Auswilderung von Nutztieren

Kernbestandteil der Projektidee ist die Auswilderung verschiedener Nutztierarten. Die Auswahl dieser Arten erfolgte anhand der Ähnlichkeit mit prähistorischen Arten, die in der Naturlandschaft des heutigen Großbritannien in der Zeit vor dem Neolithikum heimisch waren. Sogenannte Schlüsselarten in Form großer Pflanzenfresser standen besonders im Visier des Projektes. Am Ende fiel die Wahl auf English Longhorns, Rothirsche, Damhirsche, Exmoor-Ponys und Tamworth-Schweine; hinzu kamen die auf dem Projektgebiet lebenden Rehe. Eine Auswilderung von Wildschweinen anstelle der Tamworth-Schweine war aufgrund gesetzlicher Bestimmungen nicht möglich. Perspektivisch beabsichtigt das Projekt auch die Auswilderung von Wisenten. Nach der Auswilderung wurden die Tiere das ganze Jahr weitgehend sich selbst überlassen, abgesehen von jährlichen Besuchen eines Tierarztes. Im Falle eines harten Winters würde zugefüttert werden. Hier unterscheidet sich der Ansatz des Knepp Wildlands von den Arbeiten Frans Veras in Oostvaardersplassen, der ein Prinzip keiner menschlichen Eingriffe propagiert hatte.

2001 wurde der Repton Park im Middle Block auf eine Auswilderung der Nutztiere vorbereitet und 2002 wurden erste Damhirsche ausgewildert, gefolgt von English Longhorns und Exmoor-Ponys im nächsten Jahr. 2004 wurde der Middle Block auf seine heutige Größe erweitert. In den folgenden Jahren wurden im Nordblock die Äcker brachgelegt und für das Rewilding vorbereitet. In größerem Maße ab 2003 wurden nach und nach auch die Felder im Südblock außer Betrieb genommen, ab 2009 konnte durch die Zusage einer finanziellen Förderung aus dem Higher Level Stewardship auch dort das Gelände für eine Auswilderung vorbereitet und diese umgesetzt werden. Vor der Auswilderung konnten somit die Felder im Südblock je nach Feld zwischen drei und acht Jahre ungestört verwildern. Nach Abschluss der Vorbereitung wurden auf dem Gebiet des Projektes weiteres Wild, Kühe, Pferde und Tamworth-Schweine ausgewildert. Teile des ausgewilderten Wildes entstammten dem Bestand des Petworth House. Die genaue Zusammensetzung der ausgewilderten Arten sowie das durchschnittliche Lebendgewicht pro Hektar unterscheidet sich zwischen den drei Blöcken. Mit einem Viehbesatz von 0,25 livestock units per hectare ist der Weidedruck auf der Knepp Estate insgesamt aber vergleichsweise gering.

+ Tiere in Projektblöcken (nach Rune Engelbreth Larsen 2020) North Block Middle Block South Block Größe in Hektar 215 283 450 Arten • 108 English Longhornsgeplant:• Rothirsche• Damhirsche• Rehe• Exmoor-Ponys• Tamworth-Schweine • 290 Damhirsche• 81 English Longhorns• 42 Rothirsche• 6 Exmoor-Ponys • 385 Damhirsche• 94 English Longhorns• 48 Rothirsche• 10 Exmoor-Ponys• 7 Tamworth-Schweine Lebendgewicht in Kilogramm/Hektar 250 237 185

Landschaftspflege mini|Renaturierte Abschnitte des Western Adur im Knepp Wildland (2021)